Afrika

20.5.2005 | Von:

Von der Kornkammer zum Industrieraum

Tourismus in Nordafrika

Walter Englert

Nach Angaben der Welttourismusorganisation lag der Anteil Afrikas am gesamten weltweiten touristischen Aufkommen des Jahres 1999 bei vier Prozent. Nur die Zielländer Südafrika, Tunesien und Ägypten zählten im Vergleich zu den größeren Reisezielen, sie allein vereinigten mehr als 60 Prozent der gesamten Ankünfte des Kontinents auf sich. Nordafrika ist eine der wichtigsten Fremdenverkehrsregionen des afrikanischen Kontinents. Zahlreiche Stätten des Weltkulturerbes, pharaonische, griechische und römische Baudenkmäler sowie großartige Wüsten- und Gebirgslandschaften bilden in Verbindung mit langen Küstengebieten und geeigneten klimatischen Bedingungen die Anziehungspunkte für den Tourismus.

Nur wenige Flugstunden entfernt von den europäischen Quellregionen gelegen, haben die Länder Tunesien, Ägypten, Marokko, (und in etwas geringerem Ausmaße auch) Libyen, Algerien und Mauretanien in den neunziger Jahren bedeutende Zuwächse zu verzeichnen. Drei Faktoren waren dafür verantwortlich, dass die Potenziale stärker als vorher ausgeschöpft wurden: Zunächst das gesteigerte Reiseaufkommen aus Europa, daneben aber auch die Probleme in anderen, konkurrierenden Aufnahmeländern wie zum Beispiel der Türkei oder den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, die damit zeitweise als Ziel für Touristenankünfte ausfielen, sowie drittens die Eigenanstrengungen der nordafrikanischen Staaten, den Urlaub in ihren Ländern attraktiver zu gestalten.

Dabei unterscheiden sich die Entwicklungen in den sechs Ländern trotz ähnlicher natur- und kulturräumlicher Ausstattung stark voneinander. Auf der einen Seite zählen Tunesien und Marokko schon seit langer Zeit zu den "klassischen" Zielen des Bade- und Sommertourismus aus Europa und den Golfstaaten und erzielen hohe Gästezahlen. Auf der anderen Seite beschränken sich Libyen, Algerien und Mauretanien auf eine kleine Zielgruppe, den Kultur- und Naturtourismus. Ägypten verzeichnet seit langem in beiden Kategorien große Aktivitäten.

Ähnlich dynamisch wie die Zahl der Ankünfte entwickelte sich in den drei großen Zielländern das Deviseneinkommen aus der Tourismuswirtschaft. Ägypten hatte von 1995 bis 1999 ein Plus von 42 Prozent auf 3,815 Milliarden US-Dollar zu verzeichnen, wobei der durchschnittliche Ertrag pro Tourist bei 850 US-Dollar lag. Die Werte für Tunesien lagen bei 13,2 Prozent bzw. 330 US-Dollar – dies ist einer der niedrigsten Werte weltweit – und für Marokko bei 41,87 Prozent bzw. 470 US-Dollar.

In Ägypten trägt der Fremdenverkehr fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, mit wachsender Tendenz. 1,5 Millionen Menschen oder zwölf Prozent der Beschäftigten des formellen Sektors fanden in diesem Wirtschaftszweig eine Arbeit. Die Krisen, die der Golfkrieg 1991 und der terroristische Anschlag auf Touristen in Luxor im Jahr 1997 auslösten, scheinen überwunden zu sein, für 1999 waren neue Rekordzahlen vermeldet. Die Ereignisse belegen jedoch deutlich die Anfälligkeit dieses Wirtschaftszweigs – und dies trifft für alle Länder Nordafrikas zu – für externe und interne politische Einflüsse.

In Tunesien ist der Fremdenverkehr mit einem Anteil von sechs Prozent am BIP nach der Industrie der zweitgrößte Devisenbringer des Landes, 69000 direkt und 196000 indirekt Beschäftigte finden dort ihr Auskommen. Die Entscheidungsträger setzten dabei lange Zeit auf das Motto "Masse statt Klasse", mit dem Resultat niedriger Einnahmen pro Gast. Zwar ist dieses Marktsegment mit dem Hinzukommen neuer Entsenderstaaten vor allem aus Zentral- und Osteuropa noch ausbaufähig. Doch will man ähnlich wie in Ägypten mit der Entwicklung neuer Angebote (Kongress-, Gesundheits-, Golf-, Kulturtourismus) in Zukunft eine einkommensstärkere Klientel anziehen. Auch der Ausbau des Binnentourismus besitzt inzwischen eine hohe Priorität.

