Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.3.2009 | Von:
Heidi Tiefenthaler

Der Wald: ein Multitalent hat Probleme

Eine funktionierende Forstwirtschaft ist von volkswirtschaftlichem und auch von ökologischem Interesse. So trug der gesamte von Holz abhängige Wirtschaftszweig einschließlich Papier- und Druckindustrie im Jahr 2003 mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Euro etwa drei Prozent zum Bruttoproduktionswert bei. Mit rund einer Million Arbeitsplätzen ist die Branche außerdem ein großer Arbeitgeber, vor allem im strukturschwachen ländlichen Raum. Und Holz zählt, zumindest bei nachhaltiger Waldbewirtschaftung, zu den umweltfreundlichsten Rohstoffen, über die wir verfügen.

Das gilt vor allem für den Klimaschutz: Eine 100-jährige Eiche bindet jährlich rund 5.000 Kilogramm Kohlendioxid. Treibhausgase also, die damit nicht nur Jahr für Jahr der Atmosphäre entzogen werden, sondern beim Verbauen des Rohstoffes auch noch lange Zeit gebunden bleiben. Technisch können energieintensive Baustoffe wie Stahl, Aluminium und Beton inzwischen durch Holz ersetzt werden. Trotzdem beträgt der Holzeinsatz bei Neubau und Sanierung in Deutschland nur 14 Prozent.

Konkurrierende Zertifizierungssysteme

Verbraucher können sich anhand von zwei bekannten internationalen Zertifizierungssystemen darüber informieren, ob Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Der Vorreiter FSC (Forest Stewardship Council) geht auf eine Initiative von Menschenrechtsorganisationen, großen Umwelt-Organisationen wie Greenpeace und WWF sowie einer Gruppe von Händlern und Industriebetrieben zurück. Das PEFC (Programme for Endorsement of Forest Certification Schemes) war sozusagen die Antwort der Forst- und Holzwirtschaft darauf.

Während das FSC-System soziale und ökologische Aspekte betrachtet, gehen die Kriterien des PEFC-Siegels kaum über die gültigen Waldgesetze hinaus. Umweltverbände, der RNE und die Zeitschrift Ökotest bezeichnen das FSC-Siegel deshalb als anspruchsvoller. Derzeit sind in Deutschland etwa 430.000 Hektar nach FSC und 7,2 Millionen Hektar, also fast zwei Drittel der deutschen Waldfläche, nach PEFC zertifiziert.

Natur- und Artenschutz versus Forstwirtschaft?

Auch wenn die deutschen Wälder noch viele Arten beheimaten – ihre Bewirtschaftung hat gravierende Spuren hinterlassen. So stehen etwa 60 Prozent der heute noch vorhandenen Holzkäfer und viele Holz zersetzenden Pilze auf der Roten Liste. Ebenso wie manche Fledermäuse oder Vogelarten sind sie auf tote oder absterbende Bäume als Nahrungsquelle oder Lebensraum angewiesen.

Dieses so genannte Totholz war fast aus den "gepflegten" Wäldern verschwunden und nimmt erst langsam mit der naturnahen Waldbewirtschaftung wieder zu. Trotzdem kommt der so genannte Prozessschutz, nach Meinung vieler Ökologen noch zu kurz, er bedeutet für das Beispiel Wald, dass langfristige, natürliche Aufbau- und Zerfallsphasen zugelassen werden.

Grundsätzlich gilt: Je höher die Strukturvielfalt in einem Wald ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es dort eine große Artenvielfalt gibt, weil es viele ökologische Nischen gibt. Artenschutzexperten empfehlen deshalb ein dynamisches, mosaikartiges Nebeneinander unterschiedlicher Strukturen statt großflächig oder schematisch bewirtschafteter Wälder. Der Zielkonflikt zwischen Artenschutz und Rationalisierung liegt hier auf der Hand.

Schutzgebiete im Wald

In so genannten Naturwaldreservaten oder Bannwäldern wird die Natur wieder sich selbst überlassen. Die Bundesländer weisen sie nach eigenem Ermessen aus. Eines der ältesten Beispiele liegt im Nationalpark Bayrischer Wald. Die Idee ist, dass seltene Arten von dort aus naturnäher gewordene Wirtschaftswälder wieder besiedeln. Die Reservate sind daher von großer Bedeutung für den Biotopverbund im Wald. Außerdem sollen sich dort die natürlichen Waldgesellschaften und Prozesse wieder einstellen und damit als "Lehrbeispiel" für die Forstwirtschaft dienen.

Zurzeit sind in Deutschland über 700 Naturwaldreservate mit einer Fläche von etwa 31.000 Hektar registriert, aus Sicht einiger Umweltverbände zu wenige. In seinem Strategiepapier "Waldwirtschaft 2020" fordert beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) bis 2020 fünf und langfristig zehn Prozent des deutschen Waldes sich selbst zu überlassen.

Einen deutlich niedrigeren Schutzstatus genießen Wälder, die in so genannten Flora-Fauna-Habitat-Gebieten liegen. Sie dürfen weiter genutzt werden, wenn sich ihr Zustand dadurch nicht verschlechtert. Welche Beschränkungen nötig sind und wie sie entschädigt werden, sollen Managementpläne regeln, die von den einzelnen Ländern erarbeitet werden.

Links

Informations- und Kommunikationsplattform deutscher und schweizerischer Forschungsinstitutionen: www.waldwissen.net


Website zum gleichnamigen Forschungsschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: www.nachhaltige-waldwirtschaft.de


Gemeinsames Informationsportal der Forstverwaltungen der Bundesländer: www.wald-online.de


Infoportal des Holzabsatzfonds (Absatzförderungsfonds der deutschen Forst- und Holzwirtschaft): www.infoholz.de


Download des NABU-Strategiepapiers "Wald 2020" unter: ##link_extern:<0>|http://www.nabu.de/themen/wald/hintergrundinfos/waldwirtschaft2020.html##

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