Dossierbild Polen

21.2.2013 | Von:
Maciej Duszczyk

Analyse: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik in Polen

Regionale Unterschiede

Die Situation auf dem polnischen Arbeitsmarkt ist viel komplizierter, als dies aus den gesamtpolnischen Daten herauszulesen ist, die einen Anstieg oder Rückgang der Arbeitslosenquote, der Beschäftigung oder der Wirtschaftsaktivität zeigen. Haupteigenschaft des Arbeitsmarkts in Polen ist nämlich seine regionale Differenzierung. Einerseits haben wir es mit Regionen zu tun, in denen es praktisch kein Problem mit Stellenangeboten gibt und sich die Löhne nicht viel vom europäischen Durchschnitt unterscheiden. Andererseits finden sich sehr leicht Orte in Polen, wo Massenarbeitslosigkeit herrscht und die Löhne kaum das Niveau des Mindestlohns überschreiten (dieser liegt gegenwärtig bei ca. 400 €). Das ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Arbeitsmarktpolitik steht. Es ist eine typische Situation auch für viele andere europäische Staaten, wie etwa Spanien, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland. Im Falle Polens gibt es jedoch eine zusätzliche Besonderheit. Denn eine differenzierte Analyse der Arbeitsmarktsituation zeigt, dass wir es mit einem sogenannten "Inselcharakter der Arbeitsmarktentwicklung und -situation" zu tun haben. Das bedeutet, dass es in fast allen polnischen Regionen Orte gibt, an denen die Situation gut oder sogar sehr gut ist (die sogenannten Inseln), diese jedoch von Kommunen umgeben sind, in denen die Situation genau entgegengesetzt ist. So beträgt beispielsweise in Warschau, Danzig, Posen oder Krakau die Arbeitslosenquote 4–5 %, in 50–60 km Entfernung finden wir jedoch Orte mit 20 oder sogar 30 %. Ein sehr gutes Beispiel ist die Woiwodschaft Masowien, in der sich die Region mit der höchsten (Szydłowiec – 36,7 %) und der niedrigsten (Kreis Warschau – 4,0 %) Arbeitslosenquote befindet. Neben den traditionellen Ursachen von Arbeitslosigkeit wie dem niedrigen Qualifizierungsniveau oder der mangelnden Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme wirken sich hier das geringe Angebot an preiswertem Wohnraum in den Großstädten sowie das schlechte regionale Straßennetz und das unterentwickelte Eisenbahnsystem zwischen den einzelnen Regionen aus. In letzter Zeit gibt es hier Verbesserungen durch den Bau von Schnellstraßen und Autobahnen, aber das ist entschieden zu wenig. Benötigt werden mehr lokale Verkehrswege und Kommunikationsverbindungen. Ziel der Regierung ist es, dass man im Jahr 2030 innerhalb von 60 Minuten von jedem Ort Polens in eine größere Stadt gelangen kann. Wenn es gelingt, dieses Ziel zu realisieren, dann werden sich die Unterschiede bei der Situation auf dem Arbeitsmarkt auch verringern. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Sondergruppen auf dem Arbeitsmarkt

