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Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.4.2008 | Von:
Katrin Vohland, Ulrike Doyle, Wolfgang Cramer

Einfluss von Klimaveränderungen auf die Biodiversität

Klimabedingte Veränderungen von Biodiversität für Menschen?

Landwirtschaftliche Nutzungssysteme - In der Landwirtschaft lassen sich zwei gegenläufige Trends aufgrund des Klimawandels beobachten. Einerseits erhöhen sich die Erträge, da sich die Vegetationsperiode verlängert hat und der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre wachstumsfördernd wirkt - allerdings teilweise mit geringeren Qualitäten in Bezug auf die Inhaltsstoffe wie z.B. Eiweiß.[6] Andererseits haben insbesondere im Obstbau aufgrund der Kombination von früherem Austrieb und späten Frösten sowie aufgrund vermehrter Unwetter mit Hagel und Sturm Schäden zugenommen.[7]

Auch die Auswirkungen auf Krankheiten und Schädlinge sind ambivalent. Auf der einen Seite kommen wärmeliebende Schädlinge wie der Maisbohrer nach Deutschland, andererseits verlängern sich gerade im Sommer regional die Trockenzeiten, was Pilzkrankheiten begrenzen könnte.

Forstwirtschaft - Die Forstwirtschaft mit den langen Umtriebszeiten hat bereits begonnen, sich auf den Klimawandel einzustellen - mit sehr unterschiedlichen Strategien: Die einen befürworten die Rückkehr zu einem standortgerechten naturnahen Wald, der in Deutschland im Allgemeinen hohe Anteile an Buche, Eiche und Linde aufweist. Andere präferieren exotische Arten wie z.B. Douglasie oder Robinie, die von Naturschützern als gebietsfremde Arten mit teilweise hohem invasorischen Potential abgelehnt werden. Auch speziell gezüchtete, eventuell auch mit Unterstützung der Gentechnik entwickelte Varietäten, die trockentolerant sind, werden in Betracht gezogen.

Zielführender ist es jedoch, mikroevolutive, d.h. auf die Umwelt reagierende Anpassungsprozesse zu unterstützen. Das allerdings setzt eine hohe natürliche Varianz voraus, wie sie durch den Anbau lokaler und genetisch breiter Varietäten erreicht werden kann, und eben nicht durch Gentechnik, da Populationen aus gentechnisch veränderten Pflanzen nur ein eingeengtes genetisches Spektrum besitzen.

Gesundheit - Einige der neu einwandernden Arten können ein gesundheitliches Problem darstellen. So wirkt der Korbblüter Ambrosia allergen auf Menschen. Einige Bundesländer wie z.B. Baden-Württemberg haben daher bereits größere Programme zur Eindämmung dieser Pflanze gestartet. Problematisch ist auch die Etablierung der Tigermücke, da diese schwer heilbare Krankheiten wie z.B. das Chikungunya- und Dengue-Fieber überträgt.

Naturschutz - Der Klimawandel stellt neue Anforderungen an den Naturschutz. Der Lebensraum von Arten ist bereits durch Verringerung der Habitatfläche, Landschaftsfragmentierung sowie durch großräumige Verschmutzung stark eingeschränkt. Seit der Industrialisierung sind mehr Arten ausgestorben als in den Jahrhunderten davor. Zur Sicherung der genetischen Vielfalt und Anpassungskapazität von Ökosystemen sind große und möglichst naturnahe Schutzgebiete nötig, die in Deutschland letztlich eine Form von Wald darstellen würden. Andererseits ist gerade der deutsche Naturschutz eng mit dem Erhalt einer offenen Kulturlandschaft verbunden. Die Herausforderung besteht darin, sich so über Auswahl und Management der Flächen zu einigen, dass beides möglich ist. Außerdem sollte ein modernes Naturschutzkonzept neben den Schutzgebieten auch die ganze -meist landwirtschaftlich bewirtschaftete - Landschaft einbeziehen, damit auch diese wieder zunehmend Lebensraum für Tiere und Pflanzen sein kann - einschließlich der Tiere und Pflanzen, die in den kommenden Jahren aus wärmeren Regionen zuwandern werden.

