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Skyline von Schanghai

8.6.2007 | Von:
Arif Hasan

Die Investitionen gehen an den armen Leuten vorbei

Der Architekt und Stadtentwickler Arif Hasan über die aktuellen Herausforderungen Karatschis

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bpb: Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungsschritte für Karatschi? Vor allem wenn es um die teils unzureichende Wohnungssituation geht.

Hasan: Karatschi ist eine Stadt deren Bevölkerung zu 75 Prozent einkommensschwachen Schichten und dem unteren Mittelstand angehört. Über 60 Prozent der Bevölkerung ist unter 25 Jahren und die sozialen Indikatoren, vor allem was Geschlecht und Alphabetisierungsrate angeht, unterscheiden sich sehr von denen der älteren Bevölkerungsgruppen. Deshalb muss man sich um die Bedürfnisse der einkommensschwachen Schichten und des unteren Mittelstands sowie um die jungen Menschen kümmern. Diese Bedürfnisse umfassen Arbeit, Bildung, das Wohnungswesen, Transport, Freizeit und Unterhaltung. Um diese Bedürfnisse kümmert sich zurzeit niemand.


bpb: Fast fünf der elf Millionen Bürger von Karatschi leben in Elendsvierteln. Was bedeutet das für das Stadtleben?

Hasan: Wie in vielen anderen Städte Asiens leben 50 Prozent der Bevölkerung von Karatschi in informellen Siedlungen. Legt man soziologische Termini an, sind das keine Slums. In physikalischen Termini hat der Großteil dieser Siedlungen de-facto eine Sicherheit was den Besitz der Unterkünfte betrifft, Elektrizität, Wasser und den Zugang zu einem Grundmaß an Bildung und Gesundheitsversorgung. Das größte Problem ist, dass diese Siedlungen immer weiter wegrücken von Orten, wo es Arbeit gibt, Freizeitgestaltung, Unterhaltung und bessere Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.

Diese zunehmende Entfernung bedeutet eine zunehmende Unterteilung von reichen und armen Bezirken, sie macht es Frauen schwer zu arbeiten, sie bringt steigende Kosten und Stress aufgrund des miserablen Transportwesens und eine psychologische Spaltung der Gesellschaft. Infolge der Globalisierung, der herrschenden Ordnung der Welthandelsorganisation und struktureller Anpassungen, hat die Arbeitslosigkeit in den informellen Siedlungen zugenommen. Auch die Kriminaltiät hat zugenommen und die Reichen haben sich selbst Ghettos geschaffen durch Sicherheitssysteme und bewaffnete Wächter.

bpb: Sie beraten das Orangi Pilot Project (OPP), das international Anerkennung gefunden hat. Orangi ist das größte "katchi abadi", eine informelle Siedlung, mit rund 1,2 Millionen Bewohnern. Den Bürgern werden vor allem Darlehen und technische Hilfe zur Verfügung gestellt, damit sie selbständig die sanitäre Versorgung und ihre Wohnungen verbessern können. Welche Resultate wurden bislang errungen?

Hasan: Mit Hilfe von OPP haben die Bewohner von Orangi ihre eigenen sanitären Anlagen gebaut, ihre Wohnungen und Geschäfte aufgebessert, sie haben Schulen gebaut, die sie komplett betreiben mit Lehrerfortbildung und Verbänden von Eltern und Schuleigentümern. Die Ergebnisse sind beeindruckend und können auf der Website des "OPP-Research and Training Institute" nachgeschaut werden. Die Dokumentation des Drainagesystems von Karatschi durch OPP hat zu rationellen und günstigen Lösungen für die Probleme mit der Entwässerung und der Abwasserentsorgung von Karatschi geführt.

Doch das wichtigste Ergebnis ist die Gründung kommunaler Organisationen, dass ein Bewusstsein für Fragen auf Stadtteil- sowie auf gesamtstädtischer Ebene entstanden ist und sich die politischen Beziehung zwischen den Kommunen und der Regierung gewandelt haben.

bpb: Über Jahrzehnte gab es in Karatschi keine wirkliche Stadtplanung. Zum ersten Mal will die Stadtregierung nun einen Gesamtplan umsetzen. Die "Vision 2030" soll eine neue Periode der Entwicklung bringen. Was sind die wichtigsten Verbesserungen?

Hasan: Es ist nicht wahr, dass es in Karatschi keine wirkliche Stadtplanung gab. Das Karatschi vor und nach der Teilung [des indischen Subkontinents] ist wunderschön geplant. Bis 1982 war Karatschi eine der am besten geplanten Städte in Südasien. Der Karatschi Gesamtplan von 1975 - 1985 wurde leider nicht vollständig umgesetzt und die Unruhen in den 80er und 90er Jahren schwächten die Stadtplanung, das Stadtmanagement und die Kontrollinstitutionen. Das Ergebnis war eine ad-hoc Entwicklung und der informelle Sektor weitete seine Aktivitäten aus. Ebenso wurde der Karatschi Entwicklungsplan 2000 nicht vollständig implementiert. Der jetzige Gesamtplan dreht sich vor allem um die Entwicklung von Grundbesitz, um Megaprojekte für den Autoverkehr und um ausländische Investitionen anzulocken, die in keinem Zusammenhang mit dem Leben der meisten Menschen von Karatschi stehen. Es geht kaum um sozialen Wohnungsbau und einen effektiven und effizienten Transport.

bpb: Besteht ein Risiko, dass ein neues boomendes Karatschi Millionen armer Bürger ohne Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zurücklässt?

Hasan: Ja, es gibt ein großes Risiko. Die Nutznießer des neuen boomenden Karatschis, so scheint es, werden die Weltbank sein, die Asiatische Entwicklungsbank, nationale und internationale Berater, die Reichen und Mächtigen, die multinationalen Banken und Kreditanstalten sowie ihre Angestellten.

bpb: Während der vielen chaotischen Jahre mussten die Menschen in Karatschi ihren Alltag selbst organisieren. Wie kann die lokale Regierung ihr Vertrauen zurückgewinnen?

Hasan: Karatschi verfügt über eine sehr aktive Zivilgesellschaft. Diese Zivilgesellschaft ist ein Ergebnis der vielen Jahre der Unterdrückung durch eine von den Amerikanern unterstützte militärische und zivile Bürokratie. Die lokale Regierung kann nur das Vertrauen dieser Zivilgesellschaft zurückgewinnen, wenn sie sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzt und wenn sie ihre Belange und Vorschläge in das Entwicklungsprogramm integriert.

bpb: Herr Hasan, was mögen Sie an Karatschi am liebsten?

Hasan: Karatschi ist multi-ethnisch, multi-lingual. Dort leben Menschen verschiedener Glaubensrichtungen, es hat eine reichhaltige Folkloreszene und es bietet die Möglichkeit, diese Mannigfaltigkeit zusammenzubringen. Es ist diese Möglichkeit, die ich am meisten an Karachi mag.

Das Interview führte Sonja Ernst


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