Dossierbild Polen

29.9.2009 | Von:
Margret Kutschke

Kontrovers, interaktiv, am Puls der Zeit

Die Rolle des Blogs in den polnischen Medien

Diese Vorgänge haben eine erregte öffentliche Debatte über den Schutz der Privatsphäre, das Recht auf Anonymität und die freie Meinungsäußerung im Internet hervorgerufen. Ein Resultat der Affäre war die Dekonstruktion des Mythos "Katarzyna", den sie durch jahrelanges hartnäckiges Schweigen geschaffen hatte. Der Journalist des polnischen Wochenmagazins "Newsweek" schrieb dazu in seinem Blog: "Sie hat sich immer wieder in die Höhle des Löwen gewagt, bis sie am Schluss gebissen wurde." Die Affäre zeigt aber auch, in welchem Maße Blogs wahrgenommen werden und welche Bedeutung ihnen beigemessen wird.

Auf der Bühne

Doch nicht nur Politblogs werden von vielen gelesen und kommentiert. Auch in den Sparten Kultur und Gesellschaft haben zahlreiche polnische Blogs Kultstatus erreicht. Die Seite "Literarisches Käseblatt" (brukowiec literacki) berichtet beispielsweise seit 2003 über Klatsch und Tratsch der polnischen Literaturszene. Hier kann man erfahren, welche Neuerscheinungen es gibt, wer welchen Preis gewonnen hat, welcher Autor wo für wen arbeitet. Auf einem anderen Blog werden Fotos vom Kulturphänomen "weiße Stiefel" gesammelt und veröffentlicht – seit Jahren.

Um einen Kultblog ist es etwas stiller geworden. Nichtsdestotrotz wurde er im letzten Jahr in ein komplettes Bühnenstück umgearbeitet – von niemandem geringeren als der Schriftstellerin Dorota Masłowska. Die Rede ist von "wirkinderdesweb" (mydziecisieci). Der Blog, der auf Kontroverses und Provokatives setzt, hat sich aus der Kunstzeitschrift "Dentro" entwickelt. Seine Heldin ist seit seiner Entstehung 2001 die virtuelle 17jährige @linka aus Gryfino in Nordpolen. Auch ihre wahre Identität bot in der Vergangenheit mehrmals Anlass zu Spekulationen in der Kulturszene rund um das künstlerisch-literarische Magazin Ha!Art. Wirkinderdesweb ist zwar nicht der einzige Blog, der im Theater oder in der Literatur verarbeitet wurde. Durch die Bearbeitung von Dorota Masłowska zog die Inszenierung jedoch einige Aufmerksamkeit aus dem In- und Ausland auf sich. Damit einhergehende Debatten in der Literatur- und Kunstszene verliefen vor allem um die Frage, ob Blogs nicht ihren Charakter verlieren, wenn sie auf andere Medien übertragen werden. Ebenso wurde über dem Umgang mit der Anonymität des Internet und mit Autorenrechten bei der Verarbeitung von Blog-Texten diskutiert.

Wer polarisiert gewinnt

Der Blogger Kominek taucht in den meisten Blog-Rankings nicht auf. Er ist das beste Beispiel, wie man durch Blogs ein Image kreieren und verändern kann, und dafür, dass sich Medien und Leser besonders für kontroverse Gestalten der Bloggosphäre interessieren. Kominek bloggt seit ungefähr vier Jahren. Zunächst schrieb er nur auf kominek.blox über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Auf Bloggerforen und in seinem eigenen Blog machte er sich einen Namen durch teilweise vulgäre, sexistische und kompromisslose Texte.

Seit etwa zwei Jahren arbeitet er an einem Imagewandel. Sein neuer Blog kominek.tv handelt von Medien, Reklame und die Blogosphäre, krasse Formulierungen vermeidet er hier weitgehend. Aus seiner anfänglichen Anonymität ist er inzwischen herausgetreten und zeigt mittlerweile sein Gesicht auf seinen Blogs. Er bezeichnet sich als den "berühmtesten polnischen Blogger". Wie er selbst in einem Interview mit dem Grzegorz Marczak, dem Betreiber des Blogs antyweb, zugibt, nutzt er das nur zu Werbezwecken. Nicht etwa, weil er das wirklich glaube. Printmedien versuchen seine Popularität, das Phänomen Kominek zu ergründen. In einem Artikel über den Blogger berichtet das Wochenmagazin Polityka von monatlich 200.000 Lesern auf den Kominek-Seiten. Hunderte Kommentare folgen jedem seiner Einträge. Für Firmen sind Komineks Blogs als Werbeträger äußerst attraktiv. Keine Woche vergehe, in der er kein Werbeangebot erhalte, erzählt er im Interview auf antyweb.

Kominek beherrscht sein Handwerk perfekt, spielt gezielt mit Emotionen und Provokationen. Er löscht negative Kommentare von seinem Blog und behält sich vor, immer Recht zu behalten. Dabei ist er nicht zimperlich. "Wenn ich jemanden mag, dann (...) behandle ich ihn wie einen Bruder, aber wenn mir jemand unangenehm auffällt, dann vernichte ich ihn und es ist mir egal, wenn das eine große Firma ist." Davon zeugen auch die sogenannten "Kominek-Kriege". Einen davon führte er gegen den stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitschrift "Przekrój" Bartek Chaciński, der ihn in einem Artikel wegen der Vulgarität seiner Blogeinträge kritisiert hatte. Komineks Reaktion auf den Artikel veranlasste seine Fans zu empörten Reaktionen. Der Redakteur wurde auf dem Forum so beschimpft, dass er sich schließlich veranlasst sah, selbst auf Komineks Blog darauf zu reagieren.

Jenseits des virtuellen Raums

Die Beispiele zeigen: Seiten, die das Interesse auf sich ziehen und erfolgreich sind, sind vor allem kontrovers, interaktiv und am Puls der Zeit. In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich auch in Polen zu einer weiteren Etablierung der Blogs und zu noch stärkeren Wechselwirkungen mit traditionellen Medien, Kunst und Kultur, Politik und gesellschaftlicher Diskussion kommen. Ein wichtiger Prozess, den es weiterzuverfolgen gilt.

Links

http://www.przekroj.pl/wydarzenia_kraj_artykul,5137.html

http://www.salon24.pl/

www.kataryna.salon24.pl

mydziecisieci.blog.pl

www.kominek.blox.pl

www.kominek.tv


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