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19.11.2010

Analyse: Eine Bilanz der polnischen Schulpolitik seit 1989

Zusammenfassung

Der politische Umbruch des Jahres 1989 löste im polnischen Bildungsbereich einen tiefgreifenden Wandel aus, der sich sowohl durch institutionelle als auch konzeptionelle Reformelemente auszeichnete und anfangs teilweise von unkoordinierten oder auch widersprüchlichen, insgesamt jedoch tiefgreifenden Reformmaßnahmen begleitet wurde. Zehn Jahre später mündeten diese Maßnahmen in eine grundlegende systemische Reform, die hauptsächlich mit der bevorstehenden EU-Integration und den damit im Zusammenhang stehenden Herausforderungen sowie mit der Reform der territorialen Selbstverwaltung (Dezentralisierung) begründet wurde. Alle nachfolgenden bildungspolitischen Neuerungen setzten konsequent an der 1999 begonnenen strukturellen Bildungsreform an. Seitdem hat sich die Dynamik dieser Prozesse jedoch weiter beschleunigt und viele der Reformansätze im Bildungssektor folgen inzwischen nicht nur den Linien europäischer Bildungspolitik, sondern sind auch - ähnlich den deutschen Entwicklungen - als Lösungsversuche für den verschärften Wettbewerb und die Internationalisierung aller Lebensbereiche zu werten. Dieser Prozess kann mit dem Begriff der »rollenden Bildungsreform« beschrieben werden. Er lässt sich zugleich grob in drei Perioden unterteilen.

Phasen der Bildungsentwicklung seit 1989

Die erste Periode im polnischen Bildungswesen wurde mit dem Bildungsgesetz aus dem Jahre 1991 eingeleitet und brachte nicht nur die Loslösung vom sozialistischen Erbe mit sich, sondern schrieb vor allem neue bildungspolitische Ziele, Prinzipien und inhaltliche Vorgaben für die Modernisierung der weitgehend stabil gebliebenen Grundstrukturen des bestehenden Bildungswesens fest. Die Veränderungen betrafen primär das Schulwesen und die Neuausrichtung seiner ideellen Grundlagen und seiner Aufgaben mit Blick auf eine noch junge Demokratie. Hierzu gehörten in erster Linie der Abschied von marxistischen Erziehungszielen und Bildungsinhalten mit ihrer Ausrichtung auf eine neue sozialistische Persönlichkeit zugunsten einer an reformpädagogische Traditionen anknüpfenden Kind- bzw. Schülerorientierung, die Aufgabe von Russisch als erste obligatorische Fremdsprache zugunsten westlicher Fremdsprachen sowie die Einführung des Religionsunterrichts und der Gesellschaftskunde anstelle der kommunistischen staatsbürgerlichen Erziehung.

Hinzu kamen sowohl Veränderungen, welche die Steuerung und Finanzierung des Bildungssystems als auch ein neues Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft betrafen. Letzteres hatte zur Folge, dass nichtstaatliche Bildungseinrichtungen auf allen Ebenen des Bildungssystems gegründet werden konnten, was zu Beginn des Transformationsprozesses viele private und alternative Bildungsinitiativen hervorrief und auf der Ebene des tertiären Bildungssektors einen bis heute anhaltenden Gründungsboom privater Hochschulen nach sich zog. Insgesamt gelang es in dieser ersten Phase der Bildungsreformen das staatssozialistische Bildungsmonopol zu beseitigen, die Bildungsverwaltung zu vereinfachen und das Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Hochschule zu demokratisieren.

Die zweite Periode setzte im Jahre 1999 mit einer großangelegten Strukturreform ein und zielte zunächst im ersten Schritt auf die Neustrukturierung des Pflichtschulbereichs (7-16-jährige Schüler) und seit dem Schuljahr 2002 im zweiten Schritt auch auf die der Schulen der oberen Sekundarstufe (16-18-jährige Jugendliche) einschließlich der Regelung des Hochschulzugangs (Zentralabitur, Zulassungsregelungen für die Hochschulen) ab. Begründet wurde dieser radikale Reformvorstoß mit den Erfordernissen einer neuen Wissensgesellschaft, deren Reichtum das Bildungskapital ausmacht, und ferner mit der Notwendigkeit des »lebenslangen Lernens« sowie generell mit der Steigerung der Qualität von Bildung. Gleichzeitig reagierte man damit auch auf das sich abzeichnende demographische Tief. Ferner sah man sich angesichts des bevorstehenden EU-Beitritts herausgefordert, notwendige Anpassungen vorzunehmen, die das eigene polnische Bildungswesen befähigen sollten, in Konkurrenz zu den alten »westeuropäischen« Bildungsmodellen zu treten und die polnischen Bürger adäquat auf den europäischen Binnenmarkt vorzubereiten.

