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29.9.2009 | Von:
Margret Kutschke

Kontrovers, interaktiv, am Puls der Zeit

Die Rolle des Blogs in den polnischen Medien

Gibt es in Polen so etwas wie eine Bloggosphäre? Welche Blogs sind in der Medienlandschaft von Bedeutung - und warum? Margret Kutschke berichtet über die Rolle der Blogs in Polen.
Screenshot des Blogs www.kominek.blox.pl vom 22.12.2011Screenshot des Blogs www.kominek.blox.pl vom 22.12.2011

Terra Incognita. Die polnische Bloglandschaft, ein Ort der politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Diskussion, ist außerhalb Polens weitgehend unbekanntes Territorium. Dabei gelangen viele der hier ausgetragenen Diskussionen und Themen in die traditionellen Medien, gibt es einflussreiche Blogger und berühmte Blogs, die in Bücher Eingang gefunden haben oder inszeniert werden. Beispiele sind die Diskussion um Anonymität im Netz und die Bloggerin Kataryna, die Theaterinszenierung von "wirkinderdesweb" oder die Marke "Kominek".

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Wie überall gibt es auch in Polen die Stars unter den Blogs. Sie haben tausende Leser und Kommentatoren. Die polnische Bloggosphäre, die Gesamtheit der Blogs, ist unübersichtlich groß. In Polen gibt es derzeit schätzungsweise 280.000 aktiv genutzte Blogs. Orientierung bieten Rankings wie "Blog des Jahres" oder die kürzlich erschienene Übersicht des Wochenmagazins "Przekrój" über 33 lesenswerte polnische Blogs. Natürlich provoziert eine solche Auswahl Proteste. Sie kann nie umfassend und objektiv sein. Doch gleichzeitig ist sie ein erster Anhaltspunkt, um einen Eindruck von der thematischen Breite der Bloggosphäre zu erhalten. Im Folgenden wird es vor allem um Blogs aus Politik, Kultur und Gesellschaft gehen, die eine Außenwirkung in Polen entfaltet haben.


Kein Teenager-Phänomen

Einer Studie des Portals gazeta.pl und der Polnischen Internetforschung AG von 2008 zufolge lesen mehr als drei Millionen Menschen in Polen Blogs. Sie stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Seit einigen Jahren haben sich diese Blogs vom bloßen Zeitvertreib für Teenager und Technikfreaks zu einem ernst zu nehmenden Medium gewandelt. Auf ihnen können Diskussionen geführt und Meinungen geäußert werden, die in den traditionellen Medien keinen Platz finden. Sie bieten auch gesellschaftlichen Randgruppen Ausdrucksmöglichkeiten und allen die Chance auf Selbstdarstellung und –stilisierung. Den Erfolg von Blogs versucht Krzysztof Urbaniewicz auf seinem Blog Media Café Polska zu erklären. Ein Grund dafür sei das wachsende Misstrauen besonders junger Leser gegenüber den traditionellen Medien.

Doch längst stehen manche Blogs in Wechselwirkung mit anderen Medien, Kultur, Wirtschaft, Politik. Ein Beispiel dafür ist die 2006 gegründete Plattform für gesellschaftspolitische Blogs, Salon24. Chef Igor Janke gibt auf seiner Seite an, dass momentan etwa 22.000 Menschen hier schreiben und kommentieren. 200.000 bis zu einer Viertelmillion Leser habe die Plattform aktuell. Ein Text von Janke über den Salon24 wurde im vergangenen Jahr sogar als Thema für die polnischen Abiturprüfungen ausgewählt.

Auch zahlreiche Politiker wollen sich diese Öffentlichkeit nicht entgehen lassen und bloggen. Sehr beliebt ist zum Beispiel der Blog des Bürgerplattform-Abgeordneten Janusz Palikot. Er wird fast täglich aktualisiert, die ungeschminkten Äußerungen und Meinungen des Politikers werden gern gelesen. Doch auch der ehemalige polnische Präsident Lech Wałęsa, die polnische Piratenpartei oder der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski bloggen.

Politblogs von Privatpersonen bilden Stimmungen im Land besonders gut ab. Sie werden gelesen, ihnen wird Einfluss zugeschrieben und sie können sogar zur öffentlichen Angelegenheit werden. Eindrucksvoll wird das am Beispiel der in Polen sehr bekannten Bloggerin Kataryna illustriert. Seit einigen Jahren schreibt sie unter ihrem Pseudonym im Internet, führt zwei sehr erfolgreiche Blogs, einen davon auf Salon24, und hielt ihre Identität trotz des Drängens von vielen Seiten jahrelang geheim. Als Bloggerin, die sich in ihren Einträgen klar gegen die Linke und bestimmte Medien positioniert und als Kommentatorin politischer Vorgänge kein Blatt vor den Mund nimmt, weckte sie Spekulationen über ihre Identität und rückte ins öffentliche Interesse.

