Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.
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30.3.2009 | Von:
Felix Ries

Welternährung – auf dem Acker wächst genug für alle

Trotz weltweit ausreichend vorhandener Nahrungsmittel hungern weiterhin Menschen. Die Ursachen reichen von verfehlter Regionalpolitik bis hin zu Naturkatastrophen und Klimawandel. Dabei werden Lösungen für die Misere bereits seit Jahrzehnten diskutiert.
Säcke mit biologisch angebautem Getreide stehen an einem Stand der Messe "BioFach 2008" in Nürnberg. Die Weltleitmesse fuer Bio-Produkte dauert vom 21. bis 24. Februar 2008. (© AP)

"In zehn Jahren wird kein Mann, keine Frau und kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen" – mit diesen Worten äußerte der damalige US-Außenminister Henry Kissinger auf der Welternährungskonferenz im Jahre 1974 den Glauben an einen schnellen Sieg im Kampf gegen den Hunger. Derartige Appelle wurden seitdem regelmäßig ausgesprochen, jedoch mit mäßigem Erfolg: Nachdem die Zahl der Unterernährten in den 1970er- und 1980er-Jahren gesunken war, hat sich der Trend seit Ende der 1990er umgekehrt. Zurzeit sind 862 Millionen Menschen unterernährt, Tendenz steigend.

Die meisten hungernden Menschen leben in Entwicklungsländern, aber auch in Industrie- und Transformationsländern sind 30 Millionen Menschen betroffen.

Gibt es tatsächlich nicht genügend Nahrung auf der Welt? Drei Beispiele zeigen, dass die Ursache von Hunger nicht in der unzureichenden Produktion von Nahrungsmitteln liegt:
  • Es stehen zurzeit für jeden der gut 6 Milliarden Menschen auf der Erde 2700 Kilokalorien pro Kopf und Tag zur Verfügung, benötigt würden nur 2200 Kilokalorien pro Tag.
  • Die globale Landwirtschaft könnte beim heutigen Stand der Technik 12 Milliarden Menschen ausreichend ernähren (laut der UN Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO).
  • Indien, das Land mit den meisten Hungernden in der Welt, gehört zu den zehn größten Getreide-Exporteuren und hat 2004 mit der Ausfuhr von Getreide über 2 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet.
Warum also hungern Menschen in einer Welt, die genug für alle produziert?


Armut und mangelnder Zugang zu Ressourcen

Dreiviertel der Unterernährten leben auf dem Land und sind im Agrarsektor tätig. Ihr Einkommen genügt nicht, um ausreichend Nahrungsmittel zu kaufen, noch haben sie Zugang zu Ressourcen wie Land, Saatgut und Dünger, um selbst genug produzieren zu können. Bauern und insbesondere Bäuerinnen werden häufig Kredite verwehrt, die den Aufbau einer Existenz ermöglichen könnten.

In Brasilien, das in großem Stil Soja und andere landwirtschaftliche Produkte exportiert, gehen manche Schätzungen davon aus, dass ein Bevölkerungsanteil von bis zu 25 Prozent hungert. Das Land ist hier extrem ungleich verteilt – 2 Prozent der Landbesitzer verfügen über 56 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Dies ist in Verbindung mit brachliegenden Ländereien und einer exportorientierten Landwirtschaft von entscheidender Bedeutung für die unsichere Ernährungslage.

Agrarpolitik und Handel

Die Regierungen der Entwicklungsländer vernachlässigen häufig die landwirtschaftliche Förderung der Kleinbauern, und auch die Entwicklungshilfe hat in den letzten Jahrzehnten immer weniger in die Landwirtschaft investiert. Häufig werden nur die so genannten "Cash Crops" gefördert – Agrarprodukte, die auf dem Weltmarkt Devisen erbringen. Dies kann sich für die Bauern durchaus lohnen, bringt sie jedoch in die Abhängigkeit von stark schwankenden Weltmarktpreisen. Der Absturz der Kaffeepreise Anfang des Jahrtausends zeigte, wie Hunderttausende Kaffeebauern in Mittelamerika ihre Existenz verloren, da die Erzeugungskosten nicht mehr gedeckt werden konnten.

Die Agrarpolitik von USA und EU subventioniert den Verkauf ihrer Agrarprodukte auf Märkten in ärmeren Ländern. Die dortigen Produzenten können mit den subventionierten Preisen nicht konkurrieren und verlieren ihre Absatzmärkte. Ob Hühnchen in Westafrika oder Milchpulver in Indien – das Dumping durch die Überschussproduktion aus Europa behindert die Entwicklung einer funktionierenden Landwirtschaft in den armen Ländern.

