Afrika

20.5.2005 | Von:

Von der Kornkammer zum Industrieraum

Bergbauliche Ressourcen

Konrad Schliephake

Während der Kolonialzeit galt Nordafrika vor allem als Produktionsraum für den primären Sektor einschließlich des Bergbaus. Der Abbau der Bodenschätze Eisen, Blei/Zink/Silber (so genannte NE-Erze) und Phosphat begann Anfang des 20. Jahrhunderts durch ausländische Kapitalgesellschaften. Die Nähe zum "Mutterland" führte bei niedrigen Transportkosten zu einem stürmischen Produktionsaufschwung bei Eisenerzen (marokkanischer Rif, Ostalgerien, Nordtunesien), NE-Metallen (Atlasgebirge) sowie bei Kupfer (seit den sechziger Jahren in Mauretanien).

Die Bedeutung der kleineren Lagerstätten im Bereich der Atlasgebirge hat nachgelassen; die Erzgruben in Marokko, Algerien und Tunesien arbeiten nur noch sporadisch.

Anders als die Erze haben die Phosphatvorkommen des Maghreb (seit 1913 rund um Gafsa/Tunesien; 1921 Khouribga/Marokko; Tbessa/Algerien) Weltbedeutung, vor allem nach der Erschließung des 1947 entdeckten Vorkommens vor Bu Craa in der Westsahara.

Heute stammen ein Viertel der Weltproduktion und über 30 Prozent der auf dem Weltmarkt gehandelten Phosphate aus Nordafrika. Die Hälfte der Produktion wird im Lande zu Phosphorsäure und Düngemitteln verarbeitet und gemeinsam mit Rohphosphat hauptsächlich in die Staaten Süd- und Ostasiens verschifft.

Während der Kolonialzeit fehlte es in Nordafrika an fossiler Energie, abgesehen von den kleinen Kohlenlagern von Jerada/Marokko, die heute noch lokal verstromt werden. Französische Geologen fanden 1956 das erste algerische Erdölfeld im Becken von Edjeleh und kurz danach das wichtigste Vorkommen von Hassi Messaoud. 1958 begann der Export. In Sorge um die relativ geringen Vorräte von 1,24 Milliarden Tonnen sank die algerische Förderung von einem Höhepunkt mit über 50 Millionen Tonnen auf inzwischen 40 Millionen Tonnen pro Jahr.

Das Nachbarland Tunesien mit seinem kleinen Saharaanteil war weniger privilegiert. Das Erdölfeld von Al Borma wurde 1966 mit einer Pipeline nach Skhirra erschlossen.

Die libysche Erdölwirtschaft entwickelte sich im Syrtebogen. Zwischen 1961 und 1968 legten die überwiegend US-amerikanischen Unternehmen fünf Verladehäfen in der Syrte und bei Tobruk an. Günstige Lage zum Weltmarkt und liberale Wirtschaftspolitik des Königreichs (bis 1969) führten bei Vorräten von knapp vier Milliarden Tonnen zur Rekordproduktion von maximal (1970) 160 Millionen Tonnen pro Jahr. Nach der libyschen Revolution 1969 und der Übernahme der Kapitalmehrheit bei den Produktionsgesellschaften (1971–74) schränkte der Staat die Produktion ein, die bis heute auf 69 Millionen Tonnen sank.

Alle Förderländer bauten die Verladehäfen (vor allem Arzew, Skikda) zu Standorten petrochemischer Großbetriebe aus, die Erdöl und Erdgas als Rohstoff und Energiequelle verarbeiten. Es entstanden Raffinerien und Unternehmen für die Herstellung von chemischen Rohstoffen (zum Beispiel PVC, PET) und Düngemitteln.

Besondere Bedeutung kommt auch dem Erdgas zu. Libyen und Algerien besitzen insgesamt sieben Prozent der Welt-Erdgasreserven. Ein Teil wird nach Verflüssigung (Abkühlung auf –162°C) verschifft, der Rest wird für die Energieversorgung der Industrie und die Stromerzeugung verbraucht.

Erdölvorräte und ProduktionErdölvorräte und Produktion (© bpb)
Wenn auch die mineralischen Ressourcen der Region im Weltmaßstab keine große Rolle spielen, so sind sie doch für die Ökonomie der jeweiligen Staaten unerläßlich. Sie machen 64 Prozent der gesamten Exporte der Region aus (Algerien und Libyen fast 100 Prozent) und erbringen in den Erdölförderländern 70–80 Prozent der Staatseinnahmen. Ausgerechnet die Länder, die in den siebziger Jahren mit eindrucksvollen Industrialisierungskonzepten angetreten sind, um nicht mehr ausschließlich Rohstoffe zu exportieren, sind heute mehr denn je auf Erdöl- und Erdgasexport angewiesen, die ihre alleinigen Devisenbringer blieben.


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