Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Mike Davis

Planet der Slums

Urbanisierung ohne Urbanität

Stadtguerilleros

Ein zweiter, ähnlich virulenter Austausch zwischen Stadt und Land findet im Bereich der Gewalt statt. Ohne die explosiven gesellschaftlichen Widersprüche herunterzuspielen, die sich auf dem Lande immer noch aufstauen, ist doch klar, dass die Zukunft der Guerillakriegführung, des Aufstands gegen das Weltsystem, sich in die Städte verlagert. Nirgendwo sieht man das klarer als im Pentagon, und nirgendwo wird energischer versucht, mit den empirischen Konsequenzen fertig zu werden. Die Strategieplaner dort sind Geopolitikern und Außenpolitikexperten herkömmlichen Typs um Längen voraus, wenn es darum geht zu begreifen, was eine Welt der Slums tatsächlich bedeutet. Sie sehen das Destabilisierungspotential, das in dieser Welt heranwächst, und malen sich vielleicht auch vorteilhafte Verschiebungen des Kräftegleichgewichts im Gefolge dieser Entwicklungen aus.

Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahren eine außergewöhnliche Befähigung dazu demonstriert, die hierarchische Organisation der modernen Stadt lahm zu legen, ihre entscheidenden Infrastrukturen und Knotenpunkte anzugreifen, die Fernsehstationen in die Luft zu jagen, die Pipelines und Brücken unbrauchbar zu machen – mit "intelligenten" Bomben geht das. Gleichzeitig aber musste das Pentagon entdecken, dass diese Technologie sich nicht auf die Slumperipherie anwenden lässt, auf die labyrinthischen, nicht kartographierten, fast unbekannten Teile der Stadt, in denen es keine Hierarchien gibt, keine zentralisierte Infrastruktur und keine großen Gebäude. Es gibt bereits erstaunlich viele militärische Studien, die sich auf einem Feld zu orientieren versuchen, welches das Pentagon als das Neuland dieses Jahrhunderts betrachtet und gegenwärtig in den Slums von Karachi, Port-au-Prince und Bagdad studiert. Vieles davon geht auf die Erfahrung von Mogadischu im Jahr 1993 zurück, die den Vereinigten Staaten einen gewaltigen Schock versetzte und demonstrierte, dass die herkömmlichen Methoden des Straßenkampfs in der Slum-City nicht funktionieren.

Städte und Slums im Fokus der Kriegsplaner

Man kann Blutbäder großen Stils anrichten; man kann Tausende von Menschen töten. Aber man verfügt nicht über die Fähigkeit, die entscheidenden Knotenpunkte auszuschalten. Weil es sie ganz einfach kaum gibt – weil man es weder mit hierarchischen räumlichen Systemen zu tun hat, noch ganz allgemein überhaupt mit hierarchischen Organisationen. Ich weiß nicht, ob der Nationale Sicherheitsrat das begriffen hat, aber vielen militärischen Köpfen ist der Sachverhalt zweifellos klar. Wer beispielsweise die Studien des "Army War College" liest, entdeckt dort eine ganz andere Geopolitik als die, welche die Bush-Regierung betreibt. Die Kriegsplaner interessieren sich nicht für Achsen des Bösen oder ausgedehnte Verschwörungen; sie interessiert das Gelände, der ausufernde Slum der Peripherie und die Chancen, die sich einem ganzen Sammelsurium von Gegnern – Drogenbaronen, Al-Qaida, revolutionären Organisationen und religiösen Sekten – eröffnen, sich Domänen und Gefolgschaft zu sichern. Folglich studieren Pentagon-Theoretiker Architektur und Stadtplanung. Sie benutzen GIS-Technologie und Satelliten, um die Informationslücken zu schließen, weil der Staat in der Regel sehr wenig über seine eigenen Slums weiß.

Die traditionelle Arbeiterklasse war, wie Marx im "Kommunistischen Manifest" betonte, revolutionär aus zwei Gründen: weil sie an der bestehenden Ordnung keinen Anteil hatte, aber auch deshalb, weil der Prozess der modernen Industrieproduktion ihre Zentralisierung bewirkt hatte. Sie besaß ein enormes Potential gesellschaftlicher Macht, weil sie streiken, die Produktion einfach einstellen und die Fabriken übernehmen konnte.

Das Chaos in den Städten und die Macht der Störung

Heute aber haben wir eine informelle Arbeiterklasse, die über keinen strategischen Platz in der Produktion, in der Wirtschaft verfügt, aber trotzdem eine neue Art sozialer Macht für sich entdeckt hat – die Macht, die Stadt lahm zu legen, zu bestreiken. Das reicht von der kreativen Gewaltlosigkeit der Menschen in El Alto, dem ungeheuren Slum-Zwilling von La Paz in Bolivien, dessen Bewohner regelmäßig die Straße zum Flughafen sperren oder Transporte unterbrechen, um ihre Forderungen zu stellen, bis zu dem jetzt universell gewordenen Einsatz von Autobomben durch nationalistische und sektiererische Gruppen, die auf diese Weise die Viertel der Mittelschichten, Finanzbezirke und sogar Grüne Zonen angreifen. Offenbar wird weltweit sehr viel experimentiert, um herauszufinden, wie man die Macht der Störung am besten einsetzen kann.

