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30.4.2008 | Von:
Detlef Virchow

Die Erhaltung der Agrobiodiversität

Der institutionelle Rahmen

Neben den Methoden zur Erhaltung der Agrobiodiversität und der Förderung der nachhaltigen Nutzung von GREL, hat sich in den letzten 20 Jahren ein institutioneller Rahmen zur Erhaltung und Nutzung der Agrobiodiversität konkretisiert. Obwohl der institutionelle Prozess zur Regelung des Tausches von genetischen Ressourcen bereits vor zirka 40 Jahren begonnen hat, kam es erst 1983 zur Unterzeichnung einer nicht rechtskräftigen politischen Willenserklärung von 107 Mitgliedsstaaten der FAO. Das so genannte International Undertaking on Plant Genetic Resources (IUPGR) regelte den freien Zugang zu und die Nutzung von PGREL. Es dokumentiert die bis dahin sehr freie Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten (Forschern, Züchtern aus privaten als auch öffentlichen Zuchtinstituten, lokaler und indigener Bevölkerung).[19]

Auch wenn das IUPGR bei Inkrafttreten der Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) in 2003 bereits zehn Jahre die Zusammenarbeit für die PGREL regelte, veränderte dieses Übereinkommen die institutionelle Landschaft. Die CBD ist das erste rechtlich bindende Instrument, das die Erhaltung der biologischen Vielfalt, deren nachhaltige Nutzung sowie den gerechten und ausgewogenen Vorteilsausgleich regelt.[20] Alle GREL fallen in den Geltungsbereich der CBD. Und da es deutliche Diskrepanzen zwischen dem IUPGR und der CBD gab, musste das IUPGR an die CBD angepasst werden.

Als ein Produkt dieser Harmonisierungsbestrebungen ist der globale Aktionsplan (Global Plan of Action for the Conservation and Sustainable Utilization of Plant Genetic Resources for Food and Agriculture) zu nennen. Dieser wurde 1996 während der 4. Internationalen Technischen Konferenz über pflanzengenetische Ressourcen in Leipzig von über 150 Ländern verabschiedet. Ziel dieses Aktionsplans ist es, die wesentlichen Aktionsfelder zur Erhaltung, nachhaltigen Nutzung und dem fairen und gerechten Vorteilsausgleich der PGREL zu beschreiben sowie institutionelle Kapazitäten sowie Programme für die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der PGREL zu stärken.[21] Viele Länder haben inzwischen einen nationalen Aktionsplan, der auf dem globalen Aktionsplan aufbaut, und die dort vorgegebenen Maßnahmen auf nationaler Ebene konkretisiert.[22]

Ein Weltzustandsbericht für die tiergenetischen Ressourcen, der auf der ersten Internationalen Technischen Konferenz über tiergenetische Ressourcen im September 2007 in Interlaken vorgestellt wurde, hat zu einem ähnlichen politischen Entwicklungsprozess im tiergenetischen Bereich und zu einem Globalen Aktionsplan für tiergenetische Ressourcen (Global Plan of Action for Animal Genetic Resources) geführt.[23]

Der Internationale Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture) ist das wichtigste Ergebnis der Harmonisierungsbestrebungen. Dieser Vertrag ersetzt das IUPGR und basiert auf dem in der CBD geklärten Grundsatz der nationalen Souveränität jedes Landes über die eigenen genetischen Ressourcen und dem Recht der Regierungen, den Zugang gesetzlich zu regeln. Im Jahr 2004 in Kraft getreten, wurde der Vertrag inzwischen von über 100 Staaten ratifiziert und ist für die Vertragsstaaten rechtlich bindend. Er regelt die Erhaltung von, den Zugang zu und die nachhaltige Nutzung von PGREL.[24] Weiterhin bestimmt der Vertrag den Vorteilsausgleich. Basierend auf der Tatsache, dass international eine große wechselseitige Abhängigkeit bei PGREL besteht und die meisten Nutzpflanzen heute weltweit verbreitet und Forschung und Pflanzenzüchtung auf die Verfügbarkeit solcher Ressourcen angewiesen sind, ist das multilaterale System für den erleichterten Zugang zu PGREL und für den gerechten Vorteilsausgleich, der sich aus der Nutzung solchen Materials ergibt, ein zentrales Element des Internationalen Vertrags. Durch den multilateralen Ansatz ist es jeder Vertragspartei möglich, Zugang zu allen PGREL aller anderen Vertragsparteien zu haben. Damit umgeht der Vertrag ein - wahrscheinlich sehr unüberschaubares - bilaterales System, in welchem alle Länder mit allen anderen Ländern bilaterale Verträge zur Nutzung und zum Vorteilsausgleich aushandeln müssten.