Die dritte Periode der Umgestaltungen des polnischen Bildungswesens, welche im Jahre 2007 begann und bis heute fortdauert, zielt hauptsächlich auf zwei Bereiche ab: einerseits auf die Umstrukturierung des Weiterbildungssektors, was sowohl die Berufsbildung, den Post-Sekundarbereich als auch den tertiären Sektor einbezieht, und andererseits auf eine curriculare Reform, die eine inhaltliche Überholung der Stundentafel, der Lehrpläne und zugleich der Schulkultur umfasst. Die für den Schulbereich überwiegend als innere Bildungsreform zu kennzeichnende Reformphase stellt nicht nur die konsequente Folge der beiden vorherigen Etappen dar, vielmehr ist sie komplementär zur Strukturreform angelegt.

Im Rahmen der 1999 begonnenen umfassenden Bildungsreform lassen sich folgende bedeutende Neuerungen ausmachen:

  • die Verlängerung der Schulpflicht von acht auf neun Jahre, höchstens jedoch bis zum 18. Lebensjahr,

  • die Einführung eines obligatorischen Vorschuljahres, der sog. »Null-Klasse« (poln. zerowka) im Schuljahr 2005,

  • die Vorverlegung des Einschulungsalters der Kinder von sieben auf sechs Jahre im Schuljahr 2009 und

  • die geplante Durchsetzung der Schulpflicht für alle Sechsjährigen ab dem Schuljahr 2012,

  • die seit 2002 sukzessive Einführung landesweiter qualitätssichernder Mechanismen an Übergangsschwellen des Bildungssystems in Form von Tests am Ende der drei Schulstufen und die damit einhergehende

  • externe Leistungsbewertung durch zentrale und regionale Prüfungskommissionen sowie

  • die Einführung von an zentralen curricularen Vorgaben orientierten Prüfungsstandards,

  • die Einführung des Zentralabiturs (poln. Nowa Matura) im Schuljahr 2005, zunächst für die humanistischen Fächer, seit dem Schuljahr 2009 auch für Mathematik und Naturwissenschaften als Teil einer solchen zentralen externen Leistungsbewertung und schließlich

  • die Abschaffung der Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen.

  • Gliederung des Schulwesens

    Das polnische Bildungswesen weist im Vergleich zu Deutschland einen dreistufigen horizontalen Aufbau auf. Die Basis bildet auf der ersten, sog. Primarstufe die sechsjährige Grundschule (Beginn der Schulpflicht mit sieben bzw. sechs Jahren). Darauf baut die zweite, untere Sekundarstufe mit dem dreijährigen Gymnasium (Ende der Schulpflicht mit 15/16 Jahren) auf, und schließlich setzen unterschiedliche weiterführende Schulen der oberen Sekundarstufe (bzw. der Sek. II) die dritte Stufe der horizontalen Gliederung des polnischen Schulwesens fort. Die staatlichen Schulen in Polen sind unentgeltlich, allerdings müssen Eltern für die Lehrbücher ihrer Kinder in der Regel selbst aufkommen. Es gibt also keine Schulmittelfreiheit. Das Schuljahr beginnt am 1. September und endet in der zweiten Junihälfte. Die Zuständigkeit, Finanzierung und Organisation für das gesamte Bildungssystem obliegt weitgehend der zentralen Kompetenz des polnischen Bildungsministeriums (poln. Ministerium Edukacji Narodowej). Im Jahr 2008 betrugen die öffentlichen Bildungsausgaben 4,1% des Bruttoinlandsprodukts.

    Vorschulerziehung

    Die vorschulische Erziehung und ihre Einrichtungen wie Kindergärten oder Vorschulabteilungen in den Grundschulen sind anders als in Deutschland fester Bestandteil und erste Bildungsstufe des polnischen Bildungswesens. Demnach sichert die Vorschulerziehung neben der Betreuung auch die Vorbereitung auf das schulische Lernen und soll damit Bildungsbenachteiligungen, die durch soziale bzw. familiale Defizite bedingt sind, kompensieren und zugleich auch spezifische Begabungen möglichst früh erkennen. Der Besuch einer Vorschuleinrichtung ist im Umfang von fünf Stunden täglich kostenlos. Ein darüber hinausreichendes Angebot ebenso wie die Mahlzeiten sind dagegen kostenpflichtig. Die Elementarbildung umfasst Kinder im Alter von 3-6 Jahren. Das letzte Kindergartenjahr wurde ab dem 1. September 2004 für sechsjährige Kinder verpflichtend, und im Jahr darauf wurde es als obligatorische Vorschulklasse eingeführt. Infolge dessen beginnt die Schulpflicht seit dem Schuljahr 2009 für polnische Kinder nach Maßgabe der Eltern mit 6 Jahren und wird ab dem Schuljahr 2012 landesweit zur Pflicht. Gleichzeitig hat jeder Fünfjährige das Recht auf einen Kindergartenplatz.

