Afrika

20.5.2005 | Von:

Politische Entwicklung nach der Unabhängigkeit - Regionale Kooperation und Integration

Algerien - wechselnde Militärregime

Isabelle Werenfels

Als in Algerien 1989 ein Mehrparteiensystem eingeführt und Meinungsfreiheit in der Verfassung garantiert wurde, schien das nordafrikanische Land auf dem besten Weg, die Vorzeigedemokratie der arabischen Welt zu werden. Bis dahin war die im Krieg (1954–1962) gegen die französische Kolonialmacht 1954 entstandene FLN (Nationale Befreiungsfront) fast drei Jahrzehnte lang die einzige Partei gewesen.

Die Weichen für das algerische Regierungssystem, in dem das Militär die Politik bestimmt, waren in der "Demokratischen Volksrepublik Algerien" schon bei der Staatsgründung 1962 gestellt worden. Damals hatte sich bei den Machtkämpfen zwischen den verschiedenen Clans innerhalb der FLN Ahmed Ben Bella (geboren 1916, nach anderen Quellen 1919) mit Hilfe der Befreiungsarmee in die Position des ersten algerischen Präsidenten manövriert. Drei Jahre später putschte sich Oberst und Verteidigungsminister Houari Boumedienne (1927–1978) selbst an die Spitze des jungen Staates und wurde damit Partei-, Armee- und Staatschef in einem. Der neue Präsident setzte die Verfassung außer Kraft und ersetzte Parlament und Politbüro durch einen 26-köpfigen Revolutionsrat, der fast ausschließlich aus Militärs bestand. Die Struktur des Rates sowie dessen Interaktion mit der Regierung blieben indes im Dunkeln. Damit war das Fundament für die bis heute andauernde Praxis des Regierens einer kleinen Clique von Generälen hinter den Kulissen gelegt worden.

Boumediennes erklärte Ziele waren der Aufbau einer funktionierenden, von ausländischen Importen möglichst unabhängigen, modernen, sozialistischen Wirtschaft und die Etablierung einer zentralistischen staatlichen Ordnung. Der Aufbau dieser Ordnung begann auf der Lokal- und Regionalebene. Das Volk wählte aus einer Liste von FLN-Funktionären die Gemeindebehörden sowie Exekutive und Legislative in den 48 Provinzen, die Provinzpräfekten ernannte das Regime in Algier. Ein nationales Parlament wurde erst 1976, zwei Jahre vor Boumediennes Tod, wieder eingerichtet, und zwar auf der Basis einer neuen Verfassung, in welcher die Einparteien-Herrschaft und die autoritäre Präsidialstruktur des politischen Systems verankert wurden.

Politische und soziale Spannungen

Dass sich das algerische Regime unter Boumediennes Nachfolger Chadli Bendjedid (1979–1992) Ende der achtziger Jahre zur demokratischen Flucht nach vorne sowie zu einer wirtschaftlichen Liberalisierung gezwungen sah, lag an Jugendrevolten, die im Oktober 1988 in Algier begannen und das ganze Land erfassten. Deren blutige Niederschlagung durch die Armee forderte mehr als 500 Todesopfer. Die tieferen Gründe dieser Unruhen lagen in einer weitgehend gescheiterten Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik, welche in der Wahrnehmung der rebellierenden Bevölkerung in erster Linie zur Bereicherung einer korrupten und autoritären Nomenklatur geführt hatten, nicht aber zur Entwicklung des Landes.

Die algerische Wirtschaft präsentierte sich Ende der achtziger Jahre in einem desolaten Zustand. Das ehrgeizige nationale Industrialisierungsprojekt hatte in den siebziger Jahren kurzfristig zu einem wirtschaftlichen Boom und einem bemerkenswerten Modernisierungsschub im Bereich der Infrastruktur geführt, nicht aber zu effizienten staatlichen Industrien und langfristigen Wachstumsperspektiven. Das Scheitern des Industrialisierungsprojekts verstärkte zudem die Abhängigkeit des algerischen Staates von Erdöl- und Erdgasexporten.

