Basilius-Kathedrale

17.2.2014 | Von:
Stefan Troebst

Analyse: Vom "Vaterländischen Krieg 1812" zum "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945"

Siegesmythen als Fundament staatlicher Geschichtspolitik in der Sowjetunion, der Russländischen Föderation, der Ukraine und Belarus

Aus heutiger Sicht muss die Antwort lauten: weder noch. Der Sieg über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg ist der Gründungsmythos des Putinschen Russland und wird es auf absehbare Zeit hinaus auch bleiben. Dafür sprechen mindestens drei gewichtige Gründe:

  • Ein Alternativmythos ist nicht in Sicht. Die Entstalinisierungspolitik Chruschtschows, die bezüglich Lebensstandard und Konsum "goldenen", politisch und kulturell aber verlorenen Jahre unter Breschnew, die halbherzige Perestrojka unter Gorbatschow die Gründung der Russländischen Föderation durch Jelzin oder die abgewehrten Putschversuche gegen die beiden Letztgenannten taugen sind sowohl aus der Sicht der "Vertikale der Macht" als auch aus Sicht der Bevölkerungsmehrheit dafür nicht tauglich.
  • Die Stalinsche Formel von der "Befreiung der Völker Europas vom Faschismus" 1945 durch die Rote Armee festigt den imperialen wie globalen Machtanspruch von Putins Russland. So gering das internationale Prestige der Russländischen Föderation auch ist, so unbestritten ist selbst im Westen der sowjetische Beitrag zum gemeinsamen Sieg über Hitler. Indirekter Beleg hierfür ist etwa die Proklamierung des 27. Januar zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, denn an diesem Tag befreiten 1945 Sowjettruppen das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
  • Die Traditionslinie vom "Vaterländischen Krieg 1812" zum "Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945" wirkt als "allrussische" Kontinuitätsbrücke sowohl zum zarischen Russland als auch zum neuen Russland, denn sowohl Jelzin wie Putin haben den "Sieg über den Faschismus" zum Gründungsmythos der Russländischen Föderation stilisiert. Die Sowjetperiode und mit ihr Stalin als "Führer" ("woschd") sind damit in die russländische Meistererzählung und in das amtlicherseits propagierte Geschichtsbild integriert.
All dies heißt aber nicht, dass der umgangssprachlich mit "WOW" abgekürzte lieu de mémoire "Großer Vaterländischer Krieg" ("Welikaja Otetschestwennaja Wojna") auf einem gesellschaftlichen Konsens basiert, im Gegenteil: Die innerrussländischen geschichtspolitischen Debatten der letzten Jahre kreisten um eben dieses Thema. Die rudimentäre Zivilgesellschaft hat ihren fundamentalen Dissens zur staatlichen Geschichtspolitik in die Formel "pobeda bes Stalina" gefasst – "Sieg ohne Stalin". Der Sieg ist zu feiern, so diese Sichtweise, aber nicht der Diktator. Nach der Abwicklung des Medwedewschen Konzepts einer "zweiten Entstalinisierung" lautet die aktuelle Sprachregelung des Kreml wie folgt: Ja, Stalin war ein Mensch mit gewissen Schwächen und Defiziten, die indes durch seine politischen wie militärischen Leistungen im Kampf gegen den Faschismus mehr als aufgewogen werden. Jutta Scherrers Skepsis ist daher auch zehn Jahre später vollauf berechtigt.

Putins Geschichtspolitik

Dennoch ist die Putinsche Geschichtspolitik weniger starr als es auf den ersten Blick scheinen mag. Auf Initiative des Kreml wurde 2005 der von Jelzin in "Tag der Eintracht und Versöhnung" umbenannte sowjetische Staatsfeiertag am 7. November, damals der "Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution", abgeschafft und durch einen neuen, zeitlich nahe gelegenen Feiertag am 4. November ersetzt. Dieser neue "Tag der nationalen Einheit" rekurriert auf das Jahr 1612, als das besagte Volksaufgebot unter Minin und Poscharskij in der "Zeit der Wirren" von Nischnij Nowgorod nach Moskau zog und die polnischen Besatzer aus der Hauptstadt vertrieb.

