Afrika

20.5.2005 | Von:

Sprachen und Kulturen

Verhältnis von Politik und Religion

Die Iranische Revolution von 1979 und die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat durch die islamistische Jihad-Gruppe im Jahre 1981 ließen eine Kontroverse neu aufleben, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts erbittert geführt worden war. Arabische Denker und Intellektuelle waren sich erneut uneins über die gesellschaftliche Stellung des Islam und die Bedeutung moderner westlicher Politikmodelle für den arabisch-islamischen Raum.

Vor allem die Werke der ägyptischen Gelehrten Rifa'a at-Tahtawi und Ali Mubarak in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in denen eine an den Maximen der europäischen Aufklärung orientierte Modernisierung der Gesellschaft propagiert wurde, hatten maßgeblich zur Entstehung der arabischen Kontroverse über Säkularisierung beigetragen. Denn die damit verbundene Leitidee der Trennung von Politik und Religion provozierte eine religiöse Reaktion seitens der damals neu gegründeten islamischen Reformschule um Gamal ad-Din al-Afghani, Muhammed Abdu und Rashid Rida, in deren Rahmen der Versuch unternommen wurde, Grundzüge eines zeitgemäßen Gesellschaftsprojekts in Einklang mit dem Islam zu entwerfen. Ziel der Reformer war es, unter Bewahrung religiöser Bestimmungen der arabischen Welt zu einem neuen Sprung in Richtung Zukunft zu verhelfen, um ihre Stagnation zu beenden und gegen die sich anbahnende Verwestlichung anzukämpfen.

Jedoch wurde die gesellschaftliche Bedeutung jener Kontroverse erst im Zuge der Umwälzungen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sichtbar. Der Zerfall des Osmanischen Khalifats, der Aufstieg moderner Nationalismen und die Bildung weltlicher Politikmodelle in mehreren arabischen Ländern – wie etwa die Etablierung konstitutioneller Monarchien und moderner Verfassungen in Ägypten und im Irak – verliehen den inzwischen zugespitzten Auseinandersetzungen unter den Intellektuellen politische und regionale Brisanz. Die fortgeschrittene Polarisierung zwischen weltlichen und religiösen Staatsauffassungen beschleunigte die Ausdehnung von säkularen Parteien (liberaler, sozialistischer und kommunistischer Prägung) und von islamistischen Bewegungen im arabischen Raum. Für letztere diente die Entstehung der ägyptischen Muslimbruderschaft, einer radikalen religiösen Organisation, die die Verwirklichung einer islamischen Gesellschafts- und Politikordnung anstrebte, als Musterbeispiel.

Der moderne Nationalstaat beerbte den säkular-religiösen Konflikt und war, vor allem in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bemüht, ihn durch eine forcierte Trennung von Politik und Islam zu beseitigen. Jedoch markierten das im Laufe der siebziger Jahre sichtbar gewordene Scheitern der säkularen Entwicklungsexperimente (wichtige Indikatoren in diesem Zusammenhang waren die wirtschaftlichen Krisen und die politischen Unruhen) und der regionale Aufstieg radikaler islamistischer Kräfte (wie beispielsweise der Jihad-Gruppe in Ägypten sowie der Hamas-Bewegung in den palästinensischen Gebieten und Jordanien) den Anbruch eines neuen Zeitalters, in dem das nationalstaatliche Gesellschafts- und Politikverständnis kritisch hinterfragt wird.

Zwei Hauptströmungen bildeten sich: Eine säkulare, deren Vertreter für einen vollständigen Ausschluss der Religion aus der Politiksphäre eintraten, und eine religiöse, die auf der Errichtung eines an den Prinzipien der Scharia orientierten Staates basierte. In beiden Lagern bilden die Begriffe "Demokratie" und "Demokratisierung", obgleich unterschiedlich akzentuiert, den Kern der jeweiligen politischen Zielvorstellung.

Säkularisierungsprozesse

Säkulare Denker deuten die historische Erfahrung des arabischen Raumes als eine Geschichte der despotischen Herrschaft im Namen des Islam. Der syrische Historiker und Islamwissenschaftler Aziz al-Azmeh behauptet beispielsweise, dass die arabische Welt das moderne Zeitalter erst mit der Ankunft der europäischen Kolonialmächte im 19. Jahrhundert betreten habe. Die koloniale Verwaltung und die säkularen Eliten der jeweiligen nationalen Befreiungsbewegungen, so al-Azmeh, emanzipierten die arabischen Gesellschaften von der Vorherrschaft der religiösen und ethnischen Ordnung. Sie initiierten eine neue Phase in der politischen Organisation der Gesellschaft, die fortan auf den zeitgemäßen Prinzipien der Staatsbürgerschaft und der gleichen Bürgerrechte für alle beruhen sollte. Dem klassischen islamischen Gesellschafts- und Politikverständnis bescheinigt al-Azmeh, historisch veraltet, kulturell primitiv und gesellschaftlich belanglos geworden zu sein. Es könne deshalb weder den gesellschaftlichen Wandel erklären, noch als Ordnungsprinzip einer modernen Politik fungieren.

