Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Mike Davis

Planet der Slums

Urbanisierung ohne Urbanität

Die globale Ausbreitung von Krankheiten

Bevor ich "Planet der Slums" schrieb, habe ich in einem Buch über die Vogelgrippe gezeigt, wie eine an Dickens und die viktorianische Zeit erinnernde Welt der Armut wiederersteht, doch diesmal in einem Maßstab, der die Viktorianer erschreckt hätte.[3] Da stellt sich naturgemäß die Frage, ob auch die Sorgen der viktorianischen Mittelschichten über die Krankheiten der Armen zurückkehren, beispielsweise mit Blick auf die Cholera. Damals bestand die erste Reaktion auf Epidemien darin, nach Hempstead zu ziehen, aus der Stadt zu flüchten und zu versuchen, sich von den Armen abzuschirmen. Erst als offenkundig wurde, dass die Cholera so oder so aus den Slums in die Mittelschichtsviertel übergriff, begann man, in ein Mindestmaß an öffentlicher Gesundheitspflege und die entsprechende Infrastruktur zu investieren. Auch heute leben wir, wie im 19. Jahrhundert, in der Illusion, wir könnten uns irgendwie gegen die Krankheiten der Armen abschirmen, uns einmauern oder flüchten. Den wenigsten unter uns dürfte klar sein, welch riesige, im wahrsten Sinne des Wortes explosive Krankheitspotentiale sich mittlerweile zusammenballen.

Vor über 20 Jahren haben führende Forscher in einer Reihe von Büchern vor neuen und wiederaufkommenden Krankheiten gewarnt. Die Globalisierung destabilisiere die Umwelt im globalen Maßstab und verursache ökologische Veränderungen, die das Gleichgewicht zwischen den Menschen und ihren Mikroben wahrscheinlich in einer Weise verschiebe, die neue Seuchen heraufbeschwören können. Gleichzeitig warnten sie davor zu versäumen, rechtzeitig eine Infrastruktur zur Überwachung der Ausbreitung von Krankheiten und für das öffentliche Gesundheitswesen zu schaffen, die den Anforderungen der Globalisierung entspricht.

Ich habe das Verhältnis zwischen dem überall vordringenden globalen Slum, der allenthalben mit Gesundheitskatastrophen einhergeht, und den klassischen Erscheinungsformen jener Bedingungen untersucht, die die schnelle Verbreitung von Krankheiten in menschlichen Populationen begünstigen; zugleich habe ich mich auf die Frage konzentriert, wie die Transformation der Fleischproduktion völlig neue Voraussetzungen für die Entstehung von Tierkrankheiten und deren Übertragung auf den Menschen hervorruft.

Urbanisierung der Nutztierhaltung

Ein wichtiges Beispiel für Infektionskrankheiten ist die Grippe. Ihr Ursprung liegt in dem einzigartig produktiven Landwirtschaftssystem des südlichen China mit seiner langen und engen ökologischen Verbindung zwischen Wildvögeln, Hausvögeln, Hausgeflügel, Schweinen und Menschen. Jetzt haben wir die Vogelgrippe: Auf der einen Seite verschafft die moderne Welt ihr optimale Verbreitungsbedingungen; andererseits hat auch das Wachstum der armen Städte den Proteinbedarf zur Ernährung der Menschen gesteigert, und dieser Bedarf kann nicht länger durch die herkömmlichen Proteinquellen gedeckt werden. Er wird durch die industrialisierte Nutztierproduktion gestillt.

Das bedeutet schlicht und einfach die Urbanisierung des Nutzviehs. Statt um die 15 oder 20 Hühner im Hinterhof oder ein paar Schweine beim Bauern geht es heute – beispielsweise in der Umgebung von Bangkok mit seinem Geflügelzuchtgürtel, der ganz ähnlich aussieht wie seine Gegenstücke in Arkansas oder im nordwestlichen Georgia – um Millionen von Hühnern, die in Speicherhäusern, in Fabriken zur Tierproduktion auf dem Lande leben. Eine solche Konzentration von Vögeln auf engstem Raum hat es in der Natur niemals gegeben. Den Epidemiologen, mit denen ich gesprochen habe, zufolge begünstigt sie vermutlich die maximale Virulenz und die beschleunigte Entwicklung von Krankheiten.

