Ein Vocho am Zocalo von Mexiko Stadt

8.1.2008 | Von:
Olaf Kaltmeier

Soziale Bewegungen in Ecuador

Populare Bewegung

Der Erfolg der indigenen Bewegung in Ecuador liegt sicherlich auch darin begründet, dass sie nicht nur indigene Interessen vertritt (der Anteil der Indigenen an der Gesamtbevölkerung wird auf zwischen 7 und 40 Prozent geschätzt, wobei der realistischste Wert wohl zwischen 15 und 25 Prozent liegt), sondern auch gerade die Interessen der nicht-indigenen verarmten Bevölkerung sowie von urbanen Intellektuellen.

Nach der Krise der links-orientierten Parteien in Folge des Kollaps des Ostblocks, kam es zur Schwächung linker Parteien und Bewegungen. Dagegen konnte die indigene Bewegung als unverbrauchte politische Kraft viel Sympathien und ab 1996 auch Wählerstimmen für sich gewinnen. Der Indígena-Bewegung gelang es, sich als Speerspitze im Kampf gegen Neoliberalismus zu profilieren, so zuletzt im März 2006 mit Protesten gegen das bilaterale Freihandelsabkommen mit den USA und der US-amerikanischen Erdölfirma Occidental.

Aktuell lässt sich allerdings eine "Emanzipation" aus der indigenen Hegemonie beobachten, ohne dass sich neue Organisationsstrukturen und erst recht keine Soziale Bewegung formieren würde. Aber ein erstes Anzeichen waren die Proteste gegen den Präsidenten Lucio Gutiérrez, dem Korruption zur Last gelegt wurde. Hier protestierten vor allem die städtischen Mittelschichten in Quito und Cuenca, und es wurde von einer diffusen Bürger-Bewegung gesprochen. Gerade auch die aktuelle links-populistisch orientierte Regierung von Rafael Correa macht der Indígena-Bewegung ihre Führungsrolle streitig. Doch wird Correa bislang nicht von einer wirklichen Sozialen Bewegung getragen, sondern seine Stellung basiert auf persönlichem Charisma. Insofern ist auch die Zukunft der Sozialen Bewegungen in Ecuador ungewiss. Die CONAIE ist intern geschwächt, hat in der Bevölkerung an Ansehen verloren, und sie ist dabei, ihre Führungsrolle im links-kritischen Milieu an Rafael Correa abzugeben. In diesem Kontext werden intern Rufe lauter, die CONAIE solle sich auf ihr indigenes Klientel konzentrieren. Seitens der Regierung Correa gibt es keine Strategie, Bewegungen gezielt zu fördern und einzubinden. Dennoch hat Correa – wie die Beispiele in Venezuela und Bolivien zeigen – zweifelsohne alle Möglichkeiten, Freiräume für neue Soziale Bewegungen zu öffnen und eine günstige politische Gelegenheitsstruktur zu schaffen. Erste lokale Organisationsprozesse (Nachbarschaftsbewegung, Befreiungstheologie) im Kontext der verfassunggebenden Versammlung zeugen davon.

Literatur

Enrique, Ayala Mora (Hg.): Nueva Historia del Ecuador. Bd. 10 und Bd. 11. Quito 1983.

Büschges, Christian, Bustos, Guillermo und Kaltmeier, Olaf (Hg.): Etnicidad y poder en los países andinos. Quito 2007.

Guerrero, Fernando und Ospina, Pablo: El poder de la comunidad. Ajuste estructural y movimiento indígena en los Andes ecuatorianos. Buenos Aires 2003.

Herrera, Gioconda (Hg.): Estudios de género. Quito 2001.

Kaltmeier, Olaf: Testimonios sobre la lucha indígena. Experiencias de la Jatarishun de Saquisilí (1930-2006). Quito 2007.

Las Nacionalidades Indígenas en el Ecuador. Nuestro proceso organizativo. Quito 1989.

Tabelle 1: Zeittafel



1895 Beginn der Liberalen Revolution unter der Führung von Eloy Alfaro

1922 Ein Generalstreik in Guayaquil wird blutig niedergeschlagen.

1926 Gründung der Ecuadorianischen Sozialistischen Partei

1928 Neue Verfassung mit Wahlrecht für Frauen

1931 Gründung der Ecuadorianischen Kommunistischen Partei

1938 Gründung des ersten nationalen Gewerkschaftsverbandes CEDOC

1944 Volksaufstand führt zum Ende der Regierung; verfassunggebende Versammlung; Gründung des Gewerkschaftsverbandes Confederación de Trabajadores del Ecuador (CTE)

1964 Erste Agrarreform

1964 Gründung der Federación de Centros Shuars

1967 Beginn des Öl-Booms

1973 Zweite Agrarreform

1977 Massaker an den streikenden Arbeitern der Zuckerraffinerie AZTRA

1978 Neue Verfassung mit Wahlrecht für Analphabeten

1979 Ende der Diktatur

1980 Gründung eines nationalen indigenen Dachverbandes (CONACNIE), aus dem 1986 die CONAIE hervorgeht.

1990 Landesweiter Indígena-Aufstand

1996 Gründung der politischen Bewegung Movimiento de Unidad Pluirnacional Pachakutik – Nuevo País

1998 Neue Verfassung mit Anerkennung kollektiver Rechte der indigenen und afro-ecuadorianischen Völker

2005 Lucio Gutierrez wird gestürzt.

2006 Wahl von Rafael Correa zum Präsidenten

2007 Wahl zur verfassunggebenden Versammlung

Tabelle 2: Indigene Aufstände seit 1990



1990 Besetzung der Kirche Santo Domingo (Quito), Nationaler Aufstand

1992 Protestmarsch der Tieflandvölker nach Quito

1992 Aufstand gegen "500 Jahre Kolonialismus"

1993 Proteste gegen die Privatisierung der Seguro Social Campesino

1994 Aufstand gegen geplantes Gesetz zur Beendigung von Agrarreform und Privatisierung von Wasser

1996 Aufstand gegen Abdalá Bucaram und Sturz des Präsidenten

1996 Beteiligung an Wahlen mit Movimiento de Unidad Plurnacional Pachakutik – Nuevo País

1997 Streik, um die verfassunggebende Versammlung einzufordern

1998 Verfassung mit Anerkennung kollektiver Rechte

2000 Machtnahme der Indígena-Bewegung und Teilen des Militärs, Absetzung des Präsidenten Jamil Mahuad

2001 Aufstand gegen Regierung Alvaro Noboa

2003 Lucio Gutiérrez wird Präsident, Pachakutik stellt den Landwirtschaftsminister und die Außenministerin

2006 Streik und Straßenblockaden gegen Freihandelsabkommen mit den USA und gegen die US-amerikanische Erdölfirma Occidental

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