Dossierbild Polen

16.3.2021 | Von:
Józef Krzyk

Analyse: Abschied von der Kohle

Die Woiwodschaft Schlesien war jahrzehntelang dominiert vom Kohleabbau. Heute arbeiten nur noch wenige in den Zechen, trotzdem ist die Region eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen in Polen.

Früher Förderturm für Kohle, heute Aussichtsplattform. Das Schlesische Museum in Kattowitz.Früher Förderturm für Kohle, heute Aussichtsplattform. Das Schlesische Museum in Kattowitz. (© picture-alliance)

Zusammenfassung

Die Woiwodschaft Schlesien (województwo śląskie) ist eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen in Polen. Die Dominanz des Kohleabbaus, die etliche Generationen prägte, besteht nicht mehr; es arbeiten nur noch wenige Zechen und der stillgelegte Industriezweig wird musealisiert. Indessen hat sich der Dienstleistungssektor entwickelt und hat sich insbesondere in Kattowitz (Katowice) die IT-Branche etabliert. In Gleiwitz (Gliwice) und an anderen Standorten ist die Autoindustrie ansässig, eng verzahnt mit anderen Industrien sowie den Hochschulen. Internationale Firmen, Wirtschaftskongresse, moderne Stadtviertel, Bildungs- und kulturelle Einrichtungen bestimmen heute die dynamischen Zentren der Sonderwirtschaftszone, an der Peripherie steht den meisten aber noch ein langer Weg bis zu einem ähnlich hohen Lebensstandard bevor.

Bereits seit 200 Jahren wird in und um Kattowitz Kohle abgebaut. Eines der Bergwerke, das unter polnischer Hoheit den gleichen Namen wie die Stadt trug, befand sich mitten im Stadtzentrum. Auf dem ehemaligen Zechengelände wurden in den letzten Jahren ein moderner Konzertsaal für das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks, Polens größtes Kongresszentrum sowie ein Gebäudekomplex des Schlesischen Museums errichtet. Über dem Museumsareal thront ein nachgebauter Zechenturm als Aussichtspunkt. Der ursprüngliche Turm konnte nicht gerettet werden. Erhalten geblieben sind hingegen das Zechenhaus und das Maschinenhaus vor dem Hauptgebäude des Museums.

Wie das Ende der Welt

Für Liebhaber*innen von Industriedenkmälern ist das natürlich eine große Attraktion, doch die Menschen in den umliegenden Bezirken denken wehmütig an die Zeiten zurück, als die meisten von ihnen im Bergbau ihren Lebensunterhalt verdienten. Nach der Schließung zahlreicher Zechen zahlte der polnische Staat den betroffenen Bergleuten eine Abfindung in der Höhe eines Jahresverdienstes oder sicherte allen die Weiterbeschäftigung in anderen Bergwerken zu. Trotz der staatlichen Hilfsprogramme brach mit der Schließung der Gruben für die meisten Kumpel eine Welt zusammen. In den darauffolgenden Wahlen mussten die für die Schließung verantwortlichen politischen Parteien in den mehrheitlich von Bergarbeitern bewohnten Siedlungen (wie in der Nähe des heutigen Schlesischen Museums) einen hohen Preis zahlen. Die seit 2015 in Polen regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) sowie Staatspräsident Andrzej Duda errangen in den Wahlbezirken eine Mehrheit, da sie versprachen, die Schließung der Gruben zu verhindern. Zur Bestürzung von Umweltschützer*innen wiederholte das polnische Staatsoberhaupt diese Erklärung auch auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2018 in Kattowitz. Während Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen mögliche Maßnahmen für einen stärkeren Umweltschutz und den beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energiequellen diskutierten, machte Duda klar, dass Polen keineswegs aus der Kohle aussteigen werde, da die Vorräte im Land schließlich noch zweihundert Jahre reichen würden. Dudas Rede traf bei den Vertretern der Bergbaugewerkschaften auf Zustimmung. Doch schon bald wurde klar, dass die Erfüllung seiner Zusagen nicht ohne erhebliche staatliche Subventionen realisiert werden kann, da die in den schlesischen Gruben geförderte Kohle teurer ist als die aus Russland oder den USA bzw. Kolumbien importierte – und das trotz der hohen Transportkosten. Aufgrund von Verordnungen der Europäischen Union darf die polnische Regierung staatliche Bergwerke nicht direkt bezuschussen. Sie tut dies jedoch indirekt durch die staatlich kontrollierten Energiekonzerne, wobei die Kosten letztendlich über höhere Stromrechnungen von den polnischen Endverbraucher*innen getragen werden. Auch im Regierungslager sind sich einige Politiker*innen sehr wohl bewusst, dass der polnische Staat die Kohleindustrie langfristig nicht uneingeschränkt weiter subventionieren kann. Im Sommer 2020 legte die Regierung sogar einen Plan zur Schließung der besonders defizitären Bergwerke vor, zog diesen jedoch umgehend wieder zurück, nachdem die Gewerkschaften dagegen protestierten.

