Skyline von Schanghai

24.8.2006 | Von:

Dhaka

Das Zentrum Bangladeschs

Hintergrund

Noch Anfang des Jahres prägten blutige Proteste das Leben auf Dhakas Straßen. Wie so oft in der Metropole wurden auch "hartals" ausgerufen, Generalstreiks. Hartals gehören zur politischen Kultur des Landes. Doch die Situation eskalierte zusehends: Parteianhänger lieferten sich regelrechte Straßenschlachten, Steine und Brandsätze flogen. Auslöser war die Aufhebung der geplanten Parlamentswahl. Am 11. Januar wurde dann der Notstand ausgerufen. Seitdem lenkt eine Übergangsregierung die Politik des Landes: Sie will die Korruption bekämpfen und bis Ende 2008 Wahlen abhalten.

Mit dem Ausnahmezustand sind in Dhaka zurzeit Demonstrationen und Proteste verboten. Bislang ist die Stimmung ruhig: Die Leute atmen auf, Hoffnung auf einen politischen Wandel macht sich breit. Als Hauptstadt und politisches Zentrum Bangladeschs ist Dhaka immer auch Bühne politischer Machtkämpfe und Auseinandersetzungen. Auf den Straßen der Stadt entlädt sich die Politik des Landes. Und trotz einer Analphabetenrate von 40 Prozent, herrscht ein starkes politisches Bewusstsein vor – quer durch alle Schichten.

Rikschas sind ein wichtiges Transportmittel.Rikschas sind ein wichtiges Transportmittel. (© Sonja Ernst)
Zentrum der Unabhängigkeitsbewegung
Die Geschichte Dhakas reicht zurück bis ins Jahr 1000. Ab 1765 war Dhaka unter britischer Herrschaft und Teil Britisch-Indiens. Im Zuge der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht 1947 und der Teilung des indischen Subkontinents kam es auch in Dhaka zu Ausschreitungen. Die Fluchtbewegungen wurden auch hier spürbar: Viele Hindus verließen die Stadt Richtung Indien, aus Indien kamen Muslime nach Dhaka. Nach der Teilung des indischen Subkontinents gehörte Bangladesch jedoch zunächst als östlicher Landesteil zu Pakistan. Zwischen West- und Ostpakistan lagen rund 1.500 Kilometer. Der Westteil beherrschte den Ostteil und als die pakistanische Amtssprache Urdu eingeführt wurde, erhob sich im heutigen Bangladesch eine Unabhängigkeitsbewegung – Zentrum der politischen Aktivitäten war Dhaka. Schließlich entzündete sich einer der blutigsten Unabhängigkeitskriege des 20. Jahrhunderts. 1971 starben innerhalb weniger Monate über drei Millionen Menschen. Mit der Intervention Indiens konnte Bangladesch den Krieg für sich entscheiden und wurde Ende 1971 ein unabhängiger Staat mit Dhaka als Hauptstadt.

Dhaka ist Zentrum der Politik und Wirtschaft
Doch Dhaka ist nicht nur der politisch-administrative Knotenpunkt des Landes, sondern auch das Industrie-, Wirtschafts- und Handelszentrum. Die Banken und multinationalen Unternehmen haben hier ihren Hauptsitz. Im Geschäftsviertel Motijheel, im Zentrum der Stadt, haben die meisten Banken und die Börse ihren Platz. Im ebenfalls zentralen Pantapath wurde 2005 das erste große Shopping Center Dhakas eröffnet. "Bashundhara City" ist mit über 2.000 Läden die größte Shopping Mall Südasiens, die zwölftgrößte der Welt. In dem 20-stöckigen Turm sind zahlreiche Büros untergebracht. "Bashundhara City" nutzen die Reichen, aber auch die wachsende Mittelklasse Dhakas: Man kann einkaufen, Themenparks besuchen oder ins Fitness-Center gehen.

Verkehrschaos in DhakaVerkehrschaos in Dhaka (© Sonja Ernst)
Ab den 1960er Jahren erfuhr Dhaka einen rasanten Anstieg seiner Bevölkerung. 1970 wohnten noch rund 1,47 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. 1980 zählte die Stadt mit über 3 Millionen Menschen schon die doppelte Bevölkerungszahl. Es entstanden zahlreiche informelle Siedlungen, Slums wie auch komplette Wohngebiete für die Mittel- und Oberschicht. Heute ist Gulshan im Norden das luxuriöseste Viertel Dhakas mit rund 200.000 Menschen, es entstand 1961. Die meisten Botschaften residieren dort. Ebenso Dhamondi und Banani sind Stadtteile für die Mittel- und Oberschicht. Doch wie im Großteil von Dhaka finden sich auch hier Slums. Auf Brachflächen, zwischen zwei Stadtteilen, am Flussufer. Menschen siedeln auf verbleibenden Freiräumen, sie bauen sich eine Hütte, einen Verschlag. Auch entlang der Eisenbahngleise, die vom Süden nach Norden führen, ziehen sich die Elendsviertel.

