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Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.4.2008 | Von:
Detlef Virchow

Die Erhaltung der Agrobiodiversität

Zur Erhaltung von Agrobiodiversität

Sowohl Einzelpersonen als auch Forschungsinstitute und Regierungen haben in den letzten 100 Jahren mehr oder weniger systematisch GREL (besonders pflanzengenetische Ressourcen) gesammelt und zur Erhaltung eingelagert ("ex-situ-Erhaltung"). Aber auch Landwirte und "Hobbygärtner" haben auf ihren Feldern und in Gärten alte Sorten und Rassen freiwillig erhalten bzw. erhalten müssen, da sie keinen Zugang zu modernen Sorten und Rassen hatten ("in-situ-Erhaltung").

Die "ex-situ-Erhaltung" ist eine der zwei unterschiedlichen Methoden, die GREL zu erhalten und nachhaltig zu nutzen. Es ist die Erhaltung von GREL außerhalb ihres "natürlichen" Lebensraums (d.h. des landwirtschafltichen Systems, in dem sie entwickelt, angebaut und gehalten werden). Als klassische Form der ex-situ-Erhaltung der Kulturpflanzen gelten die Samenlager ("Genbanken"), Zellkulturen oder Erhaltungsanlagen für ganze Pflanzen (u.a. Botanische Gärten). Das systematische Sammeln und die strukturierte Charakterisierung und Aufbewahrung von bedrohten Kulturpflanzen und Haustierrassen ist durch N. I. Vavilov aus Rußland in den 1930er Jahren eingeführt worden. Seitdem sind weltweit große Anstrengungenunternommen worden, alle landwirtschaftlichen Nutzpflanzenarten und -sorten sowie Haustierrassen zu sammeln und ex-situ zu lagern bzw. zu erhalten. Weltweit werden geschätzte 6,2 Millionen Muster ("Accessions") von 80 verschiedenen Nutzpflanzenarten in 1 320 Genbanken und anderen Konservierungseinrichtungen in 131 Ländern gelagert (vor allem als Samen, aber auch als Stecklinge und Anpflanzungen).[10] Die Bemühungen im Haustierbereich sind weniger entwickelt, da die systematischen Erhaltungsaktivitäten später begannen und die Erhaltungstechnologien komplizierter sind. Das eingelagerter Pflanzmaterial befindet sich vorwiegend in nationalen Konservierungseinrichtungen, jedoch konservieren die internationalen Agrarforschungszentren rund 600 000 Muster vieler Nutzpflanzenarten aus der ganzen Welt. Die Kollektionen dieser Zentren bilden das Rückgrat allen ex-situ gelagerten Materials.

Grobe Schätzungen besagen, dass 70 Prozent der Vielfalt für die wichtigsten Kulturarten konserviert wurde.[11] Jedoch hat man viele Arten nur noch sehr unvollständig sammeln und lagern können. Dieses trifft beispielsweise für Europa besonders auf Industriepflanzen (z.B. Lein und Hanf) und die dazugehörigen Hilfspflanzen (z.B. Weberkarde) und Färberpflanzen zu, die rapide an wirtschaftlicher Bedeutung verloren hatten, oder traditionelle Gemüsesorten, die nicht mit neu gezüchteten Sorten und Arten auf dem Markt konkurrieren konnten.[12]

Neben der Erhaltung von GREL außerhalb ihres natürlichen Umfeldes gibt es auch eine Erhaltung der Agrobiodiversität durch die Erhaltung der genetischen Resourcen in der Umgebung, in der vor allem Landwirte sie entwickelt haben und sie noch nutzen. Diese "in-situ-Erhaltung" schließt auch die Erhaltung von Ökosystemen und natürlichen Lebensräumen sowie die Wiederherstellung lebensfähiger Populationen von Arten und Rassen durch die Wiedereinführung in die landwirtschaftliche Nutzung mit ein.

Durch den Schutz der Wildpopulationen der heutigen Kulturarten sollen die wildwachsenden Formen und Vorläufer unsererKulturpflanzen an ihren natürlichen Standorten erhalten werden. Jedoch tritt diese Erhaltungsform bisher vorwiegend als Nebenprodukt der Erhaltungsmaßnahmen für wilde Flora und Ökosysteme auf.[13]

Neben dem generationsübergreifenden Existenz- und Vermächtniswert wird mit der Erhaltung der Wildpopulationen vor allem die - bisher bereits in Weizen, Reis und Gemüse bestätigte - Erwartung verbunden, dass der Genpool züchtungsrelevante Eigenschaften wie beispielsweise Toleranzen, Resistenzen und verbesserte Anpassungsfähigkeit an die bevorstehenden Klimaveränderungen aufweisen.[14] Auch wenn die Einkreuzung der Wildpopulationen in vorhandene Hochertragssorten eher kompliziert ist, wird die Bedeutung für die Zucht in naher Zukunft mit den (bio-) technologischen Möglichkeiten steigen.

