Am 6. November 2012 wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten.

Julia Schumacher am 01.10.2012

Debbie und Penny: Verwalterinnen der Demokratie

Rückblick auf die US-Präsidentschaftswahlen vor vier Jahren: Exakt 132.645.504 Wahlzettel liegen bereit, ausgedruckt und ready to vote. Insgesamt sind das 663 Tonnen Papier, wenn jeder einzelne registrierte Wähler zur Urne marschiert und seinen Wahlzettel einwirft. Dass auch jeder Wähler seinen Zettel bekommt und eine Urne bereitsteht, dafür sorgen die „County Board of Elections“, die kleinsten Einheiten, die an der Organisation dieses immensen Kraftakts der Demokratie ganz am Anfang stehen. Hier ein Beispiel aus dem Swing-State Ohio.

Die Republikanerin Debra Lee Quivey, Director of Athens County of Elections arbeitet mit ihrer Kollegin Penny L. Brooks, Deputy Direktor und überzeugte Demokratin, seit 20 Jahren für Schutz und Rechte der Wähler zusammen.Die Republikanerin Debra Lee Quivey, Director of Athens County of Elections arbeitet mit ihrer Kollegin Penny L. Brooks, Deputy Direktor und überzeugte Demokratin, seit 20 Jahren für Schutz und Rechte der Wähler zusammen. (© J. Schumacher)

Diese amerikanische Freundlichkeit ist beeindruckend: Sie schmeichelt, heißt einen willkommen und verteilt großzügig das wohlige Gefühl, dass es im Moment für den anderen kein größeres „Pleasure“ geben könnte, als sich gerade hier mit dir zu unterhalten. Als ich das „Athens County Board of Elections“ betrete, schallt mir genau diese Freundlichkeit entgegen. „Hey, hello, how are you? How can I help you, darling?“, fragt mich Carol Perry, die mir mit Bibliothekarinnenbrille hinter der grau furnierten Theke des etwas in die Jahre gekommenen Office entgegenkommt. Ich stelle mich vor und erzähle ihr, dass ich einen Termin mit den beiden Leiterinnen des Board of Elections habe, mit Penny und Debbie. Sie verschwindet und kommt mit Debbie zurück. Wieder diese Freundlichkeit. Die graumelierte Dame in lila Bluse und mit scharfem Blick entschuldigt sich mehrfach. Ein spontaner Besuch der Polizei, es geht um die Sicherheit am Super-Tuesday, es dauert noch. Ich nehme in der Wartelobby Platz, neben einem überdimensionierten Nussknacker im Stars-and-Stripes-Look, einer betttuchgroßen US-Flagge und einem verstaubten Kunstblumenstrauß – alles rot, weiß, blau.

Wo liegt Athens County?

Dann bleibt mein Blick an den Karten an der Wand hängen: Der Bundesstaat Ohio hat insgesamt 88 Countys – ein County entspricht dem, was wir in Deutschland unter einem Landkreis verstehen. Athens County liegt im Südwesten des Bundesstaates. Die Farbe im kleinen Kästchen, das die Fläche des County auf der Karte anzeigt, ist fast ausschließlich grün. Nur zwei Städte – Athens und Nelsonville – sind eingezeichnet. Sonst gibt es nur Dörfer, freie Gemeinden und viel unbewohntes Land. Athens County gliedert sich in 67 Wahlbezirke.

Debbie kommt zurück, sie hat ihre ebenfalls ergraute Kollegin Penny im Schlepptau. Die beiden könnten Schwestern sein. Debbie und Penny, beide Ende 50, zeigen mir die für die vielen Sachen viel zu kleinen Räume und erzählen dabei in schnellem Ohio-Englisch von sich und ihrer Arbeit. Ein „Board of Elections“ ist eine Behörde, die sich um sämtliche Anliegen der Wähler und um die Abstimmung durch die registrierten Wähler selbst kümmert. Vom Registrieren über das Sortieren der Briefumschläge über das Briefing der freiwilligen Wahlhelfer. Jedes Mal, wenn ich im Gespräch über die Wörter „vote“ und „elect“ stolpere, korrigiert mich eine der beiden Wahlbüro-Omis: „to vote“ ist das, was der Wähler macht, er stimmt für den Wahlmann. „To elect“, wirklich wählen, das ist Aufgabe des Wahlmannes im Electoral College.