Ins Büro statt in den Schacht

Trotz dieser politischen Entwicklung ist die wichtigste polnische Wirtschaftsregion von einem tiefgreifenden Wandel geprägt. In der ca. zwei Millionen Einwohner*innen zählenden Metropolregion um das oberschlesische und das Dombrowaer Kohlenbecken – die Städtekette reicht von Gleiwitz im Westen bis nach Kattowitz und Sosnowitz (Sosnowiec) im Osten – arbeiten heute schon fast genauso viele Menschen im Dienstleistungssektor, besonders in der IT-Branche, wie im Bergbau. In Kattowitz und Gleiwitz sind es noch mehr. In Kattowitz existieren nur noch zwei aktive Kohlebergwerke (ein weiteres befindet sich bereits in der Abwicklung), in Gleiwitz gibt es nur noch eine aktive Zeche. Sie befinden sich eher in städtischen Randgebieten, sind daher also für Besucher*innen nicht unbedingt sichtbar. Insbesondere Kattowitz hat sich in den letzten Jahren verändert, aus einer von Bergbau und Industrie dominierten Stadt wurde ein Zentrum für Bildung und Kultur. Die Stadt muss sich dabei keinesfalls hinter Warschau oder Krakau verstecken. Nicht ohne Grund fand die UN-Klimakonferenz gerade hier statt. Die Konferenzteilnehmer*innen waren begeistert, als sie im Rahmen der Veranstaltung die ehemalige Arbeitersiedlung Nickischschacht (Nikiszowiec) besichtigen konnten, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach den Plänen der Architekten Emil und Georg Zillmann erbaut wurde. Sie besuchten auch Gieschewald (Giszowiec), eine ebenfalls von den beiden Berliner Architekten entworfene und als Gartenstadt konzipierte Kolonie. Der moderne Charakter von Kattowitz wird auch dadurch demonstriert, dass die Berliner Philharmoniker dort wenige Wochen nach der Klimakonferenz im bis auf den letzten Platz gefüllten Konzertsaal des Nationalen Symphonieorchesters einen Auftritt feierten. So ein Konzert wäre einige Zeit zuvor noch undenkbar gewesen, da es in Kattowitz keine entsprechenden Räumlichkeiten für eine so große Veranstaltung gegeben hatte. In Warschau, so betonen Musikliebhaber*innen aus Oberschlesien nicht ohne Stolz, träumt man immer noch von einer derartigen Konzerthalle. Im Saal des Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks und der dazu gehörenden sogenannten "Kulturzone" (Strefa Kultury) erklingen jedoch nicht nur klassische Töne. Hier finden auch Festivals und Konzerte für Liebhaber*innen von Rock, Jazz, Blues und alternativer Musik statt.

