Afrika

20.5.2005 | Von:

Von der Kornkammer zum Industrieraum

Industrie und Infrastruktur

Konrad Schliephake

Die Kolonialmächte hatten kaum Interesse an einer eigenbestimmten Industrialisierung. Lebensmittel- und Baumaterialproduzenten versorgten lokale Märkte, doch die meisten Rohstoffe gingen unverarbeitet ins "Mutterland". Lediglich einige französische Kapitalgesellschaften verarbeiteten seit den fünfziger Jahren Phosphate in den Hafenstädten Casablanca und Sfax. Mit der Unabhängigkeit konzipierte jeder Staat eine eigene Industrialisierungspolitik, die sich im wesentlichen auf eine Inwertsetzung der natürlichen Ressourcen stützte.

Mauretanien baute Fischkonservenfabriken in Nouadhibou.

In der Westsahara transportiert das marokkanisch-spanische Gemeinschaftsunternehmen "Fos Bu Craa" die Phosphate unverarbeitet per Förderband zum Atlantikhafen.

Marokko setzte auf sein Phosphat und wandelt heute 50 Prozent der Jahresproduktion von 23 Millionen Tonnen in den Fabriken von Casablanca, Safi und Jorf Lasfar in Kunstdünger und Schwefelsäure (2,7 Millionen Tonnen; weltgrößter Exporteur, davon 50 Prozent nach Indien) um. Der Konsumgüterbereich ist zwar gut entwickelt und macht Marokko zum (statistisch) am stärksten industrialisierten Maghrebstaat, doch fehlen höherwertige Branchen wie Elektronik und Fahrzeugbau.

Tunesien durchlief in den sechziger Jahren wie Algerien eine Phase staatlich gesteuerter Grundstoffindustrialisierung. Mit dem Stahl- und Walzwerk von El Fouladh (seit 1966, bei Menzel-Bourguiba), der Raffinerie von Bizerte, den Kunstdüngerfabriken von Sfax und Gabes und der Zellulosefabrik von Kasserine (Rohstoff: Halfagras) schufen die Planer Wachstumspole außerhalb der Hauptstadt Tunis. Die siebziger und achtziger Jahre prägte die Verlagerung europäischer Textilproduktionen (Jeans- und Hemdennähereien) zur "verlängerten Werkbank" im Sahel, wo auf lokalen Traditionen (Hausweberei) aufgebaut werden konnte. Dieser Boom ist wieder abgeklungen und zum Teil durch Elektronik-Montage (Kabelbäume, komplette Pkws) abgelöst worden. Heute bestimmen kleine und mittlere Privatbetriebe, die in die weltweite Arbeitsteilung eingebunden sind, die Entwicklung. Sie macht Tunesien zum am stärksten industrialisierten und diversifizierten Staat; seine Konsumgüter versorgen die Nachbarregionen in Libyen und Algerien.

Libyen stand als einziges Maghrebland bis in die neunziger Jahre nicht unter dem Druck, Arbeitsplätze für seine Bevölkerung schaffen zu müssen, denn diese war mit der Verwaltung des Erdölreichtums genug beschäftigt. Trotzdem realisierte der Staat seit den siebziger Jahren Projekte zur Inwertsetzung von Erdöl und Erdgas (Petrochemie und Kunstdünger in Marsa al Burayqah und Ras Lanuf; Raffinerien ebenda, in Zawiya und Tobruk) sowie einige Prestigeobjekte wie Traktormontage, Glashütte und andere. Komparative Kostenvorteile (billiges Erdgas, das vorher abgefackelt wurde) machten die petrochemische Produktion erfolgreich (Export nach Italien). Die Unsicherheiten der Innen- und Außenpolitik ließen die übrigen Projekte nicht recht gedeihen und der private Sektor scheute jegliches Engagement (Ausnahme: private Zementfabrik in Khums). Das Stahlwerk in Misurata (Kapazität: 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr) war zehn Jahre bis 1991 in Bau und verarbeitet nicht etwa lokale Erze, sondern Importe aus Australien. Fast eine Million Gastarbeiter vor allem aus den Nachbarländern (Ägypten, Tunesien) sind in der Industrie, aber auch in der Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor beschäftigt. Die Libyer dürfen nach den Vorschriften des "Grünen Buches" ihres Führers Muammar al-Gaddafi nur als Miteigentümer, nicht als Angestellte eines Privatunternehmens tätig werden, lediglich für den Staat und die Erdölindustrie gibt es Ausnahmen.

