Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Der Beginn der Bipolarität

Wachsende Kluft

Diese Kluft wurde schon zu Beginn der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit 1941 erkennbar, als die UdSSR sich unter Mißachtung der Grundsätze der Atlantik-Charta weigerte, die aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes besetzten Gebiete wieder aufzugeben. Präsident Roosevelt zog es daraufhin vor, die Klärung von Einzelfragen der Nachkriegsordnung bis zum Sieg über Deutschland zu verschieben (Politik der Verschiebung = policy of postponement), um angesichts der gewaltigen militärischen Aufgaben den Fortbestand der Anti-Hitler-Koalition nicht zu gefährden.

Die Zusammenarbeit der "Großen Allianz" war auch durch andere Probleme überschattet. Dazu gehörte vor allem die Befürchtung, daß einer der Alliierten aus dem Bündnis ausscheren und einen Separatfrieden mit Deutschland schließen könne. Tatsächlich kam es von Juni bis September 1943 in Stockholm und Lissabon zu Kontakten zwischen Deutschen und Russen, ohne daß die Gespräche jedoch zu einem konkreten Ergebnis geführt hätten. Noch vor der Konferenz von Teheran im Dezember 1943 wurden sie - offenbar auf Anweisung Hitlers - abgebrochen.

Errichtung einer zweiten Front

Zur ersten großen Belastungsprobe wurde die Frage der Errichtung einer Zweiten Front. Stalin hatte bereits 1941 eine westalliierte Angriffslinie für das folgende Jahr gefordert, um die russische Kriegführung zu entlasten, die sich dem Hauptansturm der deutschen Armeen gegenübersah. Als eine entsprechende Zusage Roosevelts von den militärisch noch ungenügend vorbereiteten Westmächten weder 1942 noch 1943 eingehalten werden konnte, verdächtigte Stalin seine Verbündeten, den Frontaufbau bewußt hinauszuzögern, um die Russen im Kampf gegen die Deutschen verbluten zu lassen.

Auch in der Frage der internationalen Nachkriegsordnung traten die Gegensätze zwischen Ost und West allmählich schärfer hervor, obwohl die "Politik der Verschiebung" von Entscheidungen einen offenen Konflikt zunächst verhinderte. Während Roosevelt - entsprechend den Prinzipien der Atlantik-Charta - seine Bündnispartner auf die Grundsätze von Demokratie und nationalem Selbstbestimmungsrecht festzulegen suchte und zur Verwirklichung einer ungeteilten Welt ohne Handelsschranken aufrief, ließ sich Stalin hauptsächlich von sowjetischen Sicherheitsvorstellungen leiten.

Bereits bei der Bildung der Anti-Hitler-Koalition hatte der sowjetische Diktator nicht nur die Anerkennung seiner Annexionen, sondern auch Reparationen zur Entschädigung der sowjetischen Kriegsverluste aus sicherheitspolitischen Gründen verlangt. Darüber hinaus forderte er die Einsetzung sowjetfreundlicher Regierungen in den Nachbarländern der UdSSR und damit "einen bestimmten Grad von Einmischung in deren innere Angelegenheiten" (Thomas Weingartner). Macht als Sicherheitsinteresse und Ideologie waren, so Karl-Heinz Ruffmann, "nicht alternative oder gar sich widersprechende, sondern komplementäre Aspekte der - dennoch (oder gerade deshalb!) keineswegs widerspruchsfreien - sowjetischen Politik". Anders ausgedrückt: Ein Gürtel von "Satellitenstaaten" in Ost- und Ostmitteleuropa sollte sowohl dem ausgeprägten sowjetischen Sicherheitsbedürfnis als auch dem Streben nach Ausdehnung des kommunistischen Herrschaftsbereiches gerecht werden.

Im übrigen lehnte Stalin keineswegs alle Vorstellungen des amerikanischen Präsidenten ab. So konnte er beispielsweise dessen Plan zur Gründung einer Organisation der Vereinten Nationen (United Nations Organisation = UNO) oder der Idee, vier "Weltpolizisten" - die USA, Großbritannien, die UdSSR und China - zu Garantiemächten des neuen Weltsystems zu ernennen, durchaus positive Seiten abgewinnen. Aber er war nicht bereit, sein grundlegendes Ziel der Machtbefestigung der UdSSR zugunsten der Angebote Roosevelts aufzugeben, auch wenn dessen Überlegungen von der Fortsetzung der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit nach dem Kriege ausgingen und damit praktisch eine Sicherheitsgarantie für die Sowjetunion bedeuteten.