Gleichzeitig hat man überall in der Welt Feuchtgebiete trocken gelegt und Wasser umgeleitet, in der Regel zu Gunsten landwirtschaftlicher Bewässerungssysteme, und auf diese Weise Wandervögel auf bewässerte Felder, Reisfelder und Farmen getrieben. All dies – die Revolutionierung der Nutztierhaltung, die wachsende städtische Nachfrage speziell nach Geflügel (die Proteinquelle Nummer zwei des Planeten), das Wachstum der Slums und die Reduzierung der Feuchtgebiete – vollzog sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren in besonders hohem Tempo. Und vor all dem haben uns, über eine Generation ist es her, Spezialisten für Infektionskrankheiten gewarnt. Wir haben es mit einer besonders radikalen Form ökologischer Störung zu tun, welche die Ökologie der Grippen ebenso verändert hat, wie die Bedingungen, unter denen Tierkrankheiten auf Menschen übergreifen. Zudem vollzog sich das Ganze in einer Zeit, in der sich das öffentliche Gesundheitswesen in den Städten in großen Teilen der Dritten Welt massiv verschlechtert hat. Zu den Konsequenzen der Strukturanpassungen in den 80er Jahren gehört es, das hunderttausende Ärzte, Krankenschwestern und andere Beschäftigte des öffentlichen Gesundheitswesens sich zur Auswanderung gezwungen sahen und etwa Kenia oder die Philippinen verließen, um in England oder Italien zu arbeiten.

Eine Formel für biologische Katastrophen

In gewisser Weise wiederholt sich hier etwas, womit ich mich anderswo ausführlicher auseinandergesetzt habe: nämlich die Tatsache, dass das Weltklima und der Hunger in enger Verbindung mit der Weltwirtschaft stehen, wenn sie nicht sogar von ihr erzeugt werden. Ohne das Studium der "politischen Ökologie des Hungers" können wir daher die "Geburt der Dritten Welt" nicht wirklich begreifen.[4]


Wir haben es hier mit einer Formel für biologische Katastrophen zu tun, und bei der Vogelgrippe handelt es sich bereits um die zweite Pandemie der Globalisierung. Heute ist klar, dass HIV/Aids zumindest teilweise durch den Handel mit Bushmeat (dem Fleisch wild lebender Tiere) entstand, als die Westafrikaner sich gezwungen sahen, auf Bushmeat zurückzugreifen, weil europäische Fischfabrikschiffe den Golf von Guinea regelrecht leer fischten und damit die herkömmlicherweise wichtigste Proteinquelle für die Ernährung der Städter wegfiel. Es gibt auch die auf eine Menge Beweismaterial gestützte These, dass Aids wahrscheinlich in Kinshasa im Kongo eine kritische Masse erreicht hat – in einer großen Stadt also, die das jüngste Beispiel dafür liefert, was passiert, wenn der Staat zusammenbricht oder kollabiert bzw. sich zurückzieht.

Neben HIV und Vogelgrippe gibt es mit SARS eine weitere Krankheit, die auf den Bushmeat-Handel zurückgeht, diesmal in den Städten Südchinas, und die sich mit Furcht erregendem Tempo weltweit verbreitete. So sieht die Zukunft der Krankheiten in einer Welt der Slums aus. Dass so etwas wie die Vogelgrippe auf die Menschheit übergreift, erscheint so gut wie unausweichlich, angesichts der Kombination des globalen Slums mit den gewaltigen Verschiebungen in der Ökologie von Mensch und Tier. Noch beunruhigender als die bloße Gefahr einer Seuche wie der Vogelgrippe ist jedoch die Reaktion auf diese: die unverzügliche Hortung von Impfstoffen und antiviralen Präparaten, die exklusive Beschäftigung mit dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung einer Handvoll reicher Länder, die gleichzeitig die Produktion der entsprechenden Medikamente monopolisieren. Anders ausgedrückt: das fast reflexhafte Abschreiben der Armen, auf die man kaum einen Gedanken verschwendete. Wäre die Vogelgrippe nicht kürzlich, sondern fünf Jahre später ausgebrochen, bestünde der Unterschied lediglich im Ausmaß der Schutzvorkehrungen in den Vereinigten Staaten, Deutschland oder England. Die Armen würden genauso dastehen wie heute.

Fußnoten

3.
Mike Davis, Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin und Hamburg 2005; vgl. Mike Davis, Grippe im Anflug, in: "Blätter für deutsche und internationale Politik" 10/2005, S. 1172-1175.
4.
Mike Davis, Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin und Hamburg 2004. Ähnlich auch für das Beispiel des Hurrikan Katrina in New Orleans: Peter Marcuse, Heimatfront Hurrikan, in: "Blätter für deutsche und internationale Politik" 10/2005, S. 1168-1171.

Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Symbolbild gemalte Menschen mit Smartphones
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen