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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

17.5.2006

Presseschau vom 17.05.2006

Im Mittelpunkt der Presseschau stehen weiterhin die Nominierungen Jürgen Klinsmanns, darüber hinaus wird ein Ausblick auf das heutige Champions League-Finale geworfen. Und: Auszüge aus einem Spiegel-Interview mit dem Schriftsteller Javier Marías über den Umgangston im spanischen Fußball.

Im Mittelpunkt der Presseschau stehen weiterhin die Nominierungen Jürgen Klinsmanns, darüber hinaus wird ein Ausblick auf das heutige Champions League-Finale geworfen. Und: Auszüge aus einem Spiegel-Interview mit dem Schriftsteller Javier Marías über den Umgangston im spanischen Fußball.

Deutsche Elf

Glanz

Ablenkungsmanöver für die Journalisten? Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wirft Jürgen Klinsmann vor, mit dem jungen Stürmer David Odonkor seine restaturative Spielerauswahl zu schminken:
"Mit der Einwechslung der Offensivkraft David Odonkor hat Klinsmann bewiesen, daß er den Gegner im Griff hat. Das sind ja für ihn nicht die anderen Mannschaften, sondern die Medien, diese stets rotgefährdeten Abstauber mit ihren fiesen Tricks und Doppelpässen: Bams-Beckenbauer-Bams-Bumms – statt zuzugeben, daß ihm angesichts seiner Abwehrlöcher mächtig die Pumpe geht – und er deswegen nicht nur 'Routinier' Jens Nowotny reaktiviert, sondern auch noch in Kehl und Hitzlsperger gleich zwei Dieter-Eilts-Doubles in die offene Feldschlacht schickt. (...) Man habe Odonkor absichtlich vorher noch nie nominiert, um ihn nicht zu sehr unter Druck zu setzen – den Druck der Medien natürlich. Es bleibt Klinsmanns Geheimnis, warum er jetzt auf einen Spieler baut, den er für zu zartbesaitet für Worte ins Mikrophon hält, und vorher über zwei Jahre seine Torleute in einen Medienkrieg hetzte, bis die Bälle durch deren zitternde Finger glitschten. Wer Schonung braucht und wer Pressing, ist eine Frage der Taktik, und die kann sich bei Klinsmann täglich ändern. Odonkor werde in 'seiner jungen Mannschaft' (Altersdurchschnitt 26,3 Jahre) 'gleich Anschluß haben'. Was gerade noch nach einem Rückfall in kleinmütiges Sicherheitsdenken aussah, bekommt mit Odonkor den Glanz von jugendlichem Sturm und Drang. Klinsmann war noch stets einen Tick schneller am Ball als seine Gegner – eine Drehung, und er liegt wieder in Führung."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Nach der Nominierung – die Nationalelf vor dem "Teambuilding"
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Die Welt: Mentaltrainer Jörg Löhr über Klinsmanns Aufgabe, ein Kollektiv zu formen, die Rolle der Spielerfrauen und das Vorbild Nowitzki
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Spiegel Online: Miroslav Klose ist der Bundesligaspieler der Saison und Deutschlands Angriffshoffnung für die WM
Mehr in spiegel.de ...

Süddeutsche Zeitung: Der Hersteller des WM-Maskottchens Goleo, die oberfränkische Nici AG, hat einen Insolvenzantrag gestellt. Der in der Öffentlichkeit als hosenloses Zottelvieh verspottete WM-Löwe kostete erst hohe Lizenzgebühren und blieb dann ein Ladenhüter
Mehr in sueddeutsche.de ...

