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Skyline von Schanghai

8.5.2007 | Von:
Isabelle Gras

Ein Leben im Vergleich – höher, schneller, weiter

Isabelle Gras berichtet aus Schanghai

"Boomtown am Yangtze", "gigantisch", "atemberaubend", "Megametropole des 21. Jahrhunderts" – Schanghai haften viele solcher Etiketten an. Deutsche Berichterstatter geizen nicht mit Superlativen, wenn sie Schanghai beschreiben. In den Medien wird eine regelrechte Goldgräberstimmung erzeugt. Meine Verwandten und Freunde waren fasziniert, als sie erfuhren, dass ich nach Schanghai ziehe. Ob sie mich nicht mal besuchen könnten, "das" wollten sie schon immer mal mit eigenen Augen sehen. Doch warum bloß berauscht sich alle Welt an Schanghai?

Unbestritten, Schanghai summt und brummt vor Geschäftigkeit, die Stadt pulsiert und stürmt himmelwärts. Die pilzartig sprießenden Hochhäuser und das zweistellige Wirtschaftswachstum scheinen einen besonderen Reiz auszuüben – aus der Ferne gesehen. Aus der Nähe betrachtet verliert die Stadt jedoch an Anziehungskraft und die permanente Reizüberflutung wird zur Grunderfahrung des Neubewohners. Denn im urbanen Alltag bedeutet Dynamik Hektik und Rastlosigkeit. Das Meer von Wolkenkratzern heißt Baulärm rund um die Uhr. Das rasante Wirtschaftswachstum geht einher mit überlasteten Verkehrsnetzen und einer Smogglocke.


Strapaziös für europäische Ohren ist vor allem der Lärmpegel. Nächtliches Dauerhupen im Wohngebiet, Extrembeschallung im Supermarkt, der Krach von Presslufthämmern von morgens acht bis abends zehn Uhr. Selbst die Säle der Stadtbibliothek sind keine Ruhezonen. Dicht an dicht wird da halblaut gelesen, geschnarcht, telefoniert: Ruhe ist ein seltenes Gut in Schanghai.

Ausländer und Chinesen leben in getrennten Welten

Ich frage mich oft, welchen Anteil wir Ausländer am öffentlichen Leben hier wirklich haben und wie weltstädtisch Schanghai tatsächlich ist. Abgesehen von Hongkong ist Schanghai unbestritten die "internationalste" Stadt Chinas. Um die 100.000 Ausländer (bei einer Gesamtzahl von 14 Millionen Einwohnern) sind für mindestens ein Jahr hier gemeldet, die meisten sind von Firmen entsandt, andere versuchen auf eigene Faust für eine Zeit lang ihr Glück. Hinzu kommen unzählige Geschäftsreisende, Praktikanten und Touristen. Die großen multinationalen Unternehmen sind nahezu alle hier aktiv, und von der Pariser Haute Couture bis zur Biobackmischung aus Deutschland bietet Schanghai nahezu alles, was das Herz an ausländischer Ware begehrt.

Doch jenseits der Businesstürme und Fünf-Sternehotels ist die Stadt bislang noch alles andere als eine kosmopolitische Metropole. Als Nicht-Asiate wird man nach wie vor als Fremdkörper wahrgenommen. Wie auch im ländlichen China wird man im Bus unverhohlen angestarrt, zahlt auf dem Markt den "Ausländerzuschlag", erntet Erstaunen oder Lachen, wenn man Chinesisch spricht und manchmal wird einem gar "laowai" hinterhergerufen: "Ausländer".

Ausländer und Chinesen leben vielfach in getrennten Welten: Hier die "Expatriates", auf Zeit entsandte, meist hochbezahlte Arbeitskräfte aus dem Ausland, und dort die Schanghaier und Binnenzuwanderer. Wer von seiner Firma nach China geschickt wird, zieht mit Kind und Kegel in eine bewachte Wohnanlage - mit Park, allem Komfort und vielen anderen Ausländern. Die Brötchen kommen vom deutschen Bäcker, man trifft sich im deutschen Club zum Kaffee und begegnet China manchmal nur in Gestalt des Chauffeurs, der Sekretärin oder der Haushaltshilfe.

Identifikation mit der Stadt beobachte ich selten; noch habe ich keinen "Westler" getroffen, der sich als Schanghaier bezeichnet hätte. Die meisten nutzen Schanghai, um ihre beruflichen Ziele zu verfolgen, als Karrieresprungbrett, als Schmankerl im Lebenslauf, als Tür zum Markteintritt. Auf Dauer bleiben die wenigsten: Praktikanten rotieren im Zwei- bis Sechsmonatstakt und "Expatriates" kehren meist nach ein, zwei Jahren nach Deutschland zurück.

Turbomaterlismus in Reinform

Doch wirklich hier Fuß zu fassen, ist auch nicht einfach. Wer nicht von einem Unternehmen entsandt wird, verbunden mit finanziellen Anreizen, sondern vor Ort nach einem Job sucht, wird zu lokalen Konditionen eingestellt. Das bedeutet ein Gehalt von 200 bis 500 Euro und eine Kündigungsfrist von einem Monat. Eine Krankenversicherung oder Heimflüge sind damit nicht erschwinglich. Diese Gruppe von ausländischen Schanghai-Bewohnern wächst stetig und findet sich zwischen allen Stühlen wieder: Die "Welt der Expats" ist zu teuer und das chinesische Sozialleben zunächst fremd und nur schwer zugänglich.

Trennend wirkt zum einen die Sprache. Mit Englisch kommt man im Alltag nicht weit und selbst mit besten Mandarinkenntnissen ist der hiesige Dialekt kaum zu verstehen. Hinzu kommen unterschiedliche Lebensziele und Wertvorstellungen. Mir begegneten hier ein Materialismus pur, eine Freizeitgestaltung des "shop-till-you-drop" – kauf ein bis zum Umfallen – sowie ein soziales Konkurrenzdenken, dem vor allem die Jüngsten ausgesetzt sind: Jeder will sein Kind besser ausrüsten im Wettbewerb um die raren Plätze an den Spitzenuniversitäten, um die besten Arbeitsplätze und die beste Partie auf dem Heiratsmarkt. Daher haben schon Kindergartenkinder Abendkurse in Englisch und Klavierspielen, Grundschüler lernen am Wochenende Programmiersprachen, Schach spielen und vieles mehr. Es ist ein Leben im ständigen Vergleich: Wer hat bei welcher Prüfung besser abgeschnitten, wer verdient mehr etc. Selbst die Partnersuche funktioniert nach den Kennziffern Jahresgehalt und Größe der Eigentumswohnung.

Dieser Turbomaterialismus im Alltag, das Höher, Schneller, Weiter um jeden Preis ist es, was mir im vergangenen Jahr Schanghai und das Leben hier oft hat fremd bleiben lassen. Vielleicht ist all dies normal in einer Stadt, die zweistellige Wachstumsraten produziert und einer Gesellschaft, die nach Modernität hungert und im Eiltempo Hochhaus an Hochhaus baut. Lebens- und liebenswert machen die Bruttosozialprodukt-Rekorde und das höchste Gebäude der Welt (gerade im Bau) allein die Stadt jedoch noch nicht. So werde auch ich nicht auf Dauer in Schanghai bleiben. Wenn meine Dissertationsrecherchen beendet sind, kehre ich der Stadt den Rücken, um in Europa Atem zu schöpfen – vorerst jedenfalls.


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