30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Skyline von Schanghai
1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

24.8.2006 | Von:
Sonja Ernst

Schanghai

Wettrennen der Wolkenkratzer

Schanghai ist eine Stadt der Superlative. Beinah täglich ändert sie ihr Gesicht. 14,5 Millionen Menschen leben in der Metropole am Jangtse. Hier wird die Zukunft Chinas einstudiert.
Satellitenaufnahme SchanghaiDie Metropole Schanghai mit dem Fluss Huangpu (© NASA/JPL-Caltech)

Überblick

Schanghai ist auf dem Weg zur Weltspitze: In der ostchinesischen Metropole wird die Zukunft Chinas einstudiert. Die Küstenstadt im Mündungsgebiet des Jangtse ist mit ihren rund 14,5 Millionen Menschen die bevölkerungsreichste Stadt Chinas. Danach folgen Peking mit 10,7 und Guangzhou mit 8,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Weltweit liegt die Megastadt Schanghai zurzeit auf Rang sieben der bevölkerungsreichsten urbanen Agglomerationen.

Seit Anfang der 1990er Jahre – mit der Hinwendung zur Marktwirtschaft – wandelt sich Schanghai atemberaubend schnell. Die Stadt wächst in den Himmel: Innerhalb von fünf Jahren sind mehr als 2.000 Hochhäuser gebaut worden. Weitere folgen. Tagtäglich verändert sich das Gesicht der Stadt. Es herrscht städtisches Wachstum im Zeitraffer. Schanghai hat heute nicht nur einen der größten Containerhafen der Welt. Die Metropole ist auch zu einem wichtigen Industriestandort und nicht zuletzt zu einem internationalen Finanzplatz avanciert. Zum Symbol dieses Aufstiegs wurde die Skyline von Pudong. Sie ziert der größte Fernsehturm Asiens und der Jin Mao Tower mit seinen 421 Metern und 86 Stockwerken.

Doch zugleich kämpft Schanghai mit Umweltproblemen und drohenden Engpässen in der Energieversorgung. Es gibt kaum Grünflächen und trotz einer sehr restriktiven Regulierungspolitik für Kraftfahrzeuge herrscht oft Verkehrschaos. Und nicht zuletzt gründet der rasante Umbau der Stadt darauf, dass es keine langwierigen Diskussionen oder Anhörungen gibt: Das Datum des Abrisses eines Hauses wird einfach auf der Häuserwand markiert. Umsetzwohnungen für die Bewohnerinnen und Bewohner können kilometerweit entfernt am Stadtrand sein, gezahlte Entschädigungssummen sind oft zu niedrig. Und beides kann man nicht mit Sicherheit einklagen.

Hintergrund

Wachstum ist das Schlüsselwort: In keiner anderen Stadt Chinas wächst die Wirtschaft so dynamisch wie in der Metropole Schanghai. 2010 wird die Stadt Ausstellungsort der Expo sein. Neben den Olympischen Spielen 2008 in Peking wird die Weltausstellung der nächste Großanlass sein, mit dem sich China als modernes und hightech-orientiertes Land der internationalen Öffentlichkeit präsentieren will. Vor allem Schanghai ist zum Aushängeschild der aufstrebenden Volksrepublik geworden.

Mit den 1950er Jahren und der Mao-Ära war Schanghai, die "Perle des Ostens", ins Abseits geraten: Der kosmopolitischen Stadt, in der 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet worden war, begegnete Peking mit Argwohn. Erst mit den 1990er Jahren wurde unter Deng Xiaoping die Modernisierung Schanghais beschlossen. Seitdem erlebt die Metropole einen totalen Um- und Ausbau. Dafür steht Pudong, das zurzeit wichtigste Stadtentwicklungsprojekt der Mega City. Pudong, am östlichen Ufer des Fluss Huangpu, ist einer von 18 Stadtbezirken und einem Kreis, die die regierungsunmittelbare Stadt Schanghai bilden. Damit ist Schanghai, wie auch Peking, betreffend der administrativen Gliederung Chinas den Provinzen gleichgestellt. Das neue Wirtschafts- und High-Tech-Viertel Pudong umfasst rund 500 Quadratkilometer mit der Lujiazui Finanz- und Handelszone als städtebaulichem Kern. Dort reihen sich Bürotürme dicht an dicht und noch lange ist das Megaprojekt nicht vollendet.