Kriege und Konflikte

Fast immer verschlechtert sich durch bewaffnete Auseinandersetzungen auch die Nahrungssituation. Bauern werden zu Flüchtlingen und können ihre Äcker nicht bestellen, Landminen auf den Feldern erschweren die Wiederaufnahme des Anbaus, nachdem ein Krieg beendet wurde. Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften wie Angola, die Demokratische Republik Kongo oder Sierra Leone gehören somit zu den Ländern mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Hungernden.

Extreme Wetterereignisse und ökologische Faktoren

Dürren, Fluten und andere klimatische Ereignisse haben die Ernährungssicherheit der Menschheit schon immer beeinflusst. Ob dies jedoch zu einer Hungersnot führt, hängt von den Kapazitäten der Gesellschaften ab, mit solchen Phänomenen umzugehen. Eine vielfältige Produktion und politische Strukturen, die in der Lage sind, im Krisenfall effiziente Hilfe zu gewährleisten, können verhindern, dass beispielsweise aus einer Dürre eine Hungersnot wird.

Die Klimaerwärmung kann zwar regional durchaus zu höheren Ernteerträgen beitragen, sie führt aber global zu erhöhter Ernährungsunsicherheit. Die tropischen Länder, bereits jetzt am stärksten von Unterernährung betroffen, müssen mit einer Zunahme von extremen Wetterereignissen und geringeren Ernten rechnen.

Nicht nur klimatische Veränderungen und Extremereignisse wirken sich auf die ökologischen Grundlagen der Landwirtschaft aus. Auch die alltägliche Praxis der nicht nachhaltigen Landnutzung führt dazu, dass die Fruchtbarkeit der Böden abnimmt. Unsachgemäße Bewässerung, die Abholzung von Wäldern, Überweidung sowie die Belastung der Äcker mit Agrarchemikalien wie Dünger und Insektiziden verwandelten vormals ertragreiche Landstriche in unfruchtbare Steppen. Von dieser Degradation sind bereits 15 Prozent der Gesamtfläche der Erde betroffen.

Doch auch wenn in den Medien ein anderes Bild vorherrscht, sind nur 10 Prozent der Hungernden Opfer spezifischer Ereignisse wie Naturkatastrophen, Dürre und Krieg. Für die überwältigende Mehrheit der Unterernährten ist der chronische Hunger ein strukturell bedingter Dauerzustand.

Aktuelle Herausforderungen

Der prognostizierte Anstieg der Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050, aber auch der steigende Fleischkonsum und Agrarprodukte, die genutzt werden, um Energie zu gewinnen, treiben die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen in die Höhe. Der massive Preisanstieg für Mais und Weizen seit 2007 vermittelt einen Vorgeschmack darauf, was in den nächsten Jahren auf uns zukommen könnte. In mehr als 30 Ländern brachen Hungerrevolten aus und die Zahl der Unterernährten erhöhte sich im Jahr 2007 um 50 Millionen.

Insbesondere die Agrartreibstoffproduktion ist aufgrund ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Ernährungssicherheit umfangreicher Kritik ausgesetzt. Verschärfte Konflikte zwischen finanzstarken Investoren von Palmöl-Plantagen und Subsistenzbauern scheinen vorprogrammiert. Um den Tank eines Geländewagens mit Agrartreibstoff zu füllen, wird so viel Getreide verbraucht, wie ein Mensch in einem Jahr zum Leben braucht.

Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fordert, zur Lösung des Konflikts zwischen "Tank und Teller" die Beimischungsquote von Agrartreibstoffen zu herkömmlichen Kraftstoffen auszusetzen. Daneben sind Nachhaltigkeitsstandards geplant, die durch ein Zertifizierungssystem negative ökologische und soziale Folgen verhindern sollen. Hoffnungen werden ebenfalls in die – in der Testphase befindlichen – Agrartreibstoffe der "2. Generation" gesetzt, die aus organischen Abfallprodukten hergestellt werden und somit die Konkurrenz zu Nahrungsmitteln minimieren.

Strategien im Kampf gegen den Hunger

Nicht zuletzt aufgrund entsprechender medialer Darstellung herrscht das Bild vor, dass Hungerbekämpfung in erster Linie darin besteht, Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen. Diese klassische Nothilfe ist im Katastrophenfall oft die einzige Möglichkeit, den akuten Hunger zu lindern. Eine wirksame Strategie gegen strukturelle Unterernährung ist sie jedoch nicht. Oftmals wird die Überschussproduktion der Industrieländer als Nothilfe verschenkt. Dies kann dazu führen, dass lokale Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen können und ebenfalls in die Abhängigkeit der Nothilfen geraten.

