Afrika

20.5.2005 | Von:

Politische Entwicklung nach der Unabhängigkeit - Regionale Kooperation und Integration

Bruchlinien

Konrad Schliephake

Ideologisch hatten sich im Verlauf des Kampfes gegen die Kolonialmacht Frankreich Gruppen ausgebildet, die panarabisch und islamisch orientiert waren. Schon in den dreißiger Jahren hatten die Kolonialherren sie als "Neo-Wahabiten" (nach der islamischen Erneuerungsbewegung in Saudi-Arabien) bezeichnet. Kleinbauern, Händler und islamische Schriftgelehrte gehörten zu diesen Gruppen. Sie strebten die Einheit von Religion und Staat an und sahen sich als regionale Bestandteile der Islamischen Gemeinschaft. Sie waren die Basis für die algerischen, aber auch für die libyschen Widerstandsbewegungen, konnten jedoch von der neu errungenen Unabhängigkeit nicht im erwarteten Ausmaß profitieren. In den ehemaligen Protektoraten gewannen die städtischen, assimilierten Eliten den stärkeren Einfluss. Im Verbund mit der etablierten Herrschaft (Königtum in Marokko, Bey von Tunis, 1957 durch Präsident Habib Bourguiba abgesetzt) nutzten sie den schrittweisen Abzug der Kolonisten und übernahmen ihre Ländereien und Betriebe.

Schärfer noch waren die Brüche in Algerien: Aus dem blutigen Befreiungskampf (1954–1962) ging die aus der arabisch-islamischen Wurzel stammende Armee der FLN (Nationale Befreiungsfront) als stärkste Kraft hervor, sie übernahm de facto unter den Staatspräsidenten Ben Bella (1962–1965) und vor allem unter Houari Boumedienne (1965–1978) die Staatsgewalt. Doch gerade der Einfluss der eher nasseristisch (das heißt, nach dem Modell der von Gamal Abdel Nasser, 1954–1969, mit Laizismus, also Trennung von Islam und Staat geführten Republik Ägypten) orientierten Armee in Algerien verweigerte dem Islam die Rolle als staatstragendes Element. Diese hatten sich die "Islamisten" und insbesondere die Vertreter der islamischen Reformbewegungen während der Kämpfe mit Frankreich erhofft. Nicht die "Demokratie des kleinen Mannes", sondern Militärs und Oligarchen beherrschten nun Algerien (und auch, in engem Zusammenspiel mit dem König, Marokko).

Die ökonomischen Bruchlinien waren und sind eng damit verbunden: Wer die Hand auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen, insbesondere auf dem ehemaligen Kolonistenland, und den Rohstoff verarbeitenden Betrieben hat, kann am internationalen Handel partizipieren und reich werden. Gerade die Erlöse aus den Rohstoffexporten (Phosphat, Erdöl), die wie selbstverständlich von der Staatsspitze eingesammelt und nach unten insbesondere an die eigene Gefolgschaft weitergereicht wurden, ließen seither Abhängigkeiten entstehen und die ländlichen wie städtischen "Massen" weiter verarmen.

Es gab zwar Verstaatlichungsmaßnahmen (in Tunesien insbesondere unter Minister Ben Salah 1962–1969; in Algerien 1962) und Agrarreformen in Tunesien (1965), Algerien (1972) und Libyen (1973). Sie verhinderten jedoch nicht die Ungleichgewichte, die zu sozialen und zu "Brotunruhen" in Marokko (1981 und 1984), Tunesien (1984), Algerien (1988) und Mauretanien (1995) führten.

Zwar sind die Unterschiede zwischen arm und reich in den Maghrebländern nicht so ausgeprägt wie in anderen Staaten der Dritten Welt: In Algerien, Mauretanien, Marokko und Tunesien haben die ärmsten 20 Prozent der Gesellschaft einen Anteil von sechs bis sieben Prozent am Volkseinkommen und die reichsten zehn Prozent einen Anteil von durchschnittlich 30 Prozent. Doch trifft der relative Rückgang des Bruttosozialproduktes seit den achtziger Jahren besonders die Armen.

Ideologische Risse, soziale Disparitäten, Verfall der Rohstoffpreise und erfolglose Industrialisierungskonzepte lähmten in den meisten Maghrebländern zum Ausgang des alten Jahrtausends den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt. Dazu kam, dass sie weder die Dynamik der ostasiatischen Schwellenländer als Weltmarktkonkurrenten (zum Beispiel für die Textilproduktion in Marokko und Tunesien) noch die Entwicklung der neuen Informationstechnologien rechtzeitig erkannt hatten. Nur Libyen als großer Erdölproduzent konnte den Verfall der Rohstoffpreise einigermaßen verkraften. Doch fing das neue Jahrtausend besser als erhofft an. Die Preise für Erdöl als wichtigstes Exportprodukt (siehe Seite 38f.) sind gestiegen, verhelfen zu Deviseneinnahmen und geben somit wirtschaftlichen Auftrieb.

Die Attraktivität der großen Ideologien, seien sie sozialistisch, religiös-islamisch oder beides (Libyen), verblasst, so dass die Regierungen wie ihre Staatsvölker sich wieder mehr mit den Belangen der eigenen Territorien beschäftigen können: Algerien ist nicht mehr Sprachrohr der Dritten Welt und Libyen exportiert die "Universelle Dritte Theorie" aus dem "Grünen Buch" seines Führers Muammar al-Gaddafi nicht mehr, die zwischen Kapitalismus und Kommunismus den Königsweg für die Entwicklung der arabischen und afrikanischen Staaten sah.

Heute öffnet sich selbst Libyen dem Internet, dessen Einführung in den anderen Staaten selbstverständlich war. Lediglich in Algerien blockiert der anhaltende Bürgerkrieg die notwendige wirtschaftliche Entwicklung.


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