Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Mike Davis

Planet der Slums

Urbanisierung ohne Urbanität

Der existenzielle Ground Zero

Die beiden wichtigsten armen Städte im Europa des 19. Jahrhunderts, die mit unserem gegenwärtigen Modell vergleichbar sind, waren Dublin und Neapel; aber niemand betrachtete sie als Abbild der Zukunft. Und die Ursache dafür, dass es nicht mehr Dublins und Neapels gab, bestand vor allem in der – auch als Sicherheitsventil wirkenden – Auswanderung über den Atlantik. Heute ist der größte Teil des Südens de facto abgeriegelt. So gibt es schlechterdings keinen Präzedenzfall für die Art der Grenzregelungen, die Australien und Westeuropa geschaffen haben, und die auf vollständige Abschottung gegen Einwanderer hin konzipiert sind – abgesehen von einem begrenzten Zufluss hochqualifizierter Arbeitskräfte. Die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hat historisch einen anderen Charakter. Sie funktioniert wie ein Damm, der den Zufluss von Arbeitskräften reguliert, aber nicht vollständig verhindert. (Derzeit entwickelt sich allerdings eine Anti-Einwanderungsbewegung, die auf die Schließung der Grenzen drängt.) Ganz allgemein gesprochen verfügen die Menschen in den armen Ländern heute nicht über die Möglichkeiten, die armen Europäern damals offen standen.

Unerbittliche Kräfte vertreiben die Menschen aus den ländlichen Gebieten, und diese, durch die globalisierte Ökonomie überflüssig gemachte Bevölkerung drängt sich in den Slums, an Stadträndern, die weder Land noch wirklich Stadt sind und deren Realität sich den Theoretikern des Urbanismus nur mit Mühe erschließt.

In den Vereinigten Staaten würden wir solche Siedlungen "exurbia" nennen, aber bei den dortigen "exurbs" handelt es sich um ein anders geartetes Phänomen. Wenn man sich amerikanische Städte heute anschaut, springt besonders der Charakter dieser Umlandsiedlungen ins Auge – die Leute, die von dem vormals ländlichen Raum in die neuen Randstädte (edge cities) pendeln, leben heute in "McVillen" auf immer größeren Grundstücken mit immer mehr geparkten "Geländelimousinen" (SUVs) davor. Mit ihnen verglichen sehen die traditionellen Lewittown-Vororte der 50er Jahre mit ihren stilistisch einfältigen Standard-Häuschen und kleinen Konsumwürfeln geradezu ökologisch effizient aus. Anders gesagt: In dem Maße, in dem die Angehörigen der Mittelschicht weiter nach draußen ziehen, hinterlassen sie, ökologisch gesehen, Fußabdrücke, die zwei oder drei Schuhnummern größer sind als damals.

Urbanes Niemandsland

Die Kehrseite besteht darin, dass die Ärmsten in die gefährlichsten Gegenden abgedrängt werden, auf erdrutschgefährdete Hänge, in die Nachbarschaft giftverseuchter Müllgruben oder in Überflutungsgebiete, was zu den Jahr für Jahr steigenden Opferzahlen von Naturkatastrophen führt – die weniger Ausdruck von Veränderungen in der Natur sind als der Risiken, die verzweifelte Arme auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten eingehen müssen. In den Großstädten der Dritten Welt gibt es einerseits die Flucht eines Teils der Reichen in "gated communities", weit draußen in den schwer bewachten Vororten; hauptsächlich aber leben dort zwei Drittel der Slumbewohner dieser Welt zusammengepfercht in einer Art urbanem Niemandsland.

Ich bezeichne diesen Zustand als "existencial ground zero", als existenziellen Nullpunkt, denn es handelt sich um Urbanisierung ohne Urbanität. Ein Beispiel hierfür liefert der Fall der radikalislamistischen Gruppe, die vor einigen Jahren in Casablanca zuschlug – ungefähr 15 oder 20 arme Jugendliche, die zwar in der Stadt aufgewachsen waren, aber in keiner Weise zu ihr gehörten. Sie wurden am Rand geboren – nicht in Stadtteilen der traditionellen Arbeiterklasse und der Armen, die einen fundamentalistischen Islam unterstützen, aber keinen nihilistischen –, oder sie waren vom Land vertrieben, aber nie in die Stadt integriert worden. In ihren Slumwelten boten alleine Moscheen oder islamistische Organisationen eine Art von Gesellschaft oder Ordnung. Als diese Jugendlichen die Stadt angriffen, waren einige von ihnen, wie berichtet wird, nie zuvor im Zentrum gewesen; für mich wurde dies eine Metapher dessen, was überall auf der Welt vor sich geht: Eine ganze Generation wird auf die Müllplätze der Städte verbannt, und dies durchaus nicht nur in den ärmsten und brutalsten der großen Städte.

Nehmen wir etwa Hyderabad, Indiens Hightech-Schaufenster, eine Stadt mit 60 000 Softwarebeschäftigten und Ingenieuren, in der die Menschen in Vororten nach dem Muster des Santa Clara Valley den kalifornischen Lebensstil imitieren und wo man zu Starbucks gehen kann. Schön, aber Hyderabad ist umgeben von endlosen Slums, dort draußen leben mehrere Millionen Menschen. Es gibt mehr Lumpensammler als Softwareentwickler. Einige dieser Slumbewohner, die jetzt dazu verurteilt sind, die Abfälle der Hightech-Ökonomie aufzulesen, hatte man zuvor aus den zentraler gelegenen Slums vertrieben, als diese niedergerissen wurden, um Platz für die Forschungsparks der neuen Mittelschicht zu schaffen.

