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Dossierbild Hochwasser

30.3.2009 | Von:
Winfried Lücking

Das Gesicht der Flüsse im Wandel

Problem Verkehr

Von all diesen Baumaßnahmen hat die Binnenschifffahrt stets profitiert. Die bestehende Konkurrenz zwischen den Verkehrsträgern Schiff und Bahn war und ist außerdem immer wieder Anlass, die Flüsse für noch größere Schiffe auszubauen. Verlagerungen von der Straße aufs Schiff finden kaum statt, in Richtung Bahn sind sie aber durchaus relevant. Obwohl der Güterverkehr rasant wächst, nimmt der Anteil der Binnenschifffahrt trotz großer millionenschwerer Flussausbauprogramme weiter ab. Über 80 Prozent des gesamten Gütertransportes der Binnenschifffahrt findet auf dem Rhein statt. Auf Elbe, Donau und Oder ist der Verkehr dazu im Vergleich minimal.

Trotzdem gibt es für diese Flussgebiete große nationale Ausbauprogramme, die größtenteils durch die EU unterstützt werden. Zur Verwirklichung eines einheitlichen Binnenmarktes hat sie den Aufbau von vereinheitlichten transeuropäischen Netzen zum Ausbau der Infrastruktur verabschiedet, dem so genannten TEN (Trans-European Networks), das bis zum Jahr 2010 fertiggestellt sein soll. Das Netz der Flüsse als Wasserstraßen reicht vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer. Um den Wettbewerb zu den anderen Verkehrsträgern zu sichern, wurde als Einheitsmaß für die Wasserstraßen eine Schiffsgröße aus der Klasse der großen Rheinschiffe, das so genannte Großmotorgüterschiff, gewählt. Demnach müssen alle ausgewiesenen Flüsse, die kleiner sind als der Rhein, diesen Schiffsgrößen angepasst werden.

Sollte dies wirklich in aller Konsequenz so umgesetzt werden, würden viele kleine Flüsse, vor allem im osteuropäischen Raum, und auch die Donau auf einer Strecke von über 1.000 Kilometern durch den Ausbau ökologisch stark geschädigt bis zerstört werden. Auch die Seeschifffahrt ist in starkem Maße beteiligt. Für größere Containerschiffe müssen die Flussmündungen von Weser, Elbe und Ems immer tiefer ausgebaggert werden.

Hochwasser als Folge menschlicher Aktivitäten

Um die Gefahren des Hochwassers zu bannen, wurde die Idee geboren, das Wasser möglichst schnell abfließen zu lassen. Das führte zu engen Eindeichungen und starken Verkürzungen der Flussläufe. Den Flüssen wurden bis zu 85 Prozent ihrer Überflutungsräume und teils bis zu 120 Kilometer ihrer Länge genommen. Wenn aber dem Fluss weniger Raum für das Wasser in der Fläche zur Verfügung steht, steigt es umso mehr in die Höhe. Wenn ihm außerdem weniger Zeit zur Verfügung steht, eine Landschaft zu durchströmen, kann auch weniger Wasser im Boden versickern und es befindet sich mehr Wasser in den Flüssen. Dieser Effekt wird noch überlagert mit den Hochwassern der Nebenflüsse, die früher zeitlich versetzt in den Hauptströmen ankamen und sich dort nun überlagern.

Abflussganglinien bei gleichem Niederschlag, unter­schiedlichem Versiegelungsgrad (0-40 %), Einzugsgebiet 20 qkm. Quelle: Hütte, Michael, Ökologie und Wasserbau, Berlin 2000Abflussganglinien bei gleichem Niederschlag, unter­schiedlichem Versiegelungsgrad (0-40 %), Einzugsgebiet 20 qkm. Quelle: Hütte, Michael, Ökologie und Wasserbau, Berlin 2000
Wasserrückhaltefunktionen verringerten sich, da Moore und Sümpfe trockengelegt wurden und Nadelgehölze die Laubwälder verdrängten, was die Rückhaltefähigkeiten der Waldböden negativ beeinflusste. Die Landschaft wurde und wird immer mehr versiegelt und großflächiger Maschineneinsatz in der Landwirtschaft verdichtet die Böden, in denen so weniger Wasser versickern kann. Damit stieg die Hochwassergefahr, die man zu bannen glaubte. Die Antwort war der Einsatz von immer mehr technischem Hochwasserschutz: höhere Deiche und zusätzliche größere Staudämme. Dass Deichbau für die Anwohner nur eine Sicherheit suggeriert, die nicht der Wirklichkeit entspricht, zeigte das Hochwasser an der Elbe 2006: Nach sechs Wochen Dauer durchweichten selbst die neu angelegten Deiche und waren somit in ihrer Standsicherheit gefährdet.

"Hot Spots" der Artenvielfalt erhalten

Noch immer dreht man an den falschen Schrauben und setzt die Erkenntnisse aus diesen Ereignissen nicht in ein Ressourcen bewahrendes Handeln um. Wasser muss verstärkt in der Landschaft zurückgehalten werden und Flüsse brauchen mehr Raum, der ihnen nur durch Rückdeichung verlorengegangener Auen wieder zurückgegeben werden kann. Der nach wie vor starke Nutzungsdruck auf die Flusslandschaften, als auch die föderale Struktur der Bundesrepublik mit ihren unterschiedlichen Zuständigkeiten verhinderte bisher eine Veränderung im Umgang mit dem Hochwasserschutz. Daran konnte weder das deutsche Hochwasserartikelgesetz (2005) noch die neue EU-Hochwasserrichtlinie (2007) etwas ändern.

Die Wahrnehmung der immensen Bedeutung von Flusslandschaften für das Leben auf diesem Planeten hat einige positive Projekte hervorgebracht, um die natürlichen Ressourcen zu erhalten oder wiederherzustellen. Beispiele sind der Auennationalpark Unteres Odertal, die Ausweisung des 400 Kilometer langen UNESCO Biosphärenreservats an der Elbe und vieler flussbegleitender Naturschutzgebiete an allen Flüssen in Deutschland und der EU. Die Auen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Sie beheimaten über 60 Prozent der hiesigen Arten und sind von daher für uns durchaus vergleichbar mit der Bedeutung der tropischen Regenwälder. Da sie nur noch 5 – 8 Prozent der gesamten Fläche Deutschlands ausmachen, können sie durchaus als die "Hot Spots" der Biodiversität bezeichnet werden und müssten entsprechend streng geschützt werden.

EU-Recht bietet Chancen

Die von der EU eingesetzten Wasserrahmenrichtlinien geben die Möglichkeit, die Sünden der Vergangenheit einigermaßen zu korrigieren. Das Ziel, bis 2015 für alle Gewässer einen guten ökologischen Zustand zu erreichen, ist zukunftsweisend, auch wenn die Umsetzung von vielen Schwierigkeiten begleitet wird.

Der Nutzungsdruck auf die Flüsse ist nach wie vor stark. Um unsere Lebensgrundlage zu wahren, müssen die Flüsse vor weiterer Zerstörung geschützt werden. Dazu bedarf es einer integrierten Flusspolitik, in die alle Betroffenen und Nutzer einbezogen werden. Dabei muss auch die bisherige gewohnheitsmäßige Nutzung als solche hinterfragt werden, denn es hat keinen Sinn mehr, auf jedem Fluss Güterschifffahrt zu betreiben oder Wasserkraftwerke zu installieren. Was die Wasserrahmenrichtlinie als wegweisendes Ziel vorgibt, sollte nicht durch Lobbyansprüche durchsiebt, sondern durch Visionen erfüllt werden.

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