Kongresse und Wettbewerbe

Auch das Bild der Stadt hat sich verändert. Im Umfeld von Schlesischem Museum, Internationalem Kongresszentrum und Konzerthaus sind in den letzten Jahren große Bürokomplexe sowie das in der Region größte Einkaufs- und Dienstleistungszentrum Silesia City Center entstanden. 2019 erreichte die Stadt einen Rekordwert von über einer Million Besucher*innen, viele von ihnen waren Geschäftsreisende. Allein 174.000 Menschen besuchten das Intel Extreme Masters, ein E-Sportturnier mit den besten Wettkampfteilnehmer*innen aus der ganzen Welt. Ebenfalls in Kattowitz findet jedes Jahr der Europäische Wirtschaftskongress (EEC) statt. Jede dieser Veranstaltungen zieht weitere Events nach sich, 2019 konnte die Stadtverwaltung 6.500 größere Wirtschaftstreffen in der Stadt verbuchen. Im Zuge dessen wächst auch die Zahl der Hotels und Bürogebäude. Was die Bürofläche betrifft, belegt Kattowitz landesweit den fünften Platz. Das neueste Beispiel ist unweit der Mehrzweckhalle Spodek (dt. Untertasse) zu bestaunen, die als architektonisches Wahrzeichen der Stadt gilt. Fast 50 Jahre lang stand hier ein 70 Meter hohes Gebäude, in dem die regionale Direktion der polnischen Eisenbahnen ihren Sitz hatte. Der neue Eigentümer entschied sich für den Abriss des alten Hochhauses und errichtete an gleicher Stelle einen aus zwei Türmen bestehenden, doppelt so hohen Bürokomplex.

Sprechen Sie Finnisch?

Gewichtiger Investor und Mieter zahlreicher Büroflächen in Kattowitz ist die im Outsourcing-Sektor tätige Firma Capgemini. Die Firma beschäftigt über 2.300 Mitarbeiter*innen, die meisten von ihnen arbeiten im Bürokomplex Face2Face Business Campus in der Chorzowska-Straße, wo früher die Sporthalle der mittlerweile stillgelegten Baildonhütte stand. In Kattowitz befinden sich zwei Geschäftsbereiche von Capgemini: die Einheit Business Services, die sich mit Outsourcing von Geschäftsprozessen für Kund*innen beschäftigt, sowie Cloud Infrastructure Services, wo technologische Dienstleistungen erbracht werden. Hier sind vor allem Mitarbeiter*innen mit Fremdsprachenkenntnissen gefragt, in erster Linie für die Sprachen Deutsch, Französisch und Spanisch, aber beispielsweise auch für Finnisch und Schwedisch. Im Juli 2018 eröffnete die Firma Fujitsu ein Global Delivery Center in Kattowitz. Im Bürokomplex nahe der Spodek-Halle befindet sich nun eines von weltweit insgesamt acht globalen Fujitsu-Servicezentren, in denen digitale Dienstleistungen für insgesamt 1,2 Millionen Nutzer*innen erbracht werden. Die Vertreter*innen der Firma machten deutlich, dass sie in der Metropole Oberschlesien mit ihren zwei Millionen Einwohner*innen großes Potential sehen, vor allem im Hinblick auf die hohe Qualifikation der Arbeitskräfte in der Region. Aus diesem Grund haben sich auch andere große Firmen in Kattowitz angesiedelt: IBM, das im Bereich Beratung und Outsourcing tätige Unternehmen Accenture, TÜV Rheinland, Groupon, ING, PricewaterhouseCoopers, Rockwell Automation sowie die Management- und Technologieberatung Sopra Steria. Weil die Stadtoberen erkannten, dass es mehr braucht als nur hochqualifizierte Arbeitskräfte, um internationale Firmen für den Standort zu gewinnen, haben sie verstärkt in die Infrastruktur investiert. Einige vorher stark befahrene Straßen wurden speziell für Fußgänger*innen verkehrsberuhigt umgebaut und begrünt, so dass dort innerhalb kürzester Zeit Clubs, Cafés und Restaurants eröffneten. An den meisten Abenden, wenn die Studierenden aus ihren Vorlesungen und Seminaren eilen und die Arbeiter*innen und Angestellten ihre Büros verlassen, lässt sich hier kaum ein freies Plätzchen finden. Der Trend der vergangenen Jahre, als die jungen Leute noch in Scharen nach Warschau strömten, um dort Karriere zu machen, hat sich umgekehrt. Die Firmen in Oberschlesien zahlen zwar nicht so hohe Gehälter wie die in Warschau, jedoch sind die Lebenshaltungskosten in Kattowitz auch niedriger als in der Hauptstadt. Eine Programmiererin verdient schon direkt nach dem Studium mehr als ein Bergarbeiter mit langjähriger Berufserfahrung.

