Ein Demonstrant mit der ägyptischen Nationalflagge bei einer Demonstration in Kairo am 11. März 2011.

15.3.2012 | Von:
Asef Bayat

Die arabische Straße in postislamistischen Zeiten

Warum dieser Wandel? Zweifellos gibt es da den sich seit langer Zeit bildenden Jugendüberschuss und die Verbreitung neuer Informationstechnologie (Internet, E-Mail, Facebook, YouTube, Twitter und vor allem Satellitenfernsehen wie Al-Jazeera). Frustrierte Jugendliche gehen nun schnell dazu über, diese neuen Ressourcen auszunutzen, um sich selbst Geltung zu verschaffen und andere zu mobilisieren. Ägyptische Jugendliche nutzten zum Beispiel Facebook, um ungefähr 70.000 gebildete Jugendliche zu mobilisieren, die Redefreiheit und wirtschaftlichen Wohlstand forderten und gegen Korruption protestierten. Aktivisten organisierten erfolgreich Straßenproteste, Kundgebungen und starteten noch eindrucksvoller einen Generalstreik am 6. April 2008 zugunsten der streikenden Textilarbeiter. Die Massendemonstration in Ägypten am 25. Januar 2010 und die in anderen arabischen Ländern wurden vorwiegend von interneterfahrenen Jugendlichen über Facebook und Twitter organisiert, die dann Protestbotschaften an andere Gruppen und die Straße weitergegeben haben. Die Methoden und Technologien der Mobilisierung spielten insbesondere beim tunesischen Aufstand eine entscheidende Rolle.

Aber hier geschieht mehr als nur die Nutzung von Informationstechnologie. Die soziale Struktur innerhalb der Region hat sich rasant verändert. Es gibt eine wahre Explosion an Bildungseinrichtungen für die Massen, wodurch mehr Alphabetisierung und Bildung zustande kommen und die Schicht der gebildeten Bevölkerung zunimmt. Gleichzeitig werden diese Gesellschaften immer schneller städtischer. Es leben weit mehr Menschen in den Städten als in den ländlichen Gebieten (gerade unterhalb von Mittel- und Osteuropa). Schleichend sickert die Urbanität in die traditionell ländlichen Gesellschaften - es gibt moderne Arbeitsteilung, moderne Schulen, erweiterte Dienstleistungen, Elektrifizierung, und vor allem Kommunikationssysteme (Telefonleitungen, Autos, Straßen und Minibusse), die eine Raum-Zeit-Verdichtung zwischen den "ländlichen" und städtischen Welten erzeugen. Die Grenze zwischen "städtisch" und "ländlich" verschwimmt immer mehr und ein großer Teil der "ländlichen" Bevölkerung ist im herkömmlichen Sinne nicht länger ländlich.

Doch eine entscheidende Veränderung ist das Aufkommen der "verarmten Mittelklasse" (mit bedeutenden politischen Auswirkungen) auf Kosten des Rückgangs der traditionelleren Klassen und ihrer Bewegungen - in besonderem Maße Bauernorganisationen, genossenschaftliche Bewegungen und Gewerkschaften. Da Bauern vom Land in die Stadt gezogen sind oder ihr Land verloren haben und zu städtischen Tagelöhnern wurden, ist die soziale Basis der bäuerlichen und genossenschaftlichen Bewegungen zerbröckelt. Die Schwächung des Wirtschaftspopulismus, die in engem Zusammenhang zur strukturellen Anpassung steht, hat zur Abnahme der Beschäftigungen im öffentlichen Sektor geführt, der den Kern des Gewerkschaftswesens gebildet hat. Durch Reformen, Stellenabbau, Privatisierung und Umsiedlungen hat die strukturelle Anpassung den gewerkschaftlich organisierten öffentlichen Sektor untergraben, während neue Privatunternehmen in Verbindung mit internationalem Kapital weitestgehend gewerkschaftsfrei bleiben. Obwohl die Staatsbürokratie gewichtig bleibt, sind ihre unterbezahlten Angestellten unorganisiert und ein Großteil von ihnen kann nur durch die Annahme eines zweiten oder dritten Jobs im informellen Sektor überleben. Derzeit ist die Mehrheit der arabischen Arbeitnehmerschaft selbstständig. Viele Lohnarbeiter sind in kleinen Unternehmen beschäftigt, in denen patriarchalische Verhältnisse vorherrschen. Durchschnittlich sind zwischen einem Drittel und der Hälfte der städtischen Arbeitnehmerschaft in dem ungeregelten, unorganisierten informellen Sektor tätig. Aufgrund des Mangels an institutionellen Kanälen für ihre Forderungen werden die Straßen zu Schauplätzen für den Ausdruck ihrer Unzufriedenheit.