So sehr die Wildformen eine Bedeutung für die zukünftige Zucht zur Anpassung an den Klimawandel haben werden, so sehr sind sie genau von diesem Klimawandel stärker betroffen als die Nutzpflanzen. Durch die klimatischen Veränderungen werden die Wildverwandten in immer engere Ökosysteme gedrängt und somit immer gefährdeter sein. Einer Studie zur Folge werden durch die klimatischen Veränderungen in den nächsten 50 Jahren beispielsweise bis zu 61 Prozent der Wildverwandten der Erdnuss sowie zwölf Prozent der 108 wilden Kartoffelverwandten aussterben. Als Reaktion auf diese Bedrohung werden nun verstärkt Förderprogramme zur Erhaltung und Nutzung der Wildverwandten entwickelt.

Eine weit größere Aufmerksamkeit hat die in-situ-Erhaltung von Nutzpflanzen und -tieren in den letzten 20 Jahren erhalten. Über Anreize wird versucht, traditionelle Sorten und Rassen wieder wettbewerbsfähig zu machen bzw. den Anbau durch Subventionen zu unterstützen und als "on-farm-Management" Erhaltungsprogramme zu etablieren. So werden Produktions- und Vermarktungsprogramme gefördert, um Produkte von zu wenig genutzten Nutzpflanzen und -tieren zu entwickeln und/oder einer größeren Käuferschicht durch Bewerbung näher zu bringen. Es wird auch der Versuch unternommen, die private Ernährungsindustrie für solche "Agrobiodiversitätsprodukte" zu interessieren.[15] So führte beispielsweise Werbung und ein marktstrategischer Ansatz mit der Förderung von Vermarktungsstrukturen für Kleinbauern in Kenia dazu, dass in Vergessenheit geratene indigene Gemüsearten zu einem Verkaufsschlager in den Supermärkten von Nairobi wurden und auf absehbare Zeit die tägliche Nachfrage nach indigenem Gemüse das Angebot um ein Vielfaches übersteigen wird.[16] Nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Europa sind bereits vergessene und dadurch vor dem Aussterben bedrohte Nutzpflanzen und -tiere durch geschickte Vermarktungsstrategien (u.a. durch die Produktspezifizierung über Herkunftsbezeichnungen, z.B. "Schwäbisch-Hällisches Landschwein") revitalisiert worden.[17]

Neben diesen gezielten Förderprogrammen sind es vor allem die Landwirte, die die GREL durch den Anbau von Landsorten und der Haltung von Nutztierrassen auf der Basis betriebsinterner Entscheidungen, besonders in den Regionen, in denen moderne, leistungsfähige Sorten und Rassen noch nicht Eingang gefunden haben, erhalten. Vor allem Kleinbauern und besonders Kleinbäuerinnen, sind sehr komplexen, risikoanfälligen (Umwelt-) Bedingungen ausgesetzt. Daher ist es nicht ihr Ziel, per se alte Sorten und Rassen zu erhalten, sondern es sind die am besten angepassten Sorten und Rassen, die das Überleben der Landwirte, ihrer Familien und ihres Betriebes sichern.[18] Auch bestimmen nachfragespezifische und haushaltseigene Nutzen die Sorten- bzw. Rassenwahl der Landwirte (z.B. Geschmack, Lagerungs- und Verarbeitungseigenschaften, Aussehen etc).


[10] Vgl. FAO (Anm. 2).
[11] Vgl. ebd.
[12] Vgl. ebd.
[13] Vgl. B.A. Meilleur/T. Hodgkin, In situ conservation of crop wild relatives: status and trends, in: Biodiversity and Conservation 13, Rome 2004, S. 663 - 684; H.H. Iltis/J.F. Doebley/R. Guzman/B. Pazy, Zea diploperennis (Graminae): A new teosinte from Mexico, in: Science, 203 (1979), S. 186 - 188.
[14] Vgl. Ruth Raymond, The value of wild relatives, in: Bioversity International: Geneflow. A Publication about Agricultural Biodiversity, Rome 2006. S. 24.
[15] Vgl. Dieter Nill, Privatwirtschaft und Schutz der Agrobiodiversität - kein Widerspruch. Themenblätter: People, Food and Biodiversity, GTZ, Eschborn 2007.
[16] Vgl. Detlef Virchow/Mel Oluoch/Mumbi Kimathi, Indigenous Vegetables in East Africa: Sorted out, forgotten, revitalized and successful! 5th International Symposium on New Crops and Uses: Their Role in a Rapidly Changing World, 3 - 4. September 2007, Southampton, UK 2007.
[17] Dieter Nill, Promoting the diversity of useful plants and animal breeds through marketing. The example of the Schwäbisch-Hällisches Landschwein pig, Issue Papers: People, Food and Biodiversity, GTZ, Eschborn 2007.
[18] Vgl. Wale Edilegnaw/Detlef Virchow, Crop diversity derived from farmers' motives in Ethiopia: Implications for on-farm conservation, in: Ethiopian Journal of Agricultural Economics, (2007).


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