Alles begann mit Opel

Auch die Stadt Gleiwitz nahm eine ähnlich positive Entwicklung wie Kattowitz. Der Erfolg kam mit der Fokussierung auf die Automobilindustrie. Im Jahr 1998 nahm der Konzern General Motors hier eine Produktionsstätte in Betrieb, das Opel-Werk wurde zum Zugpferd einer von der Regierung geförderten Sonderwirtschaftszone. Auch in anderen polnischen Städten wurden Sonderwirtschaftszonen ausgewiesen, doch die Stadtverwaltung in Gleiwitz finanzierte selbst den Bau entsprechender Zufahrtsstraßen aus dem kommunalen Haushalt. Die Investitionen zahlten sich aus – die ersten in Gleiwitz montierten Fahrzeuge verließen schon 22 Monate später die Fabrik. In den folgenden Jahren siedelten sich wegen der günstigen Rahmenbedingungen ca. 100 Investoren in Gleiwitz an, vor allem Firmen aus Autoindustrie, Maschinenbau, Elektro- und Metallindustrie sowie Elektronik, Informatik und Druckgewerbe, dazu Logistik, Baugewerbe, Chemie- und Papierindustrie. In der 180.000 Einwohner*innen zählenden Stadt sind so 25.000 Arbeitsplätze entstanden und Gleiwitz ist mittlerweile nach Warschau eine der reichsten Städte in Polen. Die Opel-Werke (die seit 2017 zum französischen PSA-Konzern gehören) sind nach wie vor größter lokaler Arbeitgeber, doch in Gleiwitz finden sich auch Niederlassungen von weiteren Zulieferern. Dabei konnte eine zu starke Monopolisierung innerhalb der Automobilindustrie vermieden werden.