Board of Elections: Hier schlägt das Herz der Wahl

Drei Schlösser und die strenge Regel, dass keine der beiden Damen den Raum allein betreten darf, soll vor Manipulation der Wahl schützen.Drei Schlösser und die strenge Regel, dass keine der beiden Damen den Raum allein betreten darf, soll vor Manipulation der Wahl schützen. (© J. Schumacher)
Die beiden zeigen mir einen engen, langen Raum mit Regalen bis unter die Decke. An der Tür hängen zwei Vorhängeschlösser, zusätzlich zum Türschloss. Das ist der Raum, in dem die Ergebnisse, die von jedem Wahlbezirk zurückkommen, abgelegt werden. Für jeden Wahlbezirk gibt es ein Regalfach mit einer orangefarbenen Tasche und einem Zip-Beutel mit weiterem Material: Einer Speicherkarte, verschiedenen Schlüsseln, Unterlagen. Debbie und Penny erklären mir das Besondere an diesem Raum. Sobald die ausgefüllten Wahlzettel hier liegen, darf keine der beiden sich je auch nur eine Sekunde alleine in diesem Raum aufhalten, das ist strikt verboten. Und wenn niemand im Raum ist, wird er dreifach abgeschlossen. Das alles soll vermeiden, dass die Wahlergebnisse manipuliert werden können. Was ich in diesem fensterlosen Kämmerchen lerne ist die praktische Anwendung von „Checks and Balances“, dem Grundsatz der gegenseitige Kontrolle durch Gleichgewichte, der in allen Bereichen US-amerikanischer Politik eingeflochten ist. Für einen „Board of Elections“ bedeutet das, dass zwei Personen die Chefs sind: ein Demokrat und ein Republikaner.

Ein Ausschnitt aus dem Wahlzettel für den Wahlbezirk 01 im Athens County. Wer will, kann auch noch einen Präsidentschaftskandidaten selbst vorschlagen.Ein Ausschnitt aus dem Wahlzettel für den Wahlbezirk 01 im Athens County. Wer will, kann auch noch einen Präsidentschaftskandidaten selbst vorschlagen. (© J. Schumacher)
Debbie ist von Haus aus überzeugte Republikanerin, Pennys Großvater hat sich aktiv für die Demokraten stark gemacht und die ganze Familie mitgerissen. Obwohl die beiden in ihren politischen Überzeugungen gegensätzlicher nicht sein können, erfüllt eine solche Harmonie den Raum, wenn die beiden über ihre gemeinsame Arbeit sprechen, die sie seit 20 Jahren hier machen. Nicht selten beendet die eine den angefangenen Satz der anderen. Debbie arbeitet seit 1992 im „Board of Elections“. Penny erzählt, dass sie praktisch nie etwas anderes gemacht hat: Direkt nach der Highschool hat sie hier für drei Monate ausgeholfen. Dann hat sie geheiratet, ist umgezogen und hat für ein Jahr einen Job in einer Bank angenommen. Wegen des Berufs ihres Mannes kam sie wieder zurück ins Athens County. „Da habe ich meine Mom angerufen und gesagt ‚I come back home and need a job’. Und so funktioniert es eben in der Politik: Meine Mom ist aktive Demokratin und wusste, dass im Board of Elections was frei wird.“ Das war im Jahr 1974.

Die Wahl beginnt lange vor dem 06. November

Unsere Tour geht weiter: Wir schlängeln uns durch die verwinkelten Büroräume, in denen sich überall Kisten, Ordner und stapelweise Umschläge bis unters Dach auftürmen. Penny zeigt mir einen Raum in Stars-and-Stripes-Deko, in dem sich 67 schwarze Apparate befinden, für jeden Wahlkreis einen. Diese zählen die Wahlzettel vor Ort aus und schreiben die Ergebnisse auf die Speicherkarten in den Zip-Beuteln. Die Ergebnisse aus den Wahlkreisen laufen in Athens zusammen und werden an das „Ohio Board of Elections“ vermittelt. Dort entscheidet sich dann, ob die Wahlmänner des Swing-State Ohio einheitlich Obama oder Romney wählen...

Ein Techniker packt gerade jeden Apparat in einen Koffer, denn die werden heute noch verteilt.
Der Techniker packt jeden einzelnen der 63 Auszählapparate in Koffer. Von Athens aus werden sie auf die Wahlbezirke verteilt.Der Techniker packt jeden einzelnen der 63 Auszählapparate in Koffer. Von Athens aus werden sie auf die Wahlbezirke verteilt. (© J. Schumacher)
„Wieso denn heute schon?“ frage ich Penny. „Am 2. Oktober beginnen die Early Votings. Das ist für alle, die am Super-Tuesday nicht zur Abstimmung kommen können.“ Die US-Bundesstaaten und der Rest der Welt schauen auf den 6. November, dabei geht es eigentlich immer schon einen Monat früher los.

Verliebt in den Job

Das ist auch der Grund, warum Penny und Debbie in den vergangenen 22 Tagen nur einen Tag frei hatten und nicht im „Board of Elections“ erschienen sind. „Du musst diesen Job lieben, mit ganzem Herzen für die Demokratie und die Rechte der Wähler da sein wollen. Dass du Geld für deinen Job bekommst, das reicht nicht!“ So begründet Debbie das Durchhaltevermögen und die Stressresistenz der beiden. Aber wenn das nur alle vier Jahre ist, denke ich mir....“Nein. Wie haben hier jedes Jahr eine Wahl: Senat, Gouverneur, der Sheriff...Dieses Jahr fällt nur vieles auf einmal.“

Debbie und Penny würden es wahrscheinlich niemals zugeben, denn das passt nicht zu dieser amerikanischen Wohlfühl-Höflichkeit, aber so langsam habe ich das Gefühl, dass sie weiterarbeiten wollen. Und ständig klingelt das Telefon. Sie bringen mich zur Tür, vorbei an blau-rot-weißem Wandschmuck und verabschieden mich: „Honey, it was such a pleasure to meet you! Have a safe trip. Bye bye, take care darling. Hafe a safe trip!“.


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