Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.

24.1.2007 | Von:
Bharat Dogra

Landnahme und Vertreibung bedrohen Millionen Menschen

Die Kehrseite des Wirtschaftsbooms

Kein Platz für traditionelles Gewerbe und kleine Geschäfte

Demonstration von Anhängern der Bewegung zur Rettung des Narmada-Flusses in Delhi im April 2006
Foto: Stefan MentschelDemonstration von Anhängern der Bewegung zur Rettung des Narmada-Flusses in Delhi im April 2006
Foto: Stefan Mentschel
Besonders betroffen von den Vertreibungen sind die Adivasi. Bereits Ende der 80er Jahre warnte eine Regierungskommission vor den Auswirkungen industrieller Expansion auf das Leben von Indiens Ursprungsbevölkerung. "Aufgrund der zunehmenden Ausbeutung der vielen natürlichen Rohstoffe in den Stammesgebieten verändern sich die Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen rasend schnell", heißt es in dem Bericht. Milliarden Rupien würden investiert, ohne die Auswirkungen dieser Projekte auf die einheimische Bevölkerung zu beachten. "Wir sind weit davon entfernt, ihnen (den Adivasi) den gegebenen Respekt zu verschaffen." Nach Angaben der Kommission waren bereits damals 10 bis 15 Prozent der Adivasi in irgendeiner Form von Umsiedlung oder Deportation betroffen – inzwischen dürften es weitaus mehr sein.

Auf der anderen Seite lässt sich in Metropolen wie Delhi zunehmend eine ganz andere Art von Vertreibung und Existenzverlust beobachten. Aufgrund der Bestrebungen von Regierung und Wirtschaft, eine moderne Stadt mit Einkaufszentren, Vergnügungsvierteln, Fünf-Sterne-Hotels, Hochstraßen und U-Bahnen zu schaffen, bleibt für kleine Industriebetriebe, traditionelles Gewerbe und Geschäfte kein Platz mehr. Viele Firmen und Läden sind gezwungen zu schließen, weil sie sich einen Neuanfang an einem anderen, teuren Standort nicht leisten können.

Kleinunternehmer Gulshan aus dem Westen Delhis hatte das gesamte Vermögen seiner Familie in einen Betrieb zum Polieren von Edelstahl investiert. Als die Stadtverwaltung eine Verlegung seines Gewerbes anordnete, war ihm klar, dass er die Kosten dafür nicht aufbringen kann. Einige Tage nahm sich Gulshan das Leben. Seine Firma wurde geschlossen, alle Arbeiter verloren ihre Arbeit.

Auch die innerstädtischen Elendsviertel, die zum Teil seit Jahrzehnten bestehen, werden von heute auf morgen niedergerissen. Hunderttausende Slum-Bewohner haben dadurch allein in Delhi ihr Obdach verloren oder wurden in halbfertige Neubausiedlungen am Stadtrand umgesiedelt, wo es weder eine angemessene Infrastruktur noch Arbeitsplätze gibt. Das Schicksal von Ram Gopal Sharma ist beispielgebend für viele: Der junge Mann betrieb einst ein gut gehendes Geschäft mit dem Verkauf von Radios und Transistoren. Seitdem sein Laden geschlossen wurde, lebt er in einem Heim für Obdachlose.

Offiziell ist die Zahl der Arbeitslosen in Delhi von 196.000 im Jahr 1996 auf 569.000 im Jahr 2000 gestiegen. Doch weit mehr Menschen sind betroffen. "Die Hälfte der rund vier Millionen Beschäftigen in Delhi ist von Arbeitsverlust bedroht oder stark in ihrer Existenz gefährdet", sagt Dunu Roy, Leiter von Sajha Manch, einem Netzwerk mehrerer Organisationen, die sich mit dem Armuts- und Existenzproblem in der Hauptstadt befassen.

Keine Gerechtigkeit für Vertriebene

Von abgelegenen Stammesregion bis in die geschäftigen Straßen Delhis – Vertreibung gibt es in vielerlei Form. Gemeinsam ist allen, dass den Betroffenen keine Gerechtigkeit widerfährt. Im Fall des Srisailam-Damms in Andhra Pradesh bekamen die Betroffenen, deren Dörfer in den Fluten des Stausees versunken waren, im Schnitt etwa 100 Euro für ein Haus und nur 11 Euro für eine Hütte. Drei Jahre später ergab eine Befragung der Umgesiedelten, dass sich ihr Einkommen und damit ihr ohnehin einfacher Lebensstandard drastisch verschlechtert hatten.

Bei Großprojekten wie dem Sardar-Sarovar-Damm im Narmada-Tal stellt sich zudem die Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen. So werden im angrenzenden Gujarat aufgrund mangelhafter Kanalsysteme nur zehn Prozent der Ackerflächen bewässert, die man schon bei einer Damm-Höhe von 110 Metern bewässern könnte. Dennoch wird bis 122 Meter weitergebaut – ohne die insgesamt 200.000 von ihrem fruchtbaren Land vertriebenen Menschen angemessen zu entschädigen. Parvati Behan, dem wie vielen anderen die Umsiedlung droht, erzählt: "Unser Land gibt alles her, bis auf Salz. Wir haben genügend Getreide, Gemüse, Obst, Gewürze – einfach alles. Und wir haben so schöne Tempel. Wie kommt einer nur auf die Idee, ein solches Land zu überschwemmen?"

Indes droht neue Gefahr. Das Wirtschaftsministerium wirbt im ganzen Land für die Einrichtung so genannter Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones, SEZ). Dadurch, so wird befürchtet, wird es zu weiteren direkten oder indirekten Vertreibungen kommen. 200 SEZ sind bislang beschlossen, für deren Einrichtung mehr als 120.000 Hektar Land erworben werden müssen. Obwohl das Ministerium behauptet, dass Ackerland nicht angetastet werden soll, gibt es bereits Berichte von Bauern aus Maharashtra, Uttar Pradesh und anderen Staaten, die von diesen Projekten bedroht sind. Und selbst wenn angrenzende Flächen erworben werden, so kann auch das für die Bauern zu einer Bedrohung werden.

Daher ist es wichtig, dass auf die Probleme von Vertriebenen oder von Vertreibung bedrohter Menschen reagiert wird. Es sollten Gesetze in Kraft treten und Strategien erarbeitet werden, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zudem sollten Vertreibungen so weit wie möglich verhindert werden, indem sämtliche Projekte, die eine Umsiedlung zur Folge haben, einer genauen Prüfung unterzogen werden. Denn im Zuge wirtschaftlicher Entwicklung muss der Schutz von Mensch und Natur oberste Priorität haben.


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