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30.3.2009 | Von:
Onno Poppinga

Industrialisierung der Landwirtschaft

"Ersatz von Arbeit durch Kapital"

Durch den Einsatz von Kunstdünger, chemischen Pflanzenschutzmitteln und fossiler Energie sind die landwirtschaftlichen Erträge stark gestiegen. Doch dieser Wandel hatte nicht nur Folgen für die Bauern. Er wirkte und wirkt sich auch stark auf Ökologie und Umwelt aus.
Farm-Besitzer David Sarabian wendet niedriggradige Pestizide auf seiner Obstbaum-Plantage in Kalifornien an. Eine Studie des US-amerikanischen Chef-Ökonoms Gary Wolff am Pacific Institute, Oakland, legt nahe, dass Bauern wie Sarabian in der Verwendung von Pestiziden unterrichtet werden, um durch deren anschließenden verantwortungsvolleren Umgang mit Pestiziden die Qualität des Grundwassers zu steigern. Wolffs Bericht "Investieren in eine saubere Landwirtschaft" beinhaltet die Forderung nach einer Besteuerung der Landwirte, um den Bildungsprozess zu finanzieren. Landwirte und Pestizid-Aufsichtsbehörde hingegen finden dies zu teuer und die Landwirte halten sich für ausreichend geschult.Ein Landwirt in Kalifornien wendet auf seiner Obstbaum-Plantage ein Pestizid an. (© AP)

Bekanntlich ist die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung geprägt. Nach der gewerblichen Produktion und dem Abbau von Bodenschätzen (Mineralien, fossile Energiequellen) drückte dieser Vorgang schließlich allen wirtschaftlichen Bereichen seinen Stempel auf. Allen – mit Ausnahme der Land- und Forstwirtschaft.

Dabei fehlte es nicht an Versuchen, auch die Landwirtschaft in den allgemeinen Prozess der Industrialisierung einzubeziehen. Mithilfe der Dampfmaschinentechnik wurden Dampfpflüge entwickelt, mit denen die Äcker viel tiefer gepflügt werden konnten als mit Pferde- oder Ochsenkraft. Die Dampfmaschinen wurden auch bei Dreschmaschinen benutzt, die ab den 1920er-Jahren auf den (großen) Höfen zum Einsatz kamen. Es entstanden Traktorenwerkstätten, die mit motorgetriebenen fahrbaren Arbeitsmaschinen experimentierten, bei noch sehr begrenzten Stückzahlen.

Von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg wurden auch viele Dörfer an die elektrische Versorgung angeschlossen. So kamen nun auch vereinzelt Elektromotoren in der Landwirtschaft zum Einsatz, verdrängten beim Getreidemahlen zum Beispiel die pferdegezogene Göpeltechnik. Auch bergmännisch abgebaute (Phosphor, Kali, Kalk) oder industriell hergestellte Dünger ("Thomasmehl", "Leunasalpeter") wurden verwendet, mengenmäßig aber noch auf sehr niedrigem Niveau.

"Strukturbruch" nach dem 2. Weltkrieg

Im Ergebnis kamen diese Neuerungen über eine punktuelle Einbindung der Landwirtschaft in die Industrialisierung nicht hinaus. Zwar wurde auch durch den Einsatz vieler neu entwickelter oder verbesserter Maschinen und Geräte die Produktivität der Landwirtschaft weiter gesteigert. All diese Neuerungen modernisierten aber im Wesentlichen den Einsatz tierischer Arbeitskraft, sie verdrängten ihn nicht.

Um diesen Vorgang zu erläutern, hat der Soziologe Burkart Lutz den Begriff eines "strukturellen Dualismus" vorgeschlagen. Die Beziehung zwischen traditioneller, bäuerlich-handwerklicher Wirtschaft und der modernen, industriell-kapitalistischen Wirtschaft habe jahrzehntelang den Charakter einer Symbiose gehabt (Lutz, S. 119). Denn offensichtlich war der von den Theorien des Liberalismus und des Marxismus vorhergesagte Untergang der handwerklich-bäuerlichen Landwirtschaft zugunsten einer industriell-kapitalistischen Landwirtschaft nicht eingetreten. Statt unterzugehen prosperierte die bäuerlich-handwerkliche Wirtschaft, übernahm Schritt für Schritt technische Innovationen und dehnte sich sogar zahlenmäßig zu Lasten der traditionellen Großbetriebe aus.

Diese Symbiose zwischen der bäuerlich-handwerklichen Wirtschaft und der modernen, industriell-kapitalistischen Wirtschaft endete – so Lutz – in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg in Form eines "Strukturbruchs". In kürzester Zeit wurden Arbeitsprozesse modernisiert und Tierbestände vergrößert, viele Arbeitskräfte wanderten ab und Bauernhöfe wurden aufgelöst ("Gesundschrumpfen").