Der ägyptische Politologe Mustafa Kamil as-Sayyid setzt einen anderen Akzent in der säkularen Betrachtungsweise. Er lehnt es ab, die Dominanz der totalitären Herrschaft in der arabischen Geschichte nur anhand einer Theorie der "orientalischen Despotie" zu erklären. Statt dessen hebt er bestimmte sozio-ökonomische Faktoren und strukturelle Gegebenheiten der arabischen Länder hervor, die der Entwicklung von Demokratie entgegen gestanden haben. So konnte sich zum Beispiel im Spätmittelalter nur schwerlich eine Mittelschicht entwickeln, die Organisation der familiären Sphäre und der Produktionsstätten basierte auf einer patriarchalen Ordnung und das Bildungssystem war geprägt von traditionsverhafteten und autoritären Strukturen. As-Sayyid wirft aber auch den islamischen Instanzen vor, den Absolutismus mittels religiös verfasster Traditionen (Gehorsamkeit und Loyalität gegenüber dem Herrscher) legitimiert zu haben. Demnach eignen sich für ihn weder die auf den Islam gestützten traditionellen Formen der Partizipation, wie zum Beispiel die Gilden und das religiöse Stiftungswesen, noch das religiöse Denken unserer Zeit für die Formierung einer demokratischen Politiksphäre.

Die seit dem 19. Jahrhundert einsetzenden Modernisierungsprozesse führten tatsächlich zur Hinterfragung des islamischen Weltbildes. Sie zogen eine ökonomische, politische und kulturelle Ausdifferenzierung der Gesellschaftsstrukturen in den arabischen Ländern nach sich. Die gegenwärtige Krise des politischen und gesellschaftlichen Systems im arabischen Raum und die seit den achtziger Jahren anhaltende Welle der Islamisierung können im Rahmen der säkularen Betrachtungsweise als zwei Seiten einer Medaille verstanden werden: Die neuen Nationalstaaten versäumten, Säkularisierung und Demokratisierung zu fördern. Im Gegenteil, der vorgeblich säkulare Staat bediente sich sogar immer wieder einer religiösen Legitimation und ermöglichte damit erst das Erstarken islamistischer Gruppierungen.

Reislamisierung der Politik

Die Vertreter der islamistischen Strömungen wenden sich vehement gegen die politische und intellektuelle Verbannung des Islam aus der modernen Politiksphäre. Der Kairoer Politologe Saif ad-Din Abd al-Fattah Ismail weist beispielsweise die universale Übertragbarkeit westlicher säkularer Konzepte und Theorien gänzlich zurück und hebt die historische und kulturelle Besonderheit des arabischen Raumes hervor, welche auf der Zentralität des Islam beruht. Ismail zufolge zog die Entstehung des modernen Nationalstaates im 19. und 20. Jahrhundert in den meisten arabischen Ländern das Ende der in seinen Augen freiheitlichen, religiös geprägten Gesellschaftsordnung nach sich. Denn unter dem Einfluss westlicher Entwicklungsmodelle zerschlugen die neuen Eliten die traditionellen Vermittlungsinstanzen zwischen dem Herrscher und dem Volk – wie beispielsweise die Gelehrtenverbände und die religiösen Gerichte – und entwickelten eine totalitäre Ordnung, welche die bis in die Gegenwart anhaltende Stagnation zu verantworten habe.

In diesem geistigen Horizont definiert der tunesische Gelehrte Raschid al-Ganuschi das Massenphänomen Islamismus als die "Summe der individuellen und kollektiven Bemühungen, die von zahlreichen gläubigen Männern und Frauen eingeleitet werden, um die Muslime zu ihrem barmherzigen Gott zurückzuführen". Basierend auf dem Islam als einzig wahrer Orientierungsquelle fühlen sich die Islamisten berufen, mittels einer gesetzlichen und erzieherischen Reform einen Prozess der Reislamisierung in allen Lebensbereichen anzustoßen. Dadurch soll die Verwirklichung eines an den religiösen Prinzipien ausgerichteten Politik- und Gesellschaftsmodells ermöglicht werden.

Insbesondere moderate Islamisten sind hierbei bemüht, authentische Äquivalente für das säkulare Demokratieverständnis zu formulieren. Ein wichtiges Konzept in diesem Zusammenhang stellt das Prinzip der Ratsversammlung (arabisch: Schura) dar, welches sowohl in den religiösen Überlieferungen als auch in der historischen Erfahrung einiger arabischer Gesellschaften verankert ist.

Bleibt am Ende anzumerken, dass sich die Anzeichen eines möglichen Konsenses zwischen den säkularen und religiösen Kräften in einigen arabischen Ländern (zum Beispiel Marokko und Ägypten) zunehmend verdichten. Dies beruht einerseits auf der Akzeptanz des politischen Pluralismus seitens der Islamisten und andererseits auf der Anerkennung der Bedeutsamkeit des Islam bei der demokratischen Gestaltung der Politik im säkularen Lager. Die Frage, ob diese Entwicklung zur Überwindung der Säkularisierungskontroverse und zur Artikulierung eines zeitgemäßen arabischen Politikmodells führen wird, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt, vor allem angesichts der gesamtregionalen Instabilität, nicht beantwortet werden.


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