Skyline von Schanghai

19.10.2006 | Von:

Karatschi

Stadt der Lichter

Hintergrund

Karatschi gilt als "Stadt der Lichter", die mit ihrer Lebendigkeit und Betriebsamkeit die Menschen anzieht. Die pakistanische Wirtschafts- und Finanzmetropole liegt direkt am Arabischen Meer. Rund 90 Prozent aller Banken, Finanzinstitute und multinationalen Unternehmen Pakistans haben ihren Hauptsitz in der Stadt. Der Großteil des landesweiten Außenhandels wird über Karatschi abgefertigt. Über den Hafen werden heute 35 Millionen Tonnen Frachtgut umgesetzt – 1951 waren es noch 2,8 Millionen. Zugleich kämpft die Stadt mit weitflächigen Stromausfällen, Verkehrschaos, Kriminalität und Umweltschäden – ein Großteil der privaten und industriellen Abwässer gelangt ungeklärt ins Meer. 75 Prozent der Menschen Karatschis arbeiten im informellen Sektor, fast 40 Prozent leben in Slums und illegalen Siedlungen.

Innenansicht der Masjid-e-Tooba, die Moschee ist aus weißem MarmorInnenansicht der Masjid-e-Tooba, die Moschee ist aus weißem Marmor (© Jonathan Haider)
Für Karatschi bedeutete die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft und die Geburt Pakistans 1947 einen Wendepunkt. Mit der blutigen Trennung von Indien ergriffen die Flüchtlingsströme auch die Hafenstadt: In wenigen Monaten verdoppelte sich die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner auf über eine Million. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in der Hauptstadt der südlichen Provinz Sindh das gleichnamige Sindhi gesprochen, rund 50 Prozent der Bevölkerung waren Hindus. Der Großteil von ihnen ging nach Indien. Im Gegenzug kamen Muslime vor allem aus Zentralindien in die Hafenstadt: Die Mohajirs, was Flüchtling bedeutet, brachten ihre Muttersprache Urdu mit, das rasch zur dominanten Sprache wurde.

Informalität und Selbsthilfe
Zunächst boomte die Hafenstadt und wurde zum Finanz- und Industriezentrum des neu gegründeten Pakistans. Karatschi wurde die Hauptstadt des Landes. Die Bevölkerungszahl schnellte in die Höhe. Mit dem Aufschwung strömten ab den 1960er Jahren zunehmend Menschen aus dem Umland in die Stadt wie auch aus anderen Landesteilen: Aus dem Norden kamen zumeist Paschtunen und aus dem Osten Punjabis. Karatschi wurden zum Schmelztiegel Pakistans.

Der Großteil der Menschen in Karatschi arbeitet im informellen SektorDer Großteil der Menschen in Karatschi arbeitet im informellen Sektor (© Mujtaba Khan)
1960 lebten rund 1,84 Millionen Menschen in Karatschi, die städtische Bevölkerung wuchs jährlich um 5,2 Prozent. Die vielen Neuankömmlinge brauchten Wohnungen. Sie schufen sich am Stadtrand und auf innerstädtischen Brachflächen großräumige illegale Siedlungen, "katchi abadis". Die Viertel entstanden informell und selbstorganisiert. Erste offizielle Versuche, am Stadtrand Siedlungen zu bauen scheiterten. 1961 wurde die Hauptstadt nach Islamabad verlegt und Karatschi büßte an Bedeutung ein. Zehn Jahre später folgte die blutige Abspaltung Ost-Pakistans, das als Bangladesch seine Unabhängigkeit erlangte. Wieder strömten Flüchtlinge in die Stadt, diesmal Biharis: Nicht-bengalische Muslime.

Zunehmend prägten Informalität und Selbsthilfe die Stadt. Die fehlende städtische Regierung führte zur Stärkung der Clans und ethnischen Gemeinschaften. So entstand eine Dynamik aus städtischem Macht- und Planungsvakuum einerseits und einer informellen Entwicklung auf der Basis ethnischer Zugehörigkeiten andererseits. Noch dazu bestimmten wechselnde Militärregierungen die Politik Pakistans – eine demokratische Ordnung war fern.