Immer mehr Staaten gelangen zu der Überzeugung, dass sie in Zukunft angesichts der gegenwärtigen demografischen Herausforderungen ohne einen Anstieg der Beschäftigtenzahl nicht zurechtkommen werden, insbesondere gegenüber der wirtschaftlichen Konkurrenz weltweit. Zu diesen Staaten gehört seit einiger Zeit auch Polen. Leider haben viele Menschen, die auf dem freien Arbeitsmarkt erfolgreich bestehen könnten, damit immer noch Probleme. Dies betrifft insbesondere Jugendliche, Menschen über 55 Jahre, Frauen, Behinderte sowie die Bewohner ländlicher Gebiete. Eindeutig am schwierigsten ist die Situation jedoch für Jugendliche und Behinderte. Bei der ersten Gruppe muss man sich bewusst machen, dass die Arbeitslosigkeit als erste Erfahrung nach dem Schulabschluss einschneidend ist. Denn sehr schnell können Jugendliche, deren Bedürfnisse nicht befriedigt werden, gesellschaftlich an den Rand geraten oder aber sich alternative Verdienstmöglichkeiten suchen, die oft nicht im Einklang mit dem Gesetz stehen. Außerdem haben fehlende Arbeit oder niedrige Löhne zur Folge, dass der Zeitpunkt für Familiengründung und Kinder hinausgeschoben wird, was die negativen demografischen Tendenzen noch verstärkt. Entscheidend für diese Gruppe dürfte die Gewährleistung eines leichteren Transfers zwischen Bildung und Arbeit sein. Das bedeutet die Umstellung des Bildungssystems auf die Ausbildung von Schlüsselkompetenzen für das soziale und gesellschaftliche Leben sowie für den Arbeitsmarkt. Der Erwerb solcher Schlüsselkompetenzen auf einem hohen Niveau ermöglicht es, sich an eine sich verändernde Arbeitsmarktsituation anzupassen. Bei den Behinderten erscheint die Situation noch schwieriger. Die Praxis der Einstellung von Behinderten außerhalb des freien Arbeitsmarkts erfordert sofortige Veränderungen. Denn noch immer befindet sich die Beschäftigungsquote in dieser Berufsgruppe in Polen auf dem niedrigsten Niveau in der Europäischen Union. In der aktuellen Diskussion gibt es Ideen, die Einstellungspraxis für Behinderte zu verändern und langsam abzugehen vom System "besonderer Arbeitsbetriebe", in denen ausschließlich behinderte Menschen beschäftigt werden. Der neue Ansatz basiert auf der Förderung der Einstellung von Behinderten auf dem freien Arbeitsmarkt, wenn deren Behinderungsgrad dies erlaubt. Dabei fänden diejenigen, die trotz der dafür geschaffenen Bedingungen die Konkurrenz mit nichtbehinderten Arbeitnehmern nicht bestehen würden, immer noch Stellen in dem besonderen System.

Die arbeitenden Armen ("Working poor")

Noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts war das Problem der Armutsgefährdung trotz Ausübung einer Beschäftigung ein Randphänomen, und Armut wurde eindeutig mit Arbeitslosigkeit oder einer Behinderung assoziiert, die eine Arbeitsaufnahme nicht zuließ. Heute dreht sich die öffentliche Diskussion in Polen immer häufiger um Haushalte, deren finanzielle Situation unbefriedigend ist, obwohl eines oder sogar mehrere Haushaltsmitglieder einer Arbeit nachgehen. Die bisher in Polen durchgeführten Untersuchungen haben gezeigt, dass zwar ein bedeutsamer Anteil der polnischen Arbeitnehmer wenig verdient, diese dennoch kaum als von extremer Armut Betroffene anzusehen sind (d. h. als Personen, die ohne Sozialhilfeleistungen oder Unterstützung durch die Familie ihre grundlegenden Bedürfnisse in Bezug auf Lebensmittel, Wohnung und Gesundheit nicht befriedigen könnten). Um der Armutsfalle zu entgehen, wird sehr häufig auch eine niedrig bezahlte Beschäftigung angenommen, auch wenn sie kurzfristig die materielle Situation nicht verbessern kann. Zugleich zeigt die Beobachtung der gegenwärtigen Situation auf dem polnischen Arbeitsmarkt, dass der Anteil der Familien steigt, die auf Transferleistungen aus dem Sozialhilfesystem angewiesen sind, selbst wenn beide Eltern Arbeit haben. Das betrifft insbesondere Familien mit vielen Kindern. Deshalb erscheint es notwendig, in nächster Zeit nicht nur Maßnahmen zu ergreifen, die Arbeit lohnender machen, sondern auch ausgleichende Instrumente für Familienmitglieder einzuführen, die von betroffenen Arbeitnehmern unterhalten werden. Grundsätzlich sollte man jedoch davon ausgehen, dass die beste Art und Weise, Armut und gesellschaftliche Marginalisierung zu vermeiden, die Aufnahme einer Beschäftigung ist. Dieser Grundsatz verbreitet sich immer mehr, auch in programmatischen Dokumenten der EU, wie etwa der Strategie Europa 2020. Daher sollten sowohl das Steuersystem (Senkung der Steuerbelastungen für Geringverdiener, zeitlich begrenzte Erhöhung des Steuerfreibetrags) als auch das System der sozialen Sicherung (Lohnzulagen und ein progressives Sozialleistungssystem) dazu animieren, eine Beschäftigung aufzunehmen und den überwiegenden Anteil der Einkünfte aus Arbeit zu erzielen.


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