Die markanten technologisch-organisatorischen Veränderungen und ihre Wirkungen auf die Umwelt seien am Beispiel der Außenwirtschaft und der Spezialisierung der Tierhaltung dargestellt. Die Schlepper der 1950er- und 1960er-Jahre waren überwiegend mit Dieselmotoren ausgestattet, ab Ende der 1950er-Jahre auch mit Zapfwellenantrieb. Die Flächenleistung beim Pflügen, beim Mähen, bei der Aussaat erhöhte sich um ein Vielfaches.

Nachdem der Zapfwellenantrieb mit Spezialmaschinen wie Mist- und Düngerstreuer oder Ladewagen kombiniert werden konnte, verlor auch bei diesen Arbeiten die Handarbeit schnell an Bedeutung. Schließlich konnten Ende der 1950-Jahre Mähdrescher in großen Stückzahlen ausgeliefert werden, Getreidebindemäher, die von Pferden oder Schleppern gezogen wurden, verschwanden daraufhin in kurzer Zeit.

Soziale Folgen

Von den neuen technischen Möglichkeiten ging eine große Faszination aus. Die Arbeit wurde stark vereinfacht und die Leistung erhöht. Auch steigende Löhne beziehungsweise die Abwanderung von Arbeitskräften machten die Zunahme der Mechanisierung zu einer allgemeinen Notwendigkeit. In den 1950er-Jahren betraf das vor allem Landarbeiter und Landarbeiterinnen; die Kosten der technologischen Umwälzungen führten aber auch bald dazu, dass Besitzer kleinerer Bauernhöfe aufgaben oder zu Nebenerwerbsbetrieben umgebaut wurden. Vor allem die mithelfenden Familienarbeitskräfte suchten sich andere Tätigkeiten.

Auswirkungen auf Umwelt und Ökologie

Die Motorisierung veränderte im Zusammenhang mit den neuen chemischen Hilfsstoffen (insbesondere mineralische Düngemittel und Pestizide) die bisherigen Systeme des Ackerbaus und der Grünlandwirtschaft grundlegend. Die Zugtiere wurden abgeschafft, Hunderttausende Arbeitspferde traten den Weg in die Schlachthöfe an. Nun konnte man über die Flächen, auf denen zuvor Heu oder Hafer für die Pferde angebaut wurde, neu verfügen.

Die preiswerten (und wie auch das Dieselöl lange Zeit vom Staat subventionierten) Mineraldünger ließen den Anbau von Leguminosen (Klee, Luzerne, Bohnen) immer weiter zurücktreten. Die durch die Auflösung der Fruchtfolgesysteme verstärkt auftretenden ackerbaulichen Probleme (Bodenverunkrautung, Pilzerkrankungen bei Getreide, Kartoffeln usw.) konnten bei stetig steigendem Ertragsniveau mit chemischen Wachstumsregulatoren und Pestiziden beherrscht werden.

Weil der Leguminoseanbau entfiel, der zuvor zwingend notwendig gewesen war, um das Ertragsniveau zu erhalten, schafften Betriebe ihre Viehhaltung ab – denn es war nun nicht mehr nötig, die Leguminosenerträge zu verfüttern. Die Höfe wurden zu spezialisierten Getreide- und Zuckerrübenbetrieben; umgekehrt dehnten andere mit besseren Standortbedingungen ihre Viehhaltung stark aus. Diese Konzentration der Viehhaltung wurde durch die Zukaufmöglichkeiten von Importfuttermitteln stark gefördert, die Viehhaltung war also von der betrieblichen Eigenerzeugung entkoppelt.

Negativfolgen werden spürbar

Vor allem in der Hühner- und Schweinehaltung lösten die neuen Stallsysteme und die Konzentration der Tierhaltung aber bald gesellschaftliche Diskussionen aus. Die Käfighaltung von Legehühnern wurde zu einem Symbol für eine industrialisierte Tierhaltung, bei der auf die vitalen Interessen der Tiere keine Rücksicht genommen wurde. Die Güllewirtschaft löste nicht nur flächenhafte Geruchsbelästigungen aus, sondern belastete Grund- und Oberflächenwasser großflächig. Staatliche Regulierungen wurden hier genauso erforderlich wie beim Einsatz der Pestizide. Rückstände von Pestiziden in Lebensmitteln und Gewässern entwickelten sich ebenso zum Thema einer landwirtschaftskritischen öffentlichen Diskussion wie ihr Anteil am Verschwinden wild lebender Tier- und Pflanzenarten.

In so genannten Roten Listen, war der Beitrag der modernisierten Landwirtschaft an den Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt deutlich abzulesen. Die Listen zeigten aber auch, dass nicht nur die Intensivierung der Landwirtschaft für negative Umweltwirkungen verantwortlich war, sondern ebenso die Aufgabe der Landwirtschaft.

Neben einer wachsenden Kontrolldichte für landwirtschaftliche Produktionsvorgänge spielte auch die staatliche Förderung von extensiver Landwirtschaft als Ausgleichsmaßnahme eine Rolle. Negative Umweltwirkungen einer verstärkt in die Industrialierung hineingezogenen Landwirtschaft waren wichtig für das Entstehen einer ökologischen Landwirtschaft.

