Atlas des Arabischen Frühlings – die Video-Edition.

16.12.2019 | Von:
André Elias Mazawi

Die Bildungsrevolution, die noch kommen wird

Die Politik von Schulen und Hochschulen

Die Bildungssysteme der arabischen Welt unterscheiden sich beträchtlich voneinander und stehen mitten im Umbruch. Doch die herrschenden Systeme verhindern durch politische Einmischung in die Universitäten eine kritische Wissenschaft.

Der Arabische Frühling war in Teilen eine Reaktion auf mangelhafte staatliche Dienstleistungen – und neben dem Arbeitsmarkt waren die Fehler im Bildungssystem besonders deutlich sichtbar. Allerdings existieren in der arabischen Welt höchst unterschiedliche Bildungssysteme mit völlig gegensätzlichen Qualitätsstandards.

Einige Länder, unter anderem Ägypten, Jordanien, der Libanon und die Vereinigten Arabischen Emirate, bieten Bildung auf internationalem Niveau, teilweise mithilfe von Privatschulen. Das Schulsystem ist jedoch in vielen Ländern völlig überlastet, darunter leiden die Qualität der Lehre und das Schulklima. Ob die Kinder überhaupt in die Schule gehen können, hängt davon ab, in welchem Land sie leben – während 2014 laut Weltbank zum Beispiel in den Golfstaaten, Ägypten oder Tunesien weit mehr als 90 Prozent eine Grundschule besuchten, waren es in Jemen nur gut 85 Prozent, im Sudan sogar weniger als die Hälfte.

Im Schuljahr 2012/2013 erhielten dem Weltbildungsbericht der UNESCO (2015) zufolge 4,5 Millionen Kinder im Grundschulalter und 3,3 Millionen im Mittelschulalter in den arabischen Staaten keine Schulbildung. In fast allen dieser Staaten hat sich jedoch der Zugang zur Grundschulbildung seit dem Jahr 2000 verbessert – in zwei Dritteln der Länder der Region sank die Zahl der Kinder ohne Grundschulbildung um bis zu 50 Prozent. Dschibuti, Marokko und Jemen verringerten besonders den Bildungsnachteil für Mädchen. Ein Sonderfall stellt Syrien dar: Während die Einschulungsquote vor dem Bürgerkrieg bei mehr als 90 Prozent lag, konnten 2013 nach den Angaben der UNESCO mehr als zwei Millionen Kinder keine Schule besuchen, dazu kommen noch Hunderttausende Kinder von Flüchtlingen, die in Lagern im Libanon, in Jordanien oder der Türkei lebten, wo sie häufig ebenfalls keine Schulbildung erhalten.

Die großen Qualitätsunterschiede spiegeln sich in den Alphabetisierungsraten wider: Laut Schätzungen der UNESCO konnten 2015 im Jemen nur 55 Prozent der Frauen und 85 Prozent der Männer lesen und schreiben, in Katar lag die Rate im gleichen Jahr dagegen für beide Geschlechter bei mehr als 96 Prozent. Die Fortschritte in der Schulbildung haben sich nur bedingt in der Hochschullandschaft niedergeschlagen. Die arabische Welt hat einige der ältesten Universitäten hervorgebracht – die Zaituna-Universität in Tunis ist seit 737, die Kairener Al-Azhar seit 975 in Betrieb. Im 19. und 20. Jahrhundert fiel die Region gegenüber dem Westen zurück, in den letzten Jahrzehnten hat sie sich jedoch langsam daran gemacht, den Abstand zu verringern. Zwischen 2007 und 2012 ist die Rate der Studierenden bei den Anfang 20-Jährigen von 18 auf 22 Prozent gestiegen. Auch die Zahl der Hochschulen wuchs stark, insbesondere die der privaten Hochschulen.

Doch das rapide Wachstum ging zulasten der Qualität: Die arabischen Universitäten können im internationalen Wettbewerb kaum mithalten. Das Curriculum bleibt schwach, einerseits aufgrund veralteter Lehrmaterialien, der Konzentration auf Informationsvermittlung und schwacher Anreizstrukturen für Lehrende, andererseits wegen der mangelnden Ausrichtung auf lokale ökonomische Entwicklungen und die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts. Kritik richtete sich auch gegen die niedrigen akademischen Standards vieler Absolventen – bemängelt wurden nicht ausreichende Kenntnisse in Fremdsprachen und Mathematik sowie die fehlende Fähigkeit, kritisch zu denken. Darauf haben mehrere Staaten mit Programmen reagiert, mit denen die Qualität der Lehre verbessert werden soll. Noch sind die meisten Hochschulen aber weit von ihrem Ziel entfernt, das Niveau der Universitäten in Europa oder den USA zu erreichen. Viele Absolventen staatlicher Universitäten bekommen keinen Arbeitsplatz, das liegt sowohl an der wirtschaftlichen Lage in ihren Ländern als auch an ihrem mangelhaften Ausbildungsniveau.

