Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

9.6.2010 | Von:
Mark Gleeson

Sport als Mittel der Integration

Der Nation den Weg ans Licht gezeigt

Südafrikas Fußball war ein Vorreiter im Kampf gegen die Rassentrennung. Von ihm konnte das Land bereits Ende der 70er Jahre lernen, dass Menschen verschiedener Hautfarbe miteinander leben können.

Jomo Sono 1977 als Spieler von Cosmos New York bei einem Freundschaftsspiel gegen die italienische Nationalmannschaft. (Bild: AP)Jomo Sono 1977 als Spieler von Cosmos New York bei einem Freundschaftsspiel gegen die italienische Nationalmannschaft. (© AP)

Die Geschichte des Wandels in Südafrika ist die Geschichte des Triumphs von Gut über Böse. Dafür verantwortlich waren aufrechte Menschen, die enormes Elend überwunden haben, um ihrem Land und ihrer Gesellschaft den Weg in die Normalität zu zeigen. Ikonen wie Nelson Mandela und die Politiker des African National Congress (ANC) können für sich zurecht beanspruchen, die Apartheid besiegt und die Regenbogennation geboren zu haben. Doch diese Saat keimte auch in ungewöhnlichen Bereichen.


Der politische Widerstand war das Herzstück im Kampf gegen Rassenungerechtigkeit, doch es gab auch eine soziale und kulturelle Faktoren, die die Barrieren Südafrikas nach und nach durchbrachen. So wie die an und für sich beliebte TV-Serie "Bill Cosby" in den USA Vorurteile abbaute, indem sie Weißen Einblicke in das Familienleben der Schwarzen ermöglichte und ihnen so auch Angst nahm, so gab es auch in Südafrika ein nur auf den ersten Blick belangloses Element, das der Entwicklung in der Politik Jahrzehnte voraus war: der Fußball.

Dieser Sport mit seinem "vielrassigen" Gesicht, war dem Land ein Vorbote der Dämmerung. Es ist keineswegs übertrieben, ihm einen ehrenvollen Platz in der südafrikanischen Geschichte zuzuweisen. Denn im Jahr 1977 wurden die Rassengrenzen im Fußball weggewischt, zumindest im Profibereich. Das Spiel wurde demokratischer und war nicht mehr länger Fragen der Hautfarbe oder der Religion unterworfen.

Davor war auch Südafrikas Fußball, wie das ganze Land, von der Rassentrennung geprägt. Das Gesetz verlangte Unterscheidungen in vier Gruppen: Die Schwarzen waren die Mehrheit; die Weißen machten etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus; eine eigene Gruppe war die "Mischrasse" ("Coloureds"); und es gab rund eine Million Inder und Indonesier, die Anfang des 19. Jahrhunderts als Sklaven nach Südafrika verschleppt wurden, um auf Zuckerfeldern und für die Eisenbahn Zwangsarbeit zu verrichten.

Vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Mitte kannte und beachtete die Fifa nur den "weißen" Teil des südafrikanischen Fußballs. Der Verband Safa war das erste nichteuropäische Fifa-Mitglied, die Nationalmannschaft gehörte zu den ersten Mannschaften, die auf Südamerika- und England-Tour gehen durften. Doch nur Weiße durften das Trikot Südafrikas tragen. Die Schwarzen gründeten ihren eigenen Verband, ebenso die "Coloureds" und die Indios. Nach mehreren Jahren begannen sie, gegeneinander zu spielen. Doch trotz leichten Bemühungen zur Integration, war es den Schwarzen untersagt, die Spielstätten der Weißen zu nutzen. Profifußball gibt es in Südafrika seit 1959, doch natürlich nur für Weiße. Drei Jahre später versuchten schwarze Clubs, nachzuziehen, aber sie waren zum Scheitern verurteilt. Es gab nicht mal angemessene Stadien und Spielfelder. Schwarze wurden in Südafrika dazu gezwungen, in "Townships", am Rande der "nur-weißen" Innenstädte, zu leben, wo ihnen im besten Falle das Allernötigste zur Verfügung stand. Sportstätten gab es wenige in schwarzen Vierteln.

Ein gemischtes Südafrika ist eine Bereicherung

Aber alles wurde 1977 anders, als die verschiedenen "Rassen" miteinander entschieden, dass der Fußball eine einzige Liga ohne Rassengrenzen benötigt, wenn er wachsen will. Es war eine historische und mutige Entscheidung, denn der Rest der Gesellschaft war nach wie vor strikt durch Rassengesetzte getrennt. Doch der Fußball setzte eine nicht-rassische Organisation durch, geführt von einem schwarzen Präsidenten und mit einer Gefolgschaft, die sich aus allen Teilen Südafrikas zusammensetzte. Hautfarbe spielte keine Rolle – und der Fußball hatte damit tatsächlich Erfolg. Mehr als zehn Jahre, bevor Mandela aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, waren die Grenzen im Fußball Südafrikas durchlässig für alle.

