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30.3.2009 | Von:
Marina Tsaliki
Burghard Wittig

Pflanzenvielfalt ade – Ursachen für den Artenverlust in Deutschland

Zersplitterte Reste von Heiden und Feuchtwäldern

Neben der engen Bindung an einen Standorttyp gibt es weitere biologische Risikofaktoren, die die Gefährdungssituation deutlich verschärfen können: ein fehlender Vorrat an Diasporen (in der Regel Samen) im Boden, schlechte Verjüngung, geringe Keimraten oder mangelnde Ausbreitungsfähigkeit [3]. Die Ausbreitung wird durch die starke Zerschneidung ehemals großer zusammenhängender Landschaften durch Straßen und Siedlungen noch erschwert. Von den ehemals großflächigen Heiden oder Feuchtwäldern in Nordwestdeutschland sind nur zersplitterte Reste geblieben. Charakteristische Pflanzenarten dieser Gebiete wie der Englische Ginster oder die Moor-Ährenlilie sind aufgrund der Zerschneidung bedroht oder ihre Bestände gehen bereits zurück.

Viele Prozesse der Ausbreitung von Pflanzenarten gibt es mittlerweile gar nicht mehr. Arten in Magerrasen oder Heiden breiteten sich etwa durch umherziehende Tierherden aus. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wanderten große Schafherden in Baden-Württemberg von den Sommerweiden der Schwäbischen Alb zu den Winterweiden am Bodensee [4].

Welche Rolle spielen Neophyten?

Neophyten (griech.: neue Pflanzen) sind Pflanzen, die bewusst oder unbewusst vom Menschen in der Neuzeit – nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 – in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen [5]. Insbesondere aufgrund ihrer prächtigen Blüten wurden Pflanzen wie Mahonie oder Kartoffelrose zum Verschönern und Bereichern von Gärten oder Parkanlagen nach Europa gebracht. Eher unbewusst und zufällig erfolgt die Einschleppung fremdartiger Gewächse durch die Einfuhr von Samen oder Pflanzenmaterial durch Reisende, an deren Gepäck und Kleidung Samen haften bleiben.

Neophyten bereichern einerseits die pflanzliche Vielfalt, können andererseits aber auch schädliche Auswirkungen auf die heimische Pflanzenwelt haben. Aufgrund fehlender Konkurrenz um Platz und Nährstoffe und des Fehlens natürlicher Fraßfeinde am neuen Standort haben Neophyten einen Vorteil gegenüber heimischen Arten. In manchen Fällen kommt es zu einer ungebremsten Ausbreitung dieser Arten und einer Verdrängung und Gefährdung der heimischen Vielfalt. Man spricht dann von den Neophyten als invasive Arten und ist bedacht, diese möglichst schnell unter Kontrolle zu bekommen und die weitere Ausbreitung zu vermeiden.

Abb. 4:  Spätblühende Traubenkirsche erobert einen Kiefernforst. Foto: H. SchepkerAbb. 4: Spätblühende Traubenkirsche erobert einen Kiefernforst. Foto: H. Schepker (© H. Schepker )
Bekannte Beispiele für Neophyten, die sich in Deutschland etabliert haben, sind die Spätblühende Traubenkirsche in Heiden und Wäldern (Abb. 3 und 4), das Kleine Springkraut in Laubwäldern, die Kanadische Goldrute in Brachen sowie der Japanische Knöterich in Stauden- und Unkrautfluren.

Klimawandel mischt die Karten neu

Das Klima wirkt sich auf alle Prozesse in der Natur aus, die Verteilung der Arten auf der Erde hängt wesentlich von den Klimabedingungen ab. Temperaturschwankungen und Zu- und Abnahmen der Niederschlagsmengen führen zu zeitlichen und räumlichen Verschiebungen in der Tier- und Pflanzenwelt bis hin zu Veränderungen in der Artenzusammensetzung einzelner Ökosysteme [7].

Für die in Deutschland vorkommenden Arten wird eine Verschiebung in nördliche und östliche Gebiete und eine generelle Verlagerung in höhere Lagen (Gebirge) prognostiziert. Während heimische Arten verdrängt werden, wandern gleichzeitig neue gebietsfremde Arten ein und führen zu weiteren Veränderungen der Ökosysteme. Werden die bisherigen Lebensräume zu sehr verändert oder vernichtet, kann es zu einem (lokalen) Aussterben von Arten kommen, die an dieses Gebiet gebunden sind und nicht ausweichen können.

Lässt sich der Artenschwund aufhalten?

Zwar zeigen viele Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen kleinere und größere Erfolge, eine Trendwende im Artenrückgang ist jedoch noch nicht erreicht. Ein fortschrittlicher Ansatz ist die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union, mit der in Europa ein miteinander verbundenes Schutzgebietsnetz geschaffen wird. Zum ersten Mal wird mit dieser Richtlinie ein verbindliches Monitoring, das heißt eine Überwachung von Lebensräumen und Arten, gesetzlich vorgeschrieben.

In vielen Schutzgebieten müssen dringend gezielte Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen wie die kontrollierte Beweidung von Heiden, die Erhaltung von Ackerwildkräutern durch angepasste Nutzung oder die Wiedervernässung ehemaliger Bruchwälder für bestandsbedrohte Pflanzenarten entwickelt werden. Hier wären bei konsequentem Naturschutzhandeln viele Erfolge möglich. Zu wünschen wäre weiterhin eine grundlegende Reformierung der Agrarsubventionspolitik. Dies bedeutet, dass konkrete Umweltziele – etwa mehr artenreiches Grünland oder Ackerbegleitvegetation – viel stärker honoriert werden müssten, als dies bislang der Fall ist. Ein Ansatz hierfür ist der Vertragsnaturschutz.

Ein Ziel der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung ist es, für den größten Teil der Rote Liste-Arten die Gefährdungssituation deutlich zu verbessern. Insgesamt sind noch viele Anstrengungen notwendig, um die Pflanzenvielfalt in Deutschland langfristig zu sichern.


[1] Korneck, D., Schnittler, M., Klingenstein, F., Ludwig, G., Takla, M., Bohn, U.& R. May (1998): Schriftenreihe für Vegetationskunde 29, S. 299-444.

[2] Cordes, H., Feder, J., Metzing, Hellberg, F., D., Wittig, B. (2006): Atlas der Farn- und Blütenpflanzen des Elbe-Weser-Gebietes, S. 512.

[3] Garve, E. (2004): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen. Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen 1/2004, S. 76.

[4] Poschlod, P., Wallis De Vries, M. (2002) : The historical and socioeconomic perspective of calcareous grasslands – lessons from the distant and recent past. Biological Conservation 104, S. 361-376.

[5] Kowarik, I. (2003): Biologische Invasionen – Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. S. 380.

[6] Starfinger, U., Kowarik, I., Rode, M., Schepker, H. (2003): From desirable ornamental plant to pest to accepted addition of the flora? – the preception of an alien tree species through the centuries. Biological Invasions 5, S. 323-335.

[7] Korn, H., Epple, C. (2006): Biologische Vielfalt und Klimawandel – Gefahren, Chancen, Handlungsoptionen. BfN-Skripten 148, S. 27.

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