Schwachpunkt des Internationalen Vertrags ist, dass nur 35 Nutzpflanzenarten und 29Futterpflanzen und somit nicht alle weltweit genutzten Kulturarten darin eingeschlossen sind. Zwar enthält die im Vertrag aufgeführte Liste, die jederzeit theoretisch durch andere Nutzpflanzenarten ergänzt werden kann, die für die globale Ernährungssicherheit wichtigen Ressourcen wie Weizen, Gerste, Mais und Kartoffeln, aber Kulturpflanzen wie Soja und Tomate sind nicht aufgeführt und somit nicht Bestandteil des multilateralen Systems. Die (züchterische) Nutzung dieser Kulturpflanzen müssen in noch nicht entwickelten bilateralen Systemen zwischen Nutzern der PGREL und Anbietern geregelt werden.

Global Crop Diversity Trust: Der Welttreuhandfonds für die Kulturpflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust) ist eine unabhängige internationale Organisation, die das Ziel hat, die genetische Vielfalt der Kulturpflanzen und ihrer Sorten ex-situ dauerhaft zu erhalten und für die zukünftige Nutzung bereitzustellen.[25] Diese Stiftung ist das jüngste Instrument zur Erhaltung und nachhaltiger Nutzung der Agrobiodiversität. In 2005 als Gemeinschaftsunternehmen der FAO und der Konsultativgruppe für internationale landwirtschaftliche Forschung (Consultative Group on International Agricultural Research - CGIAR) gegründet, ist es 2006 bereits vom Führungsgremium des International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture als wesentliches Element der Erhaltungsstrategie und als eigenständige Organisation anerkannt worden. Inzwischen hat die Stiftung durch Fundraising bei zahlreichen Staaten, Organisationen und Unternehmen bereits Zusagen von ca. 136 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln für seine Ziele erhalten und strebt ein Stiftungskapital von ca. 260 Millionen US-Dollar an. Vor allem sollen existierende regionale ex-situ-Erhaltungseinrichtungen (inkl. Genbanken) gestärkt werden. Diese leiden häufig unter Geldmangel oder liegen in Krisengebieten und sind dementsprechend als Sicherungslager für die GREL nicht geeignet.


[19] Vgl. FAO, International Undertaking on Plant Genetic Resources, Rome 1993.
[20] Vgl. UNEP (United Nations Environment Programme), Convention on Biological Diversity. Text and Annexes, Interim Secretariat for the Convention on Biological Diversity, Geneva Executive Center, Geneva 1994.
[21] Vgl. FAO, Global Plan of Action for the Conservation and Sustainable Utilization of Plant Genetic Resources for Food and Agriculture and the Leipzig Declaration, Rome 1996.
[22] Vgl. Margarita Baena, Lessons learned from implementing the Global Plan of Action, in: Bioversity International: Geneflow. A Publication about Agricultural Biodiversity, Rome 2006, S. 57.
[23] Vgl. FAO, Report of the International Technical Conference on Animal Genetic Resources for Food and Agriculture, Rome 2007.
[24] Vgl. FAO, International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture, Rome 2001.
[25] Vgl. Global Crop Diversity Trust, in:
www.crop trust.org/main/ (3. 12. 2007).


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