Spätestens zu Beginn der achtziger Jahre hatte sich gezeigt, dass die rapide wachsende Bevölkerung vom Arbeitsmarkt nicht absorbiert werden konnte. Als Mitte der achtziger Jahre die Ölpreise kollabierten, verschärfte sich die soziale und ökonomische Situation dramatisch. Neben der Teuerung und der Jugendarbeitslosigkeit von über 30 Prozent (1988) entwickelte sich die Wohnungsnot in den Städten zunehmend zu einem der dringlichsten Probleme. Nicht zuletzt die wirtschaftliche Not trieb der in den achtziger Jahren erstarkenden islamistischen Bewegung eine wachsende Zahl von Algeriern in die Arme. Islamistische Vereinigungen bauten ein Netz sozialer Dienste und Aktivitäten auf und füllten damit Lücken, die der Staat aufgrund leerer Kassen und Misswirtschaft hinterlassen hatte.

Zu den sozialen und politischen Spannungen trug auch die ungelöste Frage der kulturellen und ethnischen Identität Algeriens bei. Die nationalistische Rhetorik hatte die algerische Gesellschaft auf den Slogan "Wir sind Araber, unsere Sprache ist Arabisch und unsere Religion der Islam" reduziert. Damit wurde die sprachliche, ethnische und kulturelle Identität der Berber, die mit rund 30 Prozent einen beachtlichen Teil der Bevölkerung ausmachen, ignoriert. Unmut über diese kulturelle und politische Marginalisierung hatte sich bereits 1980 in Tizi-Ouzou, der Hauptstadt der Kabylei, gewalttätig entladen. Zwar richteten sich die Proteste in erster Linie gegen die Arabisierungspolitik der Regierung und verlangten die Anerkennung der Berbersprache Tamazight als offizielle Sprache neben dem Arabischen. Doch zeichnete sich bereits in diesem Aufstand ab, was 1988 und im Frühjahr 2001 zur Explosion führen sollte: die Frustration über die wachsende soziale Not und über die mangelnde politische Partizipation in einem zentralistischen System, welches die traditionellen tribalen und regional-spezifischen gesellschaftlichen Strukturen ignorierte und in dem eine kleine Clique von Generälen und FLN-Funktionären die innen- und außenpolitischen sowie die wirtschaftlichen Fäden zog.

Von den Wahlen zum Putsch

Anfang 1989 deuteten viele Zeichen auf einen radikalen Neuerungswillen hin. Nach den blutig niedergeschlagenen Aufständen im Herbst 1988 ließ Präsident Bendjedid das Volk über eine neue Verfassung abstimmen, welche die Grundlagen für ein demokratisches politisches System legte. Nach deren Annahme erlebte Algerien ein politisches, soziales und kulturelles Frühlingserwachen und ein Aufblühen der Bürgergesellschaft. Innerhalb von nur zwei Jahren entstanden 42 neue Parteien, formierten sich mehr als ein Dutzend neuer feministischer Gruppierungen und stieg die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften in Französisch, Arabisch und Tamazight von 37 auf 137.

Zur einflussreichsten gesellschaftlichen Kraft und stärksten Stimme der Opposition entwickelte sich die "Front Islamique du Salut" (FIS, Islamische Heilsfront), die 1990 aus den ersten demokratischen Kommunalwahlen mit über 55 Prozent aller abgegebenen Stimmen als Siegerin hervorging. Die FIS muss als klassische Protestpartei verstanden werden, denn zu ihren Anhängern zählten nicht nur stark religiöse Algerier, sondern vor allem auch Kleinunternehmer und wenig religiöse jugendliche Arbeitslose, die sich in erster Linie einen radikalen Bruch mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik des bisherigen Regimes wünschten. Die Wahlplattform der FIS propagierte eine freie Marktwirtschaft und eine islamische Gesetzgebung. Ob die Einführung der letzteren auf demokratischer Basis geschehen sollte oder nicht, war innerhalb der FIS umstritten.

Quellentext

Schleier – Pro und Contra

Wir sind auf dem Schulhof des Lycée Abdelkader, des größten Gymnasiums von Bab El Oued (Algerien – Anm. d. Red.). [...] Der Pausenhof wird zur schnatternden Farbenpracht. Unter den Bäumen rosa Hidjabs (arab.: Schleier, Verhüllung, gemeint ist die Bekleidung der Frauen nach religiösen/traditionellen Regeln, die immer das Bedecken der Haare und Kleider vorsieht, die bis über die Ellbogen und fast bis an die Knöchel reichen – Anm. d. Red.), grüne, braune, weiße, blaue, die sich gruppenweise verändern wie in einem Kaleidoskop. Manche Mädchen sind von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt. Nur die Gesichter sind unverhüllt. Die Hidjab-Gruppen kreuzen die Nicht-Hidjab-Gruppen in Jeans oder Rock. Oft sind Jeans und Hidjabs untergehakt, verhülltes neben unverhülltem Haar. Die Freundschaften hier scheinen sich nicht nach der Kleiderordnung zu richten. [...]

