Am 6. November 2012 wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten.

Kristin Kielon am 04.10.2012

Ausflug in einen Club: TV-Debatte bei Republikanern in NYC

Es war das Thema in den Medien und auf den Straßen in den USA – am Abend des 3. Oktobers 2012 traten US-Präsident Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney auf die Bühne der University of Denver. Es war Debate Night in America. Und auf diese Debatte waren wohl viele Menschen besonders gespannt, hatte es der Republikaner Romney doch in jüngster Vergangenheit eher mit peinlichen Ausrutschern als mit Inhalten in die Schlagzeilen geschafft. In New York City trafen sich die Anhänger von Demokraten und Republikanern in den Bars und Clubs der Stadt, um gemeinsam die Debatte zu schauen. So auch im „Metropolitan Republican Club“ in einer der feinsten Gegenden der Stadt.

Bei der ersten TV-Debatte im US-Präsidentschaftswahlkampf hat Mitt Romney dem Wappentier seiner Partei alle Ehre gemacht.Bei der ersten TV-Debatte im US-Präsidentschaftswahlkampf hat Mitt Romney dem Wappentier seiner Partei alle Ehre gemacht. (© Kristin Kielon)

Es ist wie in eine andere Welt einzutauchen. Hier, im New Yorker Stadtteil Upper East Side haben selbst einfache Appartementhäuser einen Concierge und beim Spaziergang über die berühmte Park Avenue können die Reichen und Schönen einen atemberaubenden Blick auf die Hochhäuser des Rockefeller Center werfen. Als ich hier unterwegs bin, sind allerdings kaum Leute auf den Straßen unterwegs. Es ist aber auch schon halb neun Uhr abends - und es ist Debate Night. Ich bin auf der Suche nach einem ziemlich außergewöhnlichen Ort, um dieses TV-Ereignis zu schauen. Ich werde mich unter eine seltene Spezies in New York City mischen: Republikaner. Die Stadt ist sonst fest in Händen der Demokraten. Der „Metropolitan Republican Club“ trifft sich in einem exklusiven Klubhaus: zwei Stockwerke aus Backstein in gregorianischem Stil. Hinter der schweren Holztür erwartet mich zunächst – ein Klischee. Ein altbacken eingerichtetes Kaminzimmer, Nippes-Elefanten – das Wappentier der Republikaner – säumen den Kaminsims. Doch die Begrüßung fällt warm und freundlich aus. Zwei ältere Damen kassieren den Eintritt: 15 Dollar kostet das Debatten-Schauen im „Metropolitan Republican Club“ inklusive Essen und Getränke – in den meisten New Yorker Bars wäre ich weitaus mehr Dollar losgeworden. Und das, obwohl die meisten der knapp 70 Gäste im Republikaner-Club sich wohl auch problemlos den vierfachen Eintritt hätten leisten können. Die meisten von ihnen wirken wie typische Geschäftsleute älteren Semesters – wieder ein bestätigtes Parteien-Klischee.

Republikaner in New York City: Zwischen Klischee und Überraschungseffekt

Im Saal des "Metropolitan Republican Club" sind noch Plätze frei: New York City ist eine eher blaue - also demokratische - Stadt.Im Saal des "Metropolitan Republican Club" sind noch Plätze frei: New York City ist eine eher blaue - also demokratische - Stadt. (© Magdalena Dick)
Im Saal des Klubhauses ist schon alles vorbereitet: Platz für etwa 100 Zuschauer, Buffet und auf dem kleinen Fernseher am anderen Ende des Raumes flimmert schon FOX-News – der Sender, dem eine gewisse Nähe zur republikanischen Partei nachgesagt wird. Als ich meinen Platz eingenommen habe, kommt eine Frau mittleren Alters auf mich zu und drückt mir einen Zettel in die Hand - ein Bibelvers: Ein Auszug aus dem Epheserbrief. Mit all dem hatte ich gerechnet, befremdlich jedoch war eher eine Nebensächlichkeit: Statt eines Buffets gibt es Pizza aus Pappkartons – serviert von einem Butler im schicken Zwirn. Doch nicht nur das Essen, sondern auch der Ablauf des Abends ist anders, als ich es erwartet habe. Der Vorsitzende des Clubs, Robert L. Morgan – ein untersetzter Herr in den sprichwörtlich besten Jahren – erklärt zunächst die Regeln für die Debatte. Er bittet um absolute Ruhe: kein Aufstehen, keine Zwischenrufe, kein überschäumender Applaus – so ziemlich dieselben Regeln also, die auch für das Publikum bei der Debatte in Denver (Colorado) selbst gelten.