Politblogs: in der Höhle des Löwen

Im Mai 2009 erhielt Igor Janke, Chef von Salon24, eine erboste Mail Krzysztof Czuma´s, Sohn des Justizministers Andrzej Czuma von der Partei Bürgerplattform (PO). Darin forderte er Janke auf, einen "verlogenen und verletzenden Eintrag" der Bloggerin Kataryna zu entfernen. Außerdem wollte er ihre Kontaktdaten, um sie wegen dieses und anderer Blogeinträge anzuzeigen. Janke informierte die Bloggerin über das Schreiben und wies beide Forderungen zurück. Kataryna veröffentlichte diese Korrespondenz auf ihrem Blog. Sie erklärte sich bereit, ihre Daten zu enthüllen, falls Czuma ihr den Prozess machen wolle. Bis heute ist das nicht geschehen. Die Vorgänge schlugen jedoch einige Wellen. Der Justizminister erklärte in der Gazeta Wyborcza, dass er weder über Kataryna noch von dem Schreiben seines Sohnes etwas wisse.

Trotz zahlreicher Spekulationen über Beruf, Alter, Geschlecht oder Gerüchte über eine Zusammenarbeit in der Aktiengesellschaft Agora (unter anderem Inhaber der größten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza) hatte die Bloggerin ihre Identität bisher geheim halten können.

Im Nachgang der Diskussion auf Salon24 enthüllte jedoch die Tageszeitung des Axel Springer Verlags in Polen, Dziennik, wer sich hinter "Kataryna" verbirgt. Zwar wurde ihr Name im Artikel nicht genannt, jedoch ihr Wohnort, ihr Alter und ihre Arbeit als Leiterin einer NGO enthüllt. Damit war ihr Name für jeden Internetnutzer zu finden. Auf ihrem Blog reagierte Kataryna daraufhin mit der Veröffentlichung einer sms, die sie von einer Dziennik-Redakteurin vor der Veröffentlichung des Artikels erhalten hatte: " (...) Wir hoffen, dass Sie sich für ein Coming Out nach Ihren Bedingungen und die Arbeit als unsere Publizistin entscheiden. Bitte verstehen Sie, dass wir frustriert darüber sind, [über Ihre Identität, Anm. d. Autorin] Bescheid zu wissen und nicht darüber schreiben zu können. Auch Fakt [Boulevardzeitung des Axel Springer Verlags in Polen] weiß, wer Sie sind und wird Sie nicht so gut behandeln."
Diese Vorgänge haben eine erregte öffentliche Debatte über den Schutz der Privatsphäre, das Recht auf Anonymität und die freie Meinungsäußerung im Internet hervorgerufen. Ein Resultat der Affäre war die Dekonstruktion des Mythos "Katarzyna", den sie durch jahrelanges hartnäckiges Schweigen geschaffen hatte. Der Journalist des polnischen Wochenmagazins "Newsweek" schrieb dazu in seinem Blog: "Sie hat sich immer wieder in die Höhle des Löwen gewagt, bis sie am Schluss gebissen wurde." Die Affäre zeigt aber auch, in welchem Maße Blogs wahrgenommen werden und welche Bedeutung ihnen beigemessen wird.

Auf der Bühne

Doch nicht nur Politblogs werden von vielen gelesen und kommentiert. Auch in den Sparten Kultur und Gesellschaft haben zahlreiche polnische Blogs Kultstatus erreicht. Die Seite "Literarisches Käseblatt" (brukowiec literacki) berichtet beispielsweise seit 2003 über Klatsch und Tratsch der polnischen Literaturszene. Hier kann man erfahren, welche Neuerscheinungen es gibt, wer welchen Preis gewonnen hat, welcher Autor wo für wen arbeitet. Auf einem anderen Blog werden Fotos vom Kulturphänomen "weiße Stiefel" gesammelt und veröffentlicht – seit Jahren.