    Pflichtschulbildung

    Anders als in den meisten deutschen Bundesländern beginnt in Polen die Pflichtschulbildung auf der Primarstufe mit einer sechsjährigen Grundschule (poln. szkola podstawowa). Die polnische Grundschule unterteilt sich zudem in zwei Lehrzyklen, nämlich in die Klassen 1-3 mit integriertem Fachunterricht (Klassenlehrerprinzip) und in die Klassen 4-6 mit Blockunterricht (Naturwissenschaft, Sprache, Sozialkunde, Technik - Fachlehrerprinzip). In der 5. Klasse setzt der Unterricht in der ersten Fremdsprache, in der Regel mit Englisch ein. Die polnische sechsjährige Grundschule schließt mit einer verpflichtenden, jedoch nicht-selektiven Prüfung, einem sog. 60-minütigen Grundschultest, nach der Klasse 6 ab. Der Test erfasst das Fähigkeits- und Kenntnisniveau der Grundschulkinder in den Bereichen Lesen, Schreiben, Problemlösen, Umgang mit Informationen (Tabellen, Briefe, Landkarten, Zeitungsartikel), soll Auskunft über die individuelle Entwicklung eines jeden Schülers geben und ist dabei ein Diagnoseinstrument für Lehrer, Eltern und Schüler.

    Unabhängig jedoch von dem erzielten Prüfungsergebnis - die polnische Primarstufe kennt das Sitzenbleiben nicht - besuchen die polnischen Schüler (im Alter von 13-15 Jahren) auf der unteren Sekundarstufe für drei Jahre ein allgemeinbildendes Gymnasium (poln. gimnazjum). Im Gegensatz zum deutschen Gymnasium ist das polnische Gymnasium keine zum Abitur führende Schule mit unterer und oberer Sekundarstufe, sondern nur eine Schule der Sekundarstufe I, die einen Teil der Schulpflicht abdeckt. Das relativ dichte Netz der Gymnasien soll einen verbesserten Zugang zur Bildung für alle Schichten sicherstellen und durch eine verbesserte Unterrichtsqualität eine qualitativ hochwertige Grundbildung vermitteln. Die polnische Gymnasialbildung wird mit einer standardisierten externen Prüfung (poln. egzamin gimnazjalny) auf regionaler Ebene nach der Klasse 9 abgeschlossen. Im wesentlichen werden Fähigkeitsüberprüfungen (Lesen, Interpretation, Produktion und Reproduktion, in punktueller Anlehnung an PISA) und innerfachlich orientierte Wissensaufgaben (Physik, Chemie, Mathematik) vorgenommen. Zunächst hatte diese externe Prüfung am Ende der Gymnasialschule vornehmlich die Schuleignung ihrer Absolventen im Blick und damit hauptsächlich einen Informationscharakter. Mit dem teilweisen Wegfall der Eingangsprüfung beim Übergang zu den weiterführenden Schulen stieg die Bedeutung dieser externen Gymnasialprüfung in Richtung einer Selektionsfunktion. Dies liegt darin begründet, dass die weiterführenden (postgymnasialen) Sekundarschulen ihre Auswahl inzwischen nach der zu erreichenden Punktzahl im Test (neben Noten in Polnisch und drei weiteren von der Schule frei wählbaren Fächern) treffen, die schließlich über eine Ablehnung oder Aufnahme entscheidet.

    Der gesamte Pflichtschulbereich, d. h. die Grundschulen und die Gymnasien, befinden sich in der Trägerschaft der Gemeinde. Beide Schulformen machen die neunjährige Schulpflicht aus. Auf einen Lehrer kommen hier in der Regel 13-17 Schüler. Das polnische Pflichtschulwesen ist seit einigen Jahren von einem allmählichen Geburtenrückgang betroffen, der sowohl in der Grundschule als auch im Gymnasium sinkende Schüler- und Absolventenzahlen zur Folge hat, bisher jedoch vor allem zur Schließung von Grundschulen führte und noch keine Auswirkungen auf das Schulnetz der Gymnasien zeitigte.


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