Die Debatte beginnt, das Saalpublikum unter den goldenen Kronleuchtern verstummt. Die Gesichter um mich herum blicken angespannt auf das Fernsehgerät – immerhin könnte es für Romney schon jetzt um alles gehen, denn einen Patzer könnte ihm noch mehr Einbußen in der Wählergunst bringen, mutmaßte der TV-Sender MSNBC noch am Mittag. Das erste Wort hat zunächst Präsident Barack Obama. Nicht etwa, weil er Präsident ist, sondern ein Münzwurf hat das entschieden. So schreiben es die Regeln der „Commission on Presidential Elections“ vor. Obama startet ganz nach dem US-amerikanischen Mainstream-Geschmack in seine erste Antwort: Er gratuliert seiner Frau Michelle zum 20. Hochzeitstag. Auf seine folgenden Ausführungen auf die Frage, wie er mehr Jobs schaffen will, reagiert mein Umfeld nur mit leisem Gelächter. Das artet in ein lautes Lachen aus, als Mitt Romney das Wort ergreift. Er witzelt auf Obamas Kosten, wirkt betont locker – und ich sehe die ersten zufriedenen Gesichter bei der Republikaner-Basis.

Romney dominiert Rhetorik-Duell der Polit-Schauspieler

Zufriedene Republikaner nach der Debatte - Romney-Anhänger mit klarer Aussage am Revers: NObama.Zufriedene Republikaner nach der Debatte - Romney-Anhänger mit klarer Aussage am Revers: NObama. (© Patrick Eicke)
Im Laufe von Romneys Ausführungen zum Thema Wirtschaft wird mir immer deutlicher, wie gut der Herausforderer vorbereitet ist. Er hat seine Argumentationen scheinbar bis zur Perfektion trainiert. Diese Möglichkeit haben allerdings beide Duellanten: Sie bekommen die konkreten Fragen schon vor der Debatte zur Einsicht, im Normalfall müssen sie nicht spontan reagieren. Und diese Aufgabe hat Romney offensichtlich sehr ernst genommen. Er redet pointiert, lebhaft und in gewisser Weise mit dem ganzen Körper. In meinem Umfeld wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen. Immer wieder will Applaus aufbrausen, immer wieder kommt ein ermahnendes „shhh“ aus einer Ecke.

Obama hingegen begibt sich eher in die Defensive, muss sich gegen die teils scharfen Attacken seines Herausforderers wehren. Dabei wirkt er häufig farblos. Der Präsident antwortet überraschenderweise eher zögerlich und stockend – selbst dann, wenn seine Argumentation inhaltlich stichhaltig ist. Das Publikum im Saal um mich herum quittiert das mit einigen hämischen Lachern. Ganz ähnlich dem arrogant wirkenden Grinsen, das ihr Kandidat auf den Lippen hat, wenn Obama spricht. Ab und zu jedoch kommt ein einsamer Beifall aus den hinteren Reihen. Als ich mich umdrehe, wird klar: Der kommt von einem Gast schwarzer Hautfarbe. Insgesamt zeigt Romney während der Debatte die besseren rhetorischen Qualitäten, tritt souveräner auf als der Präsident. Auch wenn Romneys Witzeleien zuweilen ein wenig wirken wie Slapstick. Doch das fällt bei den Anwesenden im „Metropolitan Republicans Club“ kaum ins Gewicht. Hier scheint man diesen Humor zu mögen. Und tatsächlich schauspielert sich Romney galant durch die Themen Wirtschaft, Gesundheitspolitik und die Rolle der Staatsregierung.

Ein exklusiver Club im Freudentaumel

Als Moderator Jim Lehrer die Debatte beendet ist der Saal nicht mehr zu halten. Tosender Applaus braust auf, ganz so, als ob all das aus den gut betuchten Anwesenden herausbricht, was sie die ganze Zeit über nicht laut sagen durften. Ein Mann mittleren Alters in der Reihe vor mir bringt es aus republikanischer Sicht auf den Punkt: „This was awesome!“ sagt er zu seiner Begleitung. Im „Metropolitan Republican Club“ herrscht Partystimmung. Begeistert von der rhetorischen Leistung ihres Kandidaten wird sich noch einmal um das Buffet versammelt. Mehrere gestandene Männer fragen mich mit strahlender Miene nach meiner Meinung. Ich antworte gerne, was sie hören wollen, denn Romneys Auftritt übertraf auch in meinen Augen alle Erwartungen – die zugegebenermaßen nicht sehr groß waren – um Längen. Ein Etappensieg für Mitt Romney, ein schlechter Tag für Barack Obama. Das macht die kommenden zwei Debatten der beiden umso spannender. Und vielleicht sorgt es das nächste Mal auch für ein volles Haus im kleinen republikanischen Club im ansonsten eher demokratisch dominierten New York City.


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