Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

27.3.2008 | Von:
Tuvia Friling

Shoah und Einwanderung

Nehmen Sie sie doch als "schwimmende Fracht" mit: Das Rettungsprogramm der Jewish Agency während des Holocaust

Organisation des Jischuv – die Jewish Agency Executive

Die politische, soziale und demographische Struktur des Jischuv ist wesentlich für das Verständnis seiner Politik und seines Verhaltens. Ende 1942 zählte der Jischuv rund 485.000 Menschen, das entsprach 31% der Gesamtbevölkerung des Landes. Es war eine sehr heterogene jüdische Gemeinde, sie bestand aus religiösen und säkularen Juden; städtischen und ländlichen Gemeinden; Veteranen und neuen Einwanderern; der Sephardim (hauptsächlich Juden aus islamischen Ländern) und der Aschkenasim (zum Großteil Juden aus europäischen Ländern, die ihre Heimat vor wenigen Jahren verlassen hatten und deren Eltern, Geschwister und Verwandte nun ermordet wurden).

Der organisatorische Aufbau dieser sehr mannigfaltigen Gemeinschaft war komplex und beruhte auf freiwilliger Mitgliedschaft. Eine Reihe autonomer Institutionen waren im Jischuv aktiv, die ihre Legitimität aus dem Glauben der Menschen an ihre Vorsitzenden bezogen. Die JAE wurde von der World Zionist Organization (WZO) mit der Aufgabe betraut, den Grundstein zu einer "nationalen Heimstätte" zu legen. Sie befasste sich mit Themen wie Einwanderung, Integration von Einwanderern, zionistischen Aktionen in der Diaspora, Landerwerb, Siedlungsentwicklung, Aufbau militärischer und paramilitärischer Organisationen und Fundraising für die nationalen Fonds. Die JAE (Jewish Agency Executive) sah sich auch als Repräsentantin der Zionisten in Palästina und der Diaspora gegenüber den Mandatsherren, der britischen Regierung in London, und anderen ausländischen Mächten.

Die JAE war ein repräsentatives, regierungs-ähnliches Gremium, die Macht war auf verschiedene Parteien aufgeteilt. Die Schlüsselpositionen hatte die dominante Mapai- (Arbeiter)Partei inne. Ihr Anführer, David Ben-Gurion, war der Vorsitzende der JAE. Ihre vielen Dienststellen hatten nicht die Mittel, den Bestimmungen auch Geltung zu verschaffen und mussten sich gegenüber so unterschiedlichen Gruppierungen wie den rechtsgerichteten Untergrundorganisationen IZL und Lehi und den Ultra-Orthodoxen sowie anderen Gruppen durchsetzen, die das demokratisch gewählte Regierungsgremium des Jischuv nicht anerkannten.

Obwohl sich Ben-Gurions Position während dieser Zeit festigte, wäre es irreführend, sein späteres Image als Israels charismatischer Gründervater auf seine Person in den frühen 1940er-Jahren zurückzuprojizieren. Während des Zweiten Weltkrieges war Ben-Gurion ein demokratischer Politiker in einer Zeit der schweren Krise; er musste in der komplexen Realität eines heterogenen Jischuv unter fremder Herrschaft, in einem Kontext dynamischer internationaler Rahmenbedingungen, geschickt lavieren, und das alles angesichts von Krieg und Holocaust, der sein Volk vernichtete. Aus jüngsten Studien geht hervor, dass Ben-Gurion und seine Kollegen an der Spitze der Zionisten-Bewegung ihr Möglichstes getan haben, um das europäische Judentum in der Zeit des Holocaust zu retten. Sie unternahmen zahlreiche Aktivitäten, die in zwei Kategorien unterteilt werden können: Erstens waren dies begrenzte Rettungsaktionen mit dem Ziel, das Überleben der Juden in den besetzten Gebieten zu ermöglichen: durch die Bereitstellung von Geld, Lebensmittelpaketen, Bekleidung, Medizin und gefälschten Papieren; durch das Schmuggeln von Juden über die Grenze in weniger gefährliche Gegenden; durch das Schmuggeln von Waffen zur Selbstverteidigung; und durch die Bereitstellung von organisatorischer Hilfe und finanzieller Unterstützung für Juden, die sich versteckt hielten. Zweitens setzten sie größere Rettungsaktionen, mit dem Ziel, Gruppen von Juden aus Feindesland zu befreien. Diese beinhalteten den "Kinderrettungsplan", Versuche, Menschen freizukaufen und die heimliche Kooperation mit Mitgliedern britischer und amerikanischer Geheimdienste.

Rettungspläne

Drei Pläne, in denen es darum ging, Juden mit Lösegeld freizukaufen, wurden auf allen Ebenen der zionistischen Führung als nützliche Hinhaltemanöver, wenn nicht als große Rettungschancen, angesehen. Es waren dies der "Transnistria Plan" (Oktober 1942 - Februar 1943), der Versuch, rumänische Juden zu retten, die nach Transnistrien verbannt worden waren; der "Slovakia Plan", ein Versuch, slowakische Juden vor der Deportation zu bewahren, aus dem sich später der "Europa Plan" (Sommer 1942 – Oktober 1943) entwickelte; und insbesondere die Joel Brand Mission (März-Juli 1944), allgemein bekannt unter dem unglückseligen Namen "Blood for Trucks Plan" (Blut für Lastwägen). Widersprüchliche Interessen standen den drei Plänen, die die Rettung zehntausender jüdischer Flüchtlinge vorsahen, entgegen. Die USA und Großbritannien lehnten Verhandlungen jeglicher Art mit ihren Feinden ab, und die Fluchtrouten blieben versperrt. Als alles andere gescheitert war, appellierte die Jewish Agency im Juli 1944 an die Alliierten, Auschwitz und die zu den Lagern führenden Bahnverbindungen zu bombardieren.