Die Metropole Dhaka besteht mittlerweile aus verschiedenen administrativen Einheiten. Die zentralen Stadtteile unterstehen der Dhaka City Corporation (DCC). Gemeinsam mit angrenzenden Gemeinden, dörflichen Siedlungen und Agrarland bildet die DCC die urbane Agglomeration Dhaka mit insgesamt 1.530 km². Die DCC umfasst mit 360 km² lediglich 24 Prozent der Metropole: Doch hier leben rund 6 Millionen Menschen – eine Siedlungsdichte von über 16.000 Menschen pro km² im Durchschnitt. Und je nach Stadtteil ist die Besiedlungsdichte sogar noch höher. Im Vergleich: In Köln leben im Durchschnitt rund 2.500 Menschen auf einem Quadratkilometer.

Mit den Monsunregen kommen auch die Überschwemmungen
Die städtische Bevölkerung Dhakas ist relativ homogen. Mit über 95 Prozent bilden die Bengalen die große Mehrheit. Zum überwiegenden Teil gehören sie dem Islam an, zum Großteil den Sunniten. Die Nationalmoschee "Baitul Mukarram" hat im Herzen Dhakas ihren Platz. Die dominante Sprache Dhakas ist Bangla (Bengalisch). Anders als in indischen Metropolen ist Englisch nicht so stark verbreitet und eher auf die gut ausgebildeten Schichten beschränkt. In Dhaka gibt es auch Hinduisten, mit rund 10 Prozent stellen sie die größte religiöse Minderheit. In der Altstadt von Dhaka befindet sich der hinduistische Dhakeshwari Nationaltempel. Der Legende nach, wurde nach ihm die Stadt benannt.

Ein Großteil des Wasserswird verteilt.Für viele heißt es Anstehen: In Dhaka wird ein Großteil des Wassers verteilt. (© AP)
Dhaka liegt am Fluss Buriganga. Die Stadt liegt nur etwa sechs Meter über dem Meeresspiegel. Es herrscht ein tropisches Klima und während des Monsun zwischen Mai und September kommt es zu heftigen Schauern und Stürmen. Oft kommt es zu Überschwemmung, da die Kanalisation unter den Regenfällen zusammenbricht. Zuletzt standen im Sommer 2004 nach gewaltigen Monsunregen 40 Prozent Dhakas unter Wasser, es gab zahlreiche Tote.

Tagelöhner, Rikschafahrer, Müllsammler
Die Infrastruktur der Metropolregion ist dem rasanten Wachstum der Stadt nicht gewachsen. Immer wieder fällt die Wasser- und auch Stromversorgung aus. Die Stadt erstickt im Verkehrschaos. Die Luftverschmutzung, auch durch die Industrie, ist enorm. Es gibt kaum Parks oder andere Erholungsflächen. 1959 wurde der erste städtische Gesamtplan für Dhaka aufgestellt, 1997 folgte ein weiterer. Doch die städtbaulichen Pläne wurden nie konsequent verfolgt.

44 Prozent der Haushalte in Dhaka sind arm, 30 bis 40 Prozent der Menschen leben in Slums. Elend und Perspektivlosigkeit tragen langfristig zur Radikalisierung der städtischen Gesellschaft bei. Wie in anderen Teilen Bangladeschs gewinnen auch in Dhaka islamistische Parteien und Gruppen an Anhängern. Radikale Kräfte können sich im Hinblick auf die ausufernde Korruption und steigende Armut als "moralische Alternative" präsentieren. Zuletzt ging am 1. Mai eine Bombe am Hauptbahnhof von Dhaka hoch, zwei weitere in anderen Städten Bangladeschs. Mit den Bomben wurde den Ahmadis gedroht, einer muslimischen Glaubensgemeinschaft, die bei Extremen als "unislamisch" gilt. Die Ahmadiyya, die gerade einmal knapp 150.000 Anhänger in ganz Bangladesch umfasst, leben zum Großteil in Dhaka.

Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner Dhakas arbeiten im informellen Sektor, schätzungsweise über 60 Prozent. Sie arbeiten als Tagelöhner, Rikschafahrer, Steineklopfer und Müllsammler und auch viele Kinder arbeiten. In den zahlreichen Textilfabriken der Stadt schuften vor allem junge Frauen: Oft bis zu zwölf Stunden täglich, bis zu sieben Tage die Woche, für nicht mehr als 20 Euro. Manchmal werden die Gehälter nicht ausbezahlt, die Arbeiterinnen werden eingeschüchtert und praktisch gibt es kein Arbeitsrecht. Und trotz alledem werden noch mehr Menschen nach Dhaka kommen, denn die Armut auf dem Land ist teils noch weniger zu ertragen.


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