Um einen Kultblog ist es etwas stiller geworden. Nichtsdestotrotz wurde er im letzten Jahr in ein komplettes Bühnenstück umgearbeitet – von niemandem geringeren als der Schriftstellerin Dorota Masłowska. Die Rede ist von "wirkinderdesweb" (mydziecisieci). Der Blog, der auf Kontroverses und Provokatives setzt, hat sich aus der Kunstzeitschrift "Dentro" entwickelt. Seine Heldin ist seit seiner Entstehung 2001 die virtuelle 17jährige @linka aus Gryfino in Nordpolen. Auch ihre wahre Identität bot in der Vergangenheit mehrmals Anlass zu Spekulationen in der Kulturszene rund um das künstlerisch-literarische Magazin Ha!Art. Wirkinderdesweb ist zwar nicht der einzige Blog, der im Theater oder in der Literatur verarbeitet wurde. Durch die Bearbeitung von Dorota Masłowska zog die Inszenierung jedoch einige Aufmerksamkeit aus dem In- und Ausland auf sich. Damit einhergehende Debatten in der Literatur- und Kunstszene verliefen vor allem um die Frage, ob Blogs nicht ihren Charakter verlieren, wenn sie auf andere Medien übertragen werden. Ebenso wurde über dem Umgang mit der Anonymität des Internet und mit Autorenrechten bei der Verarbeitung von Blog-Texten diskutiert.

Wer polarisiert gewinnt

Der Blogger Kominek taucht in den meisten Blog-Rankings nicht auf. Er ist das beste Beispiel, wie man durch Blogs ein Image kreieren und verändern kann, und dafür, dass sich Medien und Leser besonders für kontroverse Gestalten der Bloggosphäre interessieren. Kominek bloggt seit ungefähr vier Jahren. Zunächst schrieb er nur auf kominek.blox über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Auf Bloggerforen und in seinem eigenen Blog machte er sich einen Namen durch teilweise vulgäre, sexistische und kompromisslose Texte.

Seit etwa zwei Jahren arbeitet er an einem Imagewandel. Sein neuer Blog kominek.tv handelt von Medien, Reklame und die Blogosphäre, krasse Formulierungen vermeidet er hier weitgehend. Aus seiner anfänglichen Anonymität ist er inzwischen herausgetreten und zeigt mittlerweile sein Gesicht auf seinen Blogs. Er bezeichnet sich als den "berühmtesten polnischen Blogger". Wie er selbst in einem Interview mit dem Grzegorz Marczak, dem Betreiber des Blogs antyweb, zugibt, nutzt er das nur zu Werbezwecken. Nicht etwa, weil er das wirklich glaube. Printmedien versuchen seine Popularität, das Phänomen Kominek zu ergründen. In einem Artikel über den Blogger berichtet das Wochenmagazin Polityka von monatlich 200.000 Lesern auf den Kominek-Seiten. Hunderte Kommentare folgen jedem seiner Einträge. Für Firmen sind Komineks Blogs als Werbeträger äußerst attraktiv. Keine Woche vergehe, in der er kein Werbeangebot erhalte, erzählt er im Interview auf antyweb.

Kominek beherrscht sein Handwerk perfekt, spielt gezielt mit Emotionen und Provokationen. Er löscht negative Kommentare von seinem Blog und behält sich vor, immer Recht zu behalten. Dabei ist er nicht zimperlich. "Wenn ich jemanden mag, dann (...) behandle ich ihn wie einen Bruder, aber wenn mir jemand unangenehm auffällt, dann vernichte ich ihn und es ist mir egal, wenn das eine große Firma ist." Davon zeugen auch die sogenannten "Kominek-Kriege". Einen davon führte er gegen den stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitschrift "Przekrój" Bartek Chaciński, der ihn in einem Artikel wegen der Vulgarität seiner Blogeinträge kritisiert hatte. Komineks Reaktion auf den Artikel veranlasste seine Fans zu empörten Reaktionen. Der Redakteur wurde auf dem Forum so beschimpft, dass er sich schließlich veranlasst sah, selbst auf Komineks Blog darauf zu reagieren.

Jenseits des virtuellen Raums

Die Beispiele zeigen: Seiten, die das Interesse auf sich ziehen und erfolgreich sind, sind vor allem kontrovers, interaktiv und am Puls der Zeit. In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich auch in Polen zu einer weiteren Etablierung der Blogs und zu noch stärkeren Wechselwirkungen mit traditionellen Medien, Kunst und Kultur, Politik und gesellschaftlicher Diskussion kommen. Ein wichtiger Prozess, den es weiterzuverfolgen gilt.

Links

http://www.przekroj.pl/wydarzenia_kraj_artykul,5137.html

http://www.salon24.pl/

www.kataryna.salon24.pl

mydziecisieci.blog.pl

www.kominek.blox.pl

www.kominek.tv
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