Die akademische Spitze der arabischen Welt stellen traditionell Privatunis, etwa die 1866 gegründete American University of Beirut und die American University of Cairo (gegründet 1919). Am Golf orientiert man sich indes nicht nur am Modell internationaler Spitzenunis, sondern eröffnet gleich ganze Außenstellen, etwa den 2006 gegründeten Campus der Université Paris-Sorbonne in Abu Dhabi. Anders als die Absolventen staatlicher Hochschulen haben die Abgänger dieser Universitäten recht gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Liberalisierung der Bildung

Hochschulen spielen in der arabischen Welt eine Schlüsselrolle, um das selbstgezeichnete Bild der Regierungen von einer wohlmeinenden Herrschaft aufrechtzuerhalten. Mit Reforminitiativen wollten sie die Zahl der Studierenden erhöhen, um den Eindruck zu vermitteln, dass breite Bevölkerungsschichten von höherer Bildung profitieren.

Universitätsabschlüsse erhalten seit der Jahrtausendwende zunehmend auch Studierende aus ärmeren Verhältnissen, von denen viele allerdings weiterhin verzweifelt Zugang zu den Arbeitsmärkten suchen. Für Akademiker aus der Mittelklasse ist weiterhin der Staat der wichtigste Arbeitgeber. Die Beamten repräsentieren eine aufsteigende politische Macht, viele von ihnen standen oder stehen Ideologien offen gegenüber, die nicht immer mit der Regierungshaltung übereinstimmten. Und nicht zuletzt bieten die Hochschulen der herrschenden Elite einen Raum, aus dem sie hochrangige Beamte und Parteifunktionäre rekrutieren kann.

Bei der Besetzung von Führungspositionen in den staatlichen Bildungsinstitutionen fällt kaum eine Entscheidung ohne Einmischung der Regierung. Einige "Reformen" hatten das Ziel, die Beteiligung von Professoren- und Studentenschaft an ihrer Verwaltung zu begrenzen und zur Regierung in Opposition stehende Gruppen einzuschränken. In Ägypten zum Beispiel verfügte das Gesetz Nr.142 von 1994, dass einige Dekane an den Universitäten vom Minister für höhere Bildung bestimmt werden. Folglich sitzen in Universitätssenaten viele Mitglieder, die aus politischen Gründen ernannt sind, weshalb weniger Plätze für die nicht ernannten Fakultätsangehörigen und Studierenden verbleiben.

Die politische Unterordnung der Hochschulen verlief parallel zu Reformen, die die Hochschulbildung an den "Erfordernissen" des Marktes ausrichteten: Erhöhte Rechenschaftspflicht und ökonomische Liberalisierung waren Ausdruck des Versuchs, die universitäre Verwaltung zu verbessern. Das ägyptische Higher Education Enhancement Project, von der Weltbank finanziert, ist hierfür ein einschlägiges Beispiel. In Tunesien, Ägypten, Jordanien und den kleineren Staaten des Golfkooperationsrats ergänzten private und internationale profitorientierte Hochschulen den Bildungsmarkt.

Die Liberalisierungen sollten eine sogenannte arabische Wissensgesellschaft aufbauen helfen – die Reformen gewährleisteten jedoch nicht die akademische Freiheit. Die Regierungen sahen die Hochschulen zunehmend nur als Dienstleister für den Arbeitsmarkt, als Produzent von Humankapital. Universitäten, in denen freie Forschung und freier Diskurs gepflegt wird, sind daher in der arabischen Welt Mangelware. Akademiker wagen es nur selten, offene Kritik zu äußern, weil sie sich vor Repressalien der Regierungen oder der Hochschulleitungen fürchten.

Viele arabische Staaten verlassen sich stattdessen überwiegend auf ausländische Berater und importiertes Know-how, wie die Sorbonne-Fakultät in Abu Dhabi illustriert. Die Neuausrichtung der höheren Bildung an den angeblichen Erfordernissen des Marktes und der Globalisierung hat bedenkliche Folgen. Die Wissenschaft verliert an gesellschaftlicher Relevanz, die Universitäten werden von den sozialen und politischen Herausforderungen in ihren Ländern abgekoppelt.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 100-101.


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