Zur Arbeit und in den Kindergarten

Moderne Technologiefirmen haben sich auch in der Bildungs- und Wirtschaftszone "Nowe Gliwice" (Neu Gleiwitz) angesiedelt, die sich auf dem Gelände eines 1999 geschlossenen Bergwerkes befindet. In den letzten Jahren wurden hier neue Bürokomplexe und alte Gebäude entsprechend saniert. In die modernen Räume sind mittlerweile viele IT-Firmen eingezogen. Die größte von ihnen, Future Processing, bietet spezielle Software für die Bereiche Handel, Industrie und Dienstleistungen an. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000 von vier Freunden gegründet und beschäftigt heute mehrere hundert Mitarbeiter*innen, seit 2016 ist es strategischer Partner von Microsoft. Die meisten Angestellten sind noch jung, daher hat das Architekturbüro bei der Projektierung und Planung auch ein Fitness-Studio sowie einen Kindergarten für die Kinder der Mitarbeiter*innen in die Räumlichkeiten integriert. Ein weiteres Aushängeschild von "Nowe Gliwice" ist die Firma Flytronic. Die Idee zur 2008 erfolgten Firmengründung hatten zwei Absolventen der Schlesischen Technischen Universität (Politechnika Śląska): der Automatisierungstechniker Wojciech Szumiński und der Informatiker Grzegorz Krupa. Die beiden begannen mit der Montage von Drohnen aus auf dem Markt verfügbaren Komponenten und entwickelten dann mit der Zeit ihr eigenes Modell. Die vergleichsweise leichte Drohne FlyEye (Fliegendes Auge) lässt sich in Einzelteile auseinandernehmen und in einem großen Rucksack transportieren. Das Gerät hat eine Reichweite von 30 Kilometern und kann zwei Stunden in der Luft bleiben. Militär und Grenzschutz in Polen sowie Streitkräfte aus anderen Ländern setzen sie ein – zum Beispiel bei Militäreinsätzen in Afghanistan. Die Firmen müssen sich um qualifizierte Arbeitskräfte nicht sorgen. Die Schlesische Technische Universität in Gleiwitz ist eine der besten technischen Hochschulen des Landes, jedes Jahr drängen neue Absolvent*innen auf den Arbeitsmarkt. Die fachlichen Studieninhalte einiger Fakultäten sind teilweise bereits auf die Anforderungsprofile der Firmen abgestimmt. Die angehenden Ingenieur*innen absolvieren jedes Jahr mehrmonatige Praktika bei Partnerfirmen aus der Automobilindustrie. Die Idee ist, dass davon beide Seiten profitieren: Auf die Absolvent*innen warten nach der Uni attraktive und fachlich passende Einstiegsmöglichkeiten, die Firmen sparen sich Aufwand und Zeit für die Einarbeitung neuer Mitarbeiter*innen. Für die Investor*innen zeichnet sich die Attraktivität des Standortes Gleiwitz auch durch die verkehrsgünstige Lage aus – die Stadt liegt direkt am Autobahnknoten der A4 (auf der man Polen von der deutschen bis zur ukrainischen Grenze durchquert) und der A1 (die das an der Grenze zu Tschechien gelegene Teschen (Cieszyn) mit Danzig im Norden verbindet).

Mit dem U-Boot unter Tage

In den oft ebenfalls vom Bergbau geprägten Nachbarstädten von Gleiwitz wird jedoch deutlich, dass den meisten von ihnen noch ein langer Weg bevorsteht, um ihren Einwohner*innen eines Tages vielleicht einen ähnlich hohen Lebensstandard gewährleisten zu können. Viele Kommunen haben mit enormen Haushaltsdefiziten zu kämpfen. Zabrze hat ungefähr die gleiche Einwohnerzahl wie Gleiwitz und setzt seit einigen Jahren vor allem auf die Entwicklung des Industrietourismus. Interessierte Besucher*innen kommen, um das stillgelegte Bergwerk zu besichtigen oder mit dem Boot durch Teile des im 19. Jahrhundert angelegten unterirdischen Stollens zu fahren. Doch reicht die Zahl der Tourist*innen in Zabrze bei weitem nicht aus, um für die Stadt genügend Einnahmen zu generieren oder eine größere Zahl von Arbeitsplätzen zu schaffen. Ähnlich wie in Gleiwitz vor etwa 20 Jahren haben sich die Kommunalbehörden in Zabrze um die Einrichtung spezieller Sonderwirtschaftszonen bemüht und für die Infrastruktur und die Erschließung durch Zufahrtsstraßen mehr als 65 Millionen Zloty eingesetzt, wobei sich die Ausgaben schon nach kurzer Zeit rentierten. Neue Firmen haben bereits ein Vielfaches dieser Summe in der Stadt investiert.