Die Skyline von PudongDie Skyline von Pudong (© Chris Jules)
Bislang prägen vor allem der Oriental Pearl Tower, der science-fiction-hafte Fernsehturm, sowie der Jin Mao Tower das "neue Manhattan des Ostens". Doch direkt daneben wächst bereits das Schanghai World Financial Center in den Himmel. Nach seiner Fertigstellung – voraussichtlich Anfang 2008 – wird das Center das höchste Gebäude Schanghais sein. Mit 422 Metern und 101 Stockwerken sogar das höchste Gebäude auf dem chinesischen Festland – vorerst. Das Wettrennen der Wolkenkratzer macht dauerhafte Rekorde unmöglich.

Kolonialmächte mit eigenen Stadtgebieten
Direkt gegenüber von Pudong liegt der Bund mit seiner berühmten kolonialen Uferfront. Das ehemalige Handelsviertel der Metropole wurde in den 1930er Jahren errichtet. Schanghai zählte zu dieser Zeit bereits über drei Millionen Einwohner. Die Stadt war zu einem wichtigen Industriezentrum und mit seinem Hafen zu einem bedeutsamen Handelsplatz in Ostasien avanciert. Als Folge des verlorenen Opiumkriegs existierten seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausländische Konzessionen in Schanghai: Amerikaner, Briten und Franzosen pachteten von der chinesischen Regierung Stadtgebiete, die sie unter ihre eigene Verwaltung stellten – inklusive der Gerichtsbarkeit. Diese ausländischen Konzessionen waren vergleichbar kolonialen Stadtenklaven.

Die Verwaltung durch die Kolonialmächte machte Schanghai von den späten 1930er Jahren an zu einem der letzten Orte, in dem jüdische Flüchtlinge ohne Visa und ohne Auflagen aufgenommen wurden. Tausende Juden, vor allem aus Österreich und Deutschland, retteten sich auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus in die Küstenstadt. Schätzungen zufolge sollen es bis zu 20.000 Exilanten gewesen sein. 1941 gelangte das gesamte Stadtgebiet Schanghai unter japanische Besatzung, die bis 1945 andauerte. Schanghai fiel wieder an China.
Grell und schrill bei Nacht, die Nanjing LuGrell und schrill bei Nacht, die Nanjing Lu (© Chris Jules)

Neubau statt Erhalt
Doch seine Bedeutung als Wirtschaftskraft erlangte Schanghai erst ab den 1990er Jahren und dem Plan Pekings zur Modernisierung der Stadt zurück. Heute reihen sich im Bund die Konsumtempel aneinander. Die Nanjing Lu ist eine der Haupteinkaufsmeilen im Bund, dem Herzen des alten Schanghais. Teure Privatclubs neben Bars, Kinos und Theatern. Hier feiert sich das neue Schanghai.

Doch dem rasanten Wachstum der Stadt mussten ganze Wohnviertel weichen. Man erhält nicht. Städtische Entwicklung bedeutet Abriss und Neubau. Nur wenige Lilong-Quartiere sind deshalb noch vorhanden. Diese in sich geschlossenen Altstadtquartiere mit Haupt- und Nebengassen sowie zahlreichen Hofhäusern sind fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Über zwei Millionen Menschen sollen in den innerstädtischen Vierteln Schanghais seit den 1990er Jahren enteignet worden sein. Es werden Umsetzwohnungen angeboten, doch oft am Rande der Stadt, weit ab vom Arbeitsplatz. Auch werden Entschädigungen gezahlt, doch die Summen sind niedrig. Vor allem aber ist es aussichtslos, sich der Enteignung zu widersetzen. Sicherlich mindern die vielen neuen Wohntürme, die auf den Flächen der abgerissenen Vierteln entstehen, den drängenden Wohnbedarf, doch der Wandel ist radikal. Insbesondere hat er zur sozialen Entmischung der innenstädtischen Viertel geführt. Im Zentrum leben nur noch diejenigen, die es sich leisten können, die am Aufschwung Schanghais tatsächlich profitieren.