Diesem Problem kann durch den Aufkauf lokal produzierter Nahrungsmittel durch die Hilfsorganisationen begegnet werden, da dies den örtlichen Bauern Produktionsanreize bietet. Um eine Hungerkrise dauerhaft zu überwinden, ist der Wiederaufbau der Existenzgrundlagen entscheidend. Dieser sollte an die Nothilfe gekoppelt sein, wie es etwa in Projekten der Fall ist, bei denen Essenspakete im Austausch für Arbeit im Straßenbau angeboten werden.

Lösungen nicht unumstritten

Die Landwirtschaft zu fördern ist eine zentrale Aufgabe, um die Weltbevölkerung langfristig zu ernähren. Auch die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sind hier entscheidende Akteure. In welche Richtung die Förderung gehen soll, entzweit jedoch die Wissenschaftler und Entscheidungsträger.

Das eine Lager setzt insbesondere auf Hochertragssorten und Gentechnik. Der Gentechnik wird das Potenzial zugeschrieben, nicht nur Pflanzen mit Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel und Schädlinge hervorzubringen, sondern auch Sorten mit zusätzlichen Mikronährstoffen anzureichern. So gelang einem Forscherteam die Entwicklung einer Reissorte, die Vitamin A enthält, dessen Mangel zu Augenkrankheiten führen kann.

Gentechnik in der Landwirtschaft und insbesondere ihre Rolle in der Ernährungssicherung wird von vielen Wissenschaftlern und Aktivisten jedoch äußerst kritisch gesehen. Die ökologischen Folgen, wie eine ungewollte Auskreuzung oder Einflüsse auf Insektenpopulationen, seien unkalkulierbar. Außerdem könne Gentechnik, die mit einem restriktiven Patentrecht einhergeht, Bauern in die Schuldenfalle treiben, da diese das erheblich teurere gentechnisch veränderte Saatgut jährlich nachkaufen müssen.

Eine weitere Gefahr der Gentechnik wird in der Bedrohung der biologischen Vielfalt lokaler Sorten gesehen. Dabei gewährt gerade die über Jahrhunderte entstandene Vielfalt an Nutzpflanzen eine optimale Anpassung an lokale Gegebenheiten und ist als Pool für zukünftige, an den Klimawandel angepasste Züchtungen unverzichtbar.

Um der Vielschichtigkeit des Themas Ernährung gerecht zu werden, darf sich die Diskussion nicht auf landwirtschaftliche Innovationen beschränken. Wie wichtig Bildung, Hygiene und Gesundheit sowie die Förderung von Frauen ist, um den Ernährungszustand zu verbessern, ist mehrfach nachgewiesen worden.

Ein Leben frei von Hunger zu führen, ist ein Menschenrecht, das in der UN-Menschenrechtscharta und dem Pakt für wirtschaftliche und soziale Rechte von der Weltgemeinschaft anerkannt wurde. In letzter Zeit wird in der Entwicklungszusammenarbeit das "Recht auf angemessene Nahrung" verstärkt als Instrument genutzt, Regierungen in die Pflicht zu nehmen. Von den Menschenrechten ausgehend, können die Faktoren für Ernährungssicherung wie Armutsbekämpfung, ländliche Entwicklung, faire Handelsbedingungen und Landreform bearbeitet werden.

Wird dieser Ansatz konsequent verfolgt, besteht die Chance, dem ersten Millennium-Entwicklungsziel endlich näher zu kommen. Danach soll der Anteil der Hungernden bis zum Jahr 2015 halbiert werden.

Literatur

Brot für die Welt (2006): Nahrung. Eine globale Zukunftsfrage. Stuttgart.

Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) (2006): State of Food Insecurity in the World (SOFI) 2006. Online verfügbar: ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/009/a0750e/a0750e00.pdf

Nuscheler, Franz (2006): Entwicklungspolitik. (Kapitel XI: Hunger: Überfluss hier – Mangel dort). Bonn.

Welthungerhilfe (2005): Hunger. Ausmaß, Verbreitung, Ursachen, Auswege. Bonn.

Wohlan, Margarete (Hrsg.) (2002): Zukunft der Wirtschaft – Landwirtschaft und Ernährung. Bonn.
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