Emissionsminderung durch Schutz von Biodiversität

Ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen resultiert aus Landnutzungsänderungen, also der Umwandlung natürlicher Vegetation in Holzplantagen, Ackerland, Grünland auf entwässerten Moorböden und Siedlungen. Dabei wird nicht nur der Kohlenstoff freigesetzt, der in der Vegetation gespeichert ist, sondern auch derjenige aus dem Boden. Insbesondere in Wäldern auf großen Torflagen wie z.B. in Indonesien, führt die Abholzung zur Emission gigantischer Mengen an Kohlendioxid. Während Wald und Grünland auf mineralischen Böden Kohlenstoff aufnehmen, bildet Ackerland in aller Regel eine Kohlenstoffquelle. Gesucht werden daher Naturschutzansätze, die auch für die Regelung des Kohlenstoffkreislaufes positive Aspekte haben.

Waldschutz - Der tropische Waldgürtel, der als regionaler Klimaregulator fungiert, ist reich an Arten und speichert große Mengen an Kohlendioxid. Der Schutz dieser Wälder in Amazonien, West- und Zentralafrika oder Südostasien würde die Einbringung zusätzlicher Emissionen in die Atmosphäre vermeiden und zugleich den Reichtum an genetischer Vielfalt, Arten und Funktionen erhalten. Letzteres könnte man als "Rückversicherung" gegen die Folgen des Klimawandels betrachten. Die entsprechenden Länder profitieren jedoch kaum direkt vom Schutz der Wälder, große Flächen dienen der landwirtschaftlichen Produktion. Eine extreme Dynamik der Abholzungsraten entwickelte sich in den letzten Jahren, denn zusätzlich zur Sicherung der Ernährung einer global wachsenden und zunehmend anspruchsvollen Bevölkerung schlägt auch die Produktion von Biomasse zu energetischen Zwecken immer stärker zu Buche. Neben Zuckerrohr spielt in Brasilien vor allem Soja eine große Rolle, dessen Anbau von Süden her den tropischen Regenwald zerstört. In Indonesien ist es insbesondere die Anlage von Ölpalmenplantagen, die dazu führen, dass die Wälder zerstört werden, während im Kongo auch die kriegerischen Auseinandersetzungen dazu beitragen.

Verschiedene Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen, politische Institutionen und einige Länder wie z.B. Costa Rica, Ecuador oder Brasilien diskutieren daher seit Jahren über Vorschläge, die Länder beim Schutz der tropischen Regenwälder finanziell zu unterstützen und die Kosten - auch Verluste aufgrund der Nichtausbeutung - auf die globale Weltgemeinschaft umzulegen. Dabei gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. Eine Möglichkeit wäre (gewesen), nicht nur die Aufforstung als Kohlenstoffsenke, sondern auch die vermiedene Entwaldung als Kohlenstoffsenke im Rahmen des Kyoto-Protokolls anzuerkennen und über so genannte CD-Mechanismen[8] zu finanzieren. Zur Zeit sind es vor allem einzelne Projekte und Institutionen, die sich der Vermeidung von Emissionen aus (unterlassener) Abholzung widmen.

Bei der Ausgestaltung eines Kyoto-Folgeabkommens und auch bei den strategischen Überlegungen für einen globalen Emissionshandel mit gleich verteilten Verschmutzungsrechten muss der Schutz von Biodiversität mit berücksichtigt werden. Auch die anderen beiden Ziele der Biodiversitätskonvention - Nutzung und gerechter Zugang - können unmöglich erreicht werden, wenn der noch vorhandene Reichtum der Wälder durch Monokulturen ersetzt wird, die finanziell von einigen transnationalen Konzernen ausgebeutet werden.

