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Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Rem Koolhaas

Mut zur Lücke

Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun

Städte und "resorts" sind austauschbar geworden

In Dubai zum Beispiel wird Wüste in Stadtlandschaft verwandelt. Während Stadtentwicklungen früher auf den Bedürfnissen der Bewohner nach Gemeinschaft basierten, wird in Dubai wie wild gebaut, weil man den zurückgegangenen Gewinn aus der Ölförderung zu kompensieren versucht. Hier lässt sich beobachten, wie völlig neue Motive bei der Stadtentwicklung zum Tragen kommen und diese nicht nach den bekannten Kategorien bewertet werden können. 1990 führte der Mangel an lokaler Nachfrage nach urbanem Wohnraum zu einem erheblichen Zustrom von Ausländern. Dubai besteht im Wesentlichen aus Küste, Wüste und städtischen Neubaugebieten. Die Bautätigkeit erstreckt sich vor allem auf die Küstenregion, gefördert wird eine architektonische Sprache des Dekorativen, die auf Vergnügen ausgerichtet ist, sich aber kaum auf den Aufbau von Gemeinsamkeiten und den Austausch von Ideen bezieht, was ursprünglich wichtige Gründe für Stadtentwicklungen waren.

Wenn wir beobachten, dass sich die Gestaltung der Städte nicht mehr so an Fragen des materiellen Überlebens orientiert, sondern auf Überfluss und Angebotsvielfalt abzielt, bringt dies auch andere architektonische Metaphern mit sich. Es erstaunt also kaum, dass das Erdgeschoss eines Geschäftszentrums heute weniger durch eine Sprache geprägt ist, die dem Austausch wesentlicher Ideen dient, als durch Symbole, die an ein "resort", also einen Urlaubs- und Erholungsort erinnern. Der Begriff des "resort" scheint mir deshalb wichtig, weil sich unsere Vorstellungen vom Stadtleben konzeptuell mehr und mehr von solchen aus der Arbeitswelt hin zur Freizeitkultur bewegen und die Ästhetik der Stadt sich also auch zunehmend von jener des harten Business zu einer der Freizeitgesellschaft verschiebt. Ein "resort" ist ein Ort, an dem man nicht lebt, sondern an dem allem Vergnügen sucht und keine Verpflichtungen hat, keinen Beitrag zur Instandhaltung beziehungsweise zum Gemeinwohl leisten muss.

Je sauberer, je perfekter – jedes Protestpotenzial wird völlig entschärft

Eine ganze Reihe an Elementen urbaner Kultur gibt es nicht mehr. Dass Städte und "resorts" austauschbar geworden sind, wird in den Küstenstädten Floridas besonders augenfällig, wo die Stadt zum Bild des Erholungsortes geworden ist. Es wäre interessant, einmal genauer zu beleuchten, ob ein Leben in einer solchen Umgebung reicher ist als eines in New York vor 30 Jahren. Wir sollten nicht vergessen, dass die Stadt einmal einem großen Mechanismus glich und der öffentliche Raum ein Ort der Konfrontationen, Begegnungen, des Austausches und – vielleicht – des Ausgleichs, der Abstimmung und Regulierung war. Da die Stadt diese Funktion heute nach der Verschiebung vom Öffentlichen zum Privaten nicht mehr erfüllt, suchen wir diese Dinge anderswo. Zugleich ertragen wir keine Leere oder Neutralität mehr in den Städten, jeder Zentimeter des urbanen Raumes ist "beschrieben", folgt einem Szenario, wobei die Abläufe und Organisationsformen immer komplexer werden. Singapur ist heute geprägt von einer Ästhetik des "resort" und der Realität einer Großstadt. Die ästhetische Gestaltung hin zum "resort" zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Wer sich für Politik interessiert, kann sich am Beispiel Berchtesgaden – das durch Hitler Berühmtheit erlangte – vergegenwärtigen, wie die Stadt zum Erholungsort ("resort") gemacht wurde, indem man historische Überbleibsel und Erinnerungen systematisch eliminierte und durch gefälligere ersetzte, um Bilder des Leids verschwinden zu lassen oder abzuschwächen.

Jedes Protestpotenzial wird völlig entschärft. Je sauberer der neue öffentliche Raum, je mehr Perfektion, desto wahrscheinlicher ist es, dass Leid und sozialer Zündstoff, der zwischen den verschiedenen Welten entsteht, an die Ränder gedrängt werden. Heute werden viele Ansprüche sprachlich beziehungsweise rhetorisch formuliert, die wir noch über die Architektur auszudrücken versuchten. Wir haben die Stadt zu einer Fläche gemacht, auf der jeder Quadratzentimeter mit irgendeiner Botschaft ausgefüllt ist. In derartigen Umfeldern dürfen wir uns nicht danebenbenehmen, nicht sterben, betteln, prügeln, betrinken.


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