SchanghaiDas Alte muss weichen (© Chris Jules)
Der Wirtschaftsboom der Metropole hat auch eine Vielzahl von Wanderarbeitern in die Stadt gelockt: Schätzungsweise weit über drei Millionen Menschen sollen es sein, die ohne Registrierung und damit illegal in Schanghai arbeiten und leben. Verlässt man in China seinen Wohnsitz braucht man eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis - doch die kostet. Ebenso ist ein Arbeitsvertrag notwendig. Beides bringen die oft jungen Frauen und Männer vom Land nicht mit, wenn sie vor der Armut flüchten und in der Stadt ihr Glück suchen. Diese Illegalität macht sie rechtlos gegenüber den Arbeitgebern, wenn zum Beispiel die Löhne ausbleiben. Gerade sie sind es, die den Umbau der Stadt tagtäglich vorantreiben und wegen ihrer niedrigen Löhne doch nicht am neuen Schanghai teilhaben.

Bevölkerung

Schanghai ist die bevölkerungsreichste Stadt Chinas. Neben ihr zählt China mit Peking zwei Megastädte, 2015 wird eine weitere hinzukommen: Die Hafenstadt Fuzhou mit 8,42 Millionen Menschen in 2005 wird dann die Zehn-Millionen-Grenze überschritten haben.

1950 zählte Schanghai bereits über sechs Millionen Einwohner. Bis in die 1990er Jahre wuchs die Bevölkerung der Küstenstadt um moderate 0,76 Prozent jährlich. 1990 lag das Wachstum dann erstmals bei 4,79 Prozent. Zwischen 1990 und 2000 wuchs die Metropole um 5 Millionen Menschen. Das enorme Bevölkerungswachstum ist seit 2000 zurückgegangen und liegt zurzeit bei rund 1,7 Prozent jährlich.

Der Urbanisierungsgrad Chinas beträgt rund 40 Prozent. Das entspricht dem durchschnittlichen Urbanisierungsgrad Asiens von 39,8 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland hat die Verstädterung 75 Prozent erreicht. Die ländliche Bevölkerung Chinas wandert im selben Zug in die Städte ab: Im Jahr 2000 nahm sie um 0,85 Prozent ab, Tendenz steigend. Entsprechend wächst die städtische Bevölkerung. Das Wachstum wird jedoch langsam abnehmen und 2010 bei noch 2,38 Prozent liegen. Im Jahr 2020 werden in China erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben.

Aktuell ist China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Doch die Bevölkerung Indiens wächst schneller. Indien wird voraussichtlich 2030 China als bevölkerungsreichstes Land ablösen, mit dann über 1,4 Milliarden Menschen.


Schanghai

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 6,06 Millionen
1960: 6,54
1970: 7,05
1980: 7,60
1990: 8,20
2000: 13,24
2005: 14,50
2010: 15,79*
2015: 17,22


Bevölkerungswachstum in Prozent
1950: +0,76 %
1960: +0,76
1970: +0,76
1980: +0,76
1990: +4,79
1995: +4,79
2000: +1,82
2005: +1,70
2010: +1,74


Fläche und Bevölkerungsdichte
Schanghai umfasst rund 6.340 km². 2005 lebten dort rund 14,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Damit lag die Bevölkerungsdichte bei etwa 2.200 Menschen pro Quadratkilometer. In den innenstädtischen Vierteln liegt die Bevölkerungsdichte jedoch oft weit darüber.