Und all dies geschieht vor dem Hintergrund wachsender Bildungseinrichtungen, insbesondere Universitäten, die jährlich Hunderttausende Absolventen hervorbringen. Sie machen ihren Abschluss mit neuem Ansehen, neuen Informationen und Erwartungen. Viele von ihnen sind Kinder bequemer Eltern oder traditioneller Landbewohner oder städtischer Armer. Aber diese neue Generation unterscheidet sich von ihren Eltern in der Perspektive, den Erfahrungen, der sozialen Stellung und den Erwartungen. Im Gegensatz zur Ära der postkolonialen Sozialisten und staatlichen Modernisierungen, die Hochschulabsolventen als Gründer einer neuen Nation feierte, kann der aktuelle neoliberale Wandel den meisten von ihnen keinen wirtschaftlichen Status bieten, der zu ihren gehobenen Ansprüchen und globalen Träumen passt. Sie stellen die paradoxe Klasse der "mittelständischen Armen" mit höherer Bildung, selbst geschaffener Stellung, offeneren Weltansichten und globalen Träumen dar, die trotzdem aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut dazu gezwungen sind an den Rändern der neoliberalen Wirtschaft als gelegentliche, schlecht bezahlte, statusniedrige und gering qualifizierte Arbeiter (als Straßenverkäufer, Verkäufer, Boss Boys [Küchenhilfen] oder Taxifahrer) zu leben und in den überfüllten Elendsvierteln und informellen Siedlungen der arabischen Städte zu wohnen. In ihrer wirtschaftlichen Armut fantasieren sie von einer Stellung in der Wirtschaft, die ihre Erwartungen fordern - Arbeit in einem IT-Unternehmen, sichere Arbeitsplätze, Verbrauchsgewohnheiten der Mittelklasse und vielleicht eine Auswanderung in den Westen.

Die "mittelständischen Armen" sind nun das neue Proletariat des Nahen Ostens, die sich sehr von ihrem früheren Pendant unterscheiden - in ihrer Universitätsbildung, Weltkenntnis, den Erwartungen, die andere von ihnen haben, und dem starken Bewusstsein ihrer eigenen Benachteiligung. Die Politik, die diese Klasse in den 1980ern und 1990ern verfolgte, wurde im Islamismus als beeindruckendste Opposition gegen die weltlichen undemokratischen Regierungen in der Region dargestellt. Doch der Islamismus selbst sah sich in den letzten Jahren einer Krise gegenüber, nicht zuletzt weil es ihm ernsthaft an Demokratie mangelt. Mit dem Aufkommen postislamistischer Zustände im muslimischen Nahen Osten scheinen die "mittelständischen Armen" eine andere, postislamistische Bahn zu verfolgen.

Der tunesische Aufstand löste zweifellos demokratische Revolutionen in der arabischen Welt aus. Die Ereignisse in Tunesien verursachten anfangs Massenjubel unter den Menschen und eine tief greifende Besorgnis unter den Machteliten der Region. Dann brachen Massenproteste und Aufstände in Ägypten, Algerien, Jordanien, Libyen, Bahrain und Jemen aus, während die Führer in der Zwickmühle saßen und nicht wussten, wie sie reagieren sollten. In Ägypten, Libyen und Jemen haben Revolutionen bereits Autokratien gestürzt, während die Proteste in Syrien und Bahrain noch anhalten. Ob ähnliche Wege auch in der restlichen Region beschritten werden oder nicht, hängt in erster Linie davon ab, wie die amtierenden Regierungen sich verhalten. Die harte Realität ist, dass gerade aufgrund der in einigen Ländern stattgefundenen demokratischen Revolutionen, diese woanders zumindest auf kurze Sicht nicht zustande kommen werden. Dieses Paradoxon erinnert an das Alleinsein der bolschewistischen Revolution in Europa und die islamische Revolution im Nahen Osten. Diese Revolutionen regten zu ähnlichen Bewegungen auf der ganzen Welt an, aber sie machten ihre herrschenden Staaten auch wachsamer, ähnliche Auswirkungen in ihren Hinterhöfen (durch Reformen oder Unterdrückung oder beides) zu verhindern.

Auf lange Sicht betrachtet sind ihre Bemühungen aber vielleicht nicht ausreichend. Die strukturellen Änderungen (die Bildungsentwicklung, die öffentliche Rolle der Frau, die städtische Ausdehnung, die neuen Medien- und Informationszugänge, neben weit verbreiteter Ungleichheit und Korruption) machen diese autoritären Regierungen - ob es nun Saudi Arabien, der Iran, Syrien oder Jordanien ist - angreifbarer. Wenn Dissens durch mietsubventionierte Wohlfahrtsalmosen kontrolliert wird, entfacht jeder wirtschaftliche Abschwung und jeder Rückgang der Fürsorge höchstwahrscheinlich öffentliche Empörung. Außerdem stehen nicht nur Arbeitsplätze und sinkender materieller Wohlstand auf dem Spiel; es geht genauso um die Würde der Menschen und das Streben nach menschlichen und demokratischen Rechten. Wie wir in Tunesien eindrucksvoll gesehen haben, hat die Umwandlung kollektiven Dissenses in gemeinsames Handeln und eine anhaltende Kampagne für Veränderungen ihre eigene faszinierende und oftmals unvorhersehbare Dynamik. Das erklärt, warum wir in diesem Teil der Welt immer wieder überrascht werden - Revolutionen geschehen, wo wir sie nicht erwarten; und sie kommen dort nicht zustande, wo wir sie erwarten würden. Wer hat schließlich vor einem Jahr den Duft von Jasmin in den Hinterstraßen von Tunesien wahrgenommen?

Die englische Version erschien in: Perspectives Middle East, Nr. 2, Mai 2011: "People's Power - The Arab World in Revolt" der Heinrich Böll Stiftung. Eine frühere Version dieses Textes erschien in Foreign Policy, Middle East Channel, 26. Januar 2011.


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