Der Jischuv mobilisierte einen großen Prozentsatz seiner Bevölkerung für den Kriegseinsatz. Ungefähr 30.000 junge Männer und Frauen, vom rechten wie vom linken Flügel des politischen Spektrums des Jischuv, meldeten sich freiwillig zur britischen Armee. Ab Sommer 1944 wurde dem Jischuv, nach langem verzweifeltem Ringen, gestattet, eine jüdische Brigade zu bilden, womit er als Kriegspartner anerkannt wurde.

Durch ihre Beziehungen zu amerikanischen und britischen Geheimdiensten versuchte die zionistische Führung, jede Gelegenheit zu nützen, um Juden zu retten, die im besetzten Europa gefangen waren, doch sie mussten im Geheimen agieren. Aus dieser Geheimhaltung resultiert unter anderem, dass dies kaum dokumentiert ist und Historiker daher mit der großen methodologischen Herausforderung konfrontiert sind, diese Operationen und ihren modus operandi zu rekonstruieren. In vielen Fällen sind Deals mit fragwürdigen Persönlichkeiten, Doppel- oder Dreifachagenten, Kriminellen, Mitgliedern der Gestapo und der Abwehr (deutscher militärischer Geheimdienst) nicht schwarz auf weiß nachzulesen. Erst in letzter Zeit sind Dokumente (einige davon nur in kodierter Form) an die Öffentlichkeit gelangt, die sich auf die "Special Tasks Section" beziehen: auf die politische Abteilung der Jewish Agency sowie britische und amerikanische Geheimdienste.

Blanz der Rettungsversuche

Es bleibt die tragische Tatsache bestehen, dass ein Großteil aller Rettungsversuche schließlich scheiterte. Hauptgrund für dieses Scheitern war die enorme Komplexität der großen Rettungsversuche, auf der Ebene der Politik, der Ausführung und der Logistik. Da die meisten Operationen scheiterten und die Hauptakteure anonym blieben, lag es nahe, den Schluss zu ziehen, der Jischuv hätte sich die Rettung nicht zum obersten Ziel gesetzt oder nicht sein Allermöglichstes dafür getan.

In Wirklichkeit war das Gegenteil der Fall. Die kühnsten und intelligentesten Köpfe des Jischuv, wie Reuven Zaslani (Shilohah), Shaul Meirov (Avigur), Teddy Kollek und Ehud Avriel, waren direkt für die Rettungsoperationen verantwortlich. Diese Männer waren die talentiertesten Geheimdienstleute des Jischuv, die sowohl vor als auch nach dem Krieg mit den sensibelsten sicherheitsbezogenen Aufgaben betraut wurden. Die traurige Wahrheit ist, dass sie trotz ihres Talents, ihrer Anstrengungen und ihrer Hingabe an die Rettungsmission scheiterten.

Die folgende Anekdote verdeutlicht die politische und praktische Ohnmacht des Jischuv zur damaligen Zeit. Von grundlegender Notwendigkeit für die Rettungsoperationen waren Transportmittel, insbesondere Schiffe. Kinder, die wie durch ein Wunder aus Mitteleuropa geschmuggelt worden waren, saßen in zahlreichen Häfen am Schwarzen Meer fest, wo sie auf Schiffe warteten, die sie in Sicherheit bringen würden. Zur gleichen Zeit segelten alliierte Schiffe, die Truppen und Ausrüstung an die Front in Südeuropa gebracht hatten, leer nach Hause zurück, beladen mit nichts als Sand und Steinen – genannt die "schwimmende Fracht" –, die für die Stabilität auf See sorgten. Als der Mitarbeiter einer Rettungsoperation sah, wie diese Schiffe ganz in der Nähe der Aufenthaltsorte der Kinder aus den Häfen abfuhren und vorschlug, dass diese leeren Schiffe die Kinder mitnehmen könnten, wurde er abgewiesen, mit der Ausrede, der Umweg würde die Kriegsschiffe aufhalten und die Operationen behindern. Der Mann antwortete: "Wenn Sie sie nicht als Kinder mitnehmen, so wenigstens als 'schwimmende Fracht'..."

In der Zeit nach dem Holocaust arbeitete der Jischuv mit doppelter Kraft daran, in Umgehung der britischen Einwanderungsbeschränkungen die wenigen Überlebenden nach Palästina zu bringen, das weiterhin um die Anerkennung als Staat kämpfte. Nur drei Jahre nach Kriegsende, am 14. Mai 1948, erklärte Ben-Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel. Für viele seiner Bürger, bei denen die Erfahrungen während des Holocaust tiefe Narben hinterlassen hatten, bedeutete der neue Staat, dass jüdische Kinder nie wieder als "schwimmende Fracht" betrachtet werden würden.

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