Skyline von Schanghai

8.5.2007 | Von:
Eckhart Ribbeck

Rasches Wachstum, schwache Planung, städtische Armut

Wer steuert die Stadtentwicklung in Megastädten?

Innerer Strukturwandel: Global City oder Hüttenmetropole

Im Zuge der Globalisierung suchen viele Megastädte nach einer neuen Rolle, allerdings haben nur wenige realistische Chancen, zu einer Global City aufzusteigen, wie z.B. Shanghai und Mumbai. Aber auch andere Megastädte kämpfen um einen Platz in der globalen Städte-Hierarchie, da sonst der Abstieg zur "Hüttenmetropole" droht. Die verschärfte Städte-Konkurrenz hat einen Boom neuer Großprojekte ausgelöst, darunter auch den Bau hypermoderner Banken- und Geschäftsviertel, die im scharfen Kontrast zum Rest der Stadt und zu den informellen Armutsgebieten stehen. Oft setzt sich der neue Central Business District (CBD), das Geschäfts- und Finanzzentrum, ganz von der Kernstadt ab und wandert an die Peripherie, wo auch die "gated communities" für die privilegierte Bevölkerungsschicht entstehen. Das neue Finanzzentrum in Pudong, Shanghai, sprengt alle bekannten Dimensionen; ebenso der neue CBD in Peking, wo 200 neue Bürotürme entstehen sollen. In Ostasien gilt "high rise, high density" – mit einer extremen Dichte in die Höhe zu bauen.

Geraten zentrale Stadtgebiete ins Visier einer ambitiösen Stadtpolitik, dann haben die alten Quartiere kaum eine Chance, auch wenn es sich um historische Altstädte handelt. Dies zeigt sich derzeit in Shanghai und Peking, wo die historischen Lilong- und Hutong-Quartiere großflächig verschwinden. Diese einzigartigen, in sich geschlossenen Wohnquartiere mit vielen Neben- und Hauptgassen machen einer profitablen Hochhaus-Bebauung Platz. Ähnlich sieht es in Mumbai aus, wo die innerstädtischen Slums unter Druck geraten. Gleichzeitig gibt es auch einige erfolgreiche Altstadt-Programme in den Südmetropolen, wie etwa Corredor Cultural in Rio de Janeiro. In anderen Megastädten sind die historischen Zentren jedoch von Funktionsverlust, Verfall und "Informalität" bedroht, wie z.B. in Kairo und Mexiko-Stadt.

Städtische Armut und Slums

Der aktuelle UN-Städte-Bericht (State Of The World´s Cities 2006/07) stellt fest, dass rund ein Drittel der globalen Stadtbevölkerung – etwa eine Milliarde Menschen – in Slums und anderen prekären Stadtgebieten lebt. Dabei gibt es große Unterschiede: So leben in Sub-Sahara-Afrika rund 80 Prozent der städtischen Bevölkerung in Slums und in Mexiko-Stadt oder Sao Paulo "nur" 30. In den chinesischen Großstädten gibt es zwar offiziell keine Slums, aber doch eine versteckte Armut in desolaten Hochhaus-Vierteln und überbelegten Wohnblöcken, wo das wachsende Millionen-Heer der Wanderarbeiterinnen und -arbeiter eine nur missliche Unterkunft findet.

Slum in Addis AbebaSlumviertel in Addis Abeba, Hauptstadt von Äthiopien (© Eckhart Ribbeck)
Wie der amerikanische Stadtexperte Charles Abrams in den 1960er Jahren so erscheint es immer noch sinnvoll, zwischen "slums of dispair" und "slums of hope" zu unterscheiden, also zwischen hoffnungslosen Elends-Quartieren, denen jede Perspektive fehlt, und informellen Selbstbau-Siedlungen, deren Infrastruktur sich unter günstigen Umständen langsam verbessert und die in die "formelle Stadt" hineinwachsen können. In vielen Fällen ist es jedoch unklar, zu welcher Kategorie ein Armutsgebiet gehört, weil neben schlechten Behausungen, fehlender Wasserversorgung und sanitärem Notstand auch weiche und schwer messbare Merkmale, wie eine enge Nachbarschaft über die Entwicklung entscheiden. Das ist zum Beispiel in Mexiko-Stadt der Fall, wo die Mehrzahl der irregulären Parzellierungen aus den 1970er und 80er Jahren heute längst legalisiert sind und sich in mehr oder weniger konsolidierte "colonias populares" verwandelt haben, also in immer noch ärmliche, aber halbwegs normale Stadtquartiere.

In den lateinamerikanischen Megastädten haben die chaotischen "Spontansiedlungen" früherer Jahre längst einem informellen Bodenmarkt Platz gemacht, der das Wohnungsproblem der Massen organisiert und profitorientiert angeht. Überall an der Peripherie parzellieren informelle Bodenhändler große Gebiete und verkaufen die Grundstücke an einkommensschwache Familien, die dort ihre prekären Selbstbauhäuser errichten. In der Regel fehlt zunächst jede Infrastruktur, deshalb ist das Selbsthilfe-Bauen auch immer Selbsthilfe-Städtebau, wobei mit unendlicher Mühe nicht nur das eigene Haus errichtet, sondern auch das "parzellierte Rohbauland" erschlossen und bewohnbar gemacht werden muss.

Trotz zahlreicher internationaler Konferenzen und Deklarationen zum Problem der städtischen Armut ist es bislang kaum einer Südmetropole gelungen, auch die einkommensschwache Bevölkerung mit Wohnraum oder Bauland zu versorgen. Deshalb stellen die informellen Siedlungen ein "Ventil" für den aufgestauten Wohnungsdruck dar, was einerseits die geltende Ordnung bedroht, andererseits aber den städtischen Wohnungsmarkt entlastet. Dementsprechend ambivalent ist die Reaktion der Stadtpolitiker und -planer, wobei oft eine enge Beziehung zwischen Stadtpolitik, Bodenspekulation und den Organisationen der informellen Siedler entsteht. Was diese politische "Symbiose" hervorbringen kann, zeigt sich eindrucksvoll in den riesigen Selbstbau-Städten Nezahualcóyotl in Mexiko-Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner oder Villa El Salvador in Lima.


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