China

**

Einwohnerinnen und Einwohner in Millionen
1950: 554 Millionen
1960: 657
1970: 830
1980: 998
1990: 1.155
2000: 1.273
2005: 1.315
2010: 1.354
2015: 1.392
2020: 1.423


Wachstum der Gesamtbevölkerung in Prozent
2000: +0,65 %
2010: +0,56
2020: +0,24


Grad der Urbanisierung
2000: 35,8 %
2010: 44,9
2020: 53,2


Städtische Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 455 Millionen (+3,08 %)
2010: 608 (+2,38)
2020: 757 (+1,57)


Ländliche Bevölkerung in Millionen und Wachstum in Prozent
2000: 818 Millionen (-0,85 %)
2010: 745 (-1,06)
2020: 666 (-1,38)


*Angaben in kursiver Schrift sind Prognosedaten.
**Die Zahlen beziehen sich auf China ohne Hong Kong und Macao.


Quellen:
World Urbanization Prospects: The 2003 Revision, hrsg. von: United Nations Department of Economics and Social Affairs/Population Divison, 2006.
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, hrsg. von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.

Leben

Soziale Situation
Im UN-Habitat Report 2005 finden sich keine Angaben zur sozialen Situation in Schanghai. Laut Angaben des Statistischen Büro Schanghai lag 2006 das Einkommen pro Kopf bei über 20.000 Yuan, rund 1.800 Euro. Die Lebenserwartung lag im Jahr 2006 für Frauen bei 83 und für Männer bei 78 Jahren. Fast 100 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchten 2005 die Grund- sowie Mittelschule, es gibt eine Schulpflicht von neun Jahren.

Infrastruktur
Laut UN-Habitat hatten im Jahr 2005 fast 99 Prozent der Menschen in Schanghai Zugang zu Wasser. 66 Prozent der Haushalte waren an die Kanalisation angeschlossen. Laut Angaben des Statistischen Büros Schanghai lebten 2006 im Durchschnitt 2,7 Personen in einem Haushalt zusammen.

Religion und Sprache
In Schanghai wird Hochchinesisch gesprochen. Doch in der Metropole herrscht zugleich ein eigener Dialekt vor, der sich stark vom Hochchinesischen unterscheidet. Darüber hinaus bringen die Arbeitsmigranten ihre eigenen Dialekte mit in die Stadt. In Schanghai finden sich verschiedene Religionen, vor allem der Buddhismus, ebenso der Taoismus wie auch das Christentum. Die Religionsfreiheit wird durch staatliche Kontrollen teils eingeschränkt.

Verkehr
In Schanghai kontrolliert die Stadtregierung die Zahl der Neuzulassungen von Kraftfahrzeugen. Mit dieser restriktiven Regulierungspolitik will man dem Auto-Boom Herr werden. Doch Stau gehört trotzdem zum Alltag der Metropole. Seit Mitte der 1990er Jahre hat Schanghai eine U-Bahn. Bislang fahren fünf Linien, die täglich fast zwei Millionen Passagiere transportieren. Bis 2010 – zum Auftakt der Expo – sollen sechs weitere U-Bahnlinien ausgebaut werden. Ebenso sind öffentliche Busse und Taxen wichtige Verkehrsmittel. Und nicht zu vergessen ist der Transrapid. Die Magnetschwebebahn wurde in Kooperation mit Deutschland gebaut und ging 2002 an den Start. Sie verbindet die Station Longyang-Straße mit dem internationalen Flughafen Pudong, der an der Küste Schanghais gelegen ist.


Quellen:
Shanghai Statistical Yearbook 2007, Shanghai Municipal Statistics Bureau, 2006
Financing Urban Shelter, Global Report On Human Settlements 2005, herausgegeben von: United Nations Human Settlements Programme, 2005.
The Challenge of Slums, Global Report On Human Settlements 2003, herausgegeben von: United Nations Human Settlements Programme, 2003.


Links ins Internet

Official Website Shanghai Municipality

Shanghai Municipal Statistics Bureau

Schanghai: World Expo 2010 Shanghai

China Daily (englischsprachige Tageszeitung)

Shanghai Daily (englischsprachige Tageszeitung)
1|2|3|4 Auf einer Seite lesen

Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen