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Skyline von Schanghai

5.12.2006 | Von:
Sultan Rehman

"Bezaubernd und voller Gegensätze"

Sultan Rehman berichtet aus Karatschi

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Geboren und aufgewachsen in Karatschi, habe ich mit Freude und Bestürzung erlebt, wie sich die Stadt über die Jahre hinweg verändert hat, sich entwickelt hat, wie sie wuchs und expandierte in vielerlei Hinsicht.

Die Stadt hat viel von ihren Reizen und unvergesslichen Besonderheiten verloren. Zum Beispiel war Karachi bis 1961 die Hauptstadt Pakistans und damit das Zentrum des Interesses, denn die Stadt genoss absoluten Einfluss in Politik und Wirtschaft. Karatschi wurde mit dem Umzug der Hauptstadt absichtlich missachtet und litt immens, obwohl die Stadt bis zu diesem Zeitpunkt 60 Prozent zu den Staatseinnahmen beisteuerte. Sie wurde einmal "Stadt der Lichter" genannt. Leider und schmerzlicherweise: Nicht mehr! Heute leidet die Stadt häufig unter langanhaltenden Stromausfällen und insbesondere während des Sommers ist das Leben erbärmlich.


Karachi war einmal das industrielle Zentrum des Landes. Doch aufgrund der bedenklichen "law and order"-Situation in den 1980er Jahren verbunden mit einer schlechten Regierungsarbeit und häufigen Engpässen in der Energieversorgung, begann die Industrie aus der Stadt abzuwandern. Karatschi war einmal die lebendigste Stadt mit der meistem Entertainment, wo die Leute freundlich, gesellig, tolerant und liberal waren. Die Stadt bot ausgezeichnete Unterhaltungsmöglichkeiten, hatte die viele Bars und Nachtclubs. Exotische Gruppen aus dem Ausland wurden regelmäßig eingeflogen, um vor allem an den Wochenenden ein großes Publikum zu unterhalten. Bars, alkoholische Getränke und Tänzer wurden 1977 offiziell verboten. Doch diesen verbotenen Luxus kann man heute noch auf privaten Parties genießen. Die Stadt war sauber, ohne Luftverschmutzung, nicht so beengt und fast ohne Kriminalität. All diese Vorzüge sind nach und nach verschwunden.

Was mich am meisten bestürzt ist das Fehlen adäquater und einwandfreier gesellschaftlicher Annehmlichkeiten und einer Infrastruktur. Karatschi fehlt es an einer modernen und effizienten Zug-, Straßen- und Autobahnverbindung. Die Stadt leidet unter massiven Engpässen bei Strom und Wasser, unter einem unzuverlässigem Kanalisationssystem und unter den Slums, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Das Fehlen eines modernen, durchdachten öffentlichen Transportwesens verstärkt noch die Misere der Bürger. Es ärgert mich, im Verkehrsstau Zeit zu verschwenden, da es normalerweise Stunden dauert, um von einem Ort zum anderen zu gelangen sogar bei kurzen Distanzen. Der unglaubliche Anstieg von Verbrechen wie Autodiebstahl, bewaffnete Überfälle, der Diebstahl von Mobiltelefonen und anderen Wertgegenständen hat die Bürger in einem Dilemma zurückgelassen.

Karatschi braucht Stadtplanung

Aber es ist noch nicht alles verloren. Ein steigendes Bewusstsein für die Wichtigkeit der genannten Aspekte hat letztlich die Stadtplaner dazu gebracht, auf diese gebührend zu achten. Die aufeinander folgenden Stadtregierungen haben neue Parks geschaffen und alte renoviert und die Bürger mit dringend nötigem Raum zum Atmen versorgt. Große Projekte wurden initiiert und neue Straßen gebaut, es wurde damit begonnen, Straßen auszubauen und die Straßendecken zu erneuern. Maßnahmen für eine bessere Energiegewinnung, Wasserversorgung und Abflussystem, eine Ringbahn, die Verschönerung der Stadt und die Restauration bislang vergessener historischer Bauwerke haben begonnen. Ebenso wurden Anstrengungen unternommen, die steigende Straßenkriminalität einzudämmen.

Mazar-e-Quaid, das Mausoleum von Mohammed Ali JinnahDas Mausoleum Quaid-e-Azam im Zentrum Karatschis (© Jonathan Haider)
Die Vollendung des zweithöchsten Springbrunnes weltweit – die Hafenfontäne am Strand – ist eine wichtige Ergänzung der bereits vorhandenen Monumente von Karatschi. Die herrliche "Ferere Hall" aus der Zeit vor der Unabhängigkeit [Gebäude von 1865 in britischem Kolonialstil], die "Kothari Parade" in Clifton [Gebäude um 1920 im Kolonialstil], der "Merewether Tower" [Denkmal von 1884 bis 1892], der "Mohatta Palast", das Gebäude des Hohen Gerichtshofs und die alten Zollhäuser sind nur einige der vielen prächtigen Gebäude. Das wunderschöne Mausoleum des Begründers von Pakistan, Mohammad Ali Jinnah, ist das populärste Wahrzeichen Karatschis. Der vor kurzem eröffnete luxuriöse Kreuzfahrtservice zwischen Karatschi und Dubai ist eine neue Dimension der wundervollen Stadt Karatschi. Es gibt viele Museen und Kunstgalerien in Karatschi. Ein Museum, das ich besonders gerne nennen möchte, ist das National Museum Pakistans. Es zeigt seltene Stücke aus der Indus-Zivilisation sowie wichtige Kunstgegenstände der buddhistischen und frühe islamischen Epoche. Ein weiteres Museum, das es zu nennen gilt, befindet sich im Mausoleum von Mohammad Ali Jinnah und beinhaltet Gegenstände aus seinem Leben.

Karatschi spielt weiterhin eine wichtige Rolle für die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung. Viele Ausstellungen, Konzerte, Filme und Anlässe zum Sammeln von Spenden werden regelmäßig in der Stadt gezeigt oder abgehalten. Das Goethe-Institut, Alliance Francaise und andere Institutionen tragen mit ihren verschiedenen Kulturprogrammen stark dazu bei, ein inter-religiöses Miteinander zu schaffen und die Kluft zwischen westlicher und islamischer Welt zu überbrücken.

Der südliche Teil der Stadt, der an das Arabische Meer angrenzt, wird von großen Menschengruppen besucht, die die weiten Strände genießen. Eine Fahrt entlang der Küste, meine Lieblingsbeschäftigung, ist an den Abenden sehr erfrischend. Die Clifton-Defence Gegend im Süden ist die friedlichste, sicherste, teuerste und vornehmste Wohnlage der Stadt. Das Leben in dieser Gegend ist mit Abstand das Beste, was die Stadt zu bieten hat. In der Ecke sind viele Gesellschaftsclubs, teure Schulen und Institute, attraktive Einkaufszentren, belebte Restaurants, gehobene, trendige Coffee Shops und Eisdielen zu Hause. Hunderte von modischen Boutiquen, Bäckereien und high-tech Kosmetiksalons sind überall in der Gegend aus dem Boden geschossen.

Eine Stadt voller Extreme

Ich bin froh, in dieser Gegend zu leben, in einer der besten Nachbarschaften der Stadt, wo ich die meisten der Leute bis fast vier bis fünf Blocks entfernt kenne und wir uns regelmäßig treffen, zusammen abendessen, plaudern und unsere Erlebnisse austauschen. Mein Lieblingspark, der Zam Zama Park, ist nur wenige Blocks von meinem Zuhause entfernt, dort gehe ich abends spazieren und genieße es zugleich, andere Leute anzuschauen. Sonntags gehe ich gerne auf dem beliebten Sonntags Basar einzukaufen, einem Flohmarkt, auf dem man fast alle erdenklichen Gegenstände von Belang finden kann. Tausende von Leute drängen zu solchen Basaren über die ganze Stadt verteilt. Eine weitere Lieblingsbeschäftigung von mir sind Grillabende auf der Wiese, vor allem im Sommer wenn eine angenehme, abendliche Meeresbrise mich die glühende Hitze des Tages vergessen lässt.

In Karatschi sind viele religiöse Minderheiten zu Hause: Hindus, Christen, Bahais und Parsen. Ein weiteres erfreuliches Merkmal Karatschis, und für viele überraschend, ist die Freiheit, die die verschiedenen religiösen Minderheiten genießen, um ihren Glauben auszuüben und ihre Rituale zu begehen in einer zunehmend intoleranten pakistanischen Gesellschaft.

Karatschi ist eine einzigartige Stadt der Kontraste und Widersprüche, die durch große Extreme der Armut und des Reichtums charakterisiert wird. Man findet wunderschöne palastartige Gebäude mit 5.000 Quadratmeter und zwei bis drei Bewohnern ebenso wie Behausungen in den Slums mit 10 Quadratmetern und drei bis fünf Bewohnern. Man wird Zeuge von der Zurschaustellung unbegrenzten Reichtums und bitterer Armut bis zum Äußersten.

Die Leute in Karatschi sind recht wohlwollend, gastfreundlich und sie machen gerne soziale Kontakte, eine Qualität, die von Ausländern sehr geschätzt wird. Ich glaube, dass die tüchtigen, unternehmerischen und robusten Bürger Karatschi eine Würdigung verdient haben, um den Prozess der Entwicklung und des Wachstums der Stadt fortzusetzen trotz aller Hürden.

Karatschi bleibt für mich sehr speziell, sehr charmant, sehr einzigartig, sehr reizvoll, und ich hoffe und bete, dass mein Karatschi eines Tages seine frühere Pracht, seinen Ruhm und sein Ansehen wiederfindet.


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