Basilius-Kathedrale

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28.2.2011 | Von:
Armin Siebert

Rockmusik in der Sowjetunion

Sichtbare Perestroika und zögerliche Marktwirtschaft

Über all die Jahre der staatlichen Repression waren Rockmusik und vor allem die Texte der Lieder für die Jugend eine emotionale und geistige Stütze im stillen Widerstand. Und wie so oft, wenn etwas verboten wird, gedeiht es besonders kreativ. In den Diskos wurden weiter heimlich einheimische Rockkassetten gespielt, das Aufnahmestudio von Andrej Tropillo in Leningrad war ständig von Bands belegt.

Livekonzert in St.Petersburg 1990Livekonzert in St.Petersburg 1990 (© Andrej "Willy" Usow)
Und dann, eines Apriltages 1985, kam die berühmte Rede von Michail Gorbatschow auf dem Plenum der Kommunistischen Partei und leitete die Perestroika ein. Der Staat strauchelte gewaltig und rief selbst zu Glasnost (Offenheit) auf. Damals wurde es auf den Straßen der Sowjetunion bunter - die Perestroika wurde sichtbar. Es gab Punks mit bunten Haaren, Metaller und Breakdancer. Alle Jugendkulturen, die sich von der Norm und damit vom Komsomol, der Jugendorganisation der KPdSU, unterschieden, wurden unter dem Sammelbegriff "Neformaly" gefasst. Die Neformaly provozierten eine Gegenbewegung - die sogenannten Ljubery, später auch Gobniki genannt. Die Ljubery stammten vor allem aus der Arbeiterklasse, hatten eine einfache Ausbildung und eher rechte Gesinnung. Diese Kraftsport-Fans fühlten sich bedroht von den bunten Künstlern und deren Fans, auf die sie häufig Hetzjagden veranstalteten.

Die beginnende Marktwirtschaft änderte nur langsam die Lebensumstände der Menschen. Auch die großen Rockstars mussten noch bis 1988 tagsüber normalen Berufen nachgehen, da offiziell Arbeitspflicht bestand. So hat beispielsweise Juri Schewschuk von "DDT" in einem Cafe geputzt und Viktor Zoi von "Kino" als Heizer gearbeitet.

Der goldene Westen öffnet Türen

Im Zuge der Perestroika begann sich der Westen stark für die Sowjetunion zu interessieren. Seit 1986 durften die ersten Bands im Westen auf Tour gehen, erste Platten erschienen auf westlichen Labels und viele Artikel und Reportagen über Rockmusik aus der Sowjetunion wurden gedruckt. Für den Westen waren die Sowjet-Bands exotisch und stießen auf Neugier und Interesse. Letztlich konnte aber keine von ihnen einen Durchbruch erzielen, da die Texte - das stärkste Element russischer Rockmusik - weitestgehend unverstanden blieben. Im Gegenzug konnten mit der Perestroika aber auch Westmusiker die Sowjetunion besuchen. So nahm sich Brian Eno, der unter anderem auch U2 produziert hatte, der Avantgarde-Band "Swuki Mu" an. In den USA wollte man es etwas kommerzieller angehen und den Gorbatschow-Hype ausnutzen. Darum ließ man Boris Grebenschtschikow von der Band "Aquarium" für viel Geld gleich ein Album zusammen mit Dave Stewart ("Eurythmics") aufnehmen. Beide Projekte waren nur mäßig erfolgreich.

Durch die verstärkte Aufmerksamkeit des Westens wurde auch endlich Melodia, die staatliche Plattenfirma, auf die einheimischen Rockbands aufmerksam. Nach so vielen Jahren - "Aquarium" bestand schon 15 Jahre, "Maschina Wremeni" waren bereits 19 Jahre aktiv - erschienen endlich die ersten Alben der Rockgrößen offiziell im eigenen Land.

Endlich Freiheit, aber keiner hört mehr zu

Die spezielle Situation der Rockmusik in der Sowjetunion war Ende der Achtziger vorbei. Durch die Perestroika gewann sie natürlich an Freiheit und Popularität. Aber sie verlor auch etwas: ihr Monopol auf verbotene Themen, darauf, die Wahrheit sozusagen. Das wurde inzwischen breit und tiefgehend in der Presse diskutiert.

Die Besonderheit der sowjetischen Rockmusik war die internationale Isolation und die besondere Vergeistigung der Texte. Damit hatte sie eine wichtige Funktion als Sprachrohr der Jugend. Nun war plötzlich alles mehr oder weniger erlaubt. Die Bands kehrten deshalb langsam wieder zu zwischenmenschlichen Themen und philosophischen Fragen zurück. Den Hauptvorteil gegenüber anderen Ausdrucksformen hatte die Rockmusik weiterhin inne - die Emotionalität der Musik. Gleichzeitig rückte der Rock langsam auf die große Bühne und wurde das, was er auch im Westen weitestgehend ist - reine Unterhaltung. Die Bands mussten jetzt mehr in die Musik und in die Show investieren, um Interesse zu erregen.

Anfang der Neunziger-Jahre ging die Essenz russischer Rockmusik zum Teil im Kommerz verloren. Einige große Bands, wie "DDT", "Aquarium" oder "Maschina Wremeni" werden zwar bis heute gefeiert, aber es sind auch neue spannende Richtungen entstanden. Russland und die anderen Ex-Sowjetrepubliken versuchen den Spagat zwischen westlichem Niveau und eigenem Stil. Dabei entsteht originelle Musik, die hoffentlich auch ihren Weg zu uns finden wird.

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