In Marokko kam es ab der Mitte des vergangenen Jahrzehnts zu einem starken Anstieg des Touristenaufkommens. Dieser wurde durch transporttechnische Verbesserungen wie die drastische Erhöhung der Zahl günstigerer Charterflüge von Europa nach Marokko, durch eine verbesserte Hotelinfrastruktur und andere tourismusbezogene Dienstleistungen, aber auch durch vermehrte Werbemaßnahmen in Frankreich und anderen Ländern Europas erreicht. Der Tourismus wurde 1999 erstmals zum wichtigsten Devisenbringer des Landes, zu dessen BIP er im gleichen Kalenderjahr acht Prozent beitrug. Doch sind momentan die Aufnahmekapazitäten des Landes so weit erschöpft, dass man ohne große Investitionen in der Hochsaison 2001 bei den Beherbergungskapazitäten kein Wachstum mehr erzielen wird.

Trotz ähnlicher bedeutender beziehungsweise in mancherlei Hinsicht sogar noch größerer Potenziale hat sich der Tourismus in den übrigen Ländern Nordafrikas völlig anders entwickelt. Dies hat seine Ursache teilweise in dem politischen Willen der Entscheidungsträger (Libyen, zeitweise von Boykottmaßnahmen betroffen, teilweise Algerien), in der sicherheitspolitischen Situation (Algerien) oder aber der schlechten Erreichbarkeit, verbunden mit einer fehlenden Infrastruktur (Mauretanien, teilweise Libyen). Die jüngere Wirtschaftspolitik dieser Staaten setzt jedoch mehr Ressourcen dafür ein, diesen Sektor langsam aufzubauen.

In allen drei Ländern gibt es inzwischen einen Wüstentourismus. In Algerien war dieser in den achtziger Jahren schon gut entwickelt. In Libyen nahm er seit dem Beginn der neunziger Jahre verbunden mit der einsetzenden wirtschaftspolitischen Liberalisierung und der gleichzeitigen Verschlechterung der Bedingungen für den Saharatourismus in Algerien seinen Aufschwung.

Zahlen über Gäste und deren Struktur sind rar, doch gehen Schätzungen für Libyen davon aus, dass im Jahr 1997 erstmals über 100000 Touristen und zu einem großen Teil Geschäftsreisende das Land besuchten. Seit dieser Zeit sind fast alle großen europäischen Reiseveranstalter mit Kultur- und Naturreisen im Land vertreten. Außerdem wird mit dem anstehenden Ausbau der Infrastruktur und der Einbindung in den internationalen Luftverkehr nach der Aussetzung des Embargos der Vereinten Nationen im April 1999 eine Fortsetzung des Aufschwungs erwartet. Algerien leidet unter seinem Image, welches durch den jahrelangen gewaltsamen innenpolitischen Konflikt bestimmt wird. Immerhin sind seit Mitte 1998 wieder Touristengruppen im saharischen Süden unterwegs, der ebenso wie die großen Städte als sicher gilt. Mauretanien, das bisher kaum auf der globalen Landkarte des Tourismus zu finden war, wurde 1999 von 7000 Touristen besucht. Doch auch dort bemüht man sich, diesen Wirtschaftszweig zu entwickeln.

Der Tourismus bietet große Möglichkeiten für weitere Steigerungen. Doch gibt es für die Verantwortlichen zahlreiche Herausforderungen, was sich an zwei Beispielen belegen lässt: Erstere ist die ökologische Problematik (Wasser, Abfälle), letztere die Frage nach der Ausrichtung, ob Massen- oder eher hochpreisiger Individualtourismus angestrebt wird. Einerseits würden die Ansprüche an Service und damit Ausbildung beträchtlich steigen, andererseits stellt sich insbesondere bei Massentourismus die Frage nach der Akzeptanz des Tourismus in der eigenen Bevölkerung.

Insbesondere traditionell und religiös orientierte Bevölkerungsgruppen betrachten die freizügig auftretenden, dem Alkohol und anderen Vergnügen zugeneigten Touristenscharen sehr misstrauisch.


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