Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.3.2009 | Von:
Felix Ries

Welternährung – auf dem Acker wächst genug für alle

Aktuelle Herausforderungen

Der prognostizierte Anstieg der Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050, aber auch der steigende Fleischkonsum und Agrarprodukte, die genutzt werden, um Energie zu gewinnen, treiben die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen in die Höhe. Der massive Preisanstieg für Mais und Weizen seit 2007 vermittelt einen Vorgeschmack darauf, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen könnte. In mehr als 30 Ländern brachen Hungerrevolten aus und die Zahl der Unterernährten erhöhte sich im Jahr 2007 um 50 Millionen.

Insbesondere die Agrartreibstoffproduktion ist aufgrund ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Ernährungssicherheit umfangreicher Kritik ausgesetzt. Verschärfte Konflikte zwischen finanzstarken Investoren von Palmöl-Plantagen und Subsistenzbauern scheinen vorprogrammiert. Um den Tank eines Geländewagens mit Agrartreibstoff zu füllen, wird so viel Getreide verbraucht, wie ein Mensch in einem Jahr zum Leben braucht.

Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fordert, zur Lösung des Konflikts zwischen "Tank und Teller" die Beimischungsquote von Agrartreibstoffen zu herkömmlichen Kraftstoffen auszusetzen. Daneben sind Nachhaltigkeitsstandards geplant, die durch ein Zertifizierungssystem negative ökologische und soziale Folgen verhindern sollen. Hoffnungen werden ebenfalls in die – in der Testphase befindlichen – Agrartreibstoffe der "2. Generation" gesetzt, die aus organischen Abfallprodukten hergestellt werden und somit die Konkurrenz zu Nahrungsmitteln minimieren.

Strategien im Kampf gegen den Hunger

Nicht zuletzt aufgrund entsprechender medialer Darstellung herrscht das Bild vor, dass Hungerbekämpfung in erster Linie darin besteht, Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen. Diese klassische Nothilfe ist im Katastrophenfall oft die einzige Möglichkeit, den akuten Hunger zu lindern. Eine wirksame Strategie gegen strukturelle Unterernährung ist sie jedoch nicht. Oftmals wird die Überschussproduktion der Industrieländer als Nothilfe verschenkt. Dies kann dazu führen, dass lokale Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen können und ebenfalls in die Abhängigkeit der Nothilfen geraten.

Diesem Problem kann durch den Aufkauf lokal produzierter Nahrungsmittel durch die Hilfsorganisationen begegnet werden, da dies den örtlichen Bauern Produktionsanreize bietet. Um eine Hungerkrise dauerhaft zu überwinden, ist der Wiederaufbau der Existenzgrundlagen entscheidend. Dieser sollte an die Nothilfe gekoppelt sein, wie es etwa in Projekten der Fall ist, bei denen Essenspakete im Austausch für Arbeit im Straßenbau angeboten werden.

Lösungen nicht unumstritten

Die Landwirtschaft zu fördern ist eine zentrale Aufgabe, um die Weltbevölkerung langfristig zu ernähren. Auch die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sind hier entscheidende Akteure. In welche Richtung die Förderung gehen soll, entzweit jedoch die Wissenschaftler und Entscheidungsträger.

Das eine Lager setzt insbesondere auf Hochertragssorten und Gentechnik. Der Gentechnik wird das Potenzial zugeschrieben, nicht nur Pflanzen mit Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel und Schädlinge hervorzubringen, sondern auch Sorten mit zusätzlichen Mikronährstoffen anzureichern. So gelang einem Forscherteam die Entwicklung einer Reissorte, die Vitamin A enthält, dessen Mangel zu Augenkrankheiten führen kann.

Gentechnik in der Landwirtschaft und insbesondere ihre Rolle in der Ernährungssicherung wird von vielen Wissenschaftlern und Aktivisten jedoch äußerst kritisch gesehen. Die ökologischen Folgen, wie eine ungewollte Auskreuzung oder Einflüsse auf Insektenpopulationen, seien unkalkulierbar. Außerdem könne Gentechnik, die mit einem restriktiven Patentrecht einhergeht, Bauern in die Schuldenfalle treiben, da diese das erheblich teurere gentechnisch veränderte Saatgut jährlich nachkaufen müssen.

Eine weitere Gefahr der Gentechnik wird in der Bedrohung der biologischen Vielfalt lokaler Sorten gesehen. Dabei gewährt gerade die über Jahrhunderte entstandene Vielfalt an Nutzpflanzen eine optimale Anpassung an lokale Gegebenheiten und ist als Pool für zukünftige, an den Klimawandel angepasste Züchtungen unverzichtbar.

Um der Vielschichtigkeit des Themas Ernährung gerecht zu werden, darf sich die Diskussion nicht auf landwirtschaftliche Innovationen beschränken. Wie wichtig Bildung, Hygiene und Gesundheit sowie die Förderung von Frauen ist, um den Ernährungszustand zu verbessern, ist mehrfach nachgewiesen worden.

Ein Leben frei von Hunger zu führen, ist ein Menschenrecht, das in der UN-Menschenrechtscharta und dem Pakt für wirtschaftliche und soziale Rechte von der Weltgemeinschaft anerkannt wurde. In letzter Zeit wird in der Entwicklungszusammenarbeit das "Recht auf angemessene Nahrung" verstärkt als Instrument genutzt, Regierungen in die Pflicht zu nehmen. Von den Menschenrechten ausgehend, können die Faktoren für Ernährungssicherung wie Armutsbekämpfung, ländliche Entwicklung, faire Handelsbedingungen und Landreform bearbeitet werden.

Wird dieser Ansatz konsequent verfolgt, besteht die Chance, dem ersten Millennium-Entwicklungsziel endlich näher zu kommen. Danach soll der Anteil der Hungernden bis zum Jahr 2015 halbiert werden.

Literatur

Brot für die Welt (2006): Nahrung. Eine globale Zukunftsfrage. Stuttgart.

Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) (2006): State of Food Insecurity in the World (SOFI) 2006. Online verfügbar: ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/009/a0750e/a0750e00.pdf

Nuscheler, Franz (2006): Entwicklungspolitik. (Kapitel XI: Hunger: Überfluss hier – Mangel dort). Bonn.

Welthungerhilfe (2005): Hunger. Ausmaß, Verbreitung, Ursachen, Auswege. Bonn.

Wohlan, Margarete (Hrsg.) (2002): Zukunft der Wirtschaft – Landwirtschaft und Ernährung. Bonn.

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