Es war also der Fußball, der den Leuten bewies: Menschen mit verschiedenen Hautfarben können zusammen existieren, spielen, konkurrieren, leben. Es dauerte nicht mehr lange, bis der Rest der Gesellschaft von diesem Sonderweg des Mikrosystems Fußball Notiz nahm. Und der Fußball ließ sich seitdem die neue Harmonie nicht nehmen, trotz den gewaltigen Repressionen des Apartheidsstaats, schwarze Vereine von Sportplätzen aus "white areas" verbannte und versuchte, den "schwarzen Fußball" klein zu halten. Das Spiel florierte.

Fußball wurde zum Schmelztiegel der Ethnien, zum stets befürchteten Knall dieser leicht entzündbaren Kombination kam es nie. Saison für Saison lieferte der Fußball allen, die es wahrhaben wollten, den Augenschein dafür, dass ein gemischtes Südafrika eine Bereicherung ist – und nichts, wovor man Angst haben müsste. Er war ein Rollenmuster für andere Gesellschaftsbereiche. Und er gab der schwarzen Gemeinschaft Stolz, deren Talente normalerweise von der Brutalität des Regimes unterdrückt wurden.

Symbolischer Triumphe des Fußballs

Der schwarze Teil der Gesellschaft verfügte nicht über die Stimmen der Gegenwartt, etwa in der Musik, im Fernsehen und Radio, erst recht nicht durch die heutige Hundertschar renommierter Politikern. Seine Führer waren eingekerkert, seine Talente ausgetrocknet. Also schaute die schwarze Jugend auf den Erfolg "ihrer" Fußballer, um sich inspirieren zu lassen und an Werte zu glauben. Spieler wie Kaizer Motaung, Pule Ntsoelengoe, Jomo Sono und Kenneth Mokgojoa waren die Superstars dieser Zeit. Sie waren Vorbilder, man feierte sie überschwänglich. Doch weil Südafrika aufgrund der Rassengesetze von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen war, hatten diese Spieler nie eine Chance, ihre Fähigkeiten mit anderen zu messen. Daher sind sie außerhalb Südafrikas nahezu unbekannt.

Motaung besaß einen eigenen Club, der lange die Liga dominierte : Die Kaizer Chiefs, die auf ehemaligen Rugbyfeldern spielten, waren die erste schwarze Mannschaft, die die weiße Konkurrenz hinter sich ließen. Sie bezeugten die Qualität schwarzer Fußballer. Ihre Spieler waren Idole ihrer Generation, auch in ihrem Stil, den sie sich aus Amerika abschauten. Mit ihrer Kleidung, ihren Autos, ihrem Charisma verzückten sie die Südafrikaner. Welch eine Ablenkung von den täglichen Erniedrigungen, aber auch der Eintönigkeit im Apartheidsstaat!

Später machte es ihm Sono nach. Sono hatte sich einen Namen als Spieler der Orlando Pirates gemacht und war als Legionär in der North American Soccer League als Mannschaftskollege Pelés bei Cosmos New York und später (und sehr viel erfolgreicher) bei den Toronto Blizzards zu viel Geld gekommen. Als er in den frühen Achtzigern zurückkam, als der damalige Ministerpräsident Pieter Willem Botha auf dem Zenit seiner Macht war, kaufte Sono den landesweit größten Club, Highlands Park, als Franchise-Nehmer. Er verwandelte es in sein eigenes Team Jomo Cosmos und zog mit ihm aus einem Johannesburger Vorort in die Meadowlands in Soweto. Eine hochsymbolische Tat.

Später passierte das gleiche einem weiteren weißen Traditionsverein, den Johannesburg Rangers. Vor über einhundert Jahren war er von englischen und schottischen Bergarbeitern gegründet worden. Auch die Rangers gerieten in die Kontrolle von mutigen, schwarzen Geschäftsleuten. Ein weiterer symbolischer Triumph des Fußballs, der seinen Nachhall auch außerhalb des Fußballs fand.

Land und Spiel haben ein sehr langen Weg hinter sich

Auch nach dem Ende der Apartheid und nach der Gründung einer neuen Republik ist Südafrikas Fußball Bahnbrecher geblieben. In diesen Tagen beginnt die erste Fußballweltmeisterschaft auf südafrikanischen Boden. Die Ausmaße dieses Events, seine Anforderungen an Infrastruktur und Organisation, wurden lange für zu groß für Afrika befunden. Doch das Turnier wird viele Vorurteile über dieses Land, diesen Kontinent widerlegen – so wie das der Fußball hier immer wieder getan hat.

Die WM wird eine besondere Note haben, es wird bunt und leidenschaftlich sein, mit großer Liebe zum Spiel. Südafrikas Fußball wird nun in die Elite derjenigen Länder aufgenommen, denen die Ehre zuteil wurde, eine Weltmeisterschaft auszutragen. Es geht dem Land wie dem Fußball: Für beide war es ein sehr langer Weg, beginnend auf staubigen Plätzen, zwischendurch getrennt durch falsche Barrieren, isoliert von anderen. Doch Südafrika ist durch dieses dunkle Tal gegangen und hat sein Nirvana gefunden. Dank dem Lichtspender Fußball.

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