Zabrze arbeitet immer enger mit einigen Fakultäten der Schlesischen Medizinischen Universität (Śląski Uniwersytet Medyczny) und der Schlesischen Technischen Universität zusammen. Das Schlesische Zentrum für Herzkrankheiten hat überregionale Bedeutung. Hier führte Zbigniew Religa, der das Zentrum gründete, 1985 die erste erfolgreiche Herztransplantation in Polen durch. Das bislang spektakulärste Beispiel für die Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen ist die Gründung des Schlesischen Zentrums für sportmedizinische Technik in Zabrze. Die Investition wird teilweise von der Firma Philips getragen, die Stadt Zabrze hat entsprechende Flächen zur Verfügung gestellt und die Schlesische Technische Universität liefert das technische Know-how. In einer deutlich schlechteren Lage befindet sich die benachbarte Stadt Beuthen (Bytom). Zu kommunistischen Zeiten gab es hier sechs Bergwerke und zwei Eisenhütten, aber nach deren Schließung ist die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Niveau verblieben und die Schäden in Landschaft und Umwelt schrecken potentielle Investor*innen ab. In den letzten 30 Jahren ist die Zahl der Einwohner*innen um ein Viertel zurückgegangen. Durch die hohen Ausgaben für Sozialhilfe hat die Stadt nur wenig Handlungsspielraum bei Investitionen. Die durch Bergschäden notwendigen Reparaturarbeiten an Straßen und Leitungssystemen gleichen einer Sisyphusarbeit: Bevor die Schäden an einer Stelle behoben sind, treten schon neue Mängel an anderen Orten zutage. Mitunter kommt es auch zu größeren baulichen Katastrophen – die Bewohner*innen müssen dann ihre Häuser aufgrund akuter Einsturzgefahr verlassen.

Über mehrere Generationen

Im Hinblick auf die negativen Erfahrungen der Städte, in denen Bergwerke und Hütten bereits geschlossen wurden, will man dort, wo noch Kohleabbau betrieben wird, vom Ende des Bergbaus nichts wissen. Die Bergleute und die sie vertretenden Gewerkschaften lassen sich hier nicht von den Aussagen der Regierung beschwichtigen, wonach ihnen entsprechende Abfindungen gezahlt und Gelder für Umschulungen bereitgestellt werden würden. Allen Bergleuten, die in ihrem Beruf bleiben wollen, soll eine Beschäftigung in anderen Bergwerken angeboten werden. In Familien, in denen der Beruf des Bergmanns schon über Generationen ausgeübt wird, ist die Schließung der Zechen jedoch ein weitaus größerer Einschnitt als nur ein gewöhnlicher Arbeitgeberwechsel. Entgegen den Beteuerungen von Präsident Duda auf dem Weltklimagipfel reichen die Kohlevorräte in Polen nicht für 200 Jahre, sondern maximal noch für ein paar Jahrzehnte. So lange würde es dauern, um die Kohle aus den zurzeit in Betrieb befindlichen Gruben zu fördern. Um die tiefergelegenen Lagerstätten zu erschließen, müssten erhebliche Investitionen getätigt werden, doch den Fördergesellschaften fehlen dafür die notwendigen finanziellen Mittel. Schon heute machen die Lohnkosten für die Bergleute ca. 50–60 Prozent der Förderkosten aus. Neue Bergwerke müsste also der Staat finanzieren, jedoch treffen entsprechende Vorhaben auf erheblichen Widerstand in der Bevölkerung. Aus Angst vor drohenden Bergschäden protestieren die Einwohner*innen der von möglichen neuen Abbaufeldern betroffenen Regionen gegen diese Pläne. Die letzten größeren Proteste gab es in Paruschowitz (Paruszowiec), das zum stark vom Bergbau geprägten Rybnik gehört. Allmählich zur Neige gehende Kohlelagerstätten, erhöhte Förderkosten und ein erhebliches Arbeitsrisiko für die Bergleute (mit zunehmender Tiefe steigen Temperatur und Methangehalt der Luft immer weiter an) führen dazu, dass sich immer mehr Menschen für ein Ende der Bergbautätigkeiten aussprechen. Sie lehnen jedoch die von der polnischen Regierung 2020 vorgelegten entsprechenden Pläne ab. Wie Journalist*innen berichteten, beabsichtigte die Regierung, binnen weniger Monate das einzige noch verbliebene Bergwerk in der 130.000 Einwohner*innen zählenden Stadt Ruda (Ruda Śląska) zu schließen. Hier hatte es noch bis vor Kurzem insgesamt sechs größere Zechen gegeben. Nachdem die Schließungspläne öffentlich bekannt wurden, bestritt die Regierung alles, doch nur wenige glaubten den öffentlichen Bekundungen. Einige Bergleute aus der Zeche "Ruda" hatten vorher in der Grube "Makoszowy" in Zabrze gearbeitet. Vor den Wahlen 2015 hatten die PiS-Politiker*innen beteuert, Zechenschließungen unter allen Umständen verhindern zu wollen, doch nach dem Regierungsantritt schickten sie sich an, ihre Versprechen zu brechen.

