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Afrika

20.5.2005 | Von:
Roman Loimeier

Der Islam im subsaharischen Afrika

So kam es im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts in zahlreichen subsaharischen Ländern Afrikas zu einer Reihe religiös legitimierter Aufstände gegen bestehende und zunehmend als willkürlich empfundene Herrschaftsverhältnisse, gegen Sklavenhandel und gegen die Ausbeutung insbesondere der Bauern und Händler.[5] Die islamischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts führten in der Folge zur Konversion von vom Islam bis dahin kaum berührten Bevölkerungsgruppierungen. Im Kontext dieser dschihâd-Bewegungen kam es aber auch zur Errichtung neuer Staaten wie des Sokoto-Reichs, die, zum ersten Mal in der Geschichte muslimischer Gesellschaften des subsaharischen Afrika, von religiösen Gelehrten geführt wurden, die nun versuchten, ihre neugewonnene Macht mit Bezug auf den Islam zu legitimieren. In der Folge wurde der Islam zur faktisch alleinigen Legitimationsgrundlage der neuen islamischen Gelehrtenstaaten des subsaharischen Afrika. Diese Instrumentalisierung des Islam für die Legitimation der Macht der Gelehrten erfolgte im Imamat Masina wie auch im Sokoto-Kalifat, im Staat von al-Hâdsch `Umar Tal wie auch in zahlreichen kleineren Imamaten im senegambischen Raum, im Reich des Mahdî im Sudan oder in der dschamâ`a von Sayyid Muhammad `Abdille Hassan in Somalia. Mit dem Sieg der religiösen Gelehrten wurde aber nicht nur der Islam in einer Reihe afrikanischer Staaten zur Grundlage der Herrschaftslegitimation, es begann auch eine neue Runde in der Dialektik von Machtausübung, Widerstand, Opposition und Rebellion.

Die sozialen, politischen und religiösen Transformationsprozesse des 18. und 19. Jahrhunderts, die häufig mit der Frage verbunden waren, wer für alle Muslime sprechen könne und zu Rechtleitung (irschâd) berechtigt sei, als auch die Prozesse der Konversion zum Islam, die in den dschihâd-Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts eine quasi staatliche Förderung erfahren hatten, setzten sich in zahlreichen Regionen des subsaharischen Afrika in der Kolonialzeit fort. In dieser Zeit, etwa zwischen 1890 und 1960, wurde der Islam nämlich häufig (aber nicht immer) als eine Ideologie des Widerstandes gegen die christlich-europäischen (meist britischen und französischen) Kolonialherren angesehen. In der Kolonialzeit gerieten die Muslime in vielen afrikanischen Gesellschaften jedoch auch in eine schwere gesellschaftliche Krise, weil die Modernisierungsprozesse des 20. Jahrhunderts eine stark säkularisierende Wirkung hatten und zudem häufig mit europäisch/westlichen und christlichen Einflussnahmen verbunden waren (und sind). In vielen afrikanischen kolonialen Territorien und postkolonialen Staaten verloren die Muslime auf Grund kolonialer Grenzziehungen zudem ihre bis dahin dominierende gesellschaftliche und politische Rolle (Nigeria), in einigen Staaten (Tansania und Kenia) wurden sie sogar zu Minderheiten in von Christen dominierten Staatswesen.

Im Kontext der Modernisierungskrisen des 20. Jahrhunderts entwickelten sich daher in vielen Teilen Afrikas islamische Reformbewegungen, die sich um eine erneute Reform der unterschiedlichen islamischen Gemeinden und Gemeinschaften bemühten. Dabei bezogen sie sich häufig auf nordafrikanische und arabische, aber auch indo-pakistanische Reformtraditionen wie etwa die von Muhammad `Abduh geprägte Salafîya, die Bewegung der ursprünglich ägyptischen Ikhwân al-Muslimîn (Muslimbrüder), die saudi-arabische Wahhâbîya oder die Schriften von Gelehrten wie Sayyid Qutb und Abû l-A`l'a al-Maudûdî. Auch im Rahmen der jüngeren Reformbewegungen wurden somit spezifische und zum Teil recht moderne Interpretationen des Bezugsrahmen Islam bemüht, um bestehende Konzeptionen islamischer Gemeinschaftlichkeit zu diskreditieren und neue Ansprüche auf Rechtleitung zu etablieren. Auseinandersetzungen in muslimischen Gesellschaften waren daher auch im 20. Jahrhundert häufig Auseinandersetzungen unter den Muslimen selbst, in denen es um unterschiedliche Interpretationen des Bezugsrahmens Islam ging, mit deren Hilfe in der Regel Ansprüche auf die religiöse Deutungshegemonie, aber natürlich auch auf politische Führung durchgesetzt werden sollten.

Doch auch die jüngeren islamischen Reformbewegungen Afrikas bilden kein einheitliches Bild, und die Entwicklung islamischer Reformbewegungen hat auch nicht zu einer zunehmenden Vereinheitlichung der muslimischen Gesellschaften Afrikas geführt, weil die Entwicklung dieser Bewegungen wiederum eng mit ihrem jeweiligen lokalen "setting" verbunden war. Auf Grund der anhaltenden Konkurrenzen zwischen den islamischen Ländern des "Nordens" wie Marokko, Ägypten, Libyen, Saudi-Arabien, Pakistan oder Iran waren die islamischen Reformbewegungen Afrikas zudem nie auf einen einzigen Orientierungspol ausgerichtet, sondern hatten häufig die Möglichkeit, mit den Konkurrenzen der islamischen Länder des Nordens zu "spielen". Auch die islamischen Reformbewegungen der Gegenwart stellen sich somit heute als ein buntes Spektrum unterschiedlichster und konkurrierender Interpretationen und Kontextualisierungen islamischer Gemeinschafts- und Gesellschaftskonzepte dar. Diese Komplexität islamischer Reformbemühungen wird noch zusätzlich dadurch gesteigert, dass durchaus auch Sufi-Bruderschaften die Träger von "modernen" Reformbewegungen sein konnten. Dies gilt etwa für die Bewegung von Ibrahim Niass in Westafrika seit den dreißiger Jahren, für die Reformbemühungen der `Alawi-Gelehrten in Ostafrika seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wie auch die der Qâdiriyya-Nâsiriyya in Nordnigeria seit den 1950er Jahren. Zudem müssen wir die unterschiedliche Geschwindigkeit der Entwicklung muslimischer Reformbewegungen berücksichtigen. So gibt es Regionen mit einer langen Tradition von Reformbewegungen (wie etwa Senegal, Nordnigeria, Sansibar), in denen muslimischer Reformismus bereits durch mehrere unterschiedliche (und eben auch sufi-orientierte) Entwicklungsphasen gegangen ist, und Regionen, in denen muslimische Reformbewegungen bisher nur eine marginale und isolierte Rolle spielen und kaum über ihre formative Phase hinausgekommen sind (wie an der Elfenbeinküste und in Äthiopien).


Fußnoten

5.
Vgl. R. Loimeier, Die islamischen Revolutionen in Westafrika, in: I. Grau/Chr. Mährdel/W. Schicho (Hrsg.), Afrika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 2000, S. 53 - 74.

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