Moorschutz - Moore sind Lebensraum für eine Reihe von speziell angepassten Tieren und Pflanzen, darunter seltene Säugetiere, aber auch Malariamücken. In Europa sind die meisten Moore entwässert und urbar gemacht worden. Heute entdeckt man neben den speziellen Arten auch wieder, welche Funktion Moore in der Landschaft als Puffer übernehmen können - zum einen als Temperaturpuffer, da der große Wasserkörper dämpfend auf Extreme reagiert, und als Puffer für Überflutungen und Trockenzeiten, da der große Torfkörper wie ein Schwamm wirkt. Zugleich heißt Moorschutz aber auch die Wiedervernässung von Mooren, denn gestörte - entwässerte - Moore sind eine Kohlenstoffquelle, während ungestörte Moore Kohlenstoff binden und trotz geringer Methan-Emissionen nahezu klimaneutral sind.[9]

Ökologischer Landbau - Die Emissionen direkt aus der Landwirtschaft tragen mit ca. zehn Prozent zu globalen Treibhausgasemissionen bei. Hier spielen insbesondere Emissionen aus dem Nassreisanbau sowie die Tierhaltung eine Rolle. Aber auch der Einsatz von Stickstoffdünger wirkt sich negativ auf die Treibhausgasbilanzen aus. Eine stärker ökologisch orientierte Landwirtschaft kann die negativen Folgen der Bodennutzung mildern. Auch die Anbaumethoden selbst haben einen Einfluss auf die Kohlenstoffbilanzen. Bodenkonservierende Verfahren (pfluglose Bodenbearbeitung, mulchen etc.) erhöhen die Bodenspeicherkapazität für Kohlenstoff und unterstützen eine funktionale und reiche Bodenfauna (Regenwürmer etc.).

Energiequelle Biomasse - Die Biomasse kann im Rahmen des Klimaschutzes eine unterstützende Rolle spielen, aber sie ist keine unerschöpfliche Ressource. Eine Zehn-Prozent-Substitution von herkömmlichen fossilen Kraftstoffen bräuchte 38 Prozent des Ackerlandes der EU und sogar 43 Prozent des Ackerlandes der USA.[10]

So können bis 2030 nur etwa 10 Prozent des Primärenergieverbrauchs in Deutschland durch hier angebaute Biomasse abgedeckt werden, wenn dabei Umwelt- und Naturschutzgesichtspunkte angemessen berücksichtigt werden. Weltweit ist durch den Ausbau der nachwachsenden Rohstoffe mit einem vermehrten Düngemittel- und Pestizideinsatz und einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft zu rechnen. Risiken ergeben sich auch aus der mit dem Klimawandel verbundenen lokalen Wasserknappheit. Weiterhin müssen auch die negativen Klimafolgen von Landnutzungsänderungen infolge von Biomasseanbau und der Freisetzung hochwirksamer Klimagase wie Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft systematisch in Betracht gezogen werden.[11] In integrierten Systemen mit mehrjährigen Pflanzen können unter der Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien jedoch auch Verbesserungen im Bodenkohlenstoffgehalt oder der Landschaftsstrukturierung erreicht werden.[12]


[6] Vgl. Ned Stafford, The other greenhouse effect, in: Nature, 448 (2007) 2, S. 526 - 528.
[7] Vgl. Geschäftsbereich des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft, Klimawandel in Sachsen. Sachstand und Ausblick, Dresden 2005, Kap. 6.
[8] Der Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (CDM = Clean Development Mechanism) ist im Kyoto Protokoll als eines der flexiblen finanziellen Instrumente aufgeführt, um Investitionen möglichst effektiv zum Erreichen der Reduktionsziele einzusetzen. Dabei können Länder des Anhangs B des Kyoto-Protokolls carbon credits in anderen Ländern einkaufen, also dort über Investitionen die Treibhausgasemissionen mindern. Ein erhoffter Nebeneffekt hierbei ist der Technologietransfer in Entwicklungsländer.
[9] Vgl. Ivan A. Janssens u.a., The carbon budget of terrestrial ecosystems at country-scale - a European case study, in: Biogeosciences, (2005) 2, S. 15 - 26.
[10] Vgl. Renton Righelato/Dominick V. Spracklen, Carbon mitigation by biofuels or by saving and restoring forests?, in: Science, 317 (2007), S. 902.
[11] Vgl. Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), Klimaschutz durch Biomasse. Sondergutachten, Berlin 2007.
[12] Vgl. Ulrike Doyle/Katrin Vohland/Joachim Rock/Kolja Schümann/Michael Ristow, Nachwachsende Rohstoffe - eine Einschätzung aus Sicht des Naturschutzes, in: Natur und Landschaft, 12 (2007), S.529-535.


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