30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Skyline von Schanghai

27.8.2007 | Von:
Rem Koolhaas

Mut zur Lücke

Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun

Städte sind heute das Gegenteil einer kritischen Masse

Nehmen wir den Potsdamer Platz in Berlin: Der Potsdamer Platz ist wie eine Stadt angelegt, doch bei genauerer Betrachtung wirkt er eher wie eine Collage aus Privatsphären. Es gibt keine Symbole aus der Arbeitswelt, dafür überall Hinweise auf die Freizeitindustrie. Im Vergleich dazu bot dieser Ort früher ein sehr viel lebendigeres Bild von Öffentlichkeit, auch was die Vielfalt der Leute betrifft, die den Platz nutzten. Umgekehrt dazu Lagos: Lagos ist eine unglaublich dichte und zugleich strukturierte Stadt. Offensichtlich haben die Bewohner hier eine sehr viel größere Bandbreite und ein breiteres Repertoire an Möglichkeiten, ihre Umgebung mitzugestalten und sich auszudrücken.

Über die alten Städte kann man sagen, dass wir uns mit ihnen arrangierten, sie mit Leben zu füllen vermochten und nicht unbedingt unter der Architektur litten. Heute sind Städte, da stark auf Freizeit getrimmt, das Gegenteil einer kritischen Masse. Wie sehr eine Stadt ausbluten kann und dabei an Lebenskraft verliert, lässt sich vielleicht am deutlichsten in Las Vegas beobachten. Dort versuchte man zunächst die Stadt Venedig zu simulieren, dann New York – bis die Stadt schließlich schlicht denaturierte und nur noch sich selbst zum Thema hatte. In Las Vegas gibt es einen Teil, in dem das Wilde und Unvorhersehbare der Großstadt nicht gezähmt, sondern einfach entfernt wurde.

Pragmatismus prägt das Zusammenleben

In diesem "Idyll" spiegelt sich der Glaube in das Design wieder, das wir unbewusst vergöttern und dem wir mehr Vertrauen als jeder Utopie. Wir stehen vor einer Situation, in der wir es mit der Unbeholfenheit repressiver Herrschaft zu tun haben und dem Ausschluss von Menschen, die an dem Idyll nicht teilhaben können. Die letzten Bilder von New Orleans haben uns mit dieser städtebaulichen Situation eindeutig konfrontiert. England wiederum hat historisch eine erstaunliche Bilanz, was die Einbindung kultureller Unterschiede betrifft: So ist das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen von Pragmatismus geprägt, in der Unterschiede angepasst werden. Dagegen ist die Sprache und Ästhetik der Architektur, die entwickelt wird – wie sie zum Beispiel in der Vermehrung von Ikeas Warenhäusern zu erkennen ist –, abweisend gegenüber der Emigrationswelle, der sich England gegenüber sah.

Im Rahmen einer Bestandsaufnahme davon, was die Stadt ist und was uns womöglich verloren gegangen ist, analysierte unser Büro anhand eines 40 Jahre alten idyllisch anmutenden Bildes der Isle of Wight, was heute alles nicht mehr möglich wäre. Das geht schon bei den Stoffüberdachungen los, die heutzutage mit dem CCTV-Kamera-Überwachungssystem in Konflikt geraten würden; es geht weiter mit den chaotisch geparkten Lieferwagen, den religiösen Symbolen im öffentlichen Raum und den verdächtigen Regenmänteln, mit denen die Menschen an einem sonnigen Tag herumlaufen. Mit anderen Worten: Was auf den ersten Blick einer Idylle entspricht, enthält genau genommen eine Reihe irritierender Elemente, die wir heute nicht mehr tolerieren. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, und ich denke, hier ist uns definitiv etwas verloren gegangen.

Die größten Vorzüge Londons sind die vernachlässigten Stadtviertel

Es dauerte lange, bis ich London lieben lernte, aber zu seinen größten Vorzügen zählen für mich heute gerade die vielen Beispiele mangelhafter Stadtplanung, die mittelmäßige bis schlechte Architektur und die vernachlässigten Stadtviertel, in denen jedoch die unterschiedlichsten Menschen wohnen. Es handelt sich um das Gegenteil dessen, was wir professionell anstreben. Mit unseren Bauprojekten sind wir derzeit direkt an Veränderungsprozessen beteiligt. Es beeindruckt uns, wie einige Politiker mit dem privatwirtschaftlichen Sektor zusammenarbeiteten und dabei Forderungen aufstellten, die die Zustände verbessern werden.

Manchmal besteht das Dilemma im Verhältnis von Privatinteressen und jenen der breiteren Öffentlichkeit darin, dass gerade die öffentliche Hand Dinge von ganz besonderer Qualität schaffen kann. Die Öffentlichkeit kann sagen "wir brauchten einen Parthenon, also haben wir ihn gebaut". Die Öffentlichkeit kann gegenüber Stadtplanern, Bauherrn und Investoren ihre Forderungen stellen. Allerdings unterliegen diese Forderungen heute immer mehr Zwängen des Systems. So kann die öffentliche Hand zwar formulieren, dass man gerne ein öffentliches Schwimmbad oder Sportzentrum hätte, dabei aber keine einzigartigen Gestaltungen erwarten, wenn dann Stangenware gekauft wird. Die unheimliche Abstraktion des Mittelmaßes verfolgt uns und schlägt sich in einer Nomenklatur nieder, welche die Sprache des Stil- und Qualitätvollen spricht, ohne derartigen Ansprüchen in Wirklichkeit gerecht zu werden. In diesem Sinn schwingt in unserer derzeitigen Beziehung zur Stadt eine "Virtualität" mit, die schwer zu überwinden ist.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker


Der Originaltext erschien in der Zeitschrift Kulturaustausch , Ausgabe III/2006, hrsg. vom Institut für Auslandsbeziehungen.


Zahlen und Fakten: Globalisierung
Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen

Afrika
Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Das Taj Mahal in Agra ist das Wahrzeichen Indiens.
Dossier

Indien

Bis zum 16. Mai finden in Indien Parlamentswahlen statt. Rund 810 Millionen der insgesamt 1,2 Milliarden Einwohner sind aufgerufen, über die 543 Unterhaus-Mandate zu entscheiden. Ihre Stimmen abgeben können sie in 930.000 Wahllokalen. Zur Wahl informiert das aktualisierte Indien-Dossier über Hintergründe und aktuelle Entwicklungen.

Mehr lesen