Die Konstanzer Historikerin Isabelle de Keghel hat 2009 in einem Band über "Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland" eine eindringliche Analyse der zahlreichen Konnotationen zivilgesellschaftlicher, EU-feindlicher, multiethnischer, nationalistisch-rechtsextremer, sozialkohäsiver und anderer Art dieses neuen russländischen Staatsfeiertages geliefert. Der machtpolitische Kern ihrer Untersuchung zur beabsichtigten und tatsächlichen Wirkung des neuen "Tags der nationalen Einheit" lautet: "In den Vergangenheitsdiskurs der Transformationszeit schrieb sich dieser Vorschlag insofern gut ein, als die "Zeit der Wirren" dort ein Schlüsselbegriff gewesen war. Häufig war dieser Terminus, der […] zur Bezeichnung einer historischen Entwicklungsphase im frühen 17. Jahrhundert diente, auch zur Beschreibung der Umbruchsituation im Russland der Transformationszeit benutzt worden. Diese Periode raschen und verunsichernden Wandels sollte nun offiziell für beendet erklärt werden." Und weiter: "Der neue Feiertag transportierte also zugleich die Aussage, Putin habe das Chaos der Ära [Jelzin] beseitigt und Russland konsolidiert. Implizit wurde dabei eine Analogie zwischen dem ersten Romanow und Präsident Putin hergestellt: So wie das Land [1613] mit der Inthronisierung von [Michail Romanow] erstmals nach der "Zeit der Wirren" wieder einen starken Herrscher bekam, ging Putin nun in seinem Selbstverständnis gegen Anarchie und Regionalismus vor, indem er die "Machtvertikale" und einen starken Staat forcierte" (de Keghel: Verordneter Abschied von der revolutionären Tradition…, S. 124f. – s. die Lesetipps).

Der siegreiche Widerstand gegen ausländische Militärinterventionen ist gemeinsamer Nenner zarischer, sowjetischer und russländischer Geschichtspolitik. Gemäß sowjetischer Tradition ist dabei auch in post-sowjetischer Zeit der "Tag des Sieges" am 9. Mai als Apotheose des "Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945" zentraler Fluchtpunkt, der wiederum in direkter historischer wie terminologischer Traditionslinie zum "Vaterländischen Krieg 1812" steht. Eine Putinsche Innovation ist die Proklamierung des 4. November zum "Tag der nationalen Einheit", mit dem der Vertreibung der polnisch-litauischen Interventen 1612 gedacht wird. Eine weitere, zu zarischen wie sowjetischen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen nur halbherzig gefeierte erfolgreiche militärische Beendigung einer feindlichen Intervention ist damit geschichtspolitisch beträchtlich aufgewertet. Stützpfeiler des auf einem Unbesiegbarkeitsmythos beruhenden neuen russländische Gedenkkanons ist somit neben 1812 und 1945 jetzt auch das Jahr 1612, während das Revolutionsjahr 1917 nicht mehr und 2000, das Jahr des Beginns der ersten Präsidentschaft Wladimir Putins, noch nicht in dieser Reihe steht.

Lesetipps

Schenk, Frithjof Benjamin: Aleksandr Nevskij. Heiliger – Fürst – Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis (1263–2000) Köln, Weimar, Wien 2004, S. 226–287.

Scherrer, Jutta: Sowjetunion/Rußland: Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung, in: Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. . Bd. II, Mainz 2004, S. 619–670.

Keghel, Isabelle de: Verordneter Abschied von der revolutionären Tradition: Der "Tag der nationalen Einheit" in der Russländischen Föderation, in: Lars Karl, Igor J. Polianski (Hg.): Geschichtspolitik und Erinnerungskultur im neuen Russland. Göttingen 2009, S. 119–140.


Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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