Bagdad als Paradigma

Heute wird allerdings Bagdad auf ganz besondere Weise paradigmatisch – im Hinblick auf den Zusammenbruch des öffentlichen Raums und des immer weiter gehenden Fehlens irgendeines Zwischenraums zwischen den Extremen. Die integrierten Wohnviertel der Sunniten und Schiiten werden in schneller Folge zerstört, und dies mittlerweile nicht nur durch amerikanische Aktivitäten, sondern auch durch den Terror extremistischer Gruppen. Sadr City, das einmal Saddam City genannt wurde, Bagdads östlicher Quadrant, hat groteske Proportionen angenommen. Heute leben dort zwei Millionen Arme, hauptsächlich Schiiten. Und Sadr City wächst immer noch, wie übrigens auch sunnitische Slums, und dies nicht mehr dank Saddam, sondern dank des verheerenden Umgangs der Amerikaner mit der Landwirtschaft, in deren Wiederaufbau Washington so gut wie gar nicht investiert hat. Die Wüste hat große Flächen Kulturland zurückerobert, während alle Energien, zudem erfolglos, auf die Wiederinbetriebnahme der Ölindustrie konzentriert wurden. Es wäre entscheidend gewesen, ein gewisses Gleichgewicht zwischen Land und Stadt zu bewahren, aber Amerikas Vorgehensweise hat die Landflucht nur noch beschleunigt.

Natürlich handelt es sich bei den "Grünen Zonen" um eine Art "gated community", sozusagen die Zitadelle innerhalb der größeren Festung. Auch dies kann man in zunehmendem Maße überall in der Welt beobachten. Man könnte dies als Gegenstück zum Anwachsen der Slums in den Randgebieten verstehen: Die Mittelschichten geben, zusammen mit den Stadtzentren, ihre traditionelle Kultur auf, um sich in Außenwelten weit draußen mit künstlich inszenierten Lebensgewohnheiten nach kalifornischem Muster zurückzuziehen. Einige darunter sind unglaublich sicherheitsbewusst, regelrechte Festungen. Andere ähneln mehr den typischen amerikanischen Vorstädten, aber sie alle sind regelrecht besessen von einer Phantasievorstellung von Amerika, insbesondere von jenem Phantasiebild Kaliforniens, welches das Fernsehen weltweit vermarktet.

Beverly Hills in Ägypten – Orange County in China

In Peking etwa können die Neureichen über Autobahnen in bewachte Außenviertel pendeln, die etwa Orange County oder Beverly Hills heißen; auch in Kairo gibt es ein Beverly Hills und ein ganzes Viertel, das unter dem Motto Walt Disney steht. Jakarta bietet das gleiche Bild – ganze Viertel, in denen die Menschen imaginäre Amerikas bewohnen. Indem sie überall aus dem Boden schießen, unterstreichen derartige Kunststädte die globale Wurzellosigkeit der neuen städtischen Mittelschicht. Dies geht einher mit einer regelrechten Obsession so zu leben, wie man es in den Fernsehbildern sieht. Architekten aus dem echten Orange County entwerfen im Umland Pekings ein "Orange County". Die globale Mittelschicht legt eine ungeheure Anhänglichkeit gegenüber den Dingen an den Tag, die sie im Fernsehen oder im Kino sieht.

Was die Leute für "echt" halten, steht längst in keinem Verhältnis mehr zur Realität. In "Ökologie der Angst" habe ich dargestellt, wie die Universal Studios die Wahrzeichen von Los Angeles genommen, miniaturisiert und dann in ein bewachtes Wohngebiet namens "City Walk" verpflanzt haben.[2] Und dann geht man dort hin – oder in das entsprechende Imitat von Las Vegas –, anstatt die Stadt selbst zu besuchen. Man besucht den Themenpark der Stadt, bei dem es sich im Wesentlichen um eine Einkaufszone handelt. Wenn es ein Casino gäbe, wäre das Las-Vegas-Erlebnis perfekt. In diesem Prozess werden die Armen zunehmend von den kulturellen Angeboten und dem öffentlichen Raum der Stadt abgeschnitten, während die Wohlhabenden freiwillig darauf verzichten, um sich in ein künstliches Universum zurückzuziehen, das sich von Land zu Land wenig unterscheidet. Was dazwischen lag, zerfällt.

Aber es gibt immer noch große Unterschiede zwischen Kulturräumen und Kontinenten. In Lateinamerika erschreckt am meisten das Ausmaß politischer Polarisierung, die Schärfe des Widerstands, den die Mittelschichten den Bedürfnissen und Forderungen der Armen entgegensetzen. Hugo Chávez muss sich Ärzte aus Kuba holen, da er nur eine Handvoll venezulanischer Ärzte dazu bewegen kann, in den Slums zu arbeiten. Im Nahen Osten sieht es ganz anders aus. In Kairo beispielsweise, wo der Staat sich zurückgezogen hat oder zu korrupt ist, um die Grundversorgung zu gewährleisten, kümmern sich stattdessen islamische Fachkräfte darum. Die Muslimbrüder haben dort den Ärzteverband und die Ingenieursvereinigung übernommen. Anders als die lateinamerikanische Mittelschicht, die sich nur für die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien engagiert, hat ihr muslimisches Gegenstück sich auf die Bereitstellung von Dienstleistungen eingestellt und eine Art parallele Zivilgesellschaft für die Armen geschaffen. Das liegt zum Teil an der Verpflichtung durch den Koran, den Zehnten zu geben; jedenfalls läuft es auf einen markanten Unterschied mit bedeutsamen Auswirkungen auf das städtische Leben hinaus.

Fußnoten

2.
Mike Davis, Ökologie der Angst. Das Leben mit der Katastrophe, München 2004; vgl. auch Mike Davis, City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles, Berlin und Göttingen 1994.

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