Abschied von der Kohle

In Oberschlesien gibt es nur noch wenige Städte wie Ruda Śląska oder Bad Königsdorff-Jastrzemb (Jastrzębie-Zdrój), in denen die Bergwerke nach wie vor größter Arbeitgeber sind. Im polnischen Bergbauwesen arbeiten insgesamt ca. 80.000 Personen, also vier- bis fünfmal weniger als noch zu Hochzeiten. Die vor wenigen Jahren durchgeführten Untersuchungen des an der Schlesischen Universität (Uniwersytet Śląski) in Kattowitz lehrenden Soziologieprofessors Marek Szczepański ergaben, dass viele im Bergbau Beschäftigte durchaus in der Lage wären, sich auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich neu zu orientieren. Unter den Jüngeren haben die meisten Abitur, einige besitzen sogar einen Hochschulabschluss, womit sie auf dem Arbeitsmarkt wohl ohne größere Probleme einen Job außerhalb des Bergbaus finden würden. Expert*innen gehen davon aus, dass die meisten Bergwerke in Oberschlesien früher oder später geschlossen werden müssen. Die größten Überlebenschancen werden – zumindest für einen begrenzten Zeitraum – den Zechen eingeräumt, die Kokskohle für Stahlhütten fördern. Ökonom*innen warnen allerdings vor Verzögerungen: Je später Strukturreformen angegangen würden, desto schmerzhafter würden sie für die im Bergbau Beschäftigten und für die gesamte Region ausfallen, so die Befürchtungen. Dass die Zukunft der nächsten Generationen nicht mehr nur von Bergbau und Schwerindustrie bestimmt sein wird, davon konnten sich die Einwohner*innen der nahe Kattowitz gelegenen Stadt Siemianowitz (Siemianowice Śląskie) überzeugen. Nach der Schließung der mitten in der Stadt gelegenen Hütte und dem damit verbundenen Schock bei den Menschen entschied sich die Stadtverwaltung, nun an dieser Stelle ein neues Stadtzentrum zu gestalten. Hier soll eine neue Wohnsiedlung mit Geschäften und Kindergärten entstehen; mit dem Projekt wurde der Architekt Tomasz Konior beauftragt, der auch das Konzertgebäude für das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks entworfen hat. Ob die Entwicklung hier ähnlich positiv verlaufen wird wie in Kattowitz, ist noch ungewiss, aber die Einwohner*innen von Siemianowice haben die Zeichen der Zeit verstanden. Der Tag, an dem die Kohlevorräte in Schlesien aufgebraucht sein werden, rückt näher, in einigen Städten ist er bereits angebrochen.

Übersetzung aus dem Polnischen: Christian Prüfer

Dieser Text erscheint in "Jahrbuch Polen 2021: Oberschlesien", herausgegeben vom Deutschen Polen-Institut, Wiesbaden: Harrasowitz Verlag 2021. Das Jahrbuch kann bestellt werden unter der E-Mail-Adresse verlag@harrassowitz.de oder telefonisch unter +49(0)6151-530901.

Gemeinsam herausgegeben werden die Polen-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

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