Unsere Gesprächspartnerin trägt Bluse und Jeans. „Ich denke, dass wir in zwei oder drei Jahren auch den Hidjab anziehen werden“, sagt sie lachend. Auf mein Erstaunen fügt sie hinzu: „Vielleicht, ja. Aber selbst ohne Hidjab fühlen wir uns als Mosleminnen und handeln unserer Religion entsprechend. [...] Sich zu verhüllen ist eine sehr, sehr gute Sache“, sagt die Jeansträgerin. „Es vermeidet, die Aufmerksamkeit der Jungen auf sich zu ziehen. Es schützt das Mädchen vor anderen Sachen, die nicht gut sind. Es hilft den Mädchen, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen.“ [...]

„Ich bin dagegen, total dagegen“, ruft ein Mädchen [...]: „Eine Frau darf nicht, um als seriös zu gelten und in der Gesellschaft respektiert zu werden, gezwungen sein, den Hidjab anzulegen!“ [...] „Das wichtige ist nicht die Kleidung, das wichtige ist, was man im Kopf hat, was man denkt. Nicht um Äußerlichkeiten sollten wir uns kümmern, sondern darum, wie wir aus unserem Land etwas machen können, und zwar auf fortschrittliche Weise.“ [...] „Wir sollten uns mit der Idee anfreunden, dass wir alle gleich sind, ob Moslems oder Christen. Wir sind alle menschliche Wesen.“

Keiner der Umstehenden sagt etwas dazu. Es gibt nicht einmal zustimmendes Kopfnicken. Moslems und Christen auf die gleiche Stufe zu stellen, ist selbst auf diesem toleranten Schulhof nicht gefragt. [...] „Was denken Sie, wenn Sie über Parabolantenne europäische Frauen in Spielfilmen oder in der Werbung sehen?“ frage ich. [...] „Man hat der europäischen Frau ihre Würde genommen. Jedes Volk hat seine Religion und muss sie befolgen. Also dürfen wir Moslems nicht so handeln wie die europäischen Länder im Fernsehen. Doch die Europäer haben ihre Freiheit. Sollen sie tun, was sie wollen.“ [...]

Samuel Schirmbeck, Hinter den Schleiern von Algier, Hamburg 1996, S. 115 ff.

Der Siegeszug der FIS setzte sich im Dezember 1991 bei den ersten freien Parlamentswahlen fort. Zwar hatte das Regime nach der Wahlniederlage in den Gemeinde- und Provinzwahlen die Wahlkreiseinteilung zugunsten der FLN modifiziert und anstelle des relativen Mehrheitswahlrechts ein absolutes eingeführt. So wurden in den städtischen Ballungsräumen, den Hochburgen der Islamisten, 70000 Wählerstimmen benötigt, um einen Abgeordneten in die künftige Nationalversammlung zu bringen, während im FLN-freundlichen ländlichen Süden 7000 genügten. Das Mehrheitswahlrecht wiederum benachteiligte alle kleinen Parteien, darunter viele des so genannten demokratischen Lagers. Im Zuge der darauf folgenden Proteste ließ die Regierung zudem die FIS-Führung (Abassi Madani, Ali Belhadj) sowie Tausende ihrer Anhänger verhaften. Dennoch errang die FIS im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen bei einer Wahlbeteiligung von 52 Prozent 188 von 430 Sitzen. An zweiter Stelle lag mit 25 Sitzen die mehrheitlich von Berbern gewählte "Front des Forces Socialistes" (FFS, Front der Sozialistischen Kräfte). Die FLN eroberte lediglich 16 Sitze.