"Wachsen oder Weichen" und die Folgen der Überschüsse

Voraussetzung für niedrige Erzeuger- und Lebensmittelpreise war, dass die Agrar- und Lebensmittelmärkte strukturell durch Überschüsse geprägt sein mussten. Knappheits- oder gar Mangelverhältnisse hätten unausweichlich höhere Preise zur Folge gehabt. Diesen dauerhaften Druck auf die Agrarmärkte und das Einkommen der Landwirte zu organisieren, wurde deshalb zur Kernaufgabe der staatlichen Agrar- und Wirtschaftspolitik. Er löste in der Landwirtschaft wie gewünscht eine gesteigerte Produktivität sowie vergrößerte Betriebsflächen und Tierbestände aus. Zudem benötigten die großen europäischen Agrarunternehmen Überschüsse, um in andere EU-Länder, aber auch auf Drittlandsmärkte, exportieren zu können. Auch deshalb stiegen die Erzeugungsmengen deutlich über den inländischen Bedarf hinaus an.

Die EU-Marktordnungen, die diese Interessen organisierten, erwiesen sich aber als zunehmend kostenintensiv. Die "Überschüsse" gerieten in die öffentliche Kritik. Die Kritik richtete sich jedoch lediglich an die Landwirte, statt sie als Teil einer Verursacherkette zu sehen.

Von der stofflichen Seite her bedeutet Industrialisierung, dass Mineralien und fossile Energie eingesetzt werden. Die traditionelle bäuerlich-handwerkliche Wirtschaft basierte dagegen auf regenerativen Systemen – bei minimalem Verbrauch an Mineralien und fossiler Energie (Bieri, Moser, Steppacher). Im Vordergrund stand bei ihr, die Bodenfruchtbarkeit durch ein ganzes Bündel von Verfahren zu erhöhen und die nutzbaren Agrarflächen auszubauen. Technische Systeme und Geräte waren wichtig, aber sowohl von der stofflichen Seite (z.B. Verwendung von Holz und Leder) wie auch in ihrer ökonomischen Ausrichtung (sehr lange Gebrauchsfähigkeit) in das System eingebunden.

Nach dem Ende der "Symbiose" zwischen bäuerlich-handwerklicher Wirtschaft und dem Sektor der Industrie wurden regenerative Energiequellen (Arbeitskräfte, Zugkraft von Pferden, Wind- und Wasserkraft) durch fossile Energie ersetzt. Man setzte technisch gewonnenen Stickstoff ein, und Pestizide ermöglichten es, die zunehmend bewährten Fruchtfolgesysteme aufzugeben. Die Ölkrise von 1973/74 ließ dann erstmals eine Ahnung aufkommen, dass die zentrale Voraussetzung für die Industrialisierung der Landwirtschaft – das Vorhandensein unbegrenzter Mengen an preiswerter fossiler Energie – keineswegs sicher war.

Resümee

Die Landwirtschaft basiert immer noch in großem Umfang auf regenerativen Energiequellen, sie nutzt die Sonnenenergie für den Acker- und Pflanzenbau. Als Folge des "Ersatzes von Arbeit durch Kapital" in den 1950er- und 1960er-Jahren ist die Landwirtschaft inzwischen auch in starkem Umfang in den allgemeinen Prozess der Industrialisierung hineingezogen worden. Die Knappheit fossiler Energiequellen sowie der starke Preisanstieg insbesondere für Öl und Gas werfen aber die Frage auf, ob und wie lange diese Form der Landwirtschaft eine Zukunft hat.

Literatur

Bieri, H., Moser, P., Steppacher, R.: Die Landwirtschaft als Chance einer zukunftsfähigen Schweiz oder Dauerproblem auf dem Weg zur vollständigen Industrialisierung der Ernährung?, Zürich 1999.

Boxberger, J. u. Moitzi, G.: Energieeinsatz in der Landwirtschaft im Wandel, in: Energieeffiziente Landwirtschaft, Fulda 2008.

Carson, R.: Der stumme Frühling, München 1964.

Der Grüne Bericht, Hrsg. BELF, Bonn/München/Wien 1956, mehrere Jahrgänge.

60 Jahre Hessischer Bauernverband, Verlagsbeilage des Landwirtschaftlichen Wochenblattes Hessenbauer, Ausgabe 27/2006.

Lutz, B.: Die Bauern und die Industrialisierung. Ein Beitrag zur Erklärung von Diskontinuität der Entwicklung in industriell-kapitalistische Gesellschaften, in "Soziale Welt, Sonderband 4, Göttingen 1986.

Plate, R. u. Neidlinger, G.: Agrarmärkte und Landwirtschaft im Strukturwandel der Siebziger Jahre, Hiltrup 1971.

Schmidt, F. u. Jasper, U.: Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung, München 2001.

Weinschenck, G./Meinhold, K.: Landwirtschaft im nächsten Jahrzehnt, Stuttgart 1969.
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