Gewalt und ethnische Konflikte
Über die Jahre entwickelten sich in Karatschi Konkurrenzen und Konfliktlinien – zwischen den Mohajirs und Sindhis, den Mohajirs und Paschtunen, den Sindhis und Punjabis. Die feindlichen Stimmungen wurden von der Politik benutzt und angeheizt. Im April 1985 eskalierte die Situation, als bei einem Verkehrsunfall ein Paschtune ein Mohajir-Mädchen tötete. Es kam zu Ausschreitungen und gegenseitigen Übergriffen. In der Folge bildeten sich "no-go-areas" heraus – Stadtviertel, die von einer ethnischen Gemeinschaft dominiert wurden. In den 1980er und 1990er Jahren nahmen die Konflikte und die Gewalt in Karatschi dramatisch zu. Auch mit dem Resultat, dass die Industrie teils wegzog.

1986 gründete sich in Karatschi die MQM, das Mohajir Quami Movement: eine Bewegung der Mohajirs und ihrer Nachkommen. Die MQM ist eine zugelassene Partei, die für die Rechte der Mohajirs kämpft: Sie sind in Teilen der Gesellschaft Karatschis unterrepräsentiert, so zum Beispiel bei der Vergabe der Studienplätze oder den Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst. Doch Teile der MQM überzogen die Stadt mit Terror und Gewalt. Anfang der 1990er Jahre marschierte das Militär in Karatschi ein. Es kam zur Abspaltung innerhalb der MQM, daraufhin lieferten sich die beiden Lager auch untereinander heftige Kämpfe. 1994 zog die Armee wieder ab, doch das Chaos blieb: In 12 Monaten starben rund 2.000 Menschen.

"Vision Karachi 2030"
Mittlerweile ist Karatschi zur Ruhe gekommen. Doch langfristig können die Spannungen in der multi-kulturellen Stadt nur politisch gelöst werden. Fast 95 Prozent der Menschen in Karatschi sind Muslime, in der Mehrheit Sunniten. In der Stadt wird heute Urdu und Englisch gesprochen – die beiden Amtssprachen Pakistans. Ebenso werden die Regionalsprachen Punjabi, Paschtu wie auch Sindhi gesprochen. Englisch gilt als Geschäftssprache und Bildungssprache an den Universitäten der Stadt.

Zerstörte Reklametafeln am 24. Juni 2007 in Karatschi.Zerstörte Reklametafeln am 24. Juni 2007 in Karatschi. (© AP)
Karatschi hat milde Winter und heiße Sommer mit Temperaturen oft über 40 Grad Celsius. Doch die kühle Meeresbrise macht es erträglich. Durch Karatschi fließen die Flüsse Malir und Lyari, beide münden in das Arabische Meer. Zwischen Juli und August kommt es zu Monsunregen in der Stadt, teils mit katastrophalen Folgen. Zuletzt am 24. Juni 2007, als nach sintflutartigen Regenfällen und heftigen Stürmen rund 200 Menschen in Karatschi ums Leben kamen. Die Regenmassen rissen Hütten und Häuser mit sich, Straßen wurden überschwemmt, Bäume knickten ein. Noch Tage danach gab es in einzelnen Teilen der Stadt kein Wasser und keinen Strom.

Busse als wichtige TransportmittelDie Busse sind ein wichtiges Transportmittel (© Jonathan Haider)
Über all die Jahrzehnte ist Karatschi die Wirtschaftsmetropole des Landes geblieben. Und die Stadt boomt wieder. In Stadtteilen wie Clifton gibt es Modeboutiquen, edle Restaurants und bewachte Luxuswohnungen. Doch zugleich ist ein Großteil der Bevölkerung ausgegrenzt und lebt in Armut. Die Stadt kämpft mit einer hohen Kriminalität: Hierzu zählen Autodiebstähle ebenso wie Schutzgelderpressungen und gewaltsame Raubüberfälle. Ebenso werden Kämpfer der al-Qaida aus Afghanistan in Karatschi vermutet, sie sollen dort Unterschlupf gefunden haben.

Mit der "Vision für Karachi 2030", einem urbanen Master Plan, will die Stadtregierung nun die Entwicklung Karatschis vorantreiben. Es gab bereits städtische Gesamtpläne, die jedoch nie vollständig umgesetzt wurden. Nun will man ausländische Investoren anlocken: Die Stadtregierung Karatschis will in den Ausbau der städtischen Infrastruktur investieren, in die Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung, in den Straßenbau etc. Als Vorbild gilt der rasante wirtschaftliche Aufschwung der chinesischen Metropole Schanghai.


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