Zum zweiten Wahlgang kam es nicht. Am 11. Januar 1992 endete das vielversprechende demokratische Experiment in Algerien abrupt, als Präsident Bendjedid, nachdem er das Parlament aufgelöst hatte, auf Druck der Armee zurücktrat. Mit der Begründung, ein FIS-Wahlsieg hätte von der Demokratie zur Theokratie geführt, verübte eine Junta der einflussreichsten Generäle einen unblutigen Staatsstreich und etablierte einen in der Verfassung nicht vorgesehenen "Hohen Staatsrat", den sie selbst besetzten. An die Spitze des Rats beriefen sie als Legitimationsfigur Mohamed Boudiaf, einen im Exil lebenden historischen Führer des FLN-Unabhängigkeitskampfes. Dieser wurde jedoch bereits fünf Monate nach seinem Amtsantritt, im Juni 1992, ermordet. Bis heute sind in Algerien die Stimmen nicht verstummt, welche die Armee verdächtigen, sich seiner entledigt zu haben, weil seine Anti-Korruptionskampagne die Generäle bedrohte. Wenige Zweifel bestehen indes daran, dass die algerischen Präsidenten nach Boumedienne mehrheitlich zu Marionetten der Armee geworden sind.

Dekade des Bürgerkriegs

Spätestens mit Boudiafs Tod begannen die Jahre der blutigen Konflikte, welche zunehmend die Dimension eines Bürgerkriegs annahmen und nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bis heute mindestens 100000 Algerier das Leben gekostet haben. Nach dem Abbruch der Wahlen und dem Verbot der FIS im März 1992 hatten sich viele der enttäuschten jugendlichen FIS-Anhänger radikalisiert und sich bewaffneten islamistischen Untergrundbewegungen etwa dem militärischen Flügel der FIS, der sich ab 1994 "Armée Islamique du Salut" (AIS, Islamische Heilsarmee) nannte, oder dem "Groupement Islamique Armée" (GIA, Bewaffnete Islamistische Gruppierung) angeschlossen.

Die meisten Gewaltakte werden von offizieller algerischer Seite diesen Gruppierungen angelastet. Doch wer in Algerien wen tötete, ist letztlich im Dunkeln geblieben. Nicht zuletzt, weil "Le Pouvoir" (französisch: Die Macht), wie das Regime von der Bevölkerung genannt wird, sich weigert, eine unabhängige Untersuchungskommission zuzulassen. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mehrten sich die algerischen Stimmen, die hinter zahlreichen, den Islamisten zur Last gelegten Gewalttaten die algerischen Sicherheitskräfte vermuteten. Inzwischen gehen auch zahlreiche westliche Algerienkenner davon aus, dass das Regime mordet, um die Opposition physisch auszuschalten, die Islamisten in Verruf zu bringen und die Politik der Repression zu legitimieren.

Quellentext

Assia_Djebar

Die Literatur arabischer Gegenwartsschriftstellerinnen wie Hanan Al-Shaykh (Libanon), Ahdaf Soueif (Ägypten) oder Assia Djebar (Algerien) wirft einen unerbittlichen Blick auf die eigenen Gesellschaften. In ihrer Heimat sind die Werke dieser Schriftstellerinnen häufig verboten.

Eine der bedeutendsten Autorinnen ist die 1936 geborene Historikerin Assia Djebar. Dieses Pseudonym wählte sie 1957 für ihren ersten Roman „Der Durst“. Seitdem hat sie über vierzehn Romane und mehrere Filme vorgelegt.

In ihrem Roman „Liebe und Kampf“ beispielsweise behandelt Assia Djebar die französische Kolonialzeit in Algerien. Sie schildert Episoden aus dem Kolonialkrieg 1830 ebenso wie aus dem Unabhängigkeitskrieg, der 1962 zu Algeriens Selbständigkeit führte. Besonders interessieren sie dabei die revolutionären Frauen, deren Beteiligung am Kampf ihnen keine nachhaltige Veränderung ihrer gesellschaftlichen Rolle im unabhängigen Algerien einbringt. Damit werden die Grenzen der Frauengleichstellung im heutigen Algerien sichtbar.

