Skyline von Schanghai

24.8.2006 | Von:

Schanghai

Wettrennen der Wolkenkratzer

Hintergrund

Wachstum ist das Schlüsselwort: In keiner anderen Stadt Chinas wächst die Wirtschaft so dynamisch wie in der Metropole Schanghai. 2010 wird die Stadt Ausstellungsort der Expo sein. Neben den Olympischen Spielen 2008 in Peking wird die Weltausstellung der nächste Großanlass sein, mit dem sich China als modernes und hightech-orientiertes Land der internationalen Öffentlichkeit präsentieren will. Vor allem Schanghai ist zum Aushängeschild der aufstrebenden Volksrepublik geworden.

Mit den 1950er Jahren und der Mao-Ära war Schanghai, die "Perle des Ostens", ins Abseits geraten: Der kosmopolitischen Stadt, in der 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet worden war, begegnete Peking mit Argwohn. Erst mit den 1990er Jahren wurde unter Deng Xiaoping die Modernisierung Schanghais beschlossen. Seitdem erlebt die Metropole einen totalen Um- und Ausbau. Dafür steht Pudong, das zurzeit wichtigste Stadtentwicklungsprojekt der Mega City. Pudong, am östlichen Ufer des Fluss Huangpu, ist einer von 18 Stadtbezirken und einem Kreis, die die regierungsunmittelbare Stadt Schanghai bilden. Damit ist Schanghai, wie auch Peking, betreffend der administrativen Gliederung Chinas den Provinzen gleichgestellt. Das neue Wirtschafts- und High-Tech-Viertel Pudong umfasst rund 500 Quadratkilometer mit der Lujiazui Finanz- und Handelszone als städtebaulichem Kern. Dort reihen sich Bürotürme dicht an dicht und noch lange ist das Megaprojekt nicht vollendet.

Die Skyline von PudongDie Skyline von Pudong (© Chris Jules)
Bislang prägen vor allem der Oriental Pearl Tower, der science-fiction-hafte Fernsehturm, sowie der Jin Mao Tower das "neue Manhattan des Ostens". Doch direkt daneben wächst bereits das Schanghai World Financial Center in den Himmel. Nach seiner Fertigstellung – voraussichtlich Anfang 2008 – wird das Center das höchste Gebäude Schanghais sein. Mit 422 Metern und 101 Stockwerken sogar das höchste Gebäude auf dem chinesischen Festland – vorerst. Das Wettrennen der Wolkenkratzer macht dauerhafte Rekorde unmöglich.

Kolonialmächte mit eigenen Stadtgebieten
Direkt gegenüber von Pudong liegt der Bund mit seiner berühmten kolonialen Uferfront. Das ehemalige Handelsviertel der Metropole wurde in den 1930er Jahren errichtet. Schanghai zählte zu dieser Zeit bereits über drei Millionen Einwohner. Die Stadt war zu einem wichtigen Industriezentrum und mit seinem Hafen zu einem bedeutsamen Handelsplatz in Ostasien avanciert. Als Folge des verlorenen Opiumkriegs existierten seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausländische Konzessionen in Schanghai: Amerikaner, Briten und Franzosen pachteten von der chinesischen Regierung Stadtgebiete, die sie unter ihre eigene Verwaltung stellten – inklusive der Gerichtsbarkeit. Diese ausländischen Konzessionen waren vergleichbar kolonialen Stadtenklaven.

Die Verwaltung durch die Kolonialmächte machte Schanghai von den späten 1930er Jahren an zu einem der letzten Orte, in dem jüdische Flüchtlinge ohne Visa und ohne Auflagen aufgenommen wurden. Tausende Juden, vor allem aus Österreich und Deutschland, retteten sich auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus in die Küstenstadt. Schätzungen zufolge sollen es bis zu 20.000 Exilanten gewesen sein. 1941 gelangte das gesamte Stadtgebiet Schanghai unter japanische Besatzung, die bis 1945 andauerte. Schanghai fiel wieder an China.
Grell und schrill bei Nacht, die Nanjing LuGrell und schrill bei Nacht, die Nanjing Lu (© Chris Jules)

Neubau statt Erhalt
Doch seine Bedeutung als Wirtschaftskraft erlangte Schanghai erst ab den 1990er Jahren und dem Plan Pekings zur Modernisierung der Stadt zurück. Heute reihen sich im Bund die Konsumtempel aneinander. Die Nanjing Lu ist eine der Haupteinkaufsmeilen im Bund, dem Herzen des alten Schanghais. Teure Privatclubs neben Bars, Kinos und Theatern. Hier feiert sich das neue Schanghai.

Doch dem rasanten Wachstum der Stadt mussten ganze Wohnviertel weichen. Man erhält nicht. Städtische Entwicklung bedeutet Abriss und Neubau. Nur wenige Lilong-Quartiere sind deshalb noch vorhanden. Diese in sich geschlossenen Altstadtquartiere mit Haupt- und Nebengassen sowie zahlreichen Hofhäusern sind fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Über zwei Millionen Menschen sollen in den innerstädtischen Vierteln Schanghais seit den 1990er Jahren enteignet worden sein. Es werden Umsetzwohnungen angeboten, doch oft am Rande der Stadt, weit ab vom Arbeitsplatz. Auch werden Entschädigungen gezahlt, doch die Summen sind niedrig. Vor allem aber ist es aussichtslos, sich der Enteignung zu widersetzen. Sicherlich mindern die vielen neuen Wohntürme, die auf den Flächen der abgerissenen Vierteln entstehen, den drängenden Wohnbedarf, doch der Wandel ist radikal. Insbesondere hat er zur sozialen Entmischung der innenstädtischen Viertel geführt. Im Zentrum leben nur noch diejenigen, die es sich leisten können, die am Aufschwung Schanghais tatsächlich profitieren.

SchanghaiDas Alte muss weichen (© Chris Jules)
Der Wirtschaftsboom der Metropole hat auch eine Vielzahl von Wanderarbeitern in die Stadt gelockt: Schätzungsweise weit über drei Millionen Menschen sollen es sein, die ohne Registrierung und damit illegal in Schanghai arbeiten und leben. Verlässt man in China seinen Wohnsitz braucht man eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis - doch die kostet. Ebenso ist ein Arbeitsvertrag notwendig. Beides bringen die oft jungen Frauen und Männer vom Land nicht mit, wenn sie vor der Armut flüchten und in der Stadt ihr Glück suchen. Diese Illegalität macht sie rechtlos gegenüber den Arbeitgebern, wenn zum Beispiel die Löhne ausbleiben. Gerade sie sind es, die den Umbau der Stadt tagtäglich vorantreiben und wegen ihrer niedrigen Löhne doch nicht am neuen Schanghai teilhaben.


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