Am 6. November 2012 wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten.

Jan Wiedemann am 05.10.2012

Vom Obdachlosen bis zum Banker: Wählerporträts

Erst im ländlichen Athens (Ohio), dann in der künstlichen Regierungsstadt Washington D.C. und schließlich in der Finanzmetropole und Weltstadt New York City: Auf der Tour durch die Staaten haben die zehn Nachwuchsjournalisten die gegensätzlichen Facetten Amerikas kennen gelernt. Überall haben sie auch sehr unterschiedliche Menschen getroffen. Und immer haben sie eine Frage gestellt: Wen wählen Sie? Und warum? Hier sechs Personen und sechs Antworten – so unterschiedlich wie Amerika selbst.

Ein guter Präsident muss den anderen Ländern zuhören

Kaitrin McCoy vor einer Bar in Athens, Ohio.Kaitrin McCoy vor einer Bar in Athens, Ohio. (© Jan Wiedemann)
Kaitrin McCoy (21) möchte einmal Opernsängerin werden. Dazu studiert sie unter anderem Musikkomposition an der Ohio University in Athens. „Ich denke, ich werde wahrscheinlich Barack Obama wählen. Ich mag ihn, auch wenn ich mit ihm nicht in allen politischen Punkten übereinstimme. Wenn es um internationale Politik geht, dann ist er eine viel diplomatischere Person als Mitt Romney. Ich denke, das ist sehr wichtig, dass wir einen Präsidenten haben, der anderen Ländern zuhört und mit ihnen spricht. Ein perfekter Präsident müsste wirklich an Kompromisse glauben und sich nicht an Parteipolitik aufhängen.“







Politik ist ein Business: Wer seinen Job nicht macht, wird gefeuert

Jacob Betzner auf dem Campus in Athens, Ohio.Jacob Betzner auf dem Campus in Athens, Ohio. (© Jan Wiedemann)
Jacob Betzner (20) will Journalist werden, Fachrichtung: Wirtschaft. Er studiert an der Ohio University in Athens. „Ich werde Mitt Romney wählen, obwohl ich persönlich von beiden Kandidaten nicht so viel halte. Leider funktioniert das Parteiensystem in den USA so, dass du wirklich keine andere Chance hast als Republikaner oder Demokraten zu wählen. Obama hat seine Versprechen nicht eingehalten: Die Wirtschaft ist immer noch nicht in Ordnung. Er hat viele Unternehmen ohne Erfolg gefördert. Obama hat einfach seinen Job nicht gemacht. Und wenn du deinen Job nicht machst, dann wirst du eben gefeuert. Deshalb ist es Zeit für einen Wechsel. Und Romney ist nun mal der einzige andere Kandidat, den wir haben.“





Wie kann man gegen so etwas Wichtiges wie Abtreibungen sein?

Patricia Harvey an ihrem Arbeitsplatz: Der Rezeption des Washingtoner Hostels.Patricia Harvey an ihrem Arbeitsplatz: Der Rezeption des Washingtoner Hostels. (© Jan Wiedemann)
Patricia Harvey (32) begrüßt ihre Gäste aus aller Welt stets mit einem Lächeln: Als Angestellte an der Rezeption eines Washingtoner Hostels muss sie jeden Tag aufs neue schauen, wie sie mit ihrer kleinen Tochter über die Runden kommt. „Ich werde Obama wählen. Ich mag ihn sehr gerne, auch weil er der erste schwarze Präsident ist. Ich hoffe, das er’s wieder wird. Mitt Romney, andererseits, kenne ich nicht wirklich gut. Aber der Fakt, dass er die Familienplanungs-Organisation „Planned Parenthood“ (Anm.: Die Organisation berät Familien, u.a. auch in Fragen zu Schwangerschaftsabbrüchen) abschaffen will, ist ein großer Fehler. Wenn meine Tochter vergewaltigt werden würde und schwanger werden würde, könnte sie nicht abtreiben und hätte ihr ganzes Leben lang damit zu tun. Auch Romney hat Frau und Kinder – darum verstehe ich nicht, wie er so etwas wichtiges wegnehmen kann.“





Der Staat sollte sich besser heraushalten

Paul Klink nach der TV-Debatte im New Yorker Metropolitan Republican Club.Paul Klink nach der TV-Debatte im New Yorker Metropolitan Republican Club. (© Jan Wiedemann)
Paul Klink (49) kommt eigentlich aus Minnesota. Zur Zeit arbeitet er in einer Bank in New York City. „Ich wähle Romney. Er versteht, wie Wirtschaft funktioniert: Nämlich, dass es besser ist, die Leute selbst entscheiden zu lassen, was sie tun wollen. Im Laufe der Jahre hat sich die amerikanische Regierungen immer mehr eingemischt. Vor allem unter Obama hat sie in ganz kurzer Zeit immer mehr übernommen. Ein Beispiel ist das Gesundheitssystem: Obama möchte alles verstaatlichen. Dabei wäre es viel besser, den Bundesstaaten mehr Macht zu geben. Die Bundesregierung hingehen sollte nur ein paar einzelne Dinge übernehmen – sonst nichts.“







Die Menschen haben die Schnauze voll von Republikanern und Demokraten

Wiley Drake auf seiner Reise in Washington, DC.Wiley Drake auf seiner Reise in Washington, DC. (© Jan Wiedemann)
Wiley Drake (68) ist Pfarrer aus Buena Park, Kalifornien. Er lebt seinen Glauben – und wählt deshalb weder Demokraten noch Republikaner. „Ich bin 1964 Republikaner geworden und war bis 2006 Mitglied der Partei. Die Republikaner sind immer weiter von ihren Idealen abgekommen. Im Moment haben wir keine konservative Partei mehr in den USA. Deshalb werde ich Tom Hoefling von der American-Independent-Partei wählen. Ich glaube nicht, dass wir diesmal gewinnen. Aber ich denke, dass wir beim nächsten Mal gute Chancen haben werden: Die Leute haben die Schnauze von Politik voll - von den Republikanern und den Demokraten. Ich bin sicher, dass wir bald einen unabhängigen, bibeltreuen, rechtschaffenen und frommen Mann im Weißen Haus haben werden.“





Soziale Sicherheit sind keine Almosen von der Regierung

Kim vor einem Washingtoner Obdachlosenheim.Kim vor einem Washingtoner Obdachlosenheim. (© Jan Wiedemann)
Kim wohnt seit vier Jahren in einem Obdachlosenheim in Washington D.C., arbeitete für elf Jahre als Kurierfahrerin. Die Mittvierzigerin war schnell unterwegs – zu schnell, fand die Polizei: Wegen zu vieler Geschwindigkeitsübertretungen verlor sie ihren Führerschein und anschließend ihre Wohnung. „Ich bin für Barack Obama denn er setzt sich für soziale Sicherheit ein. Mitt Romney spielt herunter, dass die Leute hier im Obdachlosenheim ihre finanziellen Zuschüsse wirklich zum Überleben brauchen. Er versteht nicht, dass diese Leute hart gearbeitet haben, um sich diese soziale Sicherheit zu verdienen. Es geht nicht um Almosen von der Regierung, es ist dein Geld! Oft wird gesagt, dass Leute wie wir faul herum liegen und nicht arbeiten wollen. Aber das ist falsch: Du musst ein Einkommen haben, um wieder eine Wohnung zu bekommen. Die Zuschüsse sind deshalb wichtig, damit wir wieder auf die Beine kommen.“


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