Im Jahr 2000 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als Würdigung ihres Gesamtwerks, aber auch, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den blutigen Bürgerkrieg in Algerien zu lenken. Zielscheibe in diesem Krieg sind kritische Journalisten, Künstler und Schriftsteller – Männer wie Frauen. Sie sprechen Themen an, die die Wunden der Gesellschaft offenlegen. Aber welcher Zündstoff geht von ihnen aus? Für radikale Islamisten sind Kunst und Musik ein Angriff auf ihren Alleinvertretungsanspruch. „Man nimmt den ins Fadenkreuz, der spricht, der ,ich' sagt, der seine Meinung sagt, der die Demokratie verteidigen möchte. Man schlägt den tot, der sich an der Grenze ansiedelt: der Sprachen, der Geschlechter, der Lebensformen; den, der sich am Rand aufhält, den, der seinen Weg geht, ohne sich um sich selbst zu kümmern, oder jeden Tag seine persönliche Wahrheit erfindet“, schreibt Assia Djebar. Aber totalitäres und sakrales Denken lässt keine persönlichen Wahrheiten zu.

In der nicht-totalitären Kunst werden dagegen permanent Erfahrungen reproduziert, die zum Nonkonformismus aufrufen. Djebar hat für sich ein Medium gefunden, um über die sogenannten Ereignisse in Algerien zu sprechen. 1996 erschien „Weißes Algerien“ (weiß = Farbe der Trauer – Anm. d. Red.), eine Szenencollage Djebars über Algeriens tote Schriftsteller von Albert Camus (Ý 1960) bis Said Mekbel (ermordet 1994). Die meisten der noch lebenden Künstler haben Algerien inzwischen verlassen – unter ihnen auch Assia Djebar.

Sonja Hegasy

Quellentext

Raï – der klingende Protest

Aziz Smati machte die beste Musiksendung Nordafrikas, „Bled Music“ („Dorfmusik“), eine Tätigkeit, die er 1993 fast mit dem Leben bezahlt hätte, denn sie verkündete die Botschaft des Raï, der populärsten Musik Nordafrikas. [...]

Untergrund-Islamisten schossen den zierlichen, kleinen Mann zum Krüppel, als er am Straßenrand ein Sammeltaxi herbeizuwinken suchte. [...]

Der Raï ist Konkurrenz der gefährlichsten Art. Er macht ohne Koran und Scharia glücklich; schlimmer noch, er zeigt Lebensperspektiven auf, denen blinder Gehorsam nur im Wege steht, weshalb der Raï auch bei den staatlichen Kulturmatadoren nie einen Stein im Brett hatte. Doch [...] der Raï [...] ist genuin algerisch.

Cheb Khaled, Cheb Mami, Cheb Hasni heißen die beliebtesten Raï-Sänger. Sie bauen auf den eigenartigen, verlorenen und innigen Melodien der Beduinenmusik auf, haben die traditionellen Instrumente um Akkordeon, Schlagzeug, Saxophon und Klarinette erweitert, arbeiten mit dem Synthesizer und machen eine schräge, schrille, helle Musik, die ihresgleichen sucht: In ihr werden die Grenzenlosigkeit der Sahara und das Licht der nordafrikanischen Küste zum akustischen Erlebnis. [...]

Der europäische Zuhörer mag sich wundern, dass derart simple, unschuldige Texte – nur Cheb Khaled greift auch mal zu derb-erotischen Anspielungen – das Missfallen staatlicher Kulturfunktionäre erregten und vom islamistischen Bannstrahl belegt sind. Der Grund für die vehemente Ablehnung liegt darin, dass Wort und Musik zusammen beim Hörer ein Bild völliger Freiheit entstehen lassen. [...]

Der Raï ist ungleich näher an Algeriens Jugend, an 75 Prozent der Bevölkerung, als selbst die Romane Djaouts und Mimounis, diese feinen Zeugnisse der Nach-Unabhängigkeitsgesellschaft [...]. Der Raï ist ein einziger Appell, mit der alten Einheitsordnung Schluss zu machen, nicht länger abzugrenzen, abzuriegeln oder, wie seit vier Jahren, abzuwürgen, abzuschießen, sondern ganz einfach cool zu mischen: Arabisches, Französisches, Berberisches, Religiöses, Weltliches – wozu hat der Mensch denn Seele und Verstand? [...]

Im Spätherbst 1994 wird in Oran Cheb Hasni von Terroristen ermordet, wie die Sicherheitskräfte dem schockierten Land mitteilen. Zu Intellektuellen, Ausländern, christlichen Geistlichen, Theaterregisseuren, Schriftstellern, Staatsbeamten, Bauern, Lehrern, Sportfunktionären, Mädchen und Frauen als Mordopfern kommt nun erstmals auch ein Raï-Sänger. [...]