Industrialisierung am Beispiel Algeriens

Adolf Arnold

Während der Regierungszeit des Präsidenten Houari Boumedienne (1965–1978) erprobte Algerien ein damals weltweit beachtetes Entwicklungsmodell. Es zielte auf eine sektoral integrierte, autozentrierte (vom Weltmarkt abgekoppelte) Wirtschaft, welche die sozialen und materiellen Bedürfnisse der rasch wachsenden Bevölkerung befriedigen sollte. Fünf Merkmale charakterisieren das Modell:
  • Beseitigung der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Ausland,

  • Vorherrschaft des Staates in der Wirtschaft,

  • Mehrjahrespläne mit verbindlichen Investitions- und Produktionszielen,

  • hohe Investitionsquoten auf Kosten des Konsums sowie

  • eindeutige Priorität für die Industrialisierung.
Die algerische Entwicklungspolitik war bis Anfang der achtziger Jahre von Modernisierungstheorien bestimmt, welche die Industrialisierung als Haupthebel der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ansahen. Dafür wurden andere Wirtschaftssektoren wie Landwirtschaft, Wohnungsbau und Fremdenverkehr vernachlässigt. Ab 1967 begann der Aufbau einer vorwiegend an der Küste angesiedelten Grundstoffindustrie (Eisenhüttenwerk, Erdölraffinerien, Petrochemie, Phosphatverarbeitung, Baustoffindustrien). Darauf aufbauend wurden von den siebziger Jahren an Investitions- und Konsumgüterindustrien an zahlreichen Binnenstandorten errichtet. Die Industrialisierung diente auch als Mittel der Landesplanung: Die Schaffung von Arbeitsplätzen im Binnenland sollte die Abwanderung der Bevölkerung zu den Küstenländern bremsen. Die Finanzierung des kapitalaufwändigen Entwicklungsmodells erfolgte aus dem Export der Kohlenwasserstoffe und den daraus resultierenden Devisenerlösen ("Erdölrente").

Der zeitgleiche Preisanstieg von 1,70 US-Dollar (1970) auf 34 US-Dollar (1981) je Barrel Rohöl füllte die Kassen des algerischen Staates. Der unerwartete Ölpreisverfall von 1986 – binnen Jahresfrist sank der Durchschnittspreis für einen Barrel Rohöl auf zwölf US-Dollar – traf das Land wie ein Schock. Hierdurch wurde den Entwicklungsplänen die finanzielle Basis entzogen und die Regierung zu einem scharfen Sparkurs gezwungen, der soziale Unruhen zur Folge hatte. Die Wirtschaftspolitik musste sich nun wieder vom Staatskapitalismus in Richtung Marktwirtschaft bewegen: Neue Industrieprojekte wurden nicht mehr entworfen, der Staat zerlegte die Staatskonzerne in Einzelfirmen, beseitigte schrittweise die Hemmnisse für die Privatwirtschaft und ausländische Investitionen und gab den verbindlichen Charakter des Plans auf. Ölpreisverfall und die politischen Wirren ab 1988 bewirkten eine starke Rezession der Wirtschaft. Das Bruttosozialprodukt, das zwischen 1965 und 1986 um das Zwanzigfache von 3,17 Milliarden US-Dollar auf 60,76 Milliarden US-Dollar gestiegen war, fiel bis 1989 um ein Drittel auf 39,78 Milliarden US-Dollar und ist seitdem nur leicht auf 46,5 Milliarden US-Dollar (1998) gestiegen.

Das algerische Entwicklungsmodell hat die Erwartungen nicht erfüllt. Zwar wurde ein beachtlicher Industriebesatz errichtet und bei vielen Gütern die Selbstversorgung erreicht. Die Kehrseite aber sind geringe Kapitaleffizienz, geringe Auslastung der Anlagen, unrentable Produktion und neue technologische Abhängigkeiten vom Ausland. Auf dem Weltmarkt sind die algerischen Industrieprodukte wegen Qualitätsmängeln nicht konkurrenzfähig. Da 97 Prozent der Exporte aus Kohlenwasserstoffen bestehen, ist die algerische Volkswirtschaft von deren enormen Preisschwankungen auf dem Weltmarkt unmittelbar betroffen. Die Monostruktur des Weinbaus wurde von der der Kohlenwasserstoffe abgelöst. Es ist zu hoffen, dass die Liberalisierung der Wirtschaftspolitik sowie der jüngste Preisanstieg bei den Kohlenwasserstoffen die wirtschaftliche und soziale Situation des Landes nachhaltig verbessern werden.


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