Skyline von Schanghai

14.11.2007 | Von:
Christian Neuhaus
Stefan Carsten
Thomas Waschke

Wie geht es weiter mit der Stadt?

Mobilität und Automatisierung, Gated Communities und gefühlte Sicherheit – wie sieht die urbane Zukunft aus?

Die neuen Medien: Wie mobil wollen wir in Zukunft noch sein?

bpb: E-Mail und E-Commerce erlauben es uns, Arbeit oder auch Privates verstärkt von zu Hause aus zu erledigen. Werden die neuen Medien unseren Wunsch nach Mobilität verändern?

Neuhaus: Werden wir uns nur noch telekommunikativ durch die Welt bewegen? Dieser Frage haben wir uns schon einmal in einem groß anlegten Projekt gewidmet. Unterm Strich kam heraus, dass wir nicht, auch auf Grund der Raumstruktur, auf ein individuell gelenktes motorisiertes Einzelfahrzeug verzichten können. Nicht in nächster Zeit.

Was die menschliche Kommunikation angeht, kamen wir zu dem Ergebnis, dass die Induktionseffekte mindestens genauso hoch waren wie die Substitutionseffekte. Das heißt, dass wir per Telefonkonferenz, wie wir es nun tun, natürlich miteinander sprechen können, ohne dass wir an einem Ort zusammenkommen müssen. All dies ist möglich. Aber zugleich werden gerade damit die Aktionsradien erweitert. Das heißt, wenn sie mit ihren amerikanischen oder chinesischen Kollegen im Alltag effektiv kommunizieren können, dann erfordert das aber auch, dass sie ein bis zweimal im Jahr dort hinfahren. Kurzum: Die Face-to-Face-Kommunikation ist nicht zu trennen von der telekommunikativ vermittelten Kommunikation.

Und was E-Commerce betrifft, soweit es sich nicht um Waren handelt, die telekommunikativ verbreitet werden können, kommt es immer noch zu einer physischen Warenbewegung. Das Buch, das sie sich im Internet bestellen, wird von einem Kurierdienst zu ihnen gebracht.

Waschke: Ergänzend muss man auch sehen, über welche Generation wir sprechen, die in der Stadt leben. Die Generation, die jetzt heranwächst, kennt die neuen Medien sehr gut und nutzt sie intensiv. Das heißt, die Generationenfrage wird in 10 oder 20 Jahren nochmal ganz anders zu betrachten sein. Der Anteil, der nicht physisch in der Bewegung abläuft wird dann sicherlich höher sein.

Aber das Spannende an dieser Frage ist eigentlich, was vielleicht Neues entsteht, wenn man Mobilität in der Stadt betrachtet. Kennen wir schon alles, ist schon heute alles ausgereizt? Wie kann ein Zukunftsbild aussehen? Das nicht Überraschende daran ist, dass Menschen nicht darauf verzichten werden als soziale Wesen tatsächlich miteinander umzugehen, bei aller Technologie. Aber es ist auch vorstellbar, dass Mobilität nicht mehr den heutigen Stellenwert haben wird. Das heißt, man wird stärker unterscheiden, was an Mobilität sein muss und was sein kann. Der Verzicht auf Teile an Mobilität wird eintreten. Dies geht einher mit der Feststellung, dass gerade in Städten Mobilität ein teures Gut ist – auch heute schon.

bpb: Sie haben die Kosten von Mobilität angesprochen. Neben der Generationenfrage stellt sich also auch die Frage nach sozialen Schichten. Werden wir künftig eine relativ internationale Klasse haben, die sehr mobil ist und eine Klasse, die in ihrem städtischen Vorort bleibt, da sie sich Mobilität nicht leisten kann?

Waschke: Das ist ein Phänomen, das heute schon zu beobachten ist. Die Mobilitätsradien von Menschen korrespondieren stark mit Ausbildung und Beruf. Wenn wir Städte betrachten, müssen wir natürlich auch auf kleinräumige Details achten. Aber auch dort ist festzustellen, dass im Straßenbild eine Polarisierung in sozialer wie auch in ethnischer Hinsicht sichtbar wird und sich in Zukunft sicherlich noch stärker ausprägen wird.