Samuel Schirmbeck, Hinter den Schleiern von Algier, Hamburg 1996, S. 366 ff.

Die Politik des algerischen Regimes nach dem Putsch war von einer politischen und einer militärischen Strategie geprägt. Letztere spiegelt sich in der Parole, "die Terroristen zu terrorisieren" wider, was deren physische Eliminierung bedeutete. Dies führte weiter zur Bewaffnung von über 500000 Zivilisten für den anti-islamistischen Kampf. Diese Militarisierung der algerischen Gesellschaft hat bis heute weitreichende Konsequenzen, da ein Teil der bewaffneten Zivilisten dazu übergegangen ist, sich den Lebensunterhalt mit Schutzgelderpressungen und organisiertem Verbrechen zu verdienen.

Politisch versuchte das Regime, die eigene Herrschaft zu legitimieren und einen nationalen Konsens herzustellen, ohne politische Konzessionen an die Opposition einzugehen. Dazu gehört eine Verfassungsreform, für die 1996 85 Prozent der Algerier in einem Referendum votierten. Sie bestätigte den Islam als "Säule" der nationalen Identität, entfernte ihn aber gleichzeitig durch ein Verbot islamischer Parteien aus der politischen Arena.

Mit Wahlen zum Parlament 1997 und zum Präsidentschaftsamt 1999 versuchte das Regime, zumindest formell zu einer konstitutionellen Rechtmäßigkeit zurückzukehren. In der Praxis war dies indes nicht der Fall, da die Wahlen nach Einschätzungen von unabhängigen Beobachtern manipuliert waren. Unter den zehn 1997 ins Parlament gewählten Parteien ging denn auch die von der Regierung kurz vor den Wahlen gegründete "Rassemblement National Démocratique" (RND, Nationale Demokratische Vereinigung) als stärkste Partei hervor. Die Zulassung zweier von gemäßigten Islamisten geführten Parteien zu den Wahlen und die Einbindung einer dieser Parteien in die Regierung kann zudem als der Versuch gesehen werden, moderate Islamisten zu beteiligen.

Die 1999 gegründete, FIS-nahe, moderat islamistische Partei Wafa bleibt bis heute verboten, obwohl sich ihre Führung zu demokratischen Prinzipien bekennt. Der FIS-Führer Abassi Madani steht noch immer unter Hausarrest, obwohl er der Gewalt wiederholt abgeschworen hat. Mit dieser dreifachen Strategie der Repressionen, Beteiligung und Spaltung der Islamisten ist es den Machthabern gelungen, die FIS politisch entscheidend zu schwächen.

Im algerischen Regime haben sich somit die so genannten "éradicateurs", die eine Politik der Härte gegenüber den Islamisten vertreten, gegen die "réconciliateurs", die eine Politik des Dialogs mit den Islamisten befürworten, in allen wichtigen Entscheidungen durchgesetzt. Dies zeigt auch die Haltung der algerischen Regierung gegenüber der so genannten Plattform von Rom. In dieser "Plattform", die 1995 in der katholischen Kommune Sant' Egidio bei Rom ausgearbeitet worden war, hatten sich die wichtigsten Oppositionsparteien, darunter die FIS, auf drei Hauptpunkte geeinigt: ein Ende der Gewalt, die Legalisierung der FIS und die Abhaltung freier Wahlen. Diese Plattform stellt das derzeit vielversprechendste Konzept zu einer politischen Lösung des Konflikts dar, doch das Regime lehnte es als Einmischung von außen ab.

Fortdauernde Spannungen

Zu einer zweiten Chance, die blutigen innenpolitischen Konflikte beizulegen, kam es im Sommer 1999 mit einem Gesetzesvorschlag des neu gewählten Präsidenten Abdelaziz Bouteflika (geboren 1937) zur nationalen Versöhnung. Dieser so genannte "Concorde Civile", der in einem Referendum mit 98,6 Prozent aller abgegebenen Stimmen angenommen wurde, sah Straffreiheit für alle AIS-Kämpfer vor, die ihre Waffen abgaben und sich dem Staat zu Diensten stellten. Zwar ergaben sich nach offiziellen algerischen Angaben bis Anfang 2000 gut 5500 Kämpfer und wurden zusätzlich 5000 unter dem Vorwurf des Terrorismus inhaftierte Algerier vom Präsidenten amnestiert. Dennoch wird diese Politik der Versöhnung heute als gescheitert betrachtet. Die Zahl der Gewaltopfer hat wieder zugenommen. Viele der Islamisten, die den "Concorde Civile" ursprünglich unterstützten, beurteilen ihn heute als eine rein polizeiliche Maßnahme, die auf ihre Schwächung, nicht aber auf ihre politische Einbindung abgezielt hat. Die säkularen, westlich ausgerichteten und oft französisch sprechenden Bildungseliten ihrerseits verurteilen die Amnestiepolitik des Präsidenten, weil diese Straffreiheit für die in vielen Fällen mit großer Wahrscheinlichkeit von Islamisten verübten Morde an Intellektuellen und Kulturschaffenden bedeutet.

Die gesellschaftlichen Spannungen und die strukturellen politischen und wirtschaftlichen Probleme, mit denen sich das algerische Regime heute konfrontiert sieht, gehen weit über die Frage des Umgangs mit den Islamisten hinaus. Das haben die im Frühjahr 2001 in der Kabylei ausgebrochenen Massenaufstände der berberischen Bevölkerung gezeigt, welche trotz den Bestrebungen des Regimes, sie mit Waffengewalt niederzuschlagen, weitergehen. Diese Revolten haben Unterstützung weit über die ethnischen Linien der Berber hinaus gefunden und verdeutlichen den gravierenden Legitimationsmangel der Herrschenden.

Dabei ist die Forderung nach Anerkennung des Tamazight als offizieller Sprache nur noch ein Teilaspekt. Im Vordergrund stehen zwei Punkte die eng miteinander verflochten sind: Zum einen das Ende der "Hogra", wie die Algerier die Arroganz der Mächtigen nennen, und damit verbunden der Wunsch nach echter Demokratisierung. Zum anderen die wirtschaftliche Not eines breiten Teils der Bevölkerung. Inzwischen sind zwei von drei Jugendlichen arbeitslos. Jedes Jahr kommen 250000 Jugendliche neu auf einen Arbeitsmarkt, dessen Entwicklungsperspektiven pessimistisch stimmen.

Bis auf den äußerst erfolgreichen Erdgas- und Erdölsektor weist die algerische Industrie mehrheitlich negative Wachstumsraten aus und die Transformation der algerischen Wirtschaft von einer Staats- zu einer Marktwirtschaft geht nur zögerlich voran. Die meisten Reformen werden von politischen, militärischen und bürokratischen Eliten blockiert, die fürchten, dass ihnen mit einer Entflechtung von Wirtschaft und Politik und mit der Auflösung von Monopolen, etwa durch Privatisierung, ihre Pfründen davon schwimmen. Die Ablösung der "militärisch-politischen Finanzmafia", die sich mittels Korruption und Vetternwirtschaft bereichert, ist denn auch eine Hauptforderung der Demonstranten.

Auffällig dabei ist, dass die Forderungen der Aufständischen im Jahr 2001 fast identisch sind mit denjenigen von 1988, vor Beginn der kurzen demokratischen Öffnung. Die algerische Politik scheint sich im Kreis gedreht zu haben. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Algerien seit fast vier Jahrzehnten von den gleichen Personen, welche in wechselnden militärischen und politischen Schlüsselpositionen auftauchen, regiert wird. Dazu gehört der heutige Präsident, Bouteflika, der schon vor über 35 Jahren als Außenminister amtierte. Geändert hat sich lediglich, dass die algerischen Generäle im Gegensatz zu den achtziger Jahren nicht mehr die innen- und außenpolitischen Entscheidungen in einem Einparteiensystem auf undurchsichtige Weise steuern, sondern in einem formell pluralistischen System.


Die Geschichte des Kolonialismus und seiner Folgen wird immer wieder neu ausgehandelt. Welche Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte gibt es, die im Kampf um "historische Wahrheiten" häufig an den Rand gedrängt wurden? Wie wirkt das koloniale Zeitalter in ehemaligen Kolonialstaaten und anderen Gesellschaften nach?

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