Dossierbild Polen

14.7.2009 | Von:
Dieter Bingen

Geschichte von 1918 bis 1945

Eingegliederte Ostgebiete

Die NS-Politik hatte sich zum Ziel gesetzt, die Eingegliederten Ostgebiete innerhalb eines Jahrzehnts in völlig deutsch besiedeltes Land zu verwandeln. [...] Erste Todesopfer deutscher Volkstumspolitik waren noch im Herbst 1939 zehn- bis 20000 Polen, die zur Führungsschicht gezählt werden konnten, darunter zahlreiche katholische Geistliche. Himmlers Behörde, das Reichssicherheitshauptamt, begann sofort damit, Polen in das Generalgouvernement abzuschieben und an ihrer Stelle die 1939/40 aus den baltischen Ländern, dem sowjetischen Ostpolen, dem Generalgouvernement und Rumänien (Bessarabien, Bukowina) umgesiedelten Volksdeutschen anzusiedeln.

Bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) wurden 365000 Polen aus den Eingegliederten Ostgebieten deportiert. Danach endeten wegen Mangels an Transportmitteln und der unentbehrlichen Arbeitskraft der Polen die Deportationen. Wenn aus diesem Grunde auch die große Mehrheit der Polen in den Eingegliederten Ostgebieten verblieb, so wurden sie doch völlig entrechtet. [...]

Hunderttausende Polen mussten zur Zwangsarbeit in das Altreich gehen, aus dem Wartheland allein bis 1943 mehr als 400000. Eine "Deutsche Volksliste" definierte nach willkürlich gewählten Kriterien abgesehen von der in Polen lebenden deutschen Minderheit (Gruppe I und II) in den Gruppen III und IV "eindeutschungsfähige" polonisierte Deutsche und Polen. [...]

Generalgouvernement

Das Generalgouvernement (Generalgou-verneur mit Sitz in Krakau: Hans Frank) sollte als Nebenland des Reiches eine Art deutscher Kolonie sein, in der die Polen ohne politisches und kulturelles Eigenleben für das nationalsozialistische Deutschland zu arbeiten hatten. Himmlers Deutsche Polizei versuchte, durch Terror und willkürliche Massenverhaftungen die Bevölkerung in Furcht zu halten. Die Produktion des Generalgouvernements wurde ganz in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt. [...]

Judenverfolgung

Die Juden in den Eingegliederten Ostgebieten und im Generalgouvernement wurden sofort völlig entrechtet und in zahlreichen Ghettos zusammengepfercht. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Generalgouvernement erhöhte sich fortlaufend nicht nur durch die aus den Eingegliederten Ostgebieten Deportierten, sondern auch durch die Deportationen aus dem Altreich. Im Warschauer Ghetto vegetierten unter furchtbaren Bedingungen auf engstem Raum zeitweise 400000 Menschen dahin, bevor sie zur Ermordung in die Konzentrationslager verschickt wurden.

Die von den Nationalsozialisten geplante vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa wurde durch das System der Konzentrations- und Vernichtungslager, die vor allem im besetzten Polen eingerichtet wurden, nahezu erreicht. Nachdem die Juden 1941 in Ostpolen bereits zu Hunderttausenden von Einsatzgruppen der SS umgebracht worden waren, entstanden 1941/42 in den Eingegliederten Ostgebieten (Chelmno, Auschwitz-Birkenau) sowie im Generalgouvernement (Belzec, Majdanek, Sobibór, Treblinka) Konzentrations- und Vernichtungslager. Allein in ihnen wurden nach neueren Untersuchungen circa 4,5 Millionen Juden aus dem deutschen Machtbereich ermordet.

Widerstand

Gestützt auf eine Exilarmee bildete sich, zunächst in Paris, dann in London, eine Exilregierung unter Präsident Wladyslaw Raczkiewicz (1885–1947), der mehrfach Innenminister gewesen war, und Ministerpräsident Wladyslaw Sikorski (1888–1943), der bereits 1922/23 kurzzeitig als Regierungschef amtiert hatte. [...]

Die brutale deutsche Besatzungspolitik löste eine immer weitere Bevölkerungskreise erfassende Bereitschaft zum Widerstand im Untergrundkampf aus. Dessen bewaffneter Arm, die "Heimatarmee" (Armia Krajowa), wuchs bis Ende 1943 auf 350000 Mann. Die militärische Bedeutung der kommunistischen "Volksgarde" (Gwardia Ludowa) blieb gering. Im April 1943 schlug die deutsche Besatzungsmacht den verzweifelten Aufstand im Warschauer Ghetto, der den Abtransport der letzten 60000 Juden aus Warschau in die Vernichtungslager aufhalten sollte, blutig nieder.

Am 22. Juli 1944 (Nationalfeiertag bis 1989) bildete sich, nachdem die Rote Armee den Grenzfluss Bug überschritten hatte, ein von moskautreuen Kräften gebildetes "Polnisches Komitee der Nationalen Befreiung" (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego, PKWN), das drei Tage später nach Lublin ("Lubliner Komitee") umsiedelte und mit dem Aufbau einer kommunistisch orientierten Verwaltung begann. Daraufhin löste die Heimatarmee am 1. August 1944 einen Aufstand in Warschau aus, um die sowjetischen Truppen als legitime polnische Macht empfangen zu können. Der Aufstand wurde bis zum 2. Oktober von der deutschen Besatzungsmacht niedergeschlagen, Warschau in Schutt und Asche gelegt. Damit war der letzte militärische Versuch gescheitert, eine von der Sowjetunion unabhängige Regierung und demokratische Staatsform nach der absehbaren Befreiung von der deutschen Herrschaft zu etablieren.


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