Sicherheit und gefühlte Sicherheit in Städten

bpb: Kommen wir zum Aspekt von Sicherheit in Städten. Insbesondere in Städten ist eine flächendeckende Überwachung möglich. London ist mit seiner Vielzahl an Überwachungskameras nur ein Beispiel. Wird es in Zukunft nur noch überwachten öffentlichen Raum geben?

Carsten: In London ist es tatsächlich so, dass die Stadt mit Überwachungskameras überzogen ist. Allein die Transport for London [Organisation zur Koordination des Londoner Verkehrssystems] hat rund 1.200 Kameras mit der sie versucht, den Verkehr zu steuern. Und das sind nur verkehrliche Aspekte. Darüber hinaus gibt es noch zigtausende anderer CCTVs [Closed Circuit Television (Videoüberwachsungsanlage)], die öffentliche Plätze, Parks, Einfamilienhäuser und so weiter überwachen. Man kann davon ausgehen, dass eine Entwicklung in solch einem drastischen Ausmaß in Deutschland nicht eintreten wird.

Nichtsdestotrotz muss man sich die Frage stellen, was die Effekte von Überwachungskameras sind. In der Vergangenheit haben wir schon gelernt, dass sich Kriminalität oft verlagert, von überwachten zu nicht überwachten Räumen. Ebenso stellt sich die Frage, wer in der Lage ist, diese Vielzahl an Bildern zu überwachen und diese Menge an Daten zu sichern.

Waschke: Eine andere interessante Tatsache ist auch, dass die empfundene Sicherheit der Stadtbevölkerung und das, was an Bedrohung beobachtbar und messbar ist, deutlich auseinandergeht. In den westlichen Großstädten ist vielfach ein Rückgang an, sagen wir, Bedrohlichkeiten festzustellen. Empfunden wird aber etwas anderes. Wir haben natürlich das Problem des Terrorismus, der sich besonders bedrohlich dort auswirkt, wo eine Dichte von Menschen herrscht, also in Städten. Aber ob tatsächlich mehr Technik-Einsatz zur Lösung solcher Bedrohungsprobleme führen kann, muss man sich sehr genau anschauen. Allein das Installieren einer Kamera verspricht zwar etwas, aber hält möglicherweise wenig.

bpb: Wie verhält sich das in den "neuen" Megastädten, wie Schanghai, Mumbai oder auch Delhi. Dort entstehen zunehmend "gated communities" – nach US-Vorbild. Stadtviertel also, in denen sich die Oberschicht abschottet. Wie lässt sich die Wahrnehmung von Sicherheit in diesen Städten beschreiben?

Carsten: In Indien ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Sicherheit wird längst nicht so problematisiert wie in westlichen Gesellschaften. Aber "gated communities" im ureigenen Sinn gibt es in Indien nicht. Es gibt zwar neue Zentren, die gerade im suburbanen Raum entstehen, die abgeschottet sind. Aber im Zentrum steht die Trennung von den Ärmeren und nicht der Gedanke sich abzuschotten, um die eigene Sicherheit zu erhöhen. Hier spielt auch der hinduistische Glauben eine entscheidende Rolle. Nämlich das Möglichste zu tun, um in nächsten Leben in einer höheren Schicht geboren zu werden. Das verhindert im Grunde die Neidkriminalität. Ganz anders verhält sich das in Südafrika. Dort ist es tatsächlich so, dass zuerst der Sicherheitszaun gebaut wird, bevor sich die Interessenten das Bauland anschauen.

Neuhaus: In China ist die Spanne zwischen der Mehrheit der Menschen und einigen wenigen, die extrem viel verdienen sicherlich größer geworden. Auf der anderen Seite gibt es in China aber auch nicht das nackte Elend. Es gibt zwar Armut, aber die ist nicht so existentiell, dass die Leute daran zu Grund gehen.

Zugleich sieht man auch in China, insbesondere im Süden, dass Bedrohungsgefühle sehr wohl da sind. Die Menschen fangen an, ihre Wohnungen abzuschließen. Aber "gated communities" so wie wir sie aus den USA oder eben aus Südafrika kennen, gibt es in China in der Masse nicht. Das hängt schon allein mit dem Platzmangel zusammen. Aber eine Besonderheit ist, dass die Mittelschicht bis hin zur gehobenen Oberschicht in Hochhäusern lebt. In komfortablen Wohnungen und mit einem Pförtner am Eingang. Man kann hier von vertikalen "gated communities" sprechen.


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