"Planet der Slums" endet mit der folgenden Bemerkung: "Wenn das Empire Orwellsche Unterdrückungstechnologien einsetzen kann, so haben die Ausgestoßenen die Götter des Chaos auf ihrer Seite." Das heißt, dass das Chaos nicht immer und überall eine Kraft des Bösen ist. Das Worst-Case-Szenario besteht ganz einfach darin, die Menschen zum Schweigen zu bringen. Dann wird ihr Exil permanent. Es kommt zur impliziten Selektion der Menschheit. Ungefähr auf die gleiche Weise, wie wir Aids vergessen oder uns gegen Appelle zur Hungerbekämpfung immunisieren, werden dann Menschen dazu eingeteilt, zu sterben und vergessen zu werden.

Der Rest der Welt muss aufgeweckt werden, und die Armen im Slum experimentieren mit einer Vielzahl von Ideologien, Plattformen und Mitteln, sich die Unordnung zu eigen zu machen – das reicht von fast apokalyptischen Angriffen auf die Modernität selbst bis zu Avantgarde-Versuchen, neue Formen der Moderne zu erfinden, neue Arten sozialer Bewegungen. Es gibt allerdings ein Grundproblem: Wenn so viele Menschen um Jobs und um einen Platz zum Leben kämpfen, liegt es nahe, Zuflucht bei Göttern, Stammeschefs, Volksgruppenführern zu suchen, die alle mit Hilfe von ethnischer, religiöser oder rassischer Exklusion operieren. Daraus erwächst die Gefahr fortgesetzter, nahezu unendlicher Kriege unter den Armen selbst. In ein und derselben armen Stadt findet man also eine Vielzahl widersprüchlicher Tendenzen – Leute, die auf den heiligen Geist setzen, oder solche, die sich Straßenbanden anschließen oder radikalen sozialen Organisationen beitreten oder zu Klienten sektiererischer bzw. populistischer Politiker werden.

Armutsstädte am Abgrund

Letzten Endes ist die Stadt unsere Arche Noah, in der wir das Umweltchaos des kommenden Jahrhunderts vielleicht überleben können. Wirklich urbane Städte sind die umweltfreundlichste Art, mit der Natur zu koexistieren, über die wir verfügen, weil sie öffentlichen Luxus an die Stelle privater oder innerfamiliärer Konsumption setzen können. Ihnen kann die Quadratur des Kreises gelingen – die Verbindung zwischen einem nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und einem anständigen Lebensstandard. Schließlich wird sich Ihre Bibliothek, wie groß sie auch sein mag, nie mit der New York Public Library messen können und Ihr Swimmingpool, sei er noch so luxuriös, niemals mit einem großen öffentlichen Schwimmbad, keine Villa und kein San Simeon wird je so viel bieten wie der Central Park oder der Broadway.

Eines der Hauptprobleme aber ist das Folgende: Wir bauen Städte ohne urbane Eigenschaften. Insbesondere Armutsstädte konsumieren genau jene natürlichen Flächen und Wasserläufe, die für ihre Funktionsweise als Umweltsysteme, ihre ökologische Nachhaltigkeit unverzichtbar sind; sie verzehren sie entweder aufgrund destruktiver privater Spekulation oder einfach deshalb, weil die Armut sich in jeden Freiraum ergießt. Rund um den Globus werden die Wasserläufe und Grünflächen, die die Städte brauchen, um ökologisch funktionieren und wahrhaft urban sein zu können, durch Armut und spekulative Privaterschließung bestimmt. Im Ergebnis werden die Armutsstädte immer verwundbarer gegenüber allen Arten von Katastrophen, Pandemien und Ressourcenengpässen, besonders beim Wasser.

Der Umkehrschluss besagt, dass der wichtigste Schritt, um mit dem globalen ökologischen Wandel fertig zu werden, darin besteht, erneut und massiv in die soziale und materielle Infrastruktur unserer Städte zu investieren, was zugleich Dutzenden von Millionen armer Jugendlicher Beschäftigung verschaffen könnte. Es sollte uns zu denken geben, dass Jane Jacobs – die so klar erkannt hatte, dass der "Wealth of Nations" durch Städte erzeugt wird, nicht durch Nationen – ihr letztes, visionäres Buch der Gefahr gewidmet hat, dass die Welt in die Finsternis eines neuen Mittelalters stürzen könnte.


Der Original-Text erschien in Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 7/2006.
Der Text basiert auf dem neuen Buch des Autors, "Planet der Slums", das im Februar auf deutsch im Verlag Assoziation A erschienen ist.


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