Champions League

Sanft aber bestimmt

Markus Jakob (Neue Zürcher Zeitung) stellt die in sich ruhende Trainerarbeit Frank Rijkaards vor:
"Mehr als von einem Schamanen hat er etwas von einem Zenmeister. Und ein höflicher Mann ist er natürlich, was in der Branche nicht der Normalfall ist. Man kann den Fussball von Rijkaards Barça unter statistischen Aspekten betrachten. Sie bestätigen nur, was man ohnehin sieht: Keine Mannschaft ist länger im Ballbesitz, keine lässt die Abseitsfalle öfter zuschnappen, keine schiesst öfter aufs Tor und keine – doch, eine: die AC Milan – erzielt pro Spiel mehr Treffer. Worüber die beliebig verlängerbare Statistik aber nichts aussagt, sind der Genuss der Spieler daran, ihre individuellen Teufeleien in einem grösseren Ganzen aufgehen zu lassen, und das Ergötzen, das sie damit den Zuschauern bereiten. Denn was wie eine unentwegte Neuerfindung des Fussballs erscheint, ist das Ergebnis des von Rijkaard sanft, aber bestimmt eingetrichterten Spielsystems. Als wäre das Angriffs-Furioso jedem, sobald er sich das Barça-Trikot überstreift, schon ins Blut gegangen."
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Gentleman

Ulrich Friese (Frankfurter Allgemeine Zeitung) unterstreicht die Intelligenz und die guten Manieren Arsene Wengers:
Daß ausgerechnet einem weltläufigen Spitzentrainer wie Wenger der Erfolg auf der internationalem Fußballbühne bislang versagt blieb, ist für Fachleute ein Rätsel. Wie kaum ein anderer Kollege in den europäischen Spitzenklubs geht der in Straßburg geborene Elsässer bei seiner Arbeit mit Kreativität, Weitsicht und Akribie vor. Bei der Suche nach Fußballtalenten durchforstet er systematisch einschlägige Archive oder verläßt sich auf sein weltweites Netzwerk von Zuträgern und Informanten. (...) Respekt in der heimischen Fußballwelt mußte sich der unkonventionelle Coach, der 1996 nach mehrjährigen Trainerstationen bei AS Monaco und dem japanischen Erstligaklub Nagoya Grampus Eight zu Arsenal stieß, anfangs hart erarbeiten. Denn weder äußerlich noch vom Arbeitsstil her entspricht er dem gängigen Bild der Branche, das in der englischen Spitzenliga immer noch von typischen Haudegen dominiert wird. Im Gegensatz zum eher grobschlächtig auftretenden Schotten Ferguson, der sein Team bei ManU gern mal mit Standpauken in der Umkleidekabine zu Höchstleistungen anspornt, verkörpert sein Gegenspieler aus London das Kontrastprogramm: Der bodenständige Elsässer, der fünf Fremdsprachen beherrscht und am liebsten bei klassischer Musik entspannt, tritt wie ein Gentleman der alten Schule auf: höflich, bescheiden, aber – wenn es um die Sache geht – stets entschieden.
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Fleißiges Genie

Peter Heß (Frankfurter Allgemeine Zeitung) findet keinen Makel an Ronaldinho:
"Was macht diesen Fußballstar so wertvoll? Es ist die perfekte Mischung. Ronaldinho ist Akrobat und Athlet, Vorbereiter und Torjäger, Individualist und Mannschaftsspieler, Talent und Fleißarbeiter, Kopf und Herz in einem. So wie es Zinedine Zidane in seinen besten Tagen war. Nur hat der Brasilianer noch einen Bonus gegenüber dem introvertierten, manchmal (selbst-)zweiflerischen Franzosen: Seine positive, unbekümmerte Art. Weil Ronaldinho seine Freiheiten niemals zu eigenbrötlerischen Aktionen ausnutzt, sondern in jedem Moment seiner Alleingänge an den Effekt für die Mannschaft denkt, räumen ihm seine Trainer bereitwillig volle Entfaltungsmöglichkeit ein. Carlos Alberto Parreira in der brasilianischen Nationalmannschaft und Frank Rijkaard beim FC Barcelona weisen ihm keinen festen Arbeitsplatz auf dem Spielfeld an. (...) Stundenlang übt er seine Tricks und Kunststückchen, bis sie perfekt sitzen. Ein fleißiges Genie, getrieben von der Liebe zum Fußball und der Sehnsucht nach Anerkennung: Es ist Ronaldinho, der den FC Barcelona zum Favoriten auf den Gewinn der Champions League macht."

Bundespräsident des Fußballs

Ronald Reng (Frankfurter Rundschau) zeichnet Thierry Henry als guten Menschen:
"Er wird im Vergleich mit Barças Ikone Ronaldinho das ganze Spiel hindurch wie ein Verlierer aussehen – wenn man in die Gesichter sieht. Ronaldinho lächelt immer. 'Und ich nie', sagt Henry. 'Es liegt daran, dass ich nie, auch wenn ich ein Tor schieße, absolut glücklich sein kann. Mein Vater hat mich so erzogen.' Er wuchs als Sohn von Einwanderern aus Guadeloupe in der Pariser Peripherie auf. 'Als Kind kam ich nach Hause: 'Papa, ich habe ein Tor gemacht!' Und er würde sagen: 'Ja, aber du hast nicht gut gespielt.'' So sucht Thierry Henry noch immer rastlos nach Höherem, obwohl er mit 28 als Fußballer schon ganz oben ist. Und weil da nichts mehr ist, strebt er nach etwas Unbestimmten, einer Rolle, die es nicht wirklich gibt. Sanft und ernst versucht er – ja was? – zu sein: vorbildlichstes Vorbild, Überfigur, Bundespräsident des Fußballs? Bei Arsenals Freistoßtraining vor dem Finale schoss er nicht, sondern stand daneben und gab Schützen und Torwart staatstragend Tipps. Einmal führte er den FC Fulham in einem Ligaspiel alleine vor und schlichtete dann väterlich, als zwei frustrierte Fulham-Profis aufeinander losgingen. Er engagiert sich in London in Fußballprojekten mit schwierigen Kindern, will aber auf keinen Fall, dass darüber berichtet wird; aus Angst, es könnte als PR-Stunt missverstanden werden. Solch einen Fußballer gibt es nur einmal."
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Süddeutsche Zeitung: Interview mit Deco
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Berliner Zeitung: Nach einem Fehlstart blüht der ehemalige Stuttgarter Alexander Hleb beim FC Arsenal auf
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Neue Zürcher Zeitung: Wie der Europacup-Motor zu laufen begann – der erste Final vor 50 Jahren in Paris mit Real Madrid als Anlasser
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International

Der Fußball teilt die Italiener, doch er eint sie auch

Stefan Ulrich (Süddeutsche Zeitung) lotet das Befinden der italienischen Seele nach dem Moggi-Skandal aus:
"In so einem Land ist es mehr als ein Skandal, wenn sich das Spielfeld als Korruptionssumpf erweist. Es ist eine Katastrophe. Wer nach den Gründen für diesen tödlichen Ernst des Fußballspiels fragt, der muss in der Geschichte suchen. Italien ist nicht nur, wie Deutschland, eine verspätete Nation, sondern auch eine Nation wider Willen. Der viel besungene Risorgimento, die Einigungsbewegung im 19. Jahrhundert, war eher das Kabinettstück einer piemontesischen Elite, als dass er einer landesweiten Erhebung der Massen zu verdanken wäre. Bis heute ist die Verbundenheit vieler Bürger mit ihrem Landstrich, ihrer Stadt oder ihrem Wohnviertel ungleich größer als mit dem Staat. Dieser Campanilismo, der Lokalpatriotismus, tobt sich nicht mehr in militärischen Gemetzeln zwischen souveränen Stadtstaaten und Fürstentümern aus, sondern in Fußball-Schlachten rivalisierender Clubs. La squadra, die Mannschaft, gibt dem Turiner, Genuesen, Florentiner oder Neapolitaner jene Heimat zurück, die er in der großen Nation verloren hat. Ein 3:1 der Fiorentina, ein 1:0 der AS Roma bedeuten daher viel mehr als nur drei Punkte in der Tabelle. Sie sind ihren Anhängern ein Akt stolzer Selbstbestätigung und erfolgreicher Verteidigung der Heimat. Nur: Der Fußball hat noch eine zweite Dimension. Er teilt die Italiener, doch er eint sie auch. Die Liga-Spiele am Sonntag richten das ganze Land von Bozen bis Bari auf eine Sache aus. Zugleich sind die Nationalmannschaft und einige berühmte Vereine zum Stolz aller Italiener und zum Inventar der Staatsnation geworden. (...) Im Fußball wie im Staatswesen fehlt der Respekt für Recht und für Regeln. Nicht die bessere Leistung, sondern die besseren Beziehungen entscheiden allzu oft über Sieg und Niederlage."

Berliner Zeitung: Italiens scheidender Innenminister Pisanu ist in den Moggi-Skandal verwickelt
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Ball und Buchstabe

Der Spiegel: Ausschnitt eines Interviews mit spanischem Schriftsteller Javier Marías: Es gibt auch eine Würde in der Traurigkeit
Spiegel: Sie haben Spaniens Nationaltrainer Luis Aragonés zuletzt verteidigt, als der Thierry Henry im Gespräch mit dem Stürmer José Antonio Reyes einen 'Scheißneger' nannte. Warum?
Marías: Erstens war es ein privates Gespräch zwischen den beiden. Zweitens ist die Übersetzung problematisch, für viele Spanier ist der Begriff kein rassistischer Anwurf. In der spanischen Umgangssprache werden Beleidigungen manchmal liebevoll verwendet: Wie gut spielt dieses Arschloch! Hätte Aragonés sich auf den Tschechen Pavel Nedved bezogen, hätte er auch bloß gesagt: Zeig dem Scheißblonden, dass du besser bist! Ich erzähle Ihnen zum Verständnis eine Geschichte: Vor zwanzig Jahren, als ich in den USA einen Kurs leitete, sprach ich mit einem Kollegen an der Uni über eine Gruppe Studentinnen, die in der Nähe stand. Er sagte: Die mit den Jeans ist intelligent. Es trugen aber drei von den vier Mädchen Jeans. Ich fragte: Welche denn? Er antwortete: Die das Haar offen trägt. Es hatten aber drei ihr Haar offen. Das ging so hin und her, er versuchte einfach zu vermeiden zu sagen: die Schwarze. Dabei wäre der Begriff rein deskriptiv gewesen – wie der Blonde oder die Dünne. Für mich war der Kollege ein Rassist.
Spiegel: Ihr Urteil fällt oft hart aus. Als der FC Valencia 2001 im Elfmeterschießen das Champions-League-Finale gegen Bayern München verlor und Torwart Santiago Cañizares hemmungslos heulte, fanden Sie das zum Schämen. Darf ein Geschlagener nicht weinen?
Marías: Jeder, der in der Niederlage eine würdige Haltung einnimmt, kann einen bewegen. Aber nicht einer, der vor unseren Augen zusammenbricht, ein Handtuch um das Gesicht schlägt und so eine hysterische Nummer aufführt. Es gibt auch eine Würde innerhalb der Traurigkeit. Auch die Mitspieler ließen den Torwart links liegen, während sein Gegenüber Oliver Kahn ihn tröstete. Sie mochten dieses Protagonistentum nicht. Cañizares war ja nicht der Einzige, der verloren hatte.
Spiegel: Müssen die Stars Vorbilder sein?
Marías: Es reicht, wenn sie Fußball spielen und vermeiden, dem Gegner die Knochen kaputtzutreten. Andererseits gibt es Dinge, die es früher im Fußball nicht gab und die mich heute sehr nervös machen. Dass die Spieler einander der Schauspielerei bezichtigen, gelbe oder rote Karten für den Gegner fordern. Oder dass sie, wenn Elfmeter gepfiffen wird, schon anfangen zu jubeln, bevor geschossen ist. Früher gab es mehr Würde, mehr Edelmut, auch mehr Respekt gegenüber dem Gegner. Vielleicht bin ich aber auch schon ein etwas antiquierter Zuschauer.

Neue Zürcher Zeitung: Der deutsche Fussball auf der Suche nach dem Selbstverständnis
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Frankfurter Rundschau: Über ein Pressegespräch mit Wolfgang Schäuble und Joseph Blatter an der Universität Paderborn
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Neue Zürcher Zeitung: Maradonas Erbe? Argentiniens Nationalmannschaft bangt um und baut auf seine Stürmer-Revelation Lionel Messi
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Telepolis: Bürgerrechtsorganisationen sehen die WM als Einfallstor für Ausgrenzung, Abschottung und nationalen Sicherheitswahn
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freistoss des tages

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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.