Deutschland in den 50er Jahren

27.12.2002 | Von:

Kultur im Wiederaufbau (Teil 2)

Bildung und Kultur in der DDR

Belletristik

Der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung folgend, wurde auch in der SED dem gesprochenen und geschriebenen Wort eine bevorzugte Stellung eingeräumt. Daher standen auch die Schriftsteller immer im besonderen Visier der Parteibürokratie. Ein effizientes Presse- und Verlagswesen, weit verzweigte Bibliothekseinrichtungen sowie ein gut funktionierender Buchhandel sollte dieser Wertschätzung Rechnung tragen.

Im kulturellen Bereich war die Zeitschriften-Szene gut überschaubar, sowohl wegen ihrer hohen Kontinuität wie ihrer geringen Anzahl. Neben dem "Sonntag" spielte vor allem "Sinn und Form" als "geheimes Journal der Nation" (Walter Jens), herausgegeben von der Akademie der Künste, seit 1949 unter der Chefredaktion des parteilosen Dichters Peter Huchel eine Rolle. Mit weltliterarischer Ausrichtung und gesamtdeutschen Autorinnen und Autoren war die Zeitschrift in Parteikreisen ebenso als "elitär" und "dekadent" verpönt wie sie bei vielen Intellektuellen und Schriftstellern als hochqualifizierte Literaturzeitschrift anerkannt war. Sie wurde kritisiert, weil sie zuwenig sozialistische Literatur veröffentliche und weil sie in den Debatten um Hanns Eislers Faust-Libretto oder um Ernst Barlachs Bildhauerkunst differenzierende Positionen gegenüber dem parteioffiziellen Dekadenz-Verdikt abgedruckt hatte. Von Kurt Hager, Mitglied des ZK der SED und ZK-Sekretär für Wissenschaft und Kultur, wegen "majestätischer Isoliertheit im Elfenbeinturm" angegriffen (Stasiprotokolle sprachen von seiner "ideologischen Zersetzungsarbeit"), wurde Huchel Ende 1962 gekündigt. Es dauerte noch bis 1971, bis man den völlig Isolierten ausreisen ließ.

Quellentext

Zensurfragen

In der so stark ideologisierten Gesellschaft der DDR gab es eine Reihe von Themen und Gegenständen, die innerhalb des Herrschaftsdiskurses entweder als Leerstellen oder nur in Andeutungen oder Umschreibungen vorkamen. […] Das war erstens die Sowjetunion, deren heroisches und positives Bild nicht durch gegenläufige Meldungen zu ihrer Vergangenheit und Gegenwart angetastet werden durfte. Zweitens wurde kein

negatives oder kritisches Bild von den kommunistischen Parteien und ihrem Führungsanspruch zugelassen. Drittens ging es um das sozialistische Wesen des Systems, das höchstens systemimmanent, aber nicht als Gesellschaftsform zu kritisieren war. […]

[…] Vor Erscheinen eines Jugendbuches mußte die schwierige Frage geklärt werden […], ob der Titel "Tito, die Geschichte einer Präriewölfin" erscheinen durfte. (Stalin hatte 1948 mit dem damaligen jugoslawischen Parteichef, Josip Broz Tito, gebrochen, weil dieser eigene ideologische Vorstellungen hatte und die Unabhängigkeit seines Staates einforderte - Anm. d. Red.)

Die Wölfin hatte sympathische Züge und triumphierte über alle Fallen und Giftbrocken ihrer Widersacher. Kurt Hager fürchtete, der Leser würde den Titel "allegorisch mit dem Banditen Tito in Verbindung bringen" und forderte einen Auslieferungsstop. […] Lektor Holz erklärte, den Titel nicht fahrlässig ausgesucht zu haben. Man könne ihn nicht ändern, die Erzählung Thompson-Setons gehöre zur Weltliteratur. Westbekannte hätten sogar gelobt: "Es ist erstaunlich, daß bei Euch ein Buch namens ‚Tito‘ erscheinen kann […] Eine andere Kollegin fand, daß "die Kinder durch die Gestalt der Präriewölfin Tito so ausgefüllt sind, daß in ihnen kein Raum mehr bleibt, um zu schädlichen Assoziationen zu kommen. Außerdem ist dadurch, daß Tito ein weibliches Tier ist, die Gefahr einer Gedankenverbindung stark abgemildert." Der Verleger selbst fand […], daß die Diskussion die entscheidende Frage offen gelassen hätte: "Selbst wenn Kinder beim Lesen des Heftes nicht sofort schädliche Gedankenverbindungen herstellen, so wirkt doch die positive Darstellung des Raubtieres im Unterbewußtsein und später verbindet sich dann aus der Erinnerung

heraus mit dem Namen Tito etwas Positives. Diese später auftretende oder möglicherweise auftretende Gedankenverbindung mit der Tito-Clique und ihrer faschistischen Politik mußte ein ausreichender Grund sein, das Buch nicht neu aufzulegen."

Simone Barck/Martina Langermann/Siegfried Lokatis, Jedes Buch ein Abenteuer, Berlin 1997, S. 18 und S.25 f.

Bei einer in den fünfziger Jahren stetig steigenden Buchproduktion kamen 5,6 Exemplare auf jeden Bürger, worauf sich die propagandistische Bezeichnung als "Buch-" bzw. "Leseland" gründete. Rund 80 Verlage, davon 22 für Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur sowie 40 Verlage für wissenschaftliche und Fachliteratur, stellten diese Bücher nach staatlichen Themenplänen und unter der Kontrolle eines wachsamen Parteiapparates und des Amtes für Literatur und Verlagswesen (seit 1958 als Abteilung Literatur und Buchwesen ins Ministerium für Kultur integriert) her. Zentrales Steuerungsinstrument war außer der Themenplanung die Papierkontingentierung, die das stets Mangelware bleibende und teure Papier nach politischen "Schwerpunkten" verteilte. In dem zwischen den Verlagen entbrannten Kampf um das Papier lief der zentrale Parteiverlag Dietz immer außer Konkurrenz.

Die Abteilung "Begutachtung" in der Hauptverwaltung (HV) war das Zentrum der Zensur, die es offiziell nicht gab und deren Tätigkeit in der DDR deshalb mit dem umständlichen Begriff "Druckgenehmigungsverfahren" eher vornehm und verschleiernd umschrieben wurde. Diesem sogenannten "Druckgenehmigungsverfahren", zu dem auch die Selbst-Zensur als individuelles Vorfeld sowie die Zensurinstanzen in den Verlagen selbst gehörten, war jede Art von Literatur unterworfen. Es bildete ein ständiges Ärgernis zwischen den Schriftstellern, anderen Buchautoren und den verschiedenen Zensurinstanzen. Da die Kriterien der Zensur grundsätzlich abhängig waren von der jeweiligen gerade als verbindlich geltenden Interpretation des Marxismus-Leninismus, den wechselnden kulturpolitischen Kampfkonzepten und Losungen sowie den sich ändernden politischen Ereignissen und internationalen Groß- oder innerstaatlichen Kleinwetterlagen, kam es immer wieder auch bei "Parteischriftstellern" und ganz "staatstreuen" Büchern zu Konflikten, textlichen Eingriffen und zum von den Parteiinstanzen verfügten Verbot bereits ausgedruckter Bücher. Über die Auflagenhöhen konnte die SED die Buchproduktion in ihrem Sinne und auch kanonbildend steuern. So dominierte in den fünfziger Jahren im belletristischen Bereich die antifaschistische Literatur, vor allem von kommunistischen Autoren wie Johannes R. Becher, Erich Weinert, Friedrich Wolf, Anna Seghers, Willi Bredel, die außer Einzelpublikationen jeweils Werkausgaben erhielten, aber auch von Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Heinrich und Thomas Mann. Es kamen aber auch Werke von in Deutschland verbliebenen Autoren wie Bernhard Kellermann, Hans Fallada, Gerhart Hauptmann heraus.

Während die deutsche klassische und nach DDR-Lesart "fortschrittliche" Literatur verschiedener Jahrhunderte und die Übersetzungsliteratur, die etwa jeden siebenten Titel ausmachte, in beachtlichen Auflagen erschienen, blieb die Literatur der Moderne des 20. Jahrhunderts (Franz Kafka, James Joyce, Marcel Proust, John Dos Passos und andere) umkämpft. Sie wurde lange mit Verdikten wie Formalismus, Dekadenz, Pessimismus, Skeptizismus abgelehnt und wurde - außer Kafka 1965 - erst seit den siebziger Jahren veröffentlicht.

Trotz der Orientierung auf "Aufbauromane" vom Typ "Menschen an unserer Seite" (Eduard Claudius, 1951), die den beruflichen DDR-Alltag thematisierten, blieb die literarische Gestaltung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit eine wesentliche Komponente der DDR-Literatur in den fünfziger Jahren. Zu einem, allerdings ungeplanten und unerwarteten, Bestseller wurde der autobiographisch angelegte Roman "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz. Er erreichte im Jahr seines Erscheinens 1958 bereits 60000 Exemplare, wobei das große öffentliche Interesse auch durch die feierliche Eröffnung der Mahn- und Gedenkstätten Buchenwald im September 1958 gefördert wurde, wo die Romanhandlung um die Rettung eines jüdischen Kindes spielt.

Für die Einlösung des Konzeptes "Leseland" war das Bibliothekswesen sehr wichtig. Mit einem "flächendeckenden System" von im Jahre 1960 rund 18000 staatlichen Allgemein- und Gewerkschaftsbibliotheken (mit einem Buchbestand von 18 Millionen und 50 Millionen Entleihungen), 33 wissenschaftlichen Bibliotheken (deren größte die Deutsche Staatsbibliothek und die Deutsche Bücherei Leipzig waren) gab es einen breiten und kostenfreien Zugang zur Literatur. Die niedrigen Buchpreise hatten auch ihren Anteil daran